Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

Manfred Deselaers – Gott und das Böse. Anthropologisch-theologische Reflexion

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Das systemimmanente „Gewissen“

Der am SEIN orientierte Lebenszusam­menhang lässt eine idolische Ordnung er­scheinen, an der ich mich orien­tiere und die mir alles bedeutet. Des­halb die zwangsläu­fige Ten­denz zur Tota­lität und zum Tota­lita­rismus. In die­sem neuen Zusam­menhang funktioniert ein systemimmanentes „Gewissen“: gut ist, was das System, wel­ches mein SEIN sichert, auf­recht terhält, böse ist, was es an­greift.

„Leben, als ob es G’tt nicht gäbe“ ist ein Leben mit einem gebroche­nen Verhältnis zum Ganzen der Wirk­lichkeit. Nicht nur das Jen­seits wird aus­ge­schal­tet, auch die Welt des Endlichen selbst spal­tet sich mit dem Schwund des Grundvertrauens: eine Hälfte der Wirk­lich­keit gilt als bedrohlich und droht mit Ver­nich­tung, die andere Hälfte schenkt Leben und Zukunft. Nicht mehr die ganze Welt ist Heimat, sondern nur der Teil, der konkret etwas schenkt. Der Rest ist Feind. Der Böse liebt nur halb. Es ist nicht so, dass er gar nicht lie­ben würde. Denn außer sich selber liebt er seine Frau, seine Familie, seine Freunde, sein Volk. Nur eben nicht das Ganze der Wirklichkeit. Er liebt nicht seine Feinde. Die Feinde hasst er. Aus der Perspektive der bejahenden Innensei­te ge­schieht die Vernei­nung des Außen immer mit „gutem Ge­wissen“. Das eigene Bezugs­feld ruft in die Pflicht und ver­langt Opfer. Der ungebremste Egoismus des Einzelnen muss sich auch hier „höheren Werten“ der Gemeinschaft unterord­nen. Es gibt die „Begierlichkeit des Fleisches“, die Knechtschaft der Angst usw., kleine und große „Sünden“, die die Gemeinschaft und das angestrebte Ziel zerstören können. Es gilt eine klare Binnenmoral. Wenn das Wohl der Familie oder sogar der ganzen Volks­ge­mein­schaft von meinem Verhalten abhängt, dann wird sehr viel an Disziplin verlangt.

Aus der Perspektive der Opfer, derer, die außen sind und bekämpft wer­den, tritt der Böse immer als mächtige Ver-nicht-ung auf. Der Böse will, dass die Anderen nicht seien. Er tötet, weil er den Tod fürch­tet. Das Gegenteil von Liebe ist in letzter Konsequenz immer Mord, weil das Menschsein des Ande­ren, sein unendlicher Anspruch, aus der eigenen Welt beseitigt wird. Der Böse sieht nicht, dass er böse ist. Oder ge­nauer gesagt: er will es nicht sehen. Der Böse sieht zwar, dass er Opfer produziert, aber er kann sich unter Umständen sogar damit rühmen. Dadurch, dass er die Opfer als böse erklärt, erklärt er, dass sie die „böse“ Be­handlung verdient haben, dass sie also ge­rechtfertigt und gut ist, denn indem er die Ande­ren besiegt, siegt „der Gute“.

Idolische Beziehung zu G’tt

Idolisch ist Religion dann, wenn sie nicht Antwort gibt auf den Ruf G’ttes, der als Berufung zur Liebe begeg­net, son­dern statt dessen der Selbstsiche­rung dient. Den Gott, der den Ego­ismus bestätigt, gibt es nicht. Er wird erfunden, um dem wahren G’tt nicht zu begegnen, um sich in der Liebe nicht verlie­ren zu müssen. Im Leben des Bösen ist die G’ttes­be­zie­hung, die absolu­te Ver­ant­wor­tung, zer­stört. Sie, weil sie in die Ver­antwor­tung auch für den „Feind“ ruft, wird zum ei­gent­lichen Feind. Es geht also darum, den letzten entschei­denden „Ort“ der Beunruhi­gung in den Griff zu bekom­men. Solche Religiosität ist in Wahr­heit eine „Got­tes­beziehung“ „als ob es G’tt nicht gäbe“, also athei­stisch.

