Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

Manfred Deselaers – Edith Stein von Auschwitz aus gesehen

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3. Die dunkle Nacht
In der „Kreuzeswissenschaft“ stehen die Sätze: „Wir wissen ..., dass ein Zeitpunkt kommt, in dem die Seele ... völlig in Dunkelheit und Leere versetzt wird. Es bleibt ihr gar nichts anderes mehr, woran sie sich halten könnte, als der Glaube. Der Glaube stellt ihr Christus vor Augen: den Armen, Erniedrigten, Gekreuzigten, am Kreuz selbst vom göttlichen Vater Verlassenen. In seiner Armut und Verlassenheit findet sie die ihre wieder.16
Wir wissen nicht, ob der Glaube Edith Stein auch in der Hölle von Birkenau bis zuletzt geholfen hat. Wir wissen ja nicht einmal sicher, ob sie wirklich in Auschwitz angekommen ist. Es sind nur Vermutungen. Ebenso schließen wir nur aus allem, was sie vorher gelebt hat, dass sie mit ihrem Glauben in den Tod gegangen ist, dass er sie getragen hat. Aber das ist für uns nur eine Hoffnung, wir wissen es nicht. Und freilich ist auch das Schweigen von Edith Stein in Auschwitz beredt.
Ich möchte nochmal die Blickrichtung wechseln. Elie Wiesel hat gesagt, Jesus habe zu kurz gelitten, sei zu schnell gestorben... Wer in Auschwitz leben musste, konnte kein Heiliger bleiben. Elie Wiesel schreibt auch über die Gottesferne im Lager. Die vielleicht berühmteste Stelle17 ist die folgende:
Nie werde ich diese Nacht vergessen, die erst Nacht im Lager, die aus meinem Leben eine siebenmal verriegelte lange Nacht gemacht hat. Nie werde ich diesen Rauch vergessen. Nie werde ich die kleinen Gesichter der Kinder vergessen, deren Körper vor meinen Augen als Spiralen zum blauen Himmel aufstiegen. Nie werde ich die Flammen vergessen, die meinen Glauben für immer aufzehrten. Nie werde ich das nächtliche Schweigen vergessen, das mich in alle Ewigkeit um die Lust am Leben gebracht hat. Nie werde ich die Augenblicke vergessen, die meinen Gott und meine Seele mordeten, und meine Träume, die das Antlitz der Wüste annahmen. Nie werde ich das vergessen, und wenn ich dazu verurteilt wäre, so lange wie Gott zu leben. Nie.18
Glaube in Auschwitz ist immer Glaube in der dunklen Nacht. In Frage gestellter Glaube. Wenn ich jetzt weiter ein paar Texte von Edith Stein zitiere, dann weil es Texte sind, die mir helfen, wie Spuren, auf denen ich meinen eigenen Glauben wagen kann, wie eine Verheißung, aber ohne Sicherheit. Edith Stein schrieb in der „Kreuzeswissenschaft“:
Die Welt, die wir mit den Sinnen wahrnehmen, ist ja natürlicherweise der feste Grund, der uns trägt, das Haus, in dem wir uns heimisch fühlen, das uns nährt und mit allem Nötigen versorgt, Quelle unserer Freuden und Genüsse. Wird sie uns genommen oder werden wir genötigt, uns aus ihr zurückzuziehen, so ist es wahrlich, als wäre uns der Boden unter den Füßen weggezogen und als würde es Nacht rings um uns her; als müßten wir selbst versinken und vergehen. Aber dem ist nicht so. In der Tat werden wir auf einen sicheren Weg gestellt, allerdings auf einen dunklen Weg, einen in Nacht gehüllten: den Weg des Glaubens. Es ist ein Weg, denn er führt zum Ziel der Vereinigung. Aber es ist ein nächtlicher Weg, denn im Vergleich mit der klaren Einsicht des natürlichen Verstandes ist der Glaube eine dunkle Erkenntnis: er macht uns mit etwas bekannt, aber wir bekommen es nicht zu sehen.“19
