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Stanisław Krajewski – Der Fall Edith Stein

Stanisław Krajewski

Der Fall Edith Stein


Ich äußere mich zum Thema Edith Stein nicht deswegen, weil ich über sie viel wüsste. Leider lernte ich Leben und Werk dieser außergewöhnlichen Frau nicht so gut kennen, wie es sich eigentlich gehörte. Ich äußere mich, weil ich gebeten wurde, die „jüdische Perspektive“ vorzustellen, also die Assoziationen, die ihre Person und vor allem ihre Heiligsprechung unter Juden hervorrufen. Die Sache zieht sich mindestens seit ihrer Seligsprechung hin, also seit etwa zwanzig Jahren. Anscheinend ist bereits alles gesagt worden und man bräuchte nicht darauf zurückzukommen. In Polen jedoch wurde die Angelegenheit nicht ernsthaft durchdiskutiert, folglich lohnt es sich, dennoch darauf zurückzukommen. Außerdem ist die Sache nicht abgeschlossen, obwohl bereits verschiedene Vorwürfe erhoben wurden, einige wenig sachlich, weil sie z.B. Böswilligkeit unterstellten, und obwohl Erklärungen seitens der Kirche abgegeben wurden, die mitunter die jüdischen Empfindlichkeiten sehr tief berücksichtigten. Ganz offensichtlich weist dies auf tiefere Probleme hin, die weiterhin genauso wichtig sind. Es sind Herausforderungen für die Kirche und für die Juden, für das Gedenken an die Vernichtung und für den interreligiösen Dialog. Und außerdem sollte man die grundlegende Frage nach der symbolischen Aussage der Gestalt der Teresia Benedicta vom Kreuz erörtern: ist sie ein gutes Symbol der Verbindung, der Begegnung, des Dialogs zwischen Juden und Christen?
Ich kann eine persönliche Bemerkung nicht unterdrücken. Mein erst vor kurzem verstorbener Vater, seligen Andenkens Władysław Krajewski, hieß bei seiner Geburt Stein. Auch wenn sein Vater seinen Namen änderte, als mein Vater noch ein Kind war, auch wenn seine Familie aus Leslau und nicht aus Breslau stammte, auch wenn der Name Stein so häufig anzutreffen ist – ähnlich übrigens wie Krajewski – kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, wir könnten mit Edith Stein verwandt sein. Die Sache, die uns hier interessiert, wird deshalb für mich nicht nur zu einem allgemeinen, sondern geradezu persönlichen Thema.

Überdauern!

