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Wacław Długoborski – Edith Steins Eintritt in die Politik Breslau 1918–1919

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Wacław Długoborski

Edith Steins Eintritt in die Politik:
Breslau 1918–1919


„Es ist doch ganz sicher, dass wir an einem Wendepunkt in der Entwicklung des menschlichen Geisteslebens stehen, und man darf sich nicht beklagen, wenn die Krisis länger dauert, als es dem einzelnen nach seinem Ermessen bekömmlich ist“, schrieb Edith Stein ihrer Schwester am 6. Juli 1918. „Man spürt den Willen dazu ja auch in den politischen und sozialen Kämpfen, in denen ja die treibenden Motive ganz andere sind, als die abgestandenen Schlagworte, die die Leute dafür halten. Gutes und Böses, Erkenntnis und Irrtum, sind auf allen Seiten gemischt“, doch beendete sie den Brief optimistisch im „Glauben […] dass die Entwicklung […] letzten Endes eine gute ist“.2 Ob sie dabei an irgendwelche „Weltverbesserungspläne“ dachte – darunter allen voran der neue, bolschewistische, der auch in Deutschland immer populärer wurde – oder an die Lage an den Fronten, die den Mittelmächten damals noch hoffnungsvoll schien? Mitte Juni wird die letzte österreichische Offensive an der Piave beginnen, einen Monat später – die letzte deutsche an der Marne. Das waren schon nicht mehr die Zeiten, wo die Schwestern Stein – wie im Jahr 1914 – das Vorrücken der deutschen Truppen an diesen Fluss mit kleinen Fähnchen markierten und darauf warteten, wann „wir“ in Paris einmarschierten. Jene Begeisterung war längst verklungen. Die Gesellschaft war, ähnlich wie die Soldatenmassen, ermüdet und sehnte das Ende des Krieges herbei, obwohl sie sich bewusst war, dass dieses Ende für Deutschland nicht so triumphal sein würde, wie es noch am Anfang des Jahres, nach dem Russland und Rumänien aufgezwungenen Frieden, erscheinen mochte. Ähnliche Gedanken entwickelten Politiker wie Walter Rathenau, dessen Aufsehen erregenden Artikel Sicherungen3 Edith Erna zu lesen empfahl.

Dieser Jurist, Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph jüdischer Abstammung, Mitbegründer der Macht des AEG-Konzerns, als einer dessen Direktoren und Teilhaber für die Dauer des Krieges Bevollmächtigter der Regierung und des Heeres für kriegsökonomische Angelegenheiten und in dieser Eigenschaft Mitarbeiter Hindenburgs und Ludendorffs, gab damals – in Juli 1918 – beiden eindeutig zu verstehen, dass nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten das materielle Übergewicht der Alliierten so groß sei, dass Deutschland keine Aussicht auf eine siegreiche Beendigung habe.
Dieser subtile Intellektuelle und Kunstmäzen, der neben seiner vielen Arbeit noch Zeit für Theaterbesuche und das Schreiben von Theaterkritiken fand, war sich – wie vielleicht sonst niemand im damaligem Establishment – bewusst, dass Deutschland im Angesicht der hereinbrechenden Niederlage nicht nur der wirtschaftlichen, sondern auch der politischen Erneuerung bedurfte, der Überwindung der in solchen Situationen aufkommenden gesellschaftlichen Krisen, einer Abmilderung des bipolaren Parteisystems durch die Stärkung der links-demokratischen Strömung im deutschen Liberalismus auf Kosten der national-liberalen und auf diese Weise der Schaffung einer „dritten“ Kraft, die fähig wäre, der Sozialdemokratischen Partei ein einigermaßen gleichwertiger Partner zu sein.