Wenn die G’ttesbeziehung durch die Liebe nicht gelebt wird - und man kann sie nur in der liebenden Hingabe an den Anderen „verstehen“ - wird sie in Verlängerung des SEINs gedacht. So entsteht die Vorstellung einer „Hinterwelt“ hinter unserer Welt, die wie eine Projektion und damit Bestätigung der innerweltlichen Wünsche in eine „schlechte Unendlichkeit“ erscheint. – Der Tod dieses G’ttes für die Neuzeit ist eine Folge davon. Nach G’tt wurde gesucht, wo er nicht ist. Aber beim Verharren inner­halb des SEINs kommt es langfristig immer wieder zu einer „Rück­kehr der my­thi­schen Göt­ter18, zu einer Vergött­lichung des nicht­göttlichen SEINs. Die nationalsozialistische Ideologie ist ein Beispiel dafür.

Die idolische Religion tritt in den Dienst des Bösen, in den Dienst des Kampfes gegen den Feind. Diese Indienstnahme wird von Józef Tisch­ner eindrucks­voll be­schrie­ben: „Er besucht den Tempel in der ver­messe­nen Über­zeugung, sowohl die an Heiligkeit zu übertref­fen, die dem Tem­pel fernblei­ben, als auch jene, die neben ihm stehen. Er ist gekommen, um seinen Kampf gegen den Anderen und gegen die ihm feindliche Erde fortzuset­zen. Im Tempel, an diesem heiligen Ort, wähnt er sich an der Quelle übernatürlicher Kräfte, die er sich für seine Zwecke dienstbar machen möchte. Die von Gott herrührende Gnade bewertet er als eine Art Kraft und Gewalt. Sei­nen Glauben an Gott hat er auf das Funda­ment seines Unglaubens an den Menschen errich­tet. [...] Auf dem Altar bringt der Mensch nicht mehr sich selbst Gott zum Opfer dar, der Altar wird zum Ort, an dem Urteile gegen die Anderen voll­streckt werden. Am Altar schafft sich der Mensch seine private «Verdamm­tenschar». Für eine Begegnung gibt es keinen Raum mehr“19.

Es bleibt festzuhalten, dass der Bezug zur Liebe absolutes Kriterium für die Idol­freiheit der Religion ist.

Zerstörerische Wucherung des Bösen

Statt zu vertrauen, dass meine Identität in Gott aufgehoben ist, wird in der Struktur des Bösen die ganze Welt zu einem Schutz­wall des ge­ängstig­ten Her­zens umgebaut. So wird ein Kampf gegen die Wirk­lich­keit geführt. Echte zwischenmenschliche Kommunikation ist so un­möglich. Der Mensch wird zutiefst einsam. Das betrifft auch den Innenbereich der eigenen Welt. In der „Kamerad­schaft“ und unter „Genossen“ bleibt er einsam, weil er sich über die „gemeinsame Sache“ definiert und nicht mit seinem transzendenten Geheimnis ange­nom­men ist. Das gilt auch für die Ehe, wenn die „Lie­be“ der Partner darin ihren Sinn erschöpft, sich einen Ort in der Welt einzurichten. Diese Einsamkeit ist eine fundamentale Entfremdung, die sich zu einer zerstörerischen Krankheit aus­wächst. Das SEIN kann die metaphysische Sehnsucht nicht erfüllen, es frustriert auf Dauer die Suche nach dem gelobten Land, weil die An­erkennung der innersten Persönlichkeit aus­bleibt. Dem Men­schen geht auf, dass er als Mensch nicht ge­wünscht ist. Mit dem Maße, in dem dies be­wusst wird, wächst die Wunde, ver­raten worden zu sein. Der Knecht ent­larvt den Herrn als Un­ter­drüc­ker und Feind und die ganze Welt, die sie verbindet, bekommt eine feind­seli­ge Fär­bung. Auch der Herr, der den Knecht durch Ver­füh­rung und Dro­hung gefügig machen will, wird fru­s­triert. Denn er bekommt nicht die echte Anerkennung der freien Person, sondern die Heuchelei des Abhängi­gen. Auch seine Position baut auf Lüge. Deshalb wird auch ihm der Knecht zum Feind. Nun hat er den Feind nicht nur au­ßerhalb „seiner“ Welt, sondern auch innen. In der idolischen Welt kann niemand glücklich werden, denn ihre Verheißung ist macht­voller, aber leerer Schein, der sich als Betrug erweist.

Je mehr ich meine eige­ne mora­lische Fra­glich­keit spüre, um so unerträglicher werden Ande­re, die moralisch gerechtfertigt erschei­nen. Denn sie wirken wie eine ein­zige An­klage, wie ein Verdammungs­urteil. Deshalb trifft sie mein Hass, mein „blinder Hass“, weil sie mir etwas zeigen, was ich bewusst nicht sehen will. Das „gute Gewissen“ des Bösen flieht die Begeg­nung mit dem Guten - stellen kann es sich ihm nicht. „Das Dämo­ni­sche ist die Angst vor dem Guten“ schreibt Kierke­gaard20. Um nicht zuzugeben, dass ich falsch lebe, suche ich einen Sünden­bock, mit dem ich die inneren Widersprüche dem Anschein nach erklären kann. Der Sündenbock verhindert, dass ich meine Welt in Frage stellen lassen muss. So wächst die „Verhärtung des Herzens“. Der Mensch wird immer verschlossener gegenüber den An­sprü­chen der sittlichen Wirklich­keit und zugleich immer ge­walt­tä­tiger ihnen gegenüber.

Da­durch entsteht ein Teu­fels­krei­s des Bö­sen. Das Böse hat von sich aus die Tendenz, sich aus­zubreiten. Der Böse will, dass alle Menschen seinen Egoismus, seine Weltsicht und seine Wertun­gen mit­tragen. Die Folgen der Sünde bereiten das Terrain vor, von dem aus die Nachfolgenden ihre Entscheidungen treffen. Wir finden uns immer schon auf zerstörtem Terrain vor, persönlich (im Her­zen), ge­sellschaftlich (im Zwischen­menschlichen) und reli­gi­ös (in unserer G’ttesbezie­hung). Unsere morali­sche Sen­sibi­lität ist geprägt durch die Gesell­schaft, durch Tradi­tion und Religion, durch Fa­mi­lie und per­sönli­ches Schicksal. Dazu gehören negative Prägungen, Feindbilder, aggressive Verhaltensmuster, die wir unbewußt übernehmen. So entsteht eine mo­ra­lische Ohn­macht, die zu dem Boden ge­hört, auf dem wir stehen und von dem aus wir unsere Entscheidun­gen treffen.21 Ohne hier im Einzelnen näher auf die katholi­sche Erb­sündenlehre ein­gehen zu wollen, möchte ich doch darauf hinwei­sen, dass von hier aus ihre wesentliche Aussage zu verstehen ist. Die Ursünde wirkt sich auf die ganze Menschheit aus, „nämlich durch die Weiterga­be einer mensch­lichen Natur, die der ur­sprünglichen Heilig­keit und Gerechtigkeit ermangelt. Deswegen ist die Erbsün­de «Sünde» in einem übertragenen Sinn: Sie ist eine Sün­de, die man «miterhal­ten», nicht aber begangen hat, ein Zu­stand, keine Tat“22. Die philosophische Tradition unterscheidet zwi­schen actus hominis und actus humanus. Der actus homi­nis ist die Tat eines Menschen, die u.U. für einen Anderen böse, tödliche Folgen haben kann, aber nicht unbedingt ein actus humanus, ein freier moralischer Akt war, der personal verantwortet wurde.

IV ERLÖSUNG

Die Frage, die sich stellt, lautet: Wie hat das Gute eine Chance? Gibt es „das radikale Gute in der menschlichen Natur“? Und kann es sich gegen die Macht des Bösen durchsetzen?

Der Anspruch G’ttes

Das radikale Gute im Menschen be­steht in seiner ethischen Ansprech­bar­keit, in seiner Emp­fäng­lich­keit für die Forde­run­gen der Sitt­lich­keit. Diese hört nie auf, die wahre Identität auszumachen, und sie mel­det sich immer wieder gegen alle totä­li­tä­ren Ein­kap­se­lun­gen des stolzen „Ich“. Diese „vorursprüng­li­che“ An­sprechbarkeit verbindet mit allen ande­ren Men­schen und mit G’tt. Ich bin ich selbst nur in die­ser Verbundenheit - und ich verfehle mich getrennt von ihr. Die Diskrepanz meldet sich als Gewissensbiss. Der Ruf des Ande­ren kommt immer an und immer zwingt zur Stel­lungnahme. Deshalb hat das „gute Gewissen“ des Seinsdenkens, das in Wahrheit böse, weil mörderisch ist, nicht das letzte Wort. Das Gewis­sen, das vom Anderen ausgeht, entlarvt dasjenige, das dem SEIN und seinen Systemen verpflich­tet ist. Es gibt einen Gewissensbiss gegen das „gute Gewissen“. Auf diesem Hintergrund unterscheidet Levinas gutes und schlechtes Gewissen23: „gutes Gewissen“ zeichnet den seiner selbst sicheren verschlossenen Menschen aus, „schlechtes Gewissen“ den für den Ande­ren offenen.

Wenn ich einem anderen Men­schen begegne, ihm wirklich begegne, mit ihm rede und ihm in die Augen schaue, sprengt er meine Möglichkei­ten, ihn einzuord­nen und zu beherrschen. Der Blick des Anderen reißt mich heraus aus mei­nem Um-mich-selbst-Kreisen und stürzt mich vom Thron meiner Herr­schaft. Durch diesen Blick, der in meine Welt einge­drungen ist und den ich nicht mehr vergessen kann, ändert sich alles. Ein Sinn tut sich auf, der tiefer ist als das SEIN und in dem alles SEIN erst Sinn be­kommt: die Liebe. Alles Brot, das ich für mich hatte, bekommt jetzt seinen Sinn erst im Teilen. Das Für-den-Anderen-sein-sollen löst eine exi­sten­tiel­le Beunruhi­gung aus. Ich soll das SEIN loslassen, an dem ich mich festhalte. Dadurch werde ich zutiefst verwund­bar. Lieben kann nur, wer verletzlich ist, und zwar rück­haltlos. Nur wer von dieser Welt Abschied zu neh­men vermag, kann lieben. - Aber wer kann das? Wie kann man den Anderen annehmen, wenn er den Tod bringt? Die Erlösung kommt aus dem liebenden Entgegen­kommen G’ttes. Nur wer G’tt zu ver­trau­en ver­mag, kann lie­ben. Aber wie zu diesem Ver­trauen finden?

Offenbarung G’ttes

Die bibli­sche Of­fenbarung wendet sich von Anfang an gegen die Gefangenschaft in der Struktur des Bösen. Schon die Botschaft der Schöpfungsbe­richte, die die Tradition des Vol­kes Israel überliefert hat, ist ein Wun­der: an­ders als in Mytho­lo­gien und Theo­logien ande­rer Völker wird die ein­deu­ti­ge Güte des ein­zi­gen Schöp­fers be­kannt, zu­sammen mit der ur­sprüng­li­chen Güte der Schöp­fung und des Menschen: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut“. Die Un­ter­legen­heit des Bö­sen, das in der freien Ver­ant­wor­tung der von G’tt geschaf­fenen und geliebten We­sen wurzelt, durch­zieht als roter Faden die ganze jü­disch-christli­che Offenba­rung. Die größte Gefahr für den Menschen bilden seine Idole, deshalb beginnen die „Zehn Gebote“ mit dem strengen Idolverbot (Ex.20,3-6 u. Dtn.5,7-10). An G’tt festzuhal­ten, das ist das Fundament, auf dem allein das Leben gelin­gen kann. Das Fundamen­talge­bot lautet daher: „Höre Israel! JHWH, unser Gott, JHWH ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Diese Worte, auf die ich dich heute verpflich­te, sollen auf deinem Herzen geschrie­ben stehen“ (Dtn.6,4-6). Die Liebe zu G’tt ruft in die Konsequenz der Verant­wortung vor dem Nächsten. Jesus aus Nazareth ist sich mit dem Schrift­ge­lehr­ten ei­nig: „Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Näch­sten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese bei­den“ (Mk.12,31). Dieses zweite Gebot ist im Lichte der Liebe G’ttes zu ver­ste­hen: absolut. „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch ver­folgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Him­mel wer­det; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt reg­nen über Gerechte und Unge­rech­te.“ (Mt.5,44-48). Jesus hat diese Liebe gelebt, bis zur Hingabe seines Lebens am Kreuz.

Hier wird der wesentliche Unterschied zwischen der Nach­fol­ge Jesu und einem Führerkult deutlich: Jesus nimmt sich selbst ganz zurück, bis in den Tod, um das Vertrauen in den Vater zu wecken, um zum Grund­ver­trau­en in die Weis­heit der Schöpfung zu be­freien. Er ist gewis­ser­ma­ßen keine neue Zugabe zu der Schöp­fungswirklich­keit, sondern die tiefste Offenba­rung dieser Schöpfungswirk­lichkeit selbst. Jesus nachfol­gen be­deutet, in ihm dem Vater vertrauen und sich der Her­aus­forde­rung des personalen Anspruches der Wirk­lich­keit radi­kal zu stellen. – Ein idolischer Führer ent­fremdet von dieser Wirklichkeit und verkündet sich selbst als Er­eignis, das jetzt neu und zusätzlich in die Geschichte einge­treten ist und dem alles Ver­trauen auf G’tt und alle Einsicht in Wahrheit von nun an übertragen werden muss. Alles Heil hängt jetzt vom blin­den (! - denn dem An­spru­che der Wirk­lichkeit ent­fremdenden) Glau­ben an ihn ab. Idoli­scher Füh­rerkult miss­traut der Schöpfung und dem in der Schöpfungswirk­lichkeit verwurzelten gött­lichen Bund.

In einer Welt, in der das Grund­ver­trau­en zu­tiefst ver­letzt ist, schenkt die Begeg­nung mit der Of­fen­ba­rung, die ge­schichtlich kon­kret in der Welt des SEINs die gött­liche Liebe be­zeugt, den Mut, sich auf die Liebe da einzu­lassen, wo sie Leben kostet.

Bekehrung

Indem ich G’tt Antwort geben will, wird mir be­wusst, wie oft ich ihn verstoßen habe. In diesem Ver­stoßen, nicht in meiner Endlichkeit, liegt meine un­endliche und von mir aus nie gutzumachende Schuld. Denn wo immer ich einen Menschen ver­stoßen habe, habe ich ihn getötet: er sollte in meiner Welt nicht sein. Damit habe ich gewis­sermaßen G’tt getötet, der mich in ihm an­sprach: er soll­te in meiner Welt nicht sein. Nach den eige­nen Kriterien habe ich mir deshalb aus der Sicht des Anderen die Verdammung ver­dient: So ein Mörder wie ich soll nicht sein.

Die Botschaft der Offenbarung, daß G’tt den Sün­der nicht verdammt, sondern trotz allem ihm barmherzig zuge­wan­dt bleibt, ist die eigent­lich demütig- und freima­chen­de Er­lösungsbot­schaft. Die Liebe, mit der G’tt den Sünder liebt, ist eine Liebe, die leidet24. G’tt lässt sich vom Sünder gewissermaßen verletzen und töten und er be­jaht ihn doch. Es gibt keine Sünde, die G’tt nicht vergeben würde, es gibt keine Schuld, die die Rückkehr zu ihm unmöglich machte. Wo diese Rückkehr gewollt wird, ist dieses Wollen schon ein Geschenk der Gnade, bedeutet es schon Be­rührtwordensein von der entgegenkommenden Liebe, die den Wunsch der Umkehr überhaupt erst möglich macht.

Die Rückkehr in die Beziehung zu G’tt bedeutet das Ende der Lüge, ein neuer Realismus, Rückkehr in die Beziehung zu der Wirklichkeit, die mich in die absolute Verantwortung vor dem Anderen ruft. Ausrich­tung auf G’tt geschieht als Ausrichtung auf die Liebe. So verstanden entfrem­det G’tt nicht den Men­schen. Son­dern im Ge­gen­teil, die Mensch­lichkeit des Menschen, die in der Liebe zu sich selbst kommt, wird gestärkt.

Durch diese An­nahme seiner Beru­fung besiegt der Mensch die Macht des Bösen. Das Sub­jekt durchquert eine „Nacht des Unbewuss­ten“. In dieser Nacht wird die neue Iden­tität geboren. Die Furcht vor dem Tode wandelt sich in die Furcht, einen Mord zu bege­hen, in die Unmög­lich­keit, den Anderen in seiner Sterblich­keit allein zu lassen. Das Antlitz des Anderen macht mein starkes Selbstbe­wusst­sein schwach, lässt mich human werden, erschüttert von der Not des Anderen. Die­se Tränen sind es, die die Wahr­heit von der Ideo­logie trennen und die eine neue Identität bezeu­gen.25

Sich von seinem Selbst zu lösen, um für den Ande­ren zu leben, ist ein schmerzhafter Prozess. Mein Leben wird zum Opfer für den Anderen. Wahre Kom­munikation ist nur möglich, wenn ich bereit bin, den Anderen so zu tragen und zu er­tragen, wie er ist, unbe­herrschbar. Ich muss ihn tragen in seiner Armut, ins­besondere auch mit seiner Schuld, auch wenn er mich verletzt. Diese Bewegung mündet in die Sühne für den Ande­ren. Wenn ich das Leiden, das ich durch den Ande­ren erfahre, nicht nur irgendwie aushalte, sondern dabei in einem positiven Verhältnis zu ihm bleibe, dann wird das Leiden durch den Anderen schon für den Ande­ren. Aufgrund sei­ner vor­ursprünglichen Heiligkeit ist der Mensch - ge­wissermaßen wider Willen - beru­fen, in der Welt von heute ein Märtyrer der Liebe zu sein. Der Weg der Hingabe an den Anderen wird immer ohne Gewissheit gegangen. Es gibt im Leiden einen Überschuss an Sinnlosig­keit, der verhindert, dass es verrechenbar wird mit einem innerweltlichen Sinn. Geduld und Gebet, Warten auf G’tt und Zeit haben für den Nächsten machen die Grundhaltung des liebenden Menschen aus.

Meine Antwort wäre vollkommen und dem Anruf G’ttes entsprechend, müsste sie sich nicht erst durch den sittlichen Imperativ aus dem Kleben am SEIN her­aus­rufen las­sen. Es gibt so viele alte Prägungen, bewusste und unbe­wusste, die das Verhalten mitbestimmen, dass die Ant­wort an G’tt nur wie eine große Sehnsucht sein kann, wie ein un­endliches Begehren, wie die Beziehu­ng zu einem fer­nen Licht, das auf holp­rigen Wegen orien­tiert. Nachfolge kann nur dem gelingen, der mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht hat, der ihn aus dem Tod befreien konnte26. Und doch ge­lingt sie nie ganz. Auch die „Hei­ligen“ müssen die Verge­bungs­bitte des Vaterunser „in Wahrheit und nicht nur aus Demut“ auf sich selbst anwenden, hat das Kon­zil von Trient er­klärt27.

Zivilisation der Liebe

Durch Gebet als „Arbeit des Herzens“ werden „die Ruinen der Schöp­fung repariert“28 und neues Leben, Frieden möglich. In unserem tägli­chen Mit­einanderleben gibt es eine transzendente Grundlage, dank derer wir anders als im Kon­kurrenz­kampf um Le­bens­raum miteinander umgehen können. Wenn sich das Böse als „Sprachkrise“ beschreiben läßt, weil es die Beziehung zum Anderen abbricht, so das Gute als bleibende Verantwortung und die Fä­hig­keit zum Wort noch im Leid. „Der Friede er­eig­net sich als diese Fähig­keit zum Wort. Die escha­tolo­gi­sche Sicht zer­bricht die Totali­tät der Kriege und Imperien, in denen nicht gesprochen wird“29.

Es geschieht, dass ich den Anderen, der mir nahe ist, gegen das Böse, das der Dritte ihm an­tut, schützen muss. Der Hilferuf des Armen enthält fast immer diese Bitte. Sich dieser Her­ausforderung nicht zu stellen, würde Flucht aus der Verantwortung bedeuten. Wenn in solch einem Fall der direkte Dialog als Weg aus der Krise unmöglich geworden ist, kann als letzte Möglichkeit Gewaltanwendung übrig blei­ben. Das gilt auch für den Krieg. Der wahrhafte Kampf ist an den Geist der Liebe und Geduld gebun­den, die den Anderen, den Gegner, auch in seiner Schuld nicht ver­lässt. Die Geduld „kommt von einem großen Mitleid. Die Hand, die die Waffe ergreift, muss gerade unter der Gewalt dieser Geste leiden“30. Damit der Krieg gegen den Krieg nicht verfestigt, was er bekämpfen will, „braucht es eine Seinsschwäche zweiten Grades: im gerechten Krieg, der gegen den Krieg geführt wird, unablässig zittern - ja schaudern - gerade um dieser Gerechtigkeit willen“31, gerade um der Menschlichkeit aller willen.

Deshalb ist ein Ver­ständnis von Gesellschaft und Staat zu gewinnen, das von der unaustauschbaren Verantwortung für den Einzel­nen aus­geht und es un­möglich macht, den Einzelnen nur als Teil einer anonymen Masse zu begrei­fen. Es geht in diesem Sinne um die Suche nach einer religiösen Ordnung.32 Grundlage für die lebendig verstandene Gerechtig­keit ist der Dialog33, der sich als offene Begegnung ver­steht und die Bereitschaft voraussetzt, die Ge­schlossenheit des eigenen SEINs vom Anderen verletzen zu lassen.

"Auschwitz" ist zum Synonym für Unmenschlichkeit, Gottesferne und Massenmord geworden. Es war auch ein Frontalangriff auf die biblische Offenbarung und deren Menschenbild, mit dem Vernichtungskrieg gegen das jüdische Volk im Zentrum. "Auschwitz" darf nicht siegen. Wir dürfen uns durch den Schock von "Auschwitz" nicht verhärten und verbittern lassen, sondern müssen im Gegenteil die Menschlichkeit wieder in ihr Recht einsetzen und die Hoffnung zurückgewinnen, die uns ermöglicht, an die Liebe zu glauben. Stärker als die Macht war, mit der "Auschwitz" durchgeführt wurde, muss unser Engagement werden, um "nach Auschwitz" eine Zivilisation der Liebe zu schaffen, deren Mitte die jüdisch-christliche Offenbarung vom Menschen als Ebenbild G’ttes bildet. Ein Beitrag dazu will diese Arbeit sein.


 


1     Manfred Deselaers, „Und Sie hatten nie Gewissensbisse?“: Die Biographie von Rudolf Höß, Kommandant von Auschwitz, und die Frage nach seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen. Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, 2014.
2     EMMANUEL LEVINAS, Humanismus des anderen Menschen. Übers. v. Ludwig Wenzler. Hamburg: Meiner, 1989, S. 73.
3     Vgl. dazu LEVINAS, Totalität und Unendlichkeit : Versuch über die Exteriorität. Übers. V. Wolfgang Nikolaus Krewani. Freiburg(Br.)/ München: Alber, ²1993, S. 58.289.442.
4     IMMANUEL KANT, Grundlegung der Metaphysik der Sitten, BA 67, Weischedel IV, S. 61.
5     Vgl. LEVINAS, Totalität und Unendlichkeit , S. 308f.
6     PAUL RICOEUR, Die Fehlbarkeit des Menschen. Phänomenologie der Schuld, Bd. 1. Übs. v. M. Otto. Freiburg (Br.)/München: Alber, 1971, S. 153.
7     RICOEUR, Die Fehlbarkeit des Menschen, S. 155.
8     LEVINAS, Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht. Übersetzt von Thomas Wiemer. Freiburg/München: Alber 1992, S. 256.
9     Vgl. De Veritate, Quaestio XXII.
10     Vgl. SIMONE WEIL, Zeugnis für das Gute. München: dtv, 1990, S. 45-53.
11     Die Unterscheidung zwischen dem allgemeineren Begriff "Übel" und dem spezifisch ethischen "Bö¬sen" gibt es in anderen Spra¬chen weni¬ger deut¬lich als im Deut¬schen. "The problem of evil", "le pro¬blème du mal" umfassen sowohl das Böse wie das Übel. Ähn¬liches gilt für die verschiede¬nen hebräi¬schen und griechischen Aus¬drücke. Der Be¬griff "Sünde" bezieht sich aus¬drücklich auf die religiöse Bezie¬hung. Allen gemeinsam ist das bedrohliche Lebens¬gefähr¬dende. Vgl. Arti¬kel "Das Böse" in: Theolo¬gische Realenzyklopä¬die, VII (1981), S. 9.
12     Vgl. JÓZEF TISCHNER, Das menschliche Drama. Phänomenologi¬sche Studien zur Philosophie des Dramas. Aus d. Poln. v. Sta¬nisław Dzida. (Übergänge, Bd.21) München: Fink, 1989, S. 244f.
13     Im Psalm 22 wird die Gottesferne "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich ver¬lassen, bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?" (v.2) erlebt vor dem Hinter¬grund ein¬stiger Nähe in der Mutterschaft: "Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog, mich barg an der Brust der Mutter. Von Geburt an bin ich geworfen auf Dich, vom Mutterleib an bist Du mein Gott. Sei mir nicht fern, denn die Not ist nahe, und nie¬mand ist da, der hilft" (vv. 10-12).
14     Gen. 3,4. Buber-Rosenzweig-Übersetzung.
15     Vgl. TISCHNER, Das menschliche Drama, S. 179,
16     LEVINAS, Dialog. Übs. v. G.u.M. Lorenz-Bourjot. In: Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft. Bd. 1, Freiburg (Br.): Herder 1981, S. 70.
17     Vgl. LEVINAS, Totalität und Unendlichkeit , S. 19.
18     LEVINAS, Totalität und Unendlichkeit , S. 273.
19     TISCHNER, Das menschliche Drama, S. 240f.
20     SÖREN KIERKEGAARD, Der Begriff Angst. Düsseldorf: Diederichs, 1958, S. 144.
21     Vgl. PIET SCHOONENBERG, Der Mensch in der Sünde. In: Mysterium Salutis. Grundriß heilsgeschichtlicher Dogmatik. Bd. 2. Einsiedeln, Zürich, Köln: Benzinger, ³1978, S. 895.
22     Katechismus der Katholischen Kirche, 1993, Nr. 404.
23     Das französische Wort für Gewissen, "conscience", ist identisch mit dem für Bewusst¬sein.
24     Vgl. LEVINAS, Vom Beten ohne zu bitten. Anmerkungen zu einer Moralität des Jüdischen. In: Damit die Erde menschlich bleibt. Gemeinsame Verantwortung von Juden und Christen für die Zukunft. Hg. v. W. Breuning u. H. Heinz. Freiburg (Br.): Herder, 1985, S. 70.
25     Vgl. LEVINAS, Jenseits des Seins, S. 110.
26     Vgl. Hebr. 5,7.
27     Denzinger-Schönmetzer, Nr. 228-230.
28     LEVINAS, Vom Beten ohne zu bitten, S. 69.
29     LEVINAS, Totalität und Unendlichkeit , S. 23.
30     LEVINAS, Humansimus des anderen Menschen. Übersetzt u. Einleitung von Ludwig Wetzler. Hamburg: Meiner, 1989, S. 106, Anm. von L. Wenzler, zit. aus: E. LEVI¬NAS, Difficile liberté, 1976, S. 219f.
31     LEVINAS, Jenseits des Seins, S. 394.
32     LEVINAS, Totalität und Unendlichkeit , S. 356.
33     Levinas unterscheidet zwei grundsätzlich einander entgegengesetzte Weisen des Dialogs. Vgl. zur negativen Dialoggestalt Kap. III.

Gedruckt in: Gott und Auschwitz. Über Edith Stein, den Besuch von Papst Benedikt XVI. und Gott in den Düsternissen der Geschichte. Herausgegeben von Manfred Deselaers, Leszek Łysień, Jan Nowak. UNUM Verlag, Zentrum für Dialog und Gebet, RENOVABIS Krakow-Oświęcim-Freising, 2010.
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