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Sholom Friedmann – Zeugnisse von Überlebenden in der Halachischen Geschichte

Rabbi Sholom Friedmann

Zeugnisse von Überlebenden
in der Halachischen Geschichte

Zeugnisse von Überlebenden gehören zu den meistgenutzten Ressourcen für die Holocaust-Erziehung. Das hat mehrere Gründe, vor allem den Wert, aus erster Hand Berichte von Opfern zu hören, die über ihre Erfahrungen sprechen.

Yad Vashem nennt zwei Hauptziele für die Zeugnisse der Überlebenden: 1. die historische Aufzeichnung, 2. die Humanisierung der Opfer.

Die religiöse jüdische Gemeinde sieht den Holocaust ebenfalls als wegweisendes Ereignis in der kollektiven jüdischen Geschichte. Diese Gemeinschaft hat jedoch einen anderen Zugang zur jüdischen Geschichte, und, entsprechend, zur Geschichte des Holocaust.

Für den religiösen Juden spielt die jüdische Kultur- und Religionsgeschichte eine dominierende und definierende Rolle. Es geht dabei weniger um einen Rückblick auf einzelne Ereignisse als vielmehr um eine Zusammenschau vergangener Geschichtsperioden mit zeitgenössischen Ereignissen. Dieser religiöse jüdische Zugang zur Geschichte definiert Juden nicht nur als eine geistliche Nation, sondern offenbart und definiert auch ihre Beziehung zu Gott von Urzeiten bis hin zur Gegenwart. Keine andere Religion fordert eine aktive Erinnerung, Zachor, auf solch eine prägende, den Alltag durchdringende Weise.

Wer im Judentum Geschichte studiert, darf nicht unberührt bleiben, sondern soll, so fordert die Tora, aktiv an dieser Geschichte teilnehmen. Zu den 613 Weisungen der Tora gehört die Aufforderung, sich an bestimmte historische Ereignisse zu erinnern, darunter der Auszug aus Ägypten und der Angriff von Amalek. Die Aufforderung Zachor (Erinnere diese historischen Ereignisse), kommt über 160 Mal vor. Die Geschichte selbst wird zu einer Form von kollektivem Gedächtnis, das nicht nur vergangene Ereignisse, sondern auch die gegenwärtige und zukünftige Entwicklung sowohl auf kollektiver wie auch auf individueller Ebene deutet.

Die Erinnerung bezieht sich nicht einfach auf die Betrachtung vergangener Geschehnisse. Erinnerung, so wie die Tora es versteht, muss zu Taten führen. Zvi Gill, ein Holocaust-Überlebender, sagte:
 
"In der jüdischen Tradition ist der Befehl, sich zu erinnern, absolut. Aber diese Verpflichtung endet nicht mit dem kognitiven Akt der Erinnerung – sie muss mit Sinn und mit Tat verbunden werden. Uns ist die Erinnerung ins Herz und aufs Fleisch gebrannt, und wir sind heute hier versammelt, um die Fackel der Erinnerung an die nächste Generation weiterzugeben. Wir geben Euch auch die fundamentale Lektion des Judentums mit, dass Erinnerung von Handlungen in ethischer und moralischer Absicht begleitet werden muss. Das muss das Fundament und der Fokus Eures Engagements zur Schaffung einer besseren Welt sein."

(Zvi Gill, auf Hebräisch in seiner Schlussbotschaft an die Konferenz zum Vermächtnis der Holocaust-Überlebenden, April 2002 in Yad Vashem. Übersetzt ins Englische in: Our Living Legacy, Yad Vashem, 2003.)

Die zu Taten führende Erinnerung wird im Kontext des ethischen Monotheismus verstanden. Im Judentum ist der Glaube nicht nur ein „starker Glaube an Gott“, sondern der Glaube muss zur Entwicklung von ethischem Verhalten führen. Ein Jude kann nur dann eine enge Beziehung zu Gott entwickeln, wenn er seinen Charakter bildet und eine moralische, ethische Person wird.

Kommentatoren verweisen auf folgende Erzählung in der Thora als ein Beispiel für dieses Verständnis:

Als Abraham nach Ägypten kam, stellte er seine Frau Sarah als seine Schwester vor. Nachdem Abimelech in schreckliche Not geraten war, weil er versucht hatte Sara als seine Konkubine zu nehmen, konfrontierte er Abraham und fragte, warum er ihm seine Frau falsch vorgestellt habe? Abraham antwortete: "Ich sah, dass es an diesem Ort keine Gottesfurcht gab". Die Kommentatoren erklären, dass, als Abraham und Sarah nach Ägypten kamen, die Ortsansässigen Abraham zuerst nach Sarah und erst danach nach Abrahams Wohlergehen fragten. Abraham dachte über dieses  unethische Verhalten nach und setzte es mit einem Mangel an Gottesfurcht unter diesen Menschen gleich. Mit anderen Worten, wer kein ethisches Verhalten zeigt ist kein gottesfürchtiger Mensch.

Der ethische Monotheismus wird durch die 613 Gebote ausgedrückt. Die Halacha (das jüdische Gesetz) ist die Kodifizierung, durch die sich diese 613 Gebote manifestieren. Die Bibel erklärt diese halachischen Konzepte nicht nur als Schwarz-Weiß-Regeln, sondern auch innerhalb einer historischen Erzählung. Geschichte ist nicht nur ein zeitlicher Bezugspunkt, sondern auch ein halachischer. Die Geschichte als Vermittlung des physischen Ausdrucks einer Beziehung zu Gott ist ebenso relevant und eindeutig wie die 613 Gebote.

Juden betrachten ihre Geschichte als „Halachische Geschichte“. Die jüdische Geschichte ist selektiv und das Gebot, sich zu erinnern und zu handeln, ist mit der kodifizierten halachischen Präsenz in der Geschichte verbunden. Die Patriarchen und Matriarchen, die Knechtschaft in Ägypten, der Exodus aus Ägypten, die Offenbarung am Sinai und die anschließende Zeit in der Wüste sind für den jüdischen Verhaltenskodex ebenso relevant wie die Gesetze des Opfers und der Kaschrut [Speisegesetze]. Daher ist die Geschichte ein gegenwärtiges Interpretationsphänomen ebenso sehr wie ein vergangenes Phänomen, bei dem es um Sinn und seine vielen ineinandergreifenden Bedeutungsstränge geht.

Halachische Geschichte verlangt, dass Juden die Geschichte leben. Die Halachische Geschichte hat daher eine vergangene, eine gegenwärtige und eine zukünftige Dimension.

Vergangenheit: sie geht aus von der Erschaffung der Welt über die Entwicklung des jüdischen Volkes und seine Beziehung zu G-tt bis hin zu nachbiblischen Ereignissen und den Antworten darauf.

Gegenwart: sie bietet einen Kontext für die Herausforderungen, denen Juden sowohl auf gemeinschaftlicher als auch auf individueller Ebene gegenüberstehen, und zu ihren Antworten darauf.

Zukunft: sie bietet Einsichten für die wiederkehrenden Themen, die in der Vergangenheit als Lehre für zukünftige Ereignisse vorgekommen sind.

Juden haben Geschichte nicht im typischen Sinne aufgezeichnet, sie waren jedoch nicht weniger historisch. Das Fehlen einer chronologisch beschriebenen Geschichte ist kein Beweis für mangelndes Interesse. Aber für das jüdische Volk geht es in der Geschichte nicht um einen detaillierten Bericht von Ereignissen. Alles, was den Juden passiert ist, war bereits in der Thora beschrieben. Obwohl sich die Namen und Orte vielleicht geändert haben, waren es dennoch dieselben „Esau“, „Amalek“ und „Lavan“, wenn auch in unterschiedlichen Formen und Perioden, die das jüdische Volk getroffen haben. Die Erfahrungen von Abraham, Isaak und Jakob, den Makkabäern und Mordechai und Esther boten einen Bezugspunkt und eine Anleitung, wie man zu reagieren hat. Es war kein weiterer Bericht nötig.
 
Für die dominierende Rolle der Geschichte im alten Israel ist kein deutlicherer Beweis erforderlich als die grundlegende Tatsache, dass selbst Gott nur insofern bekannt ist, als er sich ‚historisch‘ offenbart. Moses wurde gesandt, um den hebräischen Sklaven die Botschaft der Befreiung zu bringen. Er kommt nicht im Namen des Schöpfers des Himmels und der Erde, sondern des ‚Gottes der Väter‘, also des Gottes der Geschichte: „Geh, versammle die Ältesten Israels und sag ihnen: Der HERR, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, ist mir erschienen und hat mir gesagt: Ich habe sorgsam auf euch geachtet und habe gesehen, was man euch in Ägypten antut.“ (2. Mose 3:16. Einheitsübersetzung 2016). Als Gott sich dem gesamten Volk am Sinai vorstellte, war nichts von seinem Wesen oder seinen Eigenschaften zu hören, sondern nur „Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.“ (2. Mose 20:2). Das reicht aus. Denn hier wie anderswo weiß das alte Israel was Gott ist durch das, was er in der Geschichte getan hat. Und wenn dem so ist, dann ist die Erinnerung entscheidend geworden für Israels Glauben und letztendlich für seine pure Existenz. (Yerushalmi, Zakhor)

Ein weiteres Beispiel für historische Erinnerung ist der jüdische Kalender. Der jüdische Kalender ist nicht linear, sondern zyklisch. Beim Gedenken an den jüdischen Aufstand gegen die Griechen an Chanukka ist der Kampf und die Reaktion darauf für den zeitgenössischen Juden genauso relevant wie vor Tausenden von Jahren. Das gleiche gilt für Purim und die anderen Feiertage. Der Pessach-Seder [Anleitung für die Feier des Passah Abends] ist ein wunderbares Beispiel für das halachische Judentum vom Feinsten. Jedes Jahr feiern Juden auf der ganzen Welt den Exodus aus Ägypten. Der Kontext des Seder bringt die Teilnehmer mit denen zusammen, die Ägypten vor mehreren tausend Jahren tatsächlich verlassen haben. Die Haggada beginnt mit der biblischen historischen Erzählung darüber, wie es die Juden nach Ägypten verschlagen hat, und sie stellt den Exodus als den Ausgang in den Kontext einer langen historischen Erzählung, die mit Abraham beginnt. Die Haggada verlangt von den Teilnehmenden, sich so zu sehen, als ob „sie selbst Ägypten verlassen hätten“, und stellt sie in diesen Kontext. Das wird durch die Rezitation spezifischer Liturgie- und Ritualhandlungen erreicht.

Die Halachische Geschichte hat eine kulturelle Erzählung und ein kollektives Gedächtnis geschaffen. Diese Erzählung der jüdischen Geschichte findet sich in verschiedenen Formaten, wie talmudischer Aggadata und Exegese, Liturgie und rabbinische Responsa, geschrieben in der Zeit, in der die historischen Ereignisse stattfanden. Juden suchen in diesen Quellen nach Inspiration und Anleitung, wie sie reagieren sollten, wenn sie selbst auf kollektiver und persönlicher Ebene vor Herausforderungen stehen.

Eine der grundlegendsten Aufgaben der Halachischen Geschichte besteht darin, die jüdische Nation in Zeiten der Diaspora und anschließender Verfolgung anzuleiten. Die fundamentale Anleitung, die die Halachische Geschichte liefert, ist die Entwicklung von „kultureller Widerstandsfähigkeit“.

Die talmudischen Weisen beschreiben dies in folgendem Gleichnis:
 
Ein König heiratet eine Prinzessin. Er gibt ihr eine Ketuba (Ehevertrag). In dieser Ketuba beschreibt er sehr detailliert, wie für jedes ihrer Bedürfnisse gesorgt wird. Außerdem verpflichtet er sich, immer auf sie achtzugeben und sie nie zu verlassen. Bald darauf verlässt sie der König, um in einem Krieg zu kämpfen. Die Prinzessin muss schließlich in die Stadt gehen, um Nachschub zu besorgen. Die einheimischen Nachbarn kommen zu ihr und fragen sie, wo der König sei. Ist ihr nicht klar, dass er weg ist und nicht zurückkommt? Über die Zeit geht dies so weiter und die Nachbarn werden aggressiver beim Bedrängen der Prinzessin. Schließlich wird die Prinzessin unsicher und beginnt überzeugt zu sein, dass die Worte der Einheimischen tatsächlich wahr sind. Der König hat sie verlassen, sie ist auf sich allein gestellt. Eines Tages klopft es an der Palasttür. Die Prinzessin öffnet die Tür und siehe da, es ist der König. Der König ist schockiert, die Prinzessin zu sehen. Er sagt: „Meine Prinzessin, ich bin ehrlich gesagt überrascht, dich zu sehen. Ich dachte, du hättest es vor langer Zeit aufgegeben, auf mich zu warten. Woher hast du die Kraft und den Mut, auf mich zu warten?“ Die Prinzessin antwortet: „Ja, ich hatte Angst, dass Du nicht zurückkommen würdest, und ich begann zu verzweifeln. Ich habe mir jedoch die Ketuba angesehen, die du mir hinterlassen hattest. Darin beschreibst du deine Verpflichtung für mich, wie du dich immer um mich kümmern, auf mich achtgeben und mich niemals verlassen wirst. Es war diese Ketuba, die mir die Kraft gab, durchzuhalten.“

Die Weisen verweisen darauf, dass dieses Gleichnis die Notlage des jüdischen Volkes in der Diaspora symbolisiert. Die Prinzessin bezieht sich auf die Juden, der König ist G-tt, die Nachbarn sind die verfolgenden Nationen im Laufe der Geschichte, und die Ketuba ist die Tora. (Medrash Rabbah, Eichah)

Die zwei wesentlichen Züge in diesem Midrasch sind: Der unerbittliche Glaube an G-tt, der sein Versprechen an das jüdische Volk, dass es letztendlich Erlösung erlange, erfüllt, und die Hoffnung. Diese beiden Aspekte waren im Laufe der jüdischen Geschichte ein Bestandteil der Erziehung und haben die jüdische Nation mit Widerstandskraft gestärkt.

Ein wichtiges Beispiel für die Erzählungen der Halachischen Geschichte sind die Piyyutim. Das sind jüdische Liturgien, die in poetischer Prosa über die Zerstörung des Tempels und auch nach bedeutenden Verfolgungen in der Diaspora geschrieben wurden. Die meisten dieser Piyyutim entstanden als Reaktion auf die Kreuzzüge, die spanische Vertreibung und die Chmelnyzkyj Massaker. Obwohl sie vor einigen Jahrhunderten geschrieben wurden, werden sie immer noch bei verschiedenen Gebetsgottesdiensten im Verlaufe des Jahres rezitiert. Die Piyyutim ermöglichen es, durch eine Sprache, die den Rezitator in die Erzählung einbezieht, das kollektive Gedächtnis auszudrücken. Viele dieser Piyyutim werden speziell an Tisha B’Av rezitiert, dem traditionellen Tag der jüdischen Trauer um die Zerstörung des Tempels, und in allen geht es um drei verwandte Themen: Trauer, Glaube und Hoffnung.

Es folgt ein Auszug aus einem Piyyut, der nach dem ersten Kreuzzug geschrieben wurde:


Bitte komponiert in euren Herzen einen bitteren Lobpreis, denn ihr Massaker verdient ebenso wie das Verbrennen des Hauses unseres G-ttes, seiner Halle und seines Palastes Klagen und Wälzen im Staub. Doch wir können keinen neuen Tag der Trauer über Ruin und Feuersbrunst hinzufügen, noch dürfen wir vorher oder nachher trauern. Stattdessen werde ich heute (an Tisha B’Av) mein trauriges Wehklagen anstimmen, und ich werde mit einer bitteren Seele loben und jammern und weinen, und schwer stöhnen von morgens bis abends.

Nach der Gründung des Staates Israel wurde im Land über die Einrichtung eines jährlichen Trauertages für den Holocaust diskutiert. Der Brisker Rov bezog sich bei der Diskussion über die Schaffung dieses Tages auf dieses hier zitierte Piyyut und veranschaulichte entsprechend dieses kollektive Gedächtnis:
 
„Aus diesem Piyyut geht hervor, dass die verschiedenen Nöte und katastrophalen Ereignisse in unserer kollektiven Geschichte alle mit unserer Notlage in der Diaspora zusammenhängen und dieselbe Reaktion erfordern. Wir müssen über unsere Rolle innerhalb der Gemeinschaft nachdenken, was wir tun können, um uns selbst und den Rest von Klal Yisroel (jüdisches Volk) zu stärken und letztendlich weiter voranzukommen. Dies ist das Thema von Tish B’Av, daher sind keine anderen Tage in unserem Kalender erforderlich, um dies vorzusehen. "

Obwohl ein zusätzlicher Tag der Trauer zum Gedenken an den Holocaust in der orthodoxen jüdischen Gemeinschaft nicht als notwendig erachtet wurde, sind andere Formen des Ausdrucks dieses kollektiven Gedächtnisses weit verbreitet. Zwar sind zwei Piyyutim geschrieben und in die Tisha B’Av-Liturgie aufgenommen worden, aber diese Ausdrucksweise wird heute nicht mehr verwendet. Statt dessen wurde eine modernere Antwort in den Zeugnissen religiöser Überlebender gefunden.
Die religiöse jüdische Gemeinschaft behandelt das Zeugnis der Überlebenden mit der gleichen Ehrfurcht wie die Botschaft der Piyyutim. Aus erster Hand von der Widerstandsfähigkeit dieser Überlebenden zu hören fordert Stärke und Überzeugung heraus.

Es folgen drei Auszüge von Zeugnissen, die diese Merkmale des Glaubens, der Hoffnung und der Widerstandsfähigkeit zeigen:

Rivka kletterte auf die Heizung, wendete sich ihren Zuhörerinnen zu und hielt eine ‘Rede vor der Nation‘, laut und furchtlos: "Mädchen! Zusammen schlafen wir auf denselben Kojen, zusammen ertragen wir den gleichen Schmerz, zusammen leiden wir qualvoll in der Todesfinsternis. Aber heute Nacht ist Chanukka (das Fest der Lichter)! Nachts wurde der Bais Hamikdash (der Tempel) wieder eingeweiht. Hier haben wir eine Kerze angezündet, und ein wenig Licht verbannt viel von der Dunkelheit. Freunde! Diese winzige Flamme, die wir heute Abend entzündet haben, ist heilig! In jedem jüdischen Herzen wohnt der heilige Funke. Dieser göttliche Funke wird viel von der Dunkelheit unserer elenden Welt vertreiben.“

Pearl Beinish, Chanukkah in the Camps
 
„Wir waren im selben Block wie deine Mutter untergebracht. Sie war immer bereit, allen jederzeit zu helfen. Das war auch so, als meine Schwester krank wurde. Das Fieber stieg an und meine Schwester litt unter schrecklichen Schmerzen, so dass sie alle paar Minuten nach draußen zu den Toiletten gehen musste. Das ging jedoch über ihre Kräfte. Sie war so schwach, dass wir ihr jedes Mal beim Aufstehen helfen mussten. Deine Mutter hatte eine kleine Schüssel für Wäsche - ein unschätzbarer Besitz im Lager. Als meine Schwester trotz der Hilfe nicht mehr aufstehen konnte, gab uns deine Mutter ihre Schüssel für meine Schwester. Wir hatten die ganze Nacht panische Angst, dass deine Mutter gefasst und für ihre Güte bestraft werden könnte. Aber sie selbst hatte überhaupt keine Angst. Sie sagte mir, dass wir vor allem einander helfen müssen. Sie hatte solch einen Glauben an Hashem (G-tt), dass sie sich vor nichts fürchtete. Am Morgen kam ein jüdischer Arzt und ließ meine Schwester in den Krankenblock bringen. Sie lag dort lange Zeit in einem kritischen Zustand, erholte sich aber am Ende. Der Arzt sagte uns später, dass sie sich nicht erholt hätte, wenn sie in der Nacht vor ihrem Transfer keine Hilfe gehabt hätte. Ich war nicht stark genug, um meine Schwester alleine zu heben. Wer hat mir wohl jedes Mal geholfen? Deshalb verdanken wir deiner Mutter das Leben unserer Schwester."

Irma Ess, Ysupar L’Dor, von Y. Emanuel
 
Akdamus Millin. Auf dem Weg nach Auschwitz, Shavuos 1944

Der Zug setzt sich in Bewegung und überquert die Karpaten auf dem Weg nach Polen. Unter den Juden ist eine Frage zu hören: „Weißt du, welcher Tag heute ist?“ Wir wissen es gut. Ein gedämpftes Gespräch findet im Wagen statt. Shavous (das Fest des Empfangs der Tora auf dem Berg Sinai) ist heute Abend, die Feier von Kabbala Hatorah (Empfang der Tora). Bald geht die Sonne unter. Wir haben hier heilige Yidden (Juden) bei uns. Einer von ihnen ist Reb Avrum Mayer Braun, ein Zaddik (Gerechter), dessen Lippen ununterbrochen Tora und Tehilim (Psalmen) rezitieren. Zu Hause ist er der erste, der im Winter und im Sommer für die Schule früh aufsteht. Jetzt ermutigt er uns alle: „Wacht auf, es ist heute Abend der Yom Tov von Shavuos. Yeshuas Hashem Keheref Ayin (die Erlösung wird wie ein Augenzwinkern kommen)! Wir haben einen ganzen Tag vor uns. Morgen ist auch yom tov (Feiertag), yom tov sheni shel galuyos (der zweite Tag des Feiertags in der Diaspora). Alles kann passieren. Wir werden uns zu einem schönen Morgen erheben.“ Die Züge fahren weiter zu ihrem Ziel. Die Reise dauert zwei Tage ohne Unterbrechung, und sie haben keinen Platz um sich zu strecken. Eine Stimme erhebt sich im Wagen und durchschneidet die Stille. Reb Avrum Mayer hält ein Shavuos Machazor (Feiertagsgebetsbuch) in der Hand und singt die bekannte traditionelle Melodie von Akdamus Millin, einem Piyyut, der von einem der Rishonim (mittelalterlichen Kommentatoren) komponiert wurde und auf Shavous rezitiert wird. Diese Melodie begleitete uns nach Auschwitz …

Yehoshua Danziger, Echod Me’ir
 
Für die religiöse Gemeinschaft entsprechen solche Zeugnisse den Anweisungen der Halachischen Geschichte. Sie sind die ultimative Bestätigung dafür, dass das jüdische Volk die Fähigkeit hat, durchzuhalten, gleich welche Herausforderungen kommen, so wie das biblische Vorbild es angeleitet hat. Durch dieses Zeugnis hören wir auch die Stimmen derer, die über Generationen hinweg verfolgt wurden, und die Botschaft: „In jeder Generation wird es Versuche geben, uns zu zerstören, aber G-tt wird uns weiterhin retten“ (Passah Haggada).
 
(Übersetzt aus dem Englischen von Manfred Deselaers)


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Lecture at the Webinar: FAITH IN AUSCHWITZ – THE VICTIM EXPERIENCE and INTERFAITH DIALOGUE TODAY. November 5th 2020, organized by The Centre for Dialogue and Prayer in Oświęcim, Poland, in collaboration with the Amud Aish Memorial Museum, in Brooklyn, NY, USA.


Rabbi Sholom Friedman
Rabbi Sholom Friedman is an ordained Rabbi and Director and CEO of the AMUD AISH MEMORIAL MUSEUM in Brooklyn. He previously directed the Zechor Yemos Olam Holocaust Education division of Torah Umesorah, an umbrella organization that develops curriculum, trains teachers, and provides educational materials to schools on a national scale. He was a Fellow in Holocaust Education at the Imperial War Museum, London, UK. Rabbi Friedman’s holds an MA in Talmudic Law, a BS in Hebrew Letters, Qualified Teachers Status from the Teaching Regulation Agency, UK and a Diploma in Emotional Factors in Learning from The Tavistock and Portman NHS Foundation Trust.
 
 

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