In der Zeit vor dem Kriegsausbruch verloren beide Strömungen an Bedeutung. Während jede der beiden noch in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts bei den Reichstagswahlen jeweils beinahe 20% der Stimmen erhielt, bekamen sie in den Jahren 1907 und 1912 nur noch etwas über 10%, was insbesondere die links-demokratische Strömung betraf, die in zwei verschiedene Parteien gespalten war. Rathenau wollte diese Zustände ändern, besonders im Angesicht der Herausforderungen, vor welchen Staat und Gesellschaft in Folge der militärischen Niederlage standen, wie den Verlust der Kolonien und an Territorium im Osten und im Westen des Landes, drohende Reparation, teilweise Demilitarisierung, die einseitige Schuldzuweisung an den Staat für den Kriegsausbruch, und das Heer – wegen der Kriegsverbrechen. Zusammen mit dem vor dem Krieg auch in Arbeiterkreisen bekanntem Pastor Friedrich Naumann, der in seinem Buch Demokratie und Kaisertum4 die Idee – wie wir heute sagen würden – des „Sozialstaates“ postulierte, strebte er danach, alle liberalen Kräfte im Demokratischen Volksbund zu bündeln. Ihre Ziele stellten Rathenau und Naumann während einer Versammlung am 16. November in Berlin dar, bei der neben ihnen Ernst Troeltsch, Theologe und Autor der berühmten Ideen des Jahres 1914, die Edith Stein bei Kriegsanfang begeisterten, wie auch Adam Stegerwald, der Vorsitzende der Christlichen Gewerkschaften, sprachen.5

Ihre Initiative fiel mit einer ähnlichen Theodor Wollfs, des Chefredakteurs des liberalen „Berliner Tagesblatts“, zusammen, der am selben Tag den Gründungsaufruf der neuen liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) veröffentlichte, die von Menschen mit später so verschiedenen Schicksalen wie Otto Nuschke und Hjalmar Schacht mit unterschrieben wurde. Trotz vieler Versuche gelang es weder dem Volksbund noch der Deutschen Demokratischen Partei auf der Jagd nach großen Namen, Albert Einstein6 zu gewinnen; die „Demokraten“ dagegen schafften es, Max Weber zu überreden, der allerdings eineinhalb Jahre später verstarb. Nach gewissem Zögern trat ihnen auch Rathenau bei, und vor allem auch Naumann, der in Kürze zum Vorsitzenden designiert wurde (er verstarb noch vor Weber, bereits im Sommer 1919) und Abgeordnete der liberal-demokratischen Fraktion des im November 1919 aufgelösten Reichstags sowie einige Abgeordnete der national-liberalen Fraktion.7 Die Mehrheit jedoch, geleitet durch Gustav Stresemann, rekonstruierte ihre alte Formation, wodurch der deutsche Liberalismus weiterhin gespalten blieb und um die gleichen Wähler kämpfte, was die DDP in der Zukunft schmerzhaft zu fühlen bekommen sollte, u.a. in Niederschlesien und in Breslau, wo beide liberalen Parteien in etwa gleich viele Stimmen und Prozente erhalten werden: Stresemann – 137.600 (15,3%); Demokraten – 139.200 (15,5%).8

Die Gründungsversammlung der Demokratischen Partei in Breslau fand am 12. Dezember, drei Wochen nach dem Gründungsparteitag in Berlin statt, und in den Vorstand wurde u.a. Fräulein Dr. Stein gewählt.9 In die Partei traten auch ihre Mutter und ihre Schwester Erna ein sowie, nach seiner Rückkehr aus Russland, – wenn auch zögernd – deren Verlobter Hans Biberstein. „In Deutschland erwartete Hans, zwei große Parteien zu finden: eine republikanische und eine Kaiserpartei; […]. Er konnte es gar nicht fassen, dass niemand es wagte, sich zur Monarchie zu bekennen“. Er musste jedoch in die Fußstapfen seiner Verlobten und zukünftigen Schwiegermutter treten, „denn weiter rechts konnte er als Jude auf keine Sympathien rechnen“.10 Zweifel konnten auch Edith kommen, die während des Studiums einen denkwürdigen Wandel ihrer politischen Ansichten durchmachte.
„Zu Hause – erinnert sie sich – wurden nur liberale Zeitungen gelesen. Das war ein Gegengewicht gegen den offiziellen Hurra-Patriotismus [in der Schule]“.11 Und es fallen die berühmten, oft zitierten Sätze: „Mehr und mehr machte ich mich auch von den liberalen Ideen frei, in denen ich aufgewachsen war, und kam zu einer positiven, der konservativen nahe stehenden Staatsauffassung, wenn ich mich auch von der besonderen Prägung des preußischen Konservatismus immer fern hielt“. Sie empfand „tiefe Dankbarkeit gegen den Staat, der [auch den Juden] das akademische  Bürgerrecht und damit den freien Zugang zu den Geisteswissenschaften der Menschheit gewährte, [sowie] die kleinen Vergünstigungen [der] Studentenkarte“. Sie „sah [dies] als eine liebevolle Fürsorge an, die der Staat seinen bevorzugten Kindern angedeihen ließ, und [dies] erweckten in [ihr] den Wunsch, später durch [ihre] Berufsarbeit dem Volk und dem Staat [ihren] Dank abzustatten“;12 hier ist anzufügen – durch aufopferungsvollen Dienst, wenn sich dieser Staat im Krieg befindet. Edith und viele ihrer jüdischen Kommilitoninnen melden sich als Krankenschwestern, ja erklären sich sogar bereit, in der Rüstungsindustrie zu arbeiten, und jüdische Studenten und Akademiker treten freiwillig in die Armee ein, was der deutschen Gesellschaft als Krönung des Assimilierungsprozesses und Anfang des – nach Stephan Zweig – „goldenen Zeitalters der Sicherheit“ der Juden in Deutschland erschien.13 Zu Kriegsanfang wurde sogar denjenigen jungen Juden aus Russland und aus dem von Russland annektierten Teil Polens, die freiwillig in die Armee eintraten, in beschleunigtem Verfahren die deutsche Staatsangehörigkeit zuerkannt.14

Aber jenes „goldene Zeitalter“ hatte seine Schatten und Grenzen, und noch ehe das Blutopfer jüdischer Soldaten und Offiziere in Vergessenheit geriet, wurde es durch die anrüchige Dolchstoßlegende ersetzt, die Juden und Marxisten die Schuld an der deutschen Niederlage gab, worüber sich Hans Biberstein beklagt. Und dabei gehörte er zu jenen Juden, die, ähnlich wie seine Verlobte und Edith, von den Segnungen des „goldenen Zeitalters“ profitierten. Deutschland wurde vor einem übermäßigen Zustrom seitens der Juden  aus dem „Osten“ geschützt und zwar nicht nur durch die Vertreibungen Bismarcks aus den Achtzigerjahren, sondern auch durch die Schwierigkeiten, die man denjenigen machte, die sich ins Reich naturalisieren lassen wollten, selbst wenn sie alle geforderten Kriterien erfüllten; ja selbst – oder vielleicht gerade – dort, wo die Naturalisierung von Landsleuten, also von einheimischen (deutschen) Juden abhing, so wie in Breslau. Diese konnten in der Stadt dank des preußischen Dreiklassenwahlrechts mit regieren, welches ihren Vertretern die Möglichkeit gab, 30–40% der Wahlmänner zu ernennen, obwohl sie nur 6–7% der Bewohner stellten, und damit über 30% der Sitze im Stadtrat zu besetzen. Sie bildeten nämlich die reichste Bevölkerungsgruppe mit einem Durchschnittseinkommen von 5 200 Mark pro Kopf, während  die Protestanten nur 1 500 Mark erzielten und die Katholiken kaum über 1000.15 Bei den reicheren Juden ließ sich beobachten, dass sie sich bemühten, ihren Kindern eine Hochschulausbildung zu ermöglichen, also der Übergang vom Wirtschafts- zum Bildungsbürgertum, oder wie man vereinfachend mit polnischer Terminologie sagen könnte, der Übergang vom Bürgertum zur Intelligenz. Die Söhne wohlhabender Juden „kehrten – so betonte Hannah Arendt – den Berufen ihrer Väter den Rücken zu Gunsten freier Berufe oder rein intellektueller Betätigungen, was sie sich einige Generationen früher nicht erlauben konnten“ und dadurch „entstand“ in Deutschland und Österreich „in phantastischem Tempo eine jüdische Intelligenz“.16

Dies betraf auch die Familie Stein: als Witwe Augusta den von ihrem Ehemann geerbten Holzhandel auf die Beine gestellt hatte (auf welche Weise diese business woman zu solchem Erfolg kam, wollen wir im Rahmen eines Exkurses bei anderer Gelegenheit erörtern), konnte sie ihren zwei jüngsten Kindern – Erna und Edith – den Abschluss eines Elitegymnasiums (der Viktoria Schule) und die Aufnahme eines Hochschulstudiums ermöglichen. Übrigens stammten in den Achtzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts in diesem und in den drei übrigen als elitär geltenden Breslauer Gymnasien zwischen 35 und 45 Prozent der Schülerinnen und Schüler aus jüdischen Familien. Dieser Prozentsatz sinkt erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts.17 Inwiefern die Chance der jüdischen Jugend auf eine akademische Bildung durch den Wohlstand ihrer Eltern ermöglicht wurde, und inwiefern es vom Streben nach gesellschaftlichem Aufstieg und um sich antisemitischen Stereotypen zu widersetzen abhing und inwieweit schließlich von der im Mosaismus verwurzelten Tradition des „Intellektualismus“, lässt sich schwer eindeutig feststellen. Genauso, wie sich schwer feststellen lässt, welche dieser Faktoren im Fall Ediths eine Rolle spielten, abgesehen von einem weiteren – ihrem Ehrgeiz, in ihrer Umgebung, in der sie leben und agieren durfte, zu führen und zu glänzen. „Ich war an gar keinen Tadel mehr gewöhnt. Zu Hause wagte mir kaum noch jemand etwas zu sagen; meine Freundinnen hingen mit Liebe und Bewunderung an mir“,18 und in der Familientradition galt sie als jemand, der Fehlschläge schlecht vertragen konnte.19 Dies waren meines Erachtens Eigenschaften, die sie bei ihrer eigenen Bewertung ihrer politischen Tätigkeit beeinflussen. Die Demut kommt erst mit ihrer Konversion zum Katholizismus.

Edith begann in Breslau zu studieren, doch erst in Göttingen, dank Dozent Adolf Reinach (gefallen im November 1917 in Flandern) „leuchtet“ ihre unleugbare philosophische Begabung „auf“; auch machte sich die „Leichtigkeit des Verstehens und ihre ungewöhnliche Fähigkeit, sichin andere hinein zu versetzen“ bemerkbar, wie auch ihre „alte Liebe zur Geschichte“, die sie in Breslau beinahe als Hauptarbeitsgebiet ihres Studiums gewählt hätte. Damit „hing aufs engste zusammen eine leidenschaftliche Teilnahme an dem politischen Geschehen der Gegenwart als der werdenden Geschichte“.20 Erinnern wir uns an ihr Bekenntnis: war ihr Engagement in der DDP nicht eine Art Labor für gesellschaftspolitische Experimente, und somit eigentlich nicht besonders ernst gemeint? Sehr ernst dagegen nahm sie ihr Verhältnis zum preußischen Staat, dem alten, aus der Zeit der Friedriche und Bismarcks, und dem gegenwärtigen, demgegenüber sie sich für ergeben hielt. In Breslau besuchte sie u.a. eine Vorlesung zur deutschen Geschichte der Jahre 1763–1806 des jungen, „straffen und schneidigen“, wie ihn Edith beschrieb, 35-jährigen Professors Johannes Ziekursch (1876–1945), der gegenüber Friedrich dem Großen, dem Haupthelden jener Zeit, kritisch eingestellt war, „[eines nationalliberalen Politikers, der] den freudigen Stolz auf das neue Reich [hatte], in dem wir alle erzogen waren, aber es war keine blinde Vergötterung  des Herrscherhauses und keine Einengung durch den preußischen Gesichtswinkel“,21 eines Historikers, der die so genannte friderizianischeLegende der preußischen Historiographie, insbesondere in ihren wunden Punkten – der Politik dieses Herrschers gegenüber dem schlesischen Bürgertum und den schlesischen Bauern – in Arbeiten widerlegte, welche bis heute nichts an ihrer wissenschaftlichen Bedeutung eingebüßt haben.22

Ob man auch Edith zu dieser Formation, die stolz auf das gegenwärtige Preußen, aber kritisch auf dessen Vergangenheit blickte, zählen kann, die, was ihr besondere Genugtuung bereiten musste, zusammen mit Zierkursch, ihrem ehemaligem Professor, im bereits erwähntem 50-köpfigen Präsidium der DDP in Breslau saß?23 Änderte sie damals, d.h. Ende 1918, ihren Standpunkt Preußen und dem preußischen Staat gegenüber? Säte den Zweifel bereits in Göttingen ein anderer hervorragender Historiker, der anglophile und antipreußisch gesinnte Max Lehmann, bei dem Edith mit einem Referat über die Programme der deutschen Parteien im Parlament 1849 glänzte, das Lehmann als Diplomarbeit anzunehmen bereit gewesen war? Lehmann war vom Nimbus umgeben, ein Schüler Rankes zu sein, dessen Andenken und Werk Edith bewunderte; „sie war stolz, durch ihn [Lehmann] eine Enkelschülerin von Ranke zu werden“. Seine antipreußische Haltung erweckte jedoch Ediths Widerspruch. „Da mich Einseitigkeiten immer dazu anregten, der Gegenseite gerecht zu werden, wurde ich mir hier […] der Vorzüge des preußischen Wesens bewusst und wurde in meinem Preußentum bestärkt“.24

Bedeutete dies, dass Edith ihre national-liberale Einstellung aufgab und konservativ wurde? Davon gehe ich aus. Ihr Verhältnis zum preußisch-deutschen Staat während der Kriegsjahre scheint dies zu belegen: das Lob der Idee Mitteleuropas (natürlich in deren wirtschaftlich-integrativer Bedeutung Bethmanns, Hollwegs und Rathenaus, dessen Artikel zu diesem Thema sie offenbar gelesen hatte, und nicht in der annexionistisch-expansiven Heinrich Claß’s und des „Alldeutschen Verbandes“ mit Betonung auf eine künftige Entwicklung der deutschen Besiedlung im Osten25) und das diese enthaltende Manifest vom 5. November 1916, das Edith als wesentlichen Schritt zur Lösung der Polenfrage und Hoffnung auf Nachkriegsreformen, dank dessen „mein liebes Preußen deutscher und damit zugleich auch mitteleuropäischer sein [wird]“,26 begrüßte, die Begeisterung für den Preußischen Staat und dessen „selbstbewusstes Volk, das seine Funktionen diszipliniert“, vor allem aber ihr Vertrauen in die deutsche Regierung, „Männer […], die […] ganz still und demütig zu erlauschen suchen, wohin der Lauf des Weltgeschehens gehen will“, verbunden mit einer antiamerikanischen Philipika auf die Note Wilsons vom Dezember 1916.27 Ihre Abneigung gegen die amerikanische Demokratie erstreckt sich auf andere westliche Demokratien, vielleicht mit Ausnahme der englischen, was sich in ihrem Nachkriegsbeitrag über den Staat (1922)28 bemerkbar macht, in dem sie an Beispiele eines autoritäres Staates anknüpft, in dem die Funktion der Untertanen – nicht Bürger – einzig in der Anerkennung der Regierung und dem Befolgen ihrer Befehle besteht, die Funktion der Regierung hingegen „als dem zentralen Organ, in dem sich der staatsbildende Wille konzentriert“, darin, „die Handlungen des Ganzen29 zu leiten, diesen Handlungen Impulse zu geben und eventuell Ausführungsbestimmungen zu erlassen.30

Ob der Zusammenbruch der preußisch-deutschen Staatlichkeit im November 1918 ausschlaggebend dafür war, dass das Vertrauen in Frage gestellt wurde, welches Edith in diese Staatlichkeit setzte, „[sie] davon überzeugt[e], dass [das alte System] überlebt war“,31 sie dazu brachte, ihre politische Haltung grundlegend zu ändern und sich einer Partei anzuschließen, die eine ihrer Mentalität fremde liberal-demokratische Strömung repräsentierte? Ausdruck, wie Hanna Barbara Gerl-Falkovitz meint, ihrer „Hilflosigkeit angesichts des Weltkriegs und der Niederlage Deutschlands“? War sie „vor allem von den Zielen bewegt, die Frauen zur Wahlurne zu bringen und für die Abstimmung in Oberschlesien zu kämpfen“?32 Das letzte Argument müsste man präzisieren: im Dezember 1918 fürchtete man tatsächlich (auch in der Familie Stein) den Verlust Oberschlesiens; nach dem Vorbild anderer Parteien organisierte die DDP in dieser Angelegenheit Versammlungen und mobilisierte die Jugend zum Kampf,33 die Entscheidung über die Volksabstimmung fällt jedoch erst im Juni 1919 in Versailles. Viel wurde hingegen über das Frauenwahlrecht gesprochen, das Lieblingsthema der Gespräche und der Betätigung Ediths bereits während ihres Studiums in Breslau,34 welches jedoch in Göttingen und Freiburg in Vergessenheit geriet – vielleicht deshalb, weil sich ihr eine wissenschaftliche Karriere an der Seite Husserls zu eröffnen schien? Das Verhältnis zum Meister, der „aus Prinzip“ gegen die Habilitation von Frauen35 war, wie sie Ingarden schon Anfang 1917 schrieb, entwickelte sich nicht besonders gut, zwei Jahre darauf „lehnt er es a limine ab, diese durchzusetzen“.36 Fährt sie im Herbst 1918 nur deshalb nach Breslau – und das Hals über Kopf –, weil sie – wie sie im Brief an Ingarden andeutete – den Ausbruch der Revolution fürchtete? Oder auch „zur Beruhigung [ihrer] Mutter“, die ihre Tochter „in so unruhigen Zeiten sehr ungern in so weiter Ferne gewusst [hätte]“.37 Oder hatte sie vielleicht die drückende Atmosphäre im Hause Husserl satt, wo sie mal als wissenschaftliche Sekretärin des Meisters behandelt wurde, mal als Krankenschwester, mal als Dienstmagd? Am zwölften November ist sie schon nach Schlesien unterwegs, zwei Wochen später tritt sie in die DDP ein.38 Schien es dieser intellektuell aktiven, aber emotional überempfindlichen Frau nach der persönlichen Enttäuschung, oder vielmehr der enttäuschten Liebe, seitens Ingarden (vgl. den einzigen ihrer erhaltenen Briefe mit der Anrede Liebling39) und der schon erwähnten wissenschaftlichen seitens Husserl40 nicht als der beste Ausweg aus ihrer Situation, sich in den Wirbel der Politik zu stürzen?

Vielleicht sah sie ja auch in der DDP, ähnlich wie ihr zukünftiger Schwager, einen Schutz vor den auch in Deutschland auftretenden Erscheinungsformen des Antisemitismus? Diese Partei wollte sicherlich keine antisemitische sein – mit Persönlichkeiten wie Wolff, Rathenau und dem ehemaligen Bankier Bismarcks Bleichröder, mit 8 beziehungsweise 10 Juden im fünfzigköpfigen Präsidium in Breslau, einer Proportion, die ihrer Rolle im Leben der Stadt eher entsprach als die Überrepräsentanz im Stadtrat (siehe oben). Edith, die sich im Kampf für das Wahlrecht der Frauen und deren Beteiligung am politischen Leben engagierte, musste die Anwesenheit von 6 Frauen im Präsidium freuen, darunter die wegen ihres sozialen Engagements bekannte Paula Ollendorff (1860–1938), stellvertretende Vorsitzende der Breslauer Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes und zugleich die erste Frau, die in Breslau in den Stadtrat gewählt wurde, Gemahlin des 1911 verstorbenen Juristen Isidor Ollendorff, des Vorsitzenden der liberalen Fraktion dieses Rates, eines Kämpfers für die volle Gleichberechtigung der Juden – Lehrer und Schüler – im Schulwesen.41 Auch musste sie sich über den eindeutigen Standpunkt der Partei in Sachen Frauenwahlrecht freuen, wozu sie ja u.a. selbst in ihrem Wahlkampf beigetragen hatte, weniger allerdings über die Ergebnisse der Wahl zur Nationalversammlung vom 19. Januar 1919 selbst, bei der die Partei in Niederschlesien unter dem Landesmittel abschnitt (15,5% und 18,6%) und in Breslau wohl noch schlechter.42 Außerhalb Breslaus konnten antisemitische Erscheinungen in der Partei selbst, wie die Ablehnung der Kandidatur Rathenaus zum Abgeordneten der DDP im Regierungsbezirk Liegnitz43 beunruhigen, oder die Ablehnung des Vorschlags, einen Vertreter des Centralvereins Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens44 in den Parteivorstand zu berufen, um den Antisemitismus entschiedener zu bekämpfen, dessen Mitglieder wir in verschiedenen regionalen Präsidien und anderen Gremien der DDP finden, und dies nicht nur in Schlesien.

Einzelheiten über die Tätigkeit der Partei in dieser Provinz, wie auch Edith Steins, finden wir in keiner ihrer Biographien. Gerl-Falkowitz erinnert nur daran, dass Edith in diese Tätigkeit „zeitweise viel Arbeit investierte“.45 Andreas Uwe Müller und Maria Amata Neyer widmen ihr eine Seite,46 beschränken sich aber auf Ediths eigenen Bericht in den Briefen an Ingarden und die Reproduktion eines Wahlaufrufs der Demokraten an die Frauen, der jedoch nicht aus Schlesien stammt und wohl nicht aus der Feder Edith Steins. Die deutsche Herausgeberin der Briefe wiederum, die schon erwähnte Maria A. Neyer, suggeriert, dass sich Edith Stein nach den Januarwahlen zur Nationalversammlung aus der aktiven politischen Tätigkeit zurückgezogen habe. Dieses Versprechen hielt sie aber nicht und im Brief an Ingarden vom 16. September 1919 stellt sie unmissverständlich fest, dass sie „[die politische] Betätigung […] mehrere Monate ganz verschlungen hatte“.47 Wenn sie diese Ende November 1918 aufgenommen hatte (Brief an Ingarden vom 30. XI, Wahl ins Präsidium der DDP in Breslau am 12. XII) und diese, wie wir aus der Auswertung der Breslauer Lokalpresse48 wissen, mindestens bis Mai oder Juli 1919 andauerte, scheint die Behauptung Ediths, „[die politische] Betätigung [hätte sie] mehrere Monate ganz verschlungen“ der Wahrheit zu entsprechen. Warum hat sie diese Betätigung jedoch nicht unterbrochen, obwohl sie von dieser „angeekelt“ wurde und ihr „das übliche (psychische?) Handwerkszeug dazu völlig [fehlte]: ein robustes Gewissen und ein dickes Fell“? Bestand diese Tätigkeit nur in der Beteiligung an „großen Versammlungen“ und „Vortragsreise[n] in die Provinz“?49 Oder war es nur das Schmollen des Fräulein Doktor, der sich – was sie nicht gewohnt war – nicht alles so fügte, wie sie es sich vorstellte? Während des Studiums in Breslau engagierte sie sich ja doch in der Sozialarbeit; Müller und Neyer zählen mindestens fünf verschiedenartige Vereine und Organisationen auf, an deren Arbeit sie aktiv teilnahm,50 wobei für Edith diejenigen am Wichtigsten zu sein schienen, die im Einflussbereich eines ihrer Professoren, des Psychologen William Stern, standen, nämlich die Breslauer „Pädagogische Hochschulgruppe“ und der „Bund für Schulreform“51 sowie der „Preußische Bund für das Frauenwahlrecht“, eine für sie so wichtige Angelegenheit, dass sie nicht zögerte, hier mit den Sozialistinnen zusammenzuarbeiten, für die sie nie – weder vorher, noch später – etwas übrig hatte.52 In der Partei erhoffte sie sich die Möglichkeit, unter Jugendlichen und Frauen zu wirken – in Milieus, die sie schon vor dem Krieg interessiert hatten. In welchem Maße wurden diese Erwartungen erfüllt?

Ingarden schreibt sie von ihrem politischen Engagement – dem Eintritt in die DDP und der Möglichkeit in den Vorstand gewählt zu werden – erstmals am 30. November, 10 Tage später – mit unverhohlenem Enthusiasmus – von einer „Versammlung der demokratischen Jugend, die wir innerhalb unserer Partei zusammenfassen wollen“, wie auch von deren Parteisekretär, Ediths „Hauptverbündetem“, einem „jungen Professor[en], der […] Energie und Temperament genug [besitzt], um die Menge mit sich fortzureißen“.53 Da die Akten der Breslauer DDP verloren gegangen sind, sind wir bei der Analyse deren Aktivität auf mehr oder weniger lakonische Pressemitteilungen angewiesen. Weder der Name ihres Sekretärs lässt sich feststellen, noch ist bekannt, ob die für den Abend des 10. Dezember angekündigte Versammlung der „Jugendorganisation“ zustande kam. Nachweislich konstituierte diese sich zwei Monate später unter Beteiligung von Edith im sechzehnköpfigen Vorstand,54 was sie, wenn wir uns an ihre Erwartungen vom Dezember erinnern, nicht als ihren eigenen Erfolg betrachten konnte.

Ein Erfolg hingegen war, dass ihr gemeinsam mit dem Lehrer Bultmann und dem Pastor Gottschick die Leitung einer Arbeitsgruppe für Jugendbildung übertragen wurde, die sich mit der Problematik der Religionswissenschaft und der Philosophie beschäftigte. Es wurden fünf derartige Gruppen gebildet, die übrigen betrafen Außenpolitik, Volksbildung, Wirtschaftsund Gesellschaftspolitik sowie „Staatsbürgerkunde“; mit ihnen korrelierten zwei Rednerschulen zur Vermittlung der Fähigkeit, Reden zu halten und zu diskutieren. Man begann das Bildungsprogramm der demokratischen Jugendbewegung im Mai mit wöchentlichen Versammlungen. Es ist weder bekannt, in welchem Maße Edith sich dabei engagierte, noch wie die einzelnen Gruppen funktionierten, von denen – wie man vermuten darf – die der Außenpolitik gewidmete Gruppe das größte Interesse weckte, denn für die Ursachen des deutschen Zusammenbruchs interessierte sich – wie die ganze deutsche Gesellschaft – die ganze DDP.55

Die Verbindung von Philosophie und Religion charakterisierte Ediths neue Interessen und Überzeugungen. Sie drückte diese auch bei ihren Wahlkampfauftritten aus, bei denen sie die Rolle der „Religion als Fundament der neuen Staatlichkeit“56 unterstrich. An ähnliche knüpft sie auch zwei Jahre später in ihrer Abhandlung über den Staat, im abschließenden Absatz Staat und Religion an, in dem wir u.a. lesen: „Jeder Mensch untersteht zunächst und vor allem dem höchsten Herrscher, und daran kann kein irdisches Herrschaftsverhältnis etwas ändern“, und gemäß dem Prinzip „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist“, interpretiert sie den „Staat und [den] Gehorsam gegen ihn als von Gott gewollt oder mindestens von Gott zugelassen“.57 Hierbei ist das Verhältnis der DDP zur Kirche zu untersuchen, jener Partei, die bestrebt war, sich von den Traditionen der liberalen Demokraten vor dem Jahr 1914 zu verabschieden, welche Religion und Kirche gegenüber distanziert, wenn nicht feindlich eingestellt waren, was der neuen Partei auf den Wahlkampfveranstaltungen, wie z.B. am 6. Januar in Breslau, vorgehalten wurde. Man warf der DDP Unredlichkeit, mangelnde Parteinahme für die Kirche seit Beginn ihres Bestehens vor. Die Referentin der Partei war seinerzeit Edith Stein, die u.a. völlige Toleranz „für die Ausübung religiöser Praktiken“ deklarierte und die Abhängigkeit der Kirche vom Staat kritisierte, aus der man diese befreien sollte.58

Die Partei sprach sich auch für den schulischen Religionsunterricht aus, was vor 1914 noch ein Zankapfel zwischen den einzelnen Richtungen des deutschen Liberalismus war. „Die Jugend des Religionsunterrichts zu Gunsten einer farblosen Morallehre zu berauben, – so können wir in einem der Wahlkampfaufrufe der DDP in Breslau lesen – bedeutete, der Seele und dem Geist des Kindes Gewalt anzutun. Daher verlangt die Deutsche Demokratische Partei, den schulischen Religionsunterricht beizubehalten“, jedoch ohne die bisherige Aufsicht der geistlichen Gewalt über diesen Unterricht. „Mit der überwiegenden Mehrheit des deutschen Volkes“ sprach sich die Partei für die „Belebung und Vertiefung“ der religiösen Gefühle  aus, vom Staate verlangte sie indes nicht nur die rechtliche Anerkennung der religiösen Gemeinschaften, sondern auch, dass einige von diesen finanziell unterstützt würden. Unter Berücksichtigung Ediths Orientierung in diesen Dingen, die sie zum Beispiel am 6. Januar äußerte, ihrer Leitung der religiös-philosophischen Sektion der DDP-Jugend, der Vielseitigkeit ihrer Studien, vor allem aber ihres intellektuellen Potenzials, fällt es schwer, in Edith nicht die Autorin bzw. Mitautorin des Aufrufs Staat, Kirche, Schule zu sehen, und dies mit einer erheblich größeren Wahrscheinlichkeit als beim ihr von Müller und Neyer zugeschriebenen Aufruf Demokratie und Frauen.59
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