Von meinem persönlichen Standpunkt aus und auch allgemeiner – vom standardmäßigen jüdischen Ansatz aus betrachtet, ist das grundlegende Thema das Überleben. Dass die Juden als Juden überdauerten, garantieren keine Gesetze dieser Welt. In Polen kann man das besonders gut beobachten: Innerhalb weniger Jahre blieb von hunderten jüdischen Gemeinschaften keine einzige übrig. In Auschwitz ist dies noch spürbar deutlicher: Der Massenmord kann in unvorstellbarem Ausmaß erfolgreich sein. War erfolgreich. Hätte der Krieg etwas länger gedauert, wäre die Geschichte der Arbeiten an der Atombombe anders verlaufen … Dies alles klingt heute recht banal, aber ich denke, den Katholiken, den Polen, oder zum Beispiel den Deutschen fällt es sehr schwer, sich die Macht dieser Erfahrung vorzustellen. Schließlich drohte zu keinem denkbaren Zeitpunkt, dass es keine Katholiken, Polen oder Deutsche mehr gäbe. Die Kirche, Polen, Deutschland haben viel durchgemacht, stehen vor Problemen, dies sind aber aus historischer Perspektive betrachtet nur leichte Schwankungen. Kirchenaustritte, einzelne Menschen zu verlieren, kann traurig sein, ist aber nicht existenzbedrohlich. Dagegen wurde es vor etwas mehr als sechzig Jahren wirklich denkbar, dass es keine Juden mehr geben werde. Diese Tatsache – dass dies denkbar wurde – ist nach Emil Fackenheim Grund, die Theologie neu zu überdenken. Die jüdische und vielleicht nicht nur die jüdische. Dieser Imperativ führte zum berühmten 614. Gebot: lass Hitler posthum nicht siegen, überlebe, überdauere als Jude.
Was ich über die Herausforderung gesagt habe, welche als solches das Überdauern der Juden als Juden ist, betrifft das Thema: Edith Stein brach mit der jüdischen Tradition. Natürlich meinte sie selbst, weiterhin genauso wie vorher zum jüdischen Volk zu gehören. Was immer sie meinte, für die Mehrheit der Juden ist klar, dass sie eine Apostasie beging.
Hörte sie auf Jüdin zu sein? Einerseits natürlich nicht. Man kann damit nicht aufhören. Ein sündigender, gleichgültiger, sich auflehnender Jude ist weiterhin ein Jude. Aber eine Apostasie ist eine besondere Handlung, die Abbruch, Abwendung von der Integration seines Lebens in die Kontinuität des jüdischen Überdauerns, Verrat des jüdischen Denkens bedeutet. Nichtreligiöse Juden sind aus der Sicht der religiösen Tradition Sünder, ihnen steht aber immer die Rückkehr offen. Wer von uns sündigt nicht? Juden, die eine andere Religion angenommen haben, sind insbesondere, wenn sie sich für diese ereifern, – aus traditioneller Sicht – verloren, auch wenn sie natürlich zurückkehren können. Und die Bekehrung zum Christentum ist besonders schmerzlich. Hat ja doch die Kirche Jahrhunderte lang versucht, die Juden zu bekehren – und dabei Überredungskunst und Zwang, Verlockung und Bedrängung angewendet.
Im Allgemeinen werden Bekehrungen zum Christentum seitens der Juden nicht für ein ernstes theologisches Problem gehalten. Eine solche Bekehrung ist etwas Dramatisches hinsichtlich des oben erwähnten Imperativs des Überdauerns, stellt aber die Identität der anderen Juden nicht in Frage. Es ist traurig, schmerzlich, bedauernswert, tragisch, aber es wird gewöhnlich nicht als Herausforderung aufgefasst. Als Motive werden vermutet: ein (wirtschaftliches) Interesse, fehlendes Wissen und Verwurzelung in der jüdischen Tradition, Ehrgeiz oder Bequemlichkeit, Verführung durch die Kultur der Mehrheit oder Selbsthass. Mein Vater, der selbst von der jüdischen Tradition auf das Äußerste entfernt war, zitierte die Äußerung des hervorragenden Orientalisten Chwolson: Habe ich mich aus Überzeugung taufen lassen? Natürlich, schließlich bin ich überzeugt davon, dass es besser ist, ein Professor in St. Petersburg zu sein, als ein Melamed im Schtetl. Was auch immer sich zu diesem Thema sagen ließe, jedem, der auch nur irgendetwas über Edith Stein weiß, ist klar, dass derartige Vermutungen auch nicht im Geringsten auf die Hl. Theresia Benedicta zutreffen. Deshalb bezeichnete der jüdische Theologe David Novak sie als „den bedeutendsten Fall einer jüdischen Konversion zum Christentum“ im 20. Jahrhundert; deshalb – fügte er hinzu – ist sie die für uns vielleicht problematischste Jüdin „seit Saul von Tarsus“.

Bekehrung

Edith Stein hat genau das getan, wozu die Kirche Jahrhunderte lang die Juden bewegt hat. Sie erkannte, dass die Taufe eine Form ist, ihre Religiosität zu vervollkommnen, ihr Jüdischsein zu krönen. Das, was ich eben beschrieben habe, erklärt, warum eine solche Haltung von Juden, die den Verpflichtungscharakter der Tradition spüren, als Problem, als Verrat, als Übel empfunden wird. Auch ich empfinde das so. Bitte verstehen Sie mich richtig: ich stelle nicht das Recht Edith Steins auf religiöse Wahlfreiheit in Frage. Ich möchte nicht, dass sie oder irgendjemand heute dazu gezwungen wäre, Jude zu bleiben. Auch ist in meinen Augen die liberale Ordnung wertvoll, gemäß der jeder selbst wählt und sich nicht notwendigerweise der Umgebung oder der Familie unterordnen muss. Dadurch will ich nicht behaupten, jede Religion wäre genauso gut wie jede andere. Der Vergleich der Religionen führt zu Problemen, die ich später behandeln werde. Einstweilen reicht es aus, in Erinnerung zu rufen, dass gemäß der Tradition Jude zu sein, bedeutet, sich im Rahmen des Judentums zu bewähren. Das Judentum kann man verschieden auffassen, derzeit existieren verschiedene Ausdrucksformen, das Christentum ist aber keine davon. Keine, darin stimmen fast alle überein, sowohl Juden als auch Christen.
Edith Stein heilig zu sprechen, macht sie zu einem nachahmenswerten Vorbild. Für wen? Natürlich unmittelbar – für die Katholiken. Ich kann verstehen, dass sie als Person auf vielerlei Arten inspirierend sein kann. Zweifellos ist sie eine besonders herausragende Person. Ihr intellektuelles, persönliches und geistliches Format verdient höchste Anerkennung. Und ich zögere nicht zu sagen, die Tiefe ihrer Religiosität. Dies ändert aber nichts daran, dass wir uns, indem wir ihre Religiosität loben, unvermeidlicherweise auf ihre Konversion als ein positives Ereignis beziehen, da wir verpflichtet sind, ihre Überzeugung ernst zu nehmen, weil diese für sie positiv war. Dadurch aber erscheint sie als nachahmenswertes Vorbild auch für die Juden. Das Dilemma ist ganz einfach. Einerseits hat die Kirche natürlich das Recht, heilig zu sprechen, wen sie will, und im Grunde genommen müsste es den Juden egal sein. Andererseits sagt die Kirche, indem sie eine Person heiligspricht, die bewusst vom Judentum zu Christentum übergetreten ist, aus, dass diejenigen Juden im höchsten Maße lobenswert sind, die Katholiken geworden sind. Es gibt keine einfache Möglichkeit, dieses Problem zu überwinden. Man kann lediglich folgendes sagen: je mehr ihr Weg als persönliche Pilgerschaft bezeichnet wird, die inspirieren kann, aber kein Vorbild darstellen soll, desto weniger kontrovers ist der Fall Edith Stein.
Natürlich ist nicht Edith Stein selbst und ihr Fall hier das Wichtigste, sondern das Verhältnis der Katholischen Kirche – und allgemeiner des Christentums – zur Judenbekehrung. Meiner Meinung nach gibt es hierbei keine völlige Klarheit. Natürlich ist die Situation heute – nach der Vernichtung im Krieg und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine andere als früher. Es werden keine Missionen organisiert, um die Juden zu bekehren. Es gibt Äußerungen ernstzunehmender Theologen, dass man ihre Bekehrung nicht anstreben sollte. Eine offizielle Kommission der amerikanischen Kirche (Bishops’ Committee for Ecumenical and Interreligious Affairs of the National Conference of Catholic Bishops) unter dem Vorsitz von William Kardinal Keeler erklärte eindeutig, dass „die Seligsprechung Edith Steins von den Katholiken keinesfalls als Impuls zu ungerechtfertigtem [unwarranted] Proselytismus unter der jüdischen Gemeinschaft verstanden werden darf“. Selbst wenn man von der Frage absieht, worin ein gerechtfertigter oder notwendiger Proselytismus bestünde, stehen wir jedoch vor zwei Problemen. Erstens denken viele Katholiken, Priester, Theologen anders. Offen oder tief im Herzen halten sie es für das Beste, was ein Jude machen kann, sich taufen zu lassen. Ich kam selbst damit in Berührung, ich weiß, dass eine solche Haltung für verständlich oder vielmehr für selbstverständlich gehalten wird. Ich weiß nicht, welche Ausmaße dieses Denken besitzt, vermutlich ganz erhebliche. Gleichzeitig kenne ich Katholiken, die genau umgekehrt denken: diese meinen, es wäre gut, wenn Juden Juden blieben. Ich kenne Leute, für die dies selbstverständlich ist. Trotzdem – und das ist das zweite, viel subtilere Problem – wird selbst unter jenen nicht automatisch anerkannt, dass wenn also Juden Juden sein sollten, Juden, wenn sie Christen werden wollten, davon abzubringen wären. Ich verstehe, dass dies kein leichter Schritt ist, denn er steht im Widerspruch zu tausenden Jahren Tradition und er stellt das Grundprinzip der christlichen Missionsauftrags in Frage. Trotzdem denke ich, dass vorstellbar ist, dass ein Jude, – und nur ein Jude, ich schlage nicht vor, dies auf Andere auszuweiten – der in die Kirche kommt, um damit zu beginnen, sich auf die Taufe vorzubereiten, in der Kirche – gerade in der Kirche! – zu hören bekäme, er möge sich zunächst mit der jüdischen Tradition vertraut machen und schauen, wie er ein religiös treuerer Jude sein könne.

Herausforderung für die Kirche

Natürlich ist es nicht meine Aufgabe, einen Katalog der Herausforderungen aufzustellen, vor denen Kirche und Christentum durch den Fall Edith Stein stehen. Es wäre unangemessen, wenn ich das täte. Ich kann nur meine Hoffnung ausdrücken, dass der Fall Edith Stein weiterhin zum Nachdenken über die Vernichtung anregt, also: wie man über sie sprechen soll und wie man ihrer gedenken soll, welche Rolle dabei die Kirche und die Christen gespielt haben und welche sie hätten spielen können. Dennoch möchte ich gewisse Gefühle aufdecken. Abraham Foxman und Leon Klenicki erklärten 1999 anlässlich der Kanonisierung, also nach langen Diskussionen, die – wie man annehmen sollte – alles hätten klären sollen, dass sie das Gefühl hätten, „Edith Stein zweifach verloren zu haben“. Zunächst durch die Apostasie und anschließend durch die Kanonisierung.
Wie kann man jemanden durch dessen Kanonisierung verlieren? Folgt man den schon erwähnten Anführern der ADL (amerikanische Liga gegen Diffamierung, Anti-Defamation League), so „eignen sie sich bestimmte Gruppen als christliche Märtyrerin an“. Auf diese Weise wird sie zum „Vorwand, durch den die Kirche für sich den selben Opfer-Status fordern kann“ wie die Juden. Dies ist umso unangemessener, da zu den Wurzeln der Tragödie der Juden auch „antijüdische Praktiken“ der Kirche gehörten. Ich würde gerne betonen, dass ich gut verstehen kann, warum solche Vorwürfe unter Katholiken entschiedenen Widerspruch hervorrufen. Schließlich ging es darum, sie zu ehren, ohne ihr ihre jüdische Identität abzusprechen! Kein vernünftiger Mensch bestreitet, dass sie als Jüdin ermordet wurde. In der Tat spricht die Kirche davon, dass sie sowohl als „Tochter Israels“ wie auch als christliche Märtyrerin umgekommen ist. Und dennoch ist die Sache damit nicht erledigt. Meiner Ansicht nach verdienen die dargelegten Vorwürfe der Aneignung und des Verschweigens der Schuld der Kirche, ernst genommen zu werden, selbst wenn sie zu kategorisch formuliert sind.
Ich beginne mit dem zweiten Vorwurf, also dem Vertuschen der Schuld der Kirche, der selbst durch ernstzunehmende Vertreter der Kirche problematisiert wurde. Ich bin mir aber nicht sicher, ob dies in Polen in seinem ganzen Ausmaß verständlich ist, wo die Erinnerung der Verfolgungen dermaßen lebendig ist. Auch wenn viele Katholiken und Kirchenvertreter durch die Nazis verfolgt wurden, so befreit, verfolgt worden zu sein, nicht von Verantwortung. Kardinal Keeler ist sich dessen bewusst. In seiner Erläuterung der bereits zitierten Erklärung der amerikanischen Bischöfe stellt er fest, dass „eine Meditation des Martyriums Edith Steins die Schuld der Christen unterstreichen und heute alle zur Reue aufrufen müsse“. Ich bin neugierig, ob ein solcher Aufruf auch in Polen möglich wäre.
Beim Vorwurf der Aneignung stellt die Kommission der amerikanischen Kirche unmissverständlich fest, dass „die Kirche, indem sie Edith Stein ehrt, alle sechs Millionen jüdische Opfer ehren möchte“. Diese Deklaration ist wichtig, aber sie bleibt eine bloße Deklaration. Und, was umso schwerer wiegt, sie entkräftet einfach nicht den Vorwurf, die Kirche versuche, sich als Opfer derselben Kategorie wie die Juden darzustellen. Dieses Thema ist ziemlich heikel, vor allem in Polen. Polnische Katholiken waren Opfer des Nationalsozialismus, darunter auch Priester. Wir wissen, dass in Auschwitz viele Priester ermordet wurden. Am Beginn der Ausstellung im Lagermuseum findet sich ein Zitat aus der „Begrüßungsrede“, gemäß dem die Juden damit rechnen konnten, nur einige Wochen zu überleben, Priester hingegen nur unwesentlich länger. Eine solche Äußerung (deren Authentizität übrigens nach Prof. Długoborski zweifelhaft ist) suggeriert dem Durchschnittsbesucher des Museums, das Schicksal beider Opferkategorien wäre vergleichbar. Dabei weist sie nur auf eine vergleichbare Gefährdung der Häftlinge hin, dies ist aber nicht gleichzusetzen mit der Ähnlichkeit der Schicksale der Katholiken und der Juden. Die Mehrzahl der Opfer von Auschwitz waren Juden, die sofort ermordet wurden und nicht das Glück hatten – Glück! – Häftling des Lagers zu werden. Umso mehr gilt dies für andere große Todeslager, die im Unterschied zu Auschwitz nicht zugleich Arbeitslager waren: Treblinka, Belzec, Sobibor. Mehr noch, selbst das Schicksal der Häftlinge war nicht völlig identisch. Zwar waren sie ähnlich gefährdet, aber sie waren – abgesehen von der Anfangsphase des Bestehens des Lagers – nicht in derselben Situation: die jüdischen Häftlinge hatten in der Regel die tragische Erfahrung des ersten Tages hinter sich, wo ihre nächsten Angehörigen ins Gas gingen. Niemand wartete mehr auf sie. Niemand betete für sie, niemand schrieb Briefe. Diese Umstände unterschieden ihr Schicksal vom Schicksal der Katholiken. Auch die Zahl der Opfer selbst ist eine andere, und vor allem ist das Verhältnis der Opfer zur Gesamtbevölkerungszahl der Gruppe, der sie entstammten, völlig unvergleichbar. All das erklärt, warum man die Opfer der Katholiken, selbst wenn man diese uneingeschränkt anerkennt, nicht zur selben Kategorie zählen kann wie die der Juden.
Auch wenn ich glaube, dass die Kirche nicht die Absicht hatte, den Holocaust für sich zu beanspruchen, – und man muss hinzufügen, dass viele Juden diesbezüglich misstrauisch sind – bleibt es doch eine Tatsache, dass Edith Stein zur ausgezeichneten Repräsentantin der Opfer gemacht wurde. Man kann deshalb der Frage nicht ausweichen, was es für das Andenken der Vernichtung bedeutet, dass eine katholische Heilige zur Vertreterin der Opfer gemacht wurde, zu einem der ganz wenigen Gesichter, das die Masse der namenlosen Opfer der Todeslager repräsentiert. Der wiederkehrende Zweifel, ob dies nicht doch zur Aneignung, zur Christianisierung der Vernichtung führt, sollte uns nicht verwundern.

Herausforderung für die Juden?

Weil Edith Stein genauso umgekommen ist wie die anderen Juden, ist sie zweifellos ein Opfer des Holocaust. Aber sie ist jemand anderes, eine katholische Heilige. Auch wenn sie ganz untypisch für die Opfer der Vernichtung ist, warum nicht doch ihre Außergewöhnlichkeit achten? Unter den Opfern der Vernichtung gab es auch solche Personen. Bringt es irgendetwas Neues in die Debatte ein, wer die Juden sind? Fast alle Juden antworten – wohl kaum! Und dennoch weist der bereits zitierte Hinweis von David Novak auf die „problematischste“ Person unter den zeitgenössischen Juden darauf hin, dass eine gewisse Unruhe bleibt. Vielleicht weist Edith Stein auf eine Herausforderung hin, die bislang erst ungenügend erkannt wurde.
Die Juden waren über Generationen daran gewöhnt, dass die Bekehrung zum Christentum den faktischen Ausschluss aus der jüdischen Gemeinschaft mit sich bringt. Im 20. Jahrhundert war dies nicht mehr selbstverständlich. Der Karmeliter Daniel Rufeisen ist Symbolfigur der Verkomplizierung dieses Themas, weil es plötzlich eine israelische Staatsangehörigkeit gibt, mindestens aber eine Identifikation mit dem Staat Israel als Kriterium der jüdischen Identität. Edith Stein symbolisiert das Ausbrechen aus dieser Selbstverständlichkeit wegen ihres jüdischen Todes, was auf die Möglichkeit hinweist, das jüdische Schicksal als Kriterium der jüdischen Identität anzuerkennen. Ein interessantes Beispiel desselben Problems ist in Polen der Verein der Holocaustkinder, dessen Mitglieder jüdische Kinder sind, denen es gelang, den Krieg in Polen zu überleben und die dort bis heute leben. Die Mehrzahl unter ihnen sind nämlich Katholiken. Ihr Verein ist hingegen sehr jüdisch, denn der gemeinsame Nenner ist das jüdische Schicksal, die tödliche Bedrohung während der deutschen Besatzungszeit. Das ist vermutlich die einzige jüdische Organisation auf der Welt, deren Mitglieder überwiegend Katholiken sind. Dies schafft ein Problem, das auch der Name Stein symbolisiert, aber kaum jemand unter den Juden erkennt dieses Problem als wesentlich. Denn es ist klar, dass es aus einer zeitweiligen Verirrung der Geschichte entstanden ist und mit dem Fortgang derjenigen Menschen, die die Personalisierung dieser Geschichtsverirrung sind, bald wieder verschwinden wird. Natürlich bleibt es die aktuelle Lehre, dass sich Bedrohungen für Juden auch auf solche Menschen erstrecken können, die mit der jüdischen Tradition und Gemeinschaft gebrochen haben. Es ist aber immer noch nicht ersichtlich, wie sich dies auf unser Verständnis dieser Tradition auswirken sollte.

Herausforderung für den Dialog

Für den interreligiösen Dialog gilt, dass der Proselytismus das Vertrauen zerstört, das für den Dialog notwendig ist. Aber selbst dann, wenn wir den Proselytismus ablehnen, bleibt im christlich-jüdischen Dialog eine Kontroverse, – meint David Novak1 – die wir für gewöhnlich irgendwo ganz tief verstecken. Diese liege in der Überzeugung jeder der beiden Seiten, der beste Weg zu Gott sei „entweder die Thora und die jüdische Tradition, oder Christus und die Kirche“. Selbst wenn der Wert beider Wege anerkannt wird, führt Novak aus, ist das Verlassen der Gemeinschaft und Übertritt zur jeweils anderen für beide Seiten der Abstieg vom besseren Weg zum schlechteren. Deshalb können wir dem Problem der Apostasie nicht ausweichen, welches der Fall Edith Stein so hoch vor uns auftürmt. Die katholische und die jüdische Gemeinschaft schließen sich gegenseitig aus. Wir können einander achten, aber wir warten getrennt auf die Erfüllung der Prophezeiungen. „Wir Juden können Empathie Katholiken gegenüber zeigen, die noch einen Heiligen mehr haben, noch ein Beispiel heiligen Lebens, aber wir können mit den Katholiken nicht mitfühlen (die ursprüngliche Bedeutung von „Sympathie“), genauso wenig wir mit ihnen Eucharistie feiern können“. Und er schließt: „Auf der tiefsten Ebene sind wir einander immer noch fremd“.
Diese Ausführungen sind interessant und wichtig, scheinen mir aber dennoch nicht überzeugend zu sein. Es ist nämlich eine Vision möglich, auf die wir bereits in den früheren Erwägungen ein paar Mal angespielt haben. Angenommen es gibt kein objektives Maß gemäß dem entweder die Thora oder Christus besser ist. Für die Juden ist die Thora und das Judentum besser, für Andere ist Christus und die Kirche besser. Bekehrung wird von keiner Seite erwartet. Natürlich kommt es zu Konversionen und aufrichtige Konvertiten (im traditionellen Judentum spricht man von ger cedek) sind gern gesehen. Trotzdem ist es die erste Pflicht, Personen, die eine Konversion anstreben, davon abzubringen. Hat eine Konversion bereits stattgefunden, wird eine solche Person als vollgültiges Glied der Gemeinschaft behandelt, ihren Weg hält man aber nicht für ein Vorbild, das auch für andere gelten sollte. Genauso verfährt man bekanntermaßen gemäß der jüdischen Tradition. Zu beurteilen, ob dies für das Christentum – zumindest nur in Bezug auf die Juden – annehmbar ist, steht mir nicht zu.
Ein bestimmtes Problem bleibt natürlich noch. Die Leute der Gemeinschaft, die der Konvertit verlassen hat, meinen, er hätte einen Fehler begangen. Anscheinend schauen sie von oben herab auf ihn und seine neue Gemeinschaft. Aber dies ist kein Vergleich der Gesamtheit der Tradition aus der Perspektive eines abstrakten Menschen. Hat der einzelne Mensch genügend gute Argumente, um zu konvertieren, ist dies in Ordnung. Eine positive Bewertung der Konversion einerseits sollte nicht suggerieren, dass ihm alle folgen müssten, und seine negative Bewertung sollte auf der Seite, die er verlassen hat, keine negative Bewertung der Glieder seiner neuen Gemeinschaft bedeuten.
Bei solch einer Haltung bleibt Edith Stein Katholikin, die seitens der Kirche freudig akzeptiert und verehrt wird. Sie wird nicht zum Vorbild für die Juden. Seitens der Juden wird sie, wenn auch mit Bedauern, als Person geachtet, die einen individuellen Weg gegangen ist, einen Weg, der – wie schon gesagt – kein Vorbild für andere Juden ist.

Symbol?

Nun könnte man sagen, unabhängig vom Problem der Bekehrung bleibt es eine Tatsache, dass es dank Edith Stein zur Begegnung von Juden und Katholiken kommt. Wenn wir sagen, dass dank des Falls Edith Stein Treffen organisiert wurden, ernsthafte Reflexionen unternommen wurden, ist die Sache klar. Denen, die von der positiven Rolle der Heiligen im christlich-jüdischen Dialog sprechen, geht es jedoch um mehr. Sie soll die Personifizierung der Begegnung sein, Bindeglied zwischen beiden Gemeinschaften, Person, die das Beste des Judentums und des Christentums in sich vereinigt. Ich achte die Motive, die hinter einer solchen Haltung stehen; aus dem, was ich schon gesagt habe, sollte aber klar hervorgehen, dass ich diese Betrachtung nicht teile. Edith Stein wird von Katholiken verehrt werden, sie wird aber keine gemeinsame Heilige sein, ihr Tod war eindeutig jüdisch, er wurde nicht durch ihre Hingebung für den Katholizismus katholisch; ihre intellektuellen oder spirituellen Errungenschaften können jeden inspirieren, aber nicht deshalb, weil diese auf besonders gelungene Weise jüdische und christliche Inspirationen miteinander verbänden.
 
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1  D. Novak, Edith Stein, Apostate Saint, „First Things“ 96 (1999), S. 15–17.
 
Prof. Dr. phil. Stanisław Krajewski
Professor am Institut für Philosophie der Universität Warszawa [Warschau]. Mitvorsitzender des Polnischen Rates der Christen und Juden seit dessen Gründung im Jahr 1989.
 
Übersetzt von Elżbieta Wawrzyniak-Buschermöhle
Veröffentlicht in: Gott und Auschwitz. Über Edith Stein, den Besuch von Papst Benedikt XVI. und Gott in den Düsternissen der Geschichte. Krakow-Oświęcim-Freising 2010, S. 71-80.
 

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