In „Endliches und ewiges Sein“ schrieb sie: „Der Glaube ist ein >dunkles Licht<. Er gibt uns etwas zu verstehen, aber nur, um uns auf etwas hinzuweisen, was für uns unfaßlich bleibt. Weil der letzte Grund alles Seienden ein unergründlicher ist, drum rückt alles, was von ihm her gesehen wird, in das >dunkle Licht< des Glaubens und des Geheimnisses.20
Noch einmal aus der „Kreuzeswissenschaft“: „Wenn die Seele erkennt, dass Christus in der äußersten Erniedrigung und Vernichtung am Kreuz das Größte gewirkt hat, die Versöhnung und Vereinigung der Menschheit mit Gott, dann erwacht in ihr das Verständnis dafür, dass auch für sie das Vernichtetwerden, der >Kreuzestod bei lebendigem Leibe, im Sinnlichen wie im Geistigen<, zur Vereinigung mit Gott führt. Wie Jesus in seiner Todesverlassenheit sich in die Hände des unsichtbaren und unbegreiflichen Gottes übergab, so wird sie sich hingeben in das mitternächtliche Dunkel des Glaubens, der der einzige Weg zu dem unbegreiflichen Gott ist. So wird ihr die mystische Beschauung zuteil, der >Strahl der Finsternis<, die geheimnisvolle Gottesweisheit, die dunkle und allgemeine Erkenntnis: sie allein entspricht dem unfaßlichen Gott, der den Verstand blendet und ihm als Finsternis erscheint. Sie strömt in die Seele ein und kann es umso lauterer, je freier die Seele von allen Eindrücken ist. Sie ist etwas viel Reineres, Zarteres, Geistigeres und Innerlicheres als alles, was der Erkenntnis aus dem natürlichen Geistesleben bekannt ist, auch hinausgehoben über die Zeitlichkeit, ein wahrer Anfang des ewigen Lebens in uns. Es ist kein bloßes Annehmen der gehörten Glaubensbotschaft, kein bloßes Sichzuwenden zu Gott, den man nur vom Hörensagen kennt, sondern ein inneres Berührtwerden und ein Erfahren Gottes, das die Kraft hat, von allen geschaffenen Dingen loszulösen und emporzuheben und zugleich in eine Liebe zu versenken, die ihren Gegenstand nicht kennt.21
Und in einem Brief schreibt sie, dass sie hofft, endlich einmal, in der Ewigkeit, alles klar sehen und verstehen zu können, was für sie jetzt nur unbegreifliches Geheimnis ist. „Meine große Freude ist die Hoffnung auf künftige Klarheit. Der Glaube an die geheime Geschichte muss uns auch immer stärken, wenn das, was wir äußerlich zu sehen bekommen (an uns selbst und an den anderen), uns den Mut nehmen möchte.22
Ich habe das nicht zitiert, um sie gegen Elie Wiesel auszuspielen, sondern um das Feld zu beschreiben, in dem ich suche. Auch Elie Wiesel ist nicht einfach Atheist; der letzte Satz des Abschnittes, den ich zitiert habe, lautete: „Nie werde ich das vergessen, und wenn ich dazu verurteilt wäre, solange wie Gott zu leben...“. „Solange wie Gott zu leben“ ... - also lebt Gott. Das ist wie ein getarntes Glaubensbekenntnis. Wiesel sagte auch, man könne Auschwitz nicht mit Gott verstehen und man könne es nicht ohne Gott verstehen.23

4. Wie sah sie ihr Verhältnis zum jüdischen Volk?
Wir wissen, dass sie ihr Volk geliebt hat. Wir wissen, dass sie manchmal sehr verärgert war, wenn in ihrem Umfeld antijüdische Bemerkungen fielen. Sie schrieb die autobiographische Geschichte ihrer Familie, um besonders der katholischen Jugend zu zeigen, wie jüdisches Leben ganz realistisch aussieht, entgegen aller Propaganda. Sie hat sich zutiefst innerlich glücklich gefühlt, dass Jesus von ihrer Familie, ihres Blutes war.
