Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

Varghese Maliakkal – Selbsttranszendenz durch Beziehung bei Edith Stein

Varghese Maliakkal

Selbsttranszendenz durch Beziehung
bei Edith Stein

1. Einführung

Der Ausdruck „Selbsttranszendenz“ ist einer der Grundbegriffe der Philosophischen Anthropologie geworden. Er zeigt die Kapazität des menschlichen Seins, welche beständig über sich selbst hinausgeht in all seinem Denken, Wollen und all seinem Erkennen. Einige Denker, hauptsächlich Existenzialisten, gaben dem Konzept der Selbsttranszendenz eine entscheidende Bedeutung. Sie sahen in der Transzendenz das tatsächliche Wesen des Menschlichen Seins: Ein Wesen, das effektiv darin besteht, außerhalb von sich selbst zu sein; Existenz, die beständig betrachtet, nicht was sie schon ist, nicht die Vergangenheit und die Gegenwart, sondern die zukünftigen Möglichkeiten. Das Sein, in dem ich in meiner Begrenztheit eingewoben bin, überschreitet mich beständig. Es trägt mich beständig über mich selbst hinaus mit derselben Kontinuität, mit der ich über mich selbst entscheide.1
In diesem Zusammenhang möchte ich das Konzept der Selbsttranszendenz bei Edith Stein auf dem Hintergrund der Ontologie des Noch-Nicht-Seins vorstellen. Die Ontologie des Noch-Nicht-Seins beschreibt Menschliches Sein als ein „Projekt der Existenz“. Das bedeutet, dass der Mensch in der Lage ist, seine ontologischen Möglichkeiten zu realisieren, und seine Vision des Seins durch seine Aktivitäten, die zur Selbstverwirklichung hingelenkt sind, auszutragen. Diese Art der Vision setzt eine Ontologie des Menschlichen Seins voraus als etwas Offenes und im Prozess des beständigen Werdens Befindliches. Wir sprechen von „Selbsttranszendenz“ in der Anthropologie von Edith Stein, denn sie beschreibt das Sein der menschlichen Person als eine dynamische Wirklichkeit. Dynamik ist nicht nur das Gegenteil des „Stagnierens“ sondern setzt auch neue Arten des Seins voraus, die erreicht werden können. Nach Edith Stein ist „unser eigenes Sein im beständigen Werden und Vergehen begriffen, und als solches immer nur auf dem Weg zum wahren Sein“2. An anderer Stelle schreibt sie im selben Text:
„Das Selbst erkennt in sich selbst [verschiedene] Grade beim Erreichen der Fülle des Seins. [...] Indem man sich selbst zu den höchstmöglichen Graden, die man erreichen kann, erhebt, bis zu den äußersten Grenzen der denkbaren Möglichkeit, kann das Selbst eine Ahnung von einem Sein bekommen, das all-umarmend und einzigartig in seiner Intensität ist. Daher ist es klar, dass die sich fortsetzende Aktualität des Selbst Grade mit steigendem Charakter offenbart. Umgekehrt gibt dies die Möglichkeit, von einem niederen zu einem höheren Grade fortzuschreiten.“3
Doch bevor wir die Frage der Selbsttranszendenz betrachten, müssen wir ihre Ontologie und die Frage der Bildung diskutieren. Denn diese zwei Punkte machen die Selbsttranszendenz möglich.

2. Die Ontologie von Edith Stein

Damit wir Edith Steins sehr speziellen Gedanken vom Menschen als Projekt, dass auf seine volle Verwirklichung ausgerichtet ist, verstehen können, müssen wir zuerst auf ihre Ontologie schauen. Nach ihr „entspringt das Leben nur von einer verborgenen ursprünglichen Quelle“4. Diese verborgene ursprüngliche Quelle wird mit dem ersten Seienden identifiziert.5 Der Name dieses ersten ursprünglichen Seienden ist „ICH BIN DER ICH BIN“, d.h. ein Seiendes als Person. Es handelt sich um den, der alles, was existiert, geschaffen hat, besonders den Menschen nach seinem eigenen Bild.6 In der Schöpfung des Menschen nach dem Bilde Gottes tritt eine Beziehung von Archetyp und Abbild zutage.7 Gott, der Archetyp, ist eine Person, ausgestattet mit Vernunft und freiem Willen. Als Abbild Gottes wird dieselbe Wirklichkeit in den Menschen widergespiegelt. Darum hat Edith Stein die menschliche Person als “bewusstes und freies Ich“8 definiert. Das erklärt die ganze Bewegung des Werdens. Nach Edith Stein gebiert jedes lebende Sein in sich selbst seine wesentliche Bestimmtheit als lebende Gestalt, die dazu strebt, sich selbst im Leben des Individuums zu entfalten, ein Leben, welches die spezifische Art seines Seins darstellt.9
Wenn der Grundgedanke „die Entfaltung des individuellen Seins“ gegründet auf seine spezifische Art des Seins bewiesen ist, wenn man über das Werden des Menschen spricht, dann müssen wir die spezielle Natur des Menschen verstehen. Es ist die Zeitlichkeit, welche die spezifische Art des menschlichen Seins zeigt. Es gibt keinen Übergang vom aktuellen Sein zum möglichen Sein ohne Zeitlichkeit. Dies ist so, weil Werden ein Übergang vom Jetzt des aktuellen Seins ist, welches in der Wende vom „nicht-länger“ der Vergangenheit zum „noch-nicht“ der Zukunft besteht. Dies ist eine Entwicklung vom aktuellen Sein zum möglichen Sein. Um diesen Wechsel zu verstehen, sollten wir den Menschen aus einer anthropologischen Perspektive betrachten, die komplett verschieden ist von einer anthropografischen, welche eine bloße Beschreibung des menschlichen Seins darstellt, so wie er ist oder eine Zoo-Anthropologie, bei welcher der Mensch nur wie jedes andere Tier von einem natürlichen Gesichtspunkt aus betrachtet wird. In der Anthropologie betrachten wir den Menschen als geistliche Person.10
Edith Stein sagt bezüglich der Natur des menschlichen Seins, dass „... es ein geistliches Sein ist, welches sich selbst und andere wissentlich und bewusst wahrnimmt und das frei handeln kann, um sich selbst und andere zu entwickeln. All dies gehört zur menschlichen Spezies, und was auch immer keinen Hinweis auf diese Struktur des Seins hat, kann nicht ein menschliches Sein genannt werden.“11

3. Die Bildung

Da das menschliche Sein die Kapazität des Werdens besitzt, neue Möglichkeiten zu realisieren, ist die Bildung ein fortdauernder, lebenslanger Prozess. Wir dürfen jedoch das Konzept der Bildung bei Edith Stein nicht auf seinen theoretischen Aspekt begrenzen. Sie hatte eine besondere Sichtweise bezüglich der Bildung von menschlichen Individuen. Bildung ist bedeutsam für den Erwerb neuer Gewohnheiten und Werte. Edith Stein näherte sich dem Problem der Erziehung und Bildung, indem sie eine Zivilisation der Liebe und des Glaubens vorhersah.12 Die Berührung mit dem wahren Glauben an Jesus Christus kann eine neue Orientierung für menschliches Leben fördern, eine tiefe persönliche Hingabe, die es ermöglichen würde, eine „Kultur des Glaubens“ zu schaffen. Nach Edith Stein ist jedes menschliche Sein dazu berufen, ein „authentischer“ Christ zu sein.13 Alle sind dazu berufen, in das Bild Christi gewandelt zu werden, denn Gott hat sich in Jesus Christus vollkommen offenbart.14 In der Erziehung sollten alle dazu angehalten werden, mit der Gnade zu kooperieren und das Bild Gottes in jedem in seiner Fülle hervorzubringen. Warum Edith Stein all dies sagt, wird klar, wenn wir bedenken, wie eine Einzelperson die Welt betrachtet, sie versteht und ihr antwortet. Nach ihr „sollte jede Einzelperson, die ein geistliches Leben lebt, eine Sicht von der Welt haben, aber viele sind sich ihrer nicht bewusst und nur einige sind ernsthaft in sie einbezogen“15. Alles, was wahrhaft in der Tiefe der Seele aufgenommen ist, erzieht und bildet die ganze Person.16 Darum kann jeder Kontakt mit Menschen, ihrem Beispiel und ihrem Verhalten starke Auswirkung auf die Bildung haben. Nach Edith Stein „wird durch unsere Kontakte mit fremden Mitgliedern der menschlichen Rasse unser eigenes Sein bereichert und vervollkommnet“17.
Indem diese herausragende Einsicht Edith Steins dargestellt wird, ist es nun unser Betätigungsfeld, zu argumentieren, dass sie durch die Idee der Selbsttranszendenz eine umfassende, reichhaltige und ganzheitliche Idee des menschlichen Seins gibt, die in zwei Hauptaspekten dargestellt werden kann: Vermenschlichung des menschlichen Seins und Vergöttlichung des menschlichen Seins. Denn ein Studium der Philosophischen Anthropologie von Edith Stein gibt uns die Überzeugung, dass sie in der Lage war, das menschliche Sein von natürlichen und übernatürlichen Gesichtspunkten aus zu beurteilen, indem sie seine Natur und seinen Wert sicherstellte. So beteuert sie seine Würde, Einzigartigkeit und seinen Wert indem sie ihn als körperliches Sein in die kosmische Gesamtheit integriert und indem sie ihn ausweitet bis in den Bereich der geistlichen Seienden dank seiner geistliche Natur. Als endliches Sein ist er berufen zur Ewigkeit. In aller Kürze: Das menschliche Sein, ins Auge gefasst von Edith Stein, ist ein Sein in Beziehungen: in Beziehung zu sich selbst, zu anderen, zur umgebenden Welt und schließlich zu Gott.

4. Vermenschlichung des menschlichen Seins: Intersubjektivität

Dies ist ein kontinuierlicher Prozess der Selbsttranszendenz erreicht durch verschiedene Formen von Beziehungen. Die Grundidee der Vermenschlichung des menschlichen Seins liegt in der Verbesserung einer Person in ihren Werten und ihre Einstellung in verschiedenen Formen von Beziehungen. Edith Stein erklärt diese Arten der Beziehungen als einen Prozess der Läuterung. Diese Arten der Beziehungen sind: die Beziehung zu sich selbst, wie Selbsterkenntnis; zwischenmenschliche Beziehungen, die sich entfalten zwischen zwei Personen in einer Ich-Du-Beziehung und ein Netz von Beziehungen, das in zahlreichen Gruppen, Kommunitäten und Staaten besteht. Diese Arten der Beziehungen helfen dem Individuum im Prozess des Werdens. Nach Edith Stein können wir von verschiedenen Ebenen der Seele und verschiedenen Arten der Tiefe der Lebenserfahrung sprechen. Daher können wir von verschiedenen Ebenen der Intensität der Selbsterkenntnis sprechen. Die Klarheit und Düsterkeit hängen von der Ebene ab, auf der die Seele sich selbst findet.18
Die Bedeutung der Selbsterkenntnis liegt in der Tatsache begründet, dass das Selbst identifiziert und gebildet werden kann. Sich selbst zu kennen hat sowohl theoretische als auch praktische Konsequenzen. Denn Edith Stein sah menschliches Sein als eine immense Möglichkeit, die verwirklicht werden kann mit angemessener Sorge und Bildung. So meint Selbsterkenntnis das Wahrnehmen der Möglichkeiten. Die Natur und der Prozess des Werdens hängen von der Selbsterkenntnis ab.
Relationale und dialogische Aspekte des menschlichen Seins bilden eines der Hauptthemen der heutigen Philosophie. Auch Edith Stein betrachtete dieses bedeutende philosophische Problem ausgiebig. Ihre erste eigene philosophische Untersuchung war die Analyse der Empathie, ein mächtiges Mittel, um andere Personen zu verstehen. Nachdem sie festgestellt hatte, dass ein menschliches Subjekt in der Lage ist, ein anderes menschliches Subjekt durch Empathie zu verstehen und zu begreifen, vollzieht sie die feinsinnige Analyse der Natur und der Charakteristiken der verschiedenen Arten der zwischenmenschlichen Beziehungen. So haben wir in ihren Schriften die Untersuchung der Empathie als ein Mittel, die Anderen, die Menge, die Gesellschaft, die Menschen, die Gemeinschaft und den Staat als Ganzes kennen zu lernen. Nun wollen wir versuchen zu verstehen, wie Edith Stein diese menschlichen Möglichkeiten als den Ausdruck des menschlichen Geistes begriff und wie diese beitragen zur Entwicklung und Realisierung der menschlichen Subjekte. Unser Ziel, diese Untersuchung durchzuführen, ist nicht nur darauf begrenzt, zu zeigen, wie zwischenmenschliche Beziehung möglich ist, sondern vielmehr konzentrieren wir uns darauf, zu zeigen, wie die Offenheit für andere einem Individuum hilft, sich selbst auf eine höhere Ebene der Existenz zu transzendieren.
Die Beziehung zwischen der Gemeinschaft und dem Individuum wird deutlich durch den bloßen Fakt, dass Gemeinschaft die natürliche und organische Beziehung der Individuen darstellt. Ohne die gegenseitige Beziehung der Individuen ist keine Gemeinschaft möglich.19 Beziehung, welche das zugrundeliegende Prinzip der Gemeinschaft darstellt ist positiv und konstruktiv nicht nur für die Gemeinschaft, sondern ist es ebenso für die Einzelindividuen. Edit Stein beschreibt in ihrem Bemühen, wie die Offenheit des Einzelnen der Gemeinschaft gegenüber eine Möglichkeit für Ihn wird, hinauszuwachsen über die engstirnige Welt der egozentrischen Existenz hin zur Welt der großen Ideale und Werte mit Unterstützung und Ermutigung der anderen. Daraus ergibt sich eine Steigerung der Personalität.
In der Analyse des Staates wird die Notwendigkeit der Solidarität und der gegenseitigen Beziehung, in der Bildung, in der Integrität und im Leben des Staates hervorgehoben, indem sich auf das Aristotelische Konzept der „Philia“ besonnen wird. „Philia“ wird dabei verstanden als ein Beziehungsmodus des Verhaltens, worin eine genuine und universale Verpflichtung besteht, die Personen erlaubt, in einer angemessenen und gut geordneten Art und Weise zusammen zu wohnen. Wenn wir „Philia“ als persönliche Disposition des Selbst gegenüber anderen und der Gemeinschaft anderer verstehen, dann wird „Philia“ die Bedingung der Möglichkeit eines jeden bedeutungsvollen Dialoges und der persönlichen Interaktion.20 Ihre eigene persönliche Erfahrung rechtfertigt dies. „Es war ganz plötzlich kristallklar und offensichtlich für mich: Heute endete mein individuelles Leben und alles, was ich bin, gehört dem Staat. Falls ich den Krieg überlebe, dann will ich das Leben als mir neu geschenkt wieder aufnehmen.“21. Diese Worte von Edith Stein sind ein vollkommenes Beispiel, wie sich eine Person eins fühlen kann mit der Nation, in der sie lebt und sich selbstlos hingeben kann zum Dienst am Staate.
Die Bedeutung des Analyse von Edith Stein bezüglich dieser Beziehungen besteht nicht nur im Sprechen über diese Beziehungen und im Aufzeigen als Werte, die angeeignet werden sollen, sondern darin, diese als integrale und nicht verleugbare konstitutive Teile der menschlichen Natur aufzuzeigen, indem sie sich tief auf die Struktur menschlichen Seins einlässt. Alle diese verschiedenen Beziehungen, die für die menschliche Person möglich sind, können ihr zur vollen Entwicklung der Persönlichkeit helfen. Während das Fehlen einer jeglichen Beziehung Wälle um die Person baut, indem sie sie zu einer fensterlosen Monade macht und jedes weitere Wachstum blockiert, helfen ihr Beziehungen, ihren Horizont zu erweitern, neue Werte aufzunehmen, welche ihr eine globalere Aussicht ermöglichen. Und hier sehen wir die Vermenschlichung des menschlichen Seins.

5. Vergöttlichung des menschlichen Seins: Gott-Mensch-Beziehung

Edit Stein begrenzt ihr Konzept der Selbsttranszendenz im Leben des menschlichen Seins nicht nur auf die egozentrische und soziozentrische Dimension, sie stellt ebenfalls eine Theozentrische Transzendenz dar. Um sich einer Theozentrischen Transzendenz zu nähern, brauchen wir eine metaphysische Untersuchung der ewigen Wahrheit. Ein jeder findet in seinem Inneren die Spur dessen, was über ihm ist und alles dessen, das existiert und von welchem die Existenz von allem abhängt. Die Untersuchung dieser Wirklichkeit, die Gott ist, ist etwas, das zum wirklichen Sein der menschlichen Person gehört.22 Die Anthropologie von Edit Stein wäre unvollständig, wenn sie nicht die religiöse Erfahrung berücksichtigen würde. Dann hätte sie ihren Plan einer philosophischen Anthropologie nicht beachtet, deren Absicht es war, die Struktur des menschlichen Seins zu erkennen. Ihre Untersuchung ist nicht auf die Analyse von Glaube und Vernunft begrenzt. Sie untersucht hauptsächlich drei Wege der Gotteserkenntnis: den Weg der Vernunft, des Glaubens und der Mystik. Obwohl sie verschiedene Eigenschaften haben, schließen sie einander nicht aus, sondern sie ergänzen einander.
In ihrem Bemühen, Gott zu erkennen, begrenzt sie sich nicht selbst auf lediglich rationale Untersuchungen, sondern berücksichtigt auch übernatürliche Wege. Übernatürliche Wege öffnen einen zur Erkenntnis Gottes, der dem Verstand nicht zugänglich ist. Der übernatürliche Weg kann in zwei unterschieden werden, einen gewöhnlichen und einen außergewöhnlichen. Der Glaube ist der gewöhnliche Weg, um übernatürliches Wissen von Gott zu erlangen. Der außergewöhnliche Weg, um übernatürliches Wissen von Gott zu erlangen, besteht in mystischer Erfahrung.23 Wir wollen auch über die beseligende Schau als einen Weg der Gotteserkenntnis sprechen, selbst dann, wenn sie erst nach der irdischen Existenz der menschlichen Person stattfindet. Alle diese Wege führen einen zu einem fortschreitenden Verständnis Gottes. Während das natürliche Licht des Verstandes Gott durch die geschaffene Welt offenbart, sieht man in der beseligenden Schau Gott so, wie Er ist.
Edith Stein entwickelt einen rationalen Zugang zu Gott aus zwei verschiedenen Perspektiven, mit den Charakteristika des Augustinischen und des Aristotelischen Weges.24 Indem sie Augustinus folgt, beginnt sie mit dem Bewusstsein unseres eigenen individuellen, unsicheren und fließenden Seins. In der Analyse dieser Erfahrung bringt sie diese innerhalb des Rahmens der Aristotelisch-Thomistischen Lehre von Potenz und Akt.
Von diesem sicheren Wissen des Ego schreitet Edith Stein fort zur Metaphysik des Ewigen Seins. Für Edith Stein ist unser Ego - so wie im Fall von Heidegger - zeitlich und offenbart einen zweifachen Aspekt: den des Seins und den des Nicht-Seins. So befindet sich das Ego in beständigem Wechsel und Werden. Das, was ich bin ist ein „Nun“ zwischen einem „Nicht-Länger“ und einem „Noch-Nicht“. Von dieser Erscheinungsform des Ego als ein Fluss des Seins und des Nicht-Seins, als einer Entität des beständigen Werdens, wird uns die Idee des reinen Seins offenbart. Im reinen Sein gibt es nicht länger eine Beimischung des Nicht-Seins noch ein „Nicht-Länger“ oder ein „Noch-Nicht“. Kurz gesagt, das reine Sein ist nicht zeitlich, sondern ewig.25
In der Erkenntnis von Gott, die so erreicht wurde, erscheint Gott als eine transzendentale Entität, als ein ganz anderer, und als solcher entzieht er sich einem direkten und unmittelbaren Begreifen. Deshalb müssen wir einen anderen, sichereren Weg ersinnen, durch den wir ein besseres Verständnis Gottes erlangen. Edith Stein schlägt den Glauben als Mittel, Gott zu verstehen, vor.26 Dies ist darum, weil Gott im Glauben mehr „gegeben“ wird als „ergriffen“.
Es ist wahr, dass im Glauben, wie es im Falle eines geistlichen Seienden ist, Leben und Bewegung gibt, aufsteigend hin zu wachsend unergründlichen Höhen und hinabsteigend hin zu immer mystischeren Tiefen, welche Verständnis geben.27
Während Edith Stein den Gebrauch und die Quelle der Lebenskraft behandelt, bezieht sie sich auf ein „Ruhen in Gott“. Sie sagt, dass „es einen Zustand des Ruhens in Gott gibt, eine vollständige Entspannung aller mentalen Aktivitäten, in dem du überhaupt keine Pläne machst, keine Entscheidung fällst und noch weniger eine Aktion unternimmst, sondern vielmehr alles, was Zukunft ist, dem göttlichen Willen überlässt, indem du dich ganz dem Schicksal überlässt“28. Aber viel später wird sie sich der Möglichkeit der mystischen Erfahrung mehr bewusst und nimmt diese Möglichkeit als einen Anknüpfungspunkt für ihre ernsthafte Untersuchung durch das Studium der spanischen Mystiker Johannes vom Kreuz und Teresa von Avila. Durch die Erfahrung Gottes wird man nicht nur der großen Liebe Gottes gewahr, sondern man erwirbt sich ein tiefgründigeres Wissen über Gott als Liebe, als Trinität, als Communio und als Erlösung.29 Die Einwohnung eines solchen Gottes in der eigenen Seele wird eine erfahrene Realität und sie führt zu einer fundamentalen Transformation der Person. So können wir vom Tod des „Alten Menschen“ durch die Dunkle Nacht sprechen, und von der Geburt des „Neuen Menschen“, der aus Gnade lebt.30 Der „Neue Mensch“ hat eine neue Sicht der Wirklichkeit, er fühlt sich als Sohn/Tochter Gottes, er betrachtet sich selbst als fähig, „Einer für Alle(s)“ zu sein, er spürt die Verpflichtung, die ganze Schöpfung zu akzeptieren, kennen zu lernen und zu lieben. Das bedeutet, zu sehen, wie Gott sieht, zu wollen, wie Gott will; das ist das Ergebnis der Einung des Willens, die von der Einung mit Gott durch Liebe kommt. Und genau hier sehen wir die Vergöttlichung des Menschlichen Seins. All diese Dinge zeigen die mystische Erfahrung, welche dem Individuum hilft, sich selbst zu transzendieren.

6. Schlussfolgerungen

Wir haben versucht, genau zu erkennen, wie Edith Stein den Weg der Selbsttranszendenz des menschlichen Seins durch die implizite Fähigkeit, sich selbst zu anderen in Beziehung zu setzen, zeigt. So wird nach Edith Stein die menschliche Möglichkeit, sich selbst zu öffnen, das Mittel der Selbsttranszendenz. Die Berücksichtigung dieser Aspekte ist bedeutsam aus verschiedenen Gründen: Zu allererst sind diese Aspekte relational und sie sind unvermeidbar in dem Sinn, dass Beziehung zu sich selbst einen seine Wirklichkeit gewahr werden lässt, als ein unvollendetes Produkt und als neue Horizonte, zu denen er wachsen kann. Beziehung zu anderen, ähnlich wie zu sich selbst, hilft einem, aus dem Gefängnis der Einsamkeit heraus zu gehen, die Größe und die Werte der anderen zu schätzen und zu akzeptieren und Gemeinschaften und Staaten zu bilden, in denen gegenseitige Akzeptanz und Liebe herrschen. Beziehung zu anderen macht einen zu einem sozialen Wesen und trägt zum kulturellen und politischen Leben bei.
Und in der Beziehung zum Göttlichen findet man den wirklichen Sinn seiner Existenz. Denn das Sein einer menschlichen Person allein ist null und nichtig, es besteht nicht aus sich selbst heraus, und durch sich selbst allein ist es nichts. Das Sein einer menschlichen Person ist ein empfangenes Sein, geschenkt in jedem Moment von einem ewigen und notwendigen Sein.31 Die Beziehung zu diesem ewigen, göttlichen Sein erhebt die menschliche Person nicht nur zu einer höheren und ansonsten unmöglichen Wirklichkeit, sondern gibt seinem Leben Bedeutung. Die menschliche Person - so schlägt Edith Stein vor - ist ein Sein, das sich vollkommen bewusst ist, von woher es kommt und wohin es geht; als ein Sein, das gut die Größe seiner Freiheit kennt und diese für Selbstbildung durch frei gewählte Mittel nützt. Sie ist wie eine, die ihre Potenzialitäten gut kennt und sich um ihre Verwirklichung bemüht, um den Gipfel des möglichen Seins zu erreichen. Sie ist wie ein Sein, das die anderen als anderes Ich akzeptiert und das sich selbst transzendiert, indem es sich für andere öffnet, bis zu dem Ausmaß hin, mit ihm zusammen eine Gemeinschaft der Liebe und des Teilens zu bilden; und einen Staat, worin die Vormachtstellung des Staates und die individuelle Freiheit respektiert werden. Sie ist wie ein Sein, das in der Lage ist, in die Beziehung mit Gott einzutreten und sich himmlischer Glückseligkeit hier auf der Erde zu erfreuen. Deshalb ist in der Anthropologie von Edith Stein die Selbsttranszendenz des menschlichen Seins ganzheitlich und wesentlich. Sie schließt die oben erwähnten egozentrischen, die sozial orientierten und die theozentrischen Sichtweisen in der Selbsttranszendenz des menschlichen Individuums ein. Und dies wird realisiert durch Beziehung zu sich selbst, zu anderen und zu Gott.
 
Aus dem Englischen übersetzt von P. Norbert Maria Kuschl OCD




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1  Cf. BATTISTA MONDIN,  Philosophical Anthropology. Man: An Impossible Project?,  198.
2  EDITH STEIN,  Finite and Eternal Being: An Attempt at an Ascent To the Meaning of Being,  46.
3  EDITH STEIN,  Finite and Eternal Being,  93.
4  EDITH STEIN,  Finite and Eternal Being,  264.
5  EDITH STEIN,  Finite and Eternal Being,  336.
6  EDITH STEIN,  Finite and Eternal Being,  342.
7  EDITH STEIN,  Finite and Eternal Being,  347.
8  EDITH STEIN,  Finite and Eternal Being,  376
9  EDITH STEIN,  Finite and Eternal Being,  264.
10  EDITH STEIN, Struttura della persona umana,  60.
11  EDITH STEIN, Woman, 182.
12  Cf. FREDA MARY OBEN,  “Edith Stein as Educator,”  Thought 65 (1990) : 117.
13  Cf.  EDITH STEIN,  “Formare la Gioventù,”  La Vita come Totalità  (Roma: Città Nuova, 1999)  214.
14  Cf.  EDITH STEIN,  “Verità e Chiarezza,”  La Vita come Totalità,  41.
15  EDITH STEIN,  “Significato della Fenomenologia come Visione del Mondo,”  La Ricerca della Verità: Dalla Fenomenologia alla Filosofia Cristiana,  91.
16  Cf. EDITH STEIN,  Woman,  212.
17  EDITH STEIN,  Finite and Eternal Being,  510.
18  Cf. EDITH STEIN,  Introduzione alla Filosofia,  228.
19  Cf. EDITH STEIN,  Philosophy of Psychology and Humanities,  214.
20  Cf. ANTONIO CALCAGNO,  “Persona Politica: Unity and Difference in Edith Stein’s Political Philosophy,”  212.
21  EDITH STEIN.  “Letter to Roman Ingarden, Freiburg February 09, 1917,”  Self Portrait in Letters 1916 –1942,  10.
22  EDITH STEIN ,  Struttura della persona umana,  70.
23  Cf. EDITH STEIN.  “Ways to Know God,”  Knowledge and Faith,  97.
24  Cf. EDITH STEIN,  Finite and Eternal Being,  227;  ADA LAMACCHIA.  “Filosofia come ‘ricerca essenziale’ e senso dell’essere,”  328.
25  EDITH STEIN,  Finite and Eternal Being,  37.
26  Cf. EDITH STEIN,  “Husserl’s Phenomenology and the Philosophy of St. Thomas Aquinas: Attempt at a Comparison,”  Person in the World: Introduction to Philosophy of Edith Stein,  132.
27  Cf. EDITH STEIN,  Science of the Cross: A Study of St. John of the Cross,  82.
28  EDITH STEIN,  Philosophy of Psychology and Humanities,  84.
29  Cf. FRANCISCO SANCHO FERMIN,  Una Espiritualidad para hoy según Edith Stein: 20 Temas de Estudio y Reflexión  (Burgos: Monte Carmelo, 1998)  81.
30  Cf. MARCO PAOLINELLI,  La Ragione Salvata: Sulla Filosofia Cristiana di Edith Stein,  244.
31  Cf. EDITH STEIN,  Finite and Eternal Being,  55.
 
Joseph Varghese Maliakkal
Geboren in Thundathukadavu (Kerala, Indien). Ordensmitglied der Unbeschuhten Karmeliten. Professor für Philosophische Anthropologie am Teresianum in Rom, für Geschichte der Moderne und Gegenwärtige Philosophie an der Päpstlichen Universität Urbaniana in Rom, für Geschichte der Moderne und Gegenwärtige Philosophie am St. Thomas College in Indien. Gegenwärtig Vorsitzender des Teresianum: Päpstlich-Theologische Fakultät und Päpstliches Institut für Spiritualität.
 
Der Artikel geht zurück auf einen Vortrag beim Internationalen Kongress "EDITH STEIN VERBINDET" am 8.-10. Juni 2012 am Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim (Auschwitz).
© Autor und Centrum Dialogu i Modlitwy w Oświęcimiu.

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