Aber trotzdem, in ihrem Testament schrieb sie: „Schon jetzt nehme ich den Tod, den Gott mir zugedacht hat, in vollkommener Unterwerfung unter seinen heiligsten Willen mit Freude entgegen. Ich bitte den Herrn, dass er mein Leben und Sterben annehmen möchte zu seiner Ehre und Verherrlichung, für alle Anliegen des Heiligen Herzens Jesu und Mariae und der Heiligen Kirche, insbesondere für die Erhaltung, Heiligung und Vollendung unseres heiligen Ordens, namentlich des Kölner und Echter Karmels, zur Sühne für den Unglauben des jüdischen Volkes und damit der Herr von den Seinen aufgenommen werde und sein Reich komme in Herrlichkeit, für die Rettung Deutschlands und den Frieden der Welt, schließlich für meine Angehörigen, lebende und tote, und alle, die mir Gott gegeben hat: dass keiner von ihnen verloren gehe.24
Was bedeutet das, dass sie ihr Leben aufopfert, aufopfern will „zur Sühne für den Unglauben des jüdischen Volkes“? Manchmal wird dieser Gedanke in Lebensbeschreibungen Edith Steins ausgelassen und die Auslassung mit drei Punkten gekennzeichnet, oder es wird mit anderen Worten anders gesagt: „Für ihr Volk, für die Deutschen, für den Frieden“... Und das ist auch gut so, um Missverständnisse zu vermeiden. Aber wenn wir ehrlich sein wollen, müssen wir Rechenschaft geben darüber, was wir mit der Heiligsprechung von Edith Stein, damit, dass ihr Glaube uns Vorbild sein soll, meinen. Was bedeutet das: sie sühnt für den Unglauben des jüdischen Volkes? Ist das nicht das tödliche, alte, antijüdische Klischee, das hier durchschlägt? Deshalb möchte ich genau darauf eingehen und fragen: Wie hat Edith Stein das gemeint? Natürlich hat sie vor dem II. Vaticanum gelebt, und heute würde sie es vielleicht anders formulieren. Aber die Sätze stehen da. Sie hat sie so gemeint, wie sie dastehen. Also: wie hat sie sie gemeint?

a) „Unglaube“
Zuerst das Wort „Unglauben“. Was meinte Edith Stein mit „Unglauben des jüdischen Volkes“? In den Augen von Edith Stein ist nicht das jüdische Volk als solches ungläubig, denn vom starken Glauben ihrer Mutter hielt sie viel und war überzeugt, dass er sie zu Gott führte. Der „Unglaube der jüdischen Volkes“ bezieht sich m.E. allein auf die Ablehnung von Jesus als Messias.
Wir wissen, dass es für die Mutter ein Schock war, wie ein tiefer Verrat, dass ihre Lieblingstochter katholisch wurde und dann in den Karmel ging. Edith Stein schrieb darüber: „Die letzten Wochen zu Hause und der Abschied waren natürlich sehr schwer. Meiner Mutter etwas verständlich zu machen, war ganz unmöglich. Es bleibt in seiner ganzen Härte und Unfasslichkeit stehen und ich konnte nur gehen in dem festen Vertrauen auf Gottes Gnade und die Kraft unseres Gebetes. Dass meine Mutter selbst gläubig ist, schließlich ihre auch immer noch so starke Natur machen es etwas leichter.25 Und wir wissen, immer wenn Edith Stein nach Hause kam oder wenn die Mutter Briefe schrieb, war es sehr schwierig und spannungsreich, diese Frage zu besprechen. Die Mutter attackierte sie, auch gegenüber den Geschwistern.26
Einmal - Edith Stein ging mit in die Synagoge, wenn sie zu Hause war - einmal ging die Mutter extra den langen Weg zu Fuß zurück, um Zeit zu haben, mit ihrer Tochter Edith zu sprechen. Sie fragte ihre Tochter: „Man kann also auch jüdisch fromm sein?“ Edith Stein antwortete: „Gewiß, wenn man nichts anderes kennengelernt hat.“ „Warum“, fragte die Mutter, „warum hast du ihn kennengelernt?“ - Und dann aber: „Ich will nichts gegen ihn sagen. Er mag ein guter Mensch gewesen sein. Aber warum hat er sich zu Gott gemacht?27
Das ist das - religiöse - Schlüsselproblem zwischen Juden und Christen. Warum hat er sich zu Gott gemacht?! Und, ganz praktisch, in Auschwitz ist eines der Argumente der orthodoxen Juden, dass es ihnen verboten ist, in der Nähe des Kreuzes zu beten, weil die hebräische Bibel verbiete, in der Nähe von Götzendarstellungen zu beten. Wenn die Darstellung von Jesus, dem Gekreuzigten, verstanden wird als Darstellung eines Götzen, (‚Gott ist im Himmel, und da ist noch ein Gott?‘) - dann ist es für fromme Juden verboten, dort zu beten; das ist eines der religiösen Argumente dafür, dass in Auschwitz, auf dem jüdischen Friedhof, kein Kreuz sein darf. Im Milieu des christlich-jüdischen Dialoges herrscht meist ein Konsens darüber vor, dass es uns ja um denselben Gott geht, dass wir, wenn wir glauben, dass er sich in Christus offenbart hat, nicht an einen zusätzlichen zweiten - und dann dritten - Gott glauben, sondern an eine Offenbarungsweise. Aber das ist hier jetzt nicht auszuführen. Ich möchte hier nur betonen, dass die Ablehnung des Christentums bei der Mutter aus ihrer Treue zu ihrem Gottesverständnis kommt.
Edith Stein schrieb in einem Brief: „Darum habe ich meiner Mutter weder die Konversion noch den Eintritt in den Orden je verständlich machen können. [...] Ich kann nur darauf bauen, dass sie ihr Leben lang ein kindliches Gottvertrauen hatte und dass es ein Opferleben war.28
Und: „Das ‚Scimus, quoniam diligentibus Deum...‘ [Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alles zum Besten gereicht, Röm. 8,28] wird gewiß auch meiner lieben Mutter zugutekommen, denn sie hat ‚ihren‘ lieben Gott (wie sie oft mit Nachdruck sagte) wirklich lieb gehabt und im Vertrauen auf ihn viel Schweres getragen und viel Gutes getan.“29
Oder: „Es hat mir immer sehr fern gelegen zu denken, dass Gottes Barmherzigkeit sich an die Grenzen der sichtbaren Kirche binde.30
Der Schlüsseltext für mich stammt vom Fest Kreuzerhöhung im Jahr 1936, dem Jahr, als ihre Mutter starb. Am Fest Kreuzerhöhung, darauf habe ich schon hingewiesen, war im Karmel Gelübdeerneuerung. „Als ich an der Reihe war, meine Gelübde zu erneuern, empfand ich, dass meine Mutter bei mir war. Ich habe ihre Nähe deutlich erfahren.“ Ein Telegramm aus Breslau bestätigte, dass ihre Mutter genau in diesem Augenblick gestorben war. Das war für Teresa Benedicta ein großer Trost. Danach waren Gerüchte aufgekommen, die Mutter hätte sich vor ihrem Tod bekehrt. Edith Stein dazu: „Die Nachricht von ihrer Konversion war ein völlig unbegründetes Gerücht. Wer es aufgebracht haben mag, weiß ich nicht. Meine Mutter hat bis zuletzt an ihrem Glauben festgehalten. Aber weil ihr Glaube und das feste Vertrauen auf ihren Gott von der frühesten Kindheit bis in ihr 87. Jahr standgehalten hat und das Letzte war, was noch in ihrem schweren Todeskampf in ihr lebendig blieb, darum habe ich die Zuversicht, dass sie einen sehr gnädigen Richter gefunden hat und jetzt meine treueste Helferin ist, damit auch ich ans Ziel komme.“31 Das ist im Grunde ein ungeheurer Satz. Die Mutter, die gläubige Jüdin, ist jetzt bei Gott als Fürsprecherin für ihre christliche Tochter, Fürsprecherin dafür, dass auch ihre Tochter das Ziel erreicht, wo sie schon ist, bei dem Gott der Väter. Die jüdische Mutter ist für Edith Stein die beste Fürsprecherin: Edith Stein hat ihren Weg als Christin immer als ihren Weg zu ihrem gemeinsamen Gott verstanden.
Wenn Edith Stein vom Unglauben der Juden schrieb, dann wünschte sie natürlich, dass sie - so wie sie selbst - sehen, wie sehr Gott sie in Jesus Christus liebt.32 Aber wenn sie das nicht sehen können, doch Gott die Treue halten wie ihre Mutter, dann ist das ihr Weg zum Ziel. Nur in diesem Kontext ist das Wort ‚Unglaube‘ zu verstehen: ohne jeden Schuldvorwurf.

b) „Sühne“
Und jetzt das zweite Wort: Sühne. Was meinte Edith Stein mit ‚Sühne für den Unglauben‘? Edith Stein schrieb: „Meine Mutter war das starke Band, das die Familie zusammenhielt, jetzt schon vier Generationen. Jetzt hält sie noch die Sorge um sie alle gefesselt [...] Was dann kommt, wird für die Zurückbleibenden schwerer sein. Ich werde mein ganzes Leben hindurch für sie einstehen müssen.33
Sie sah, dass sie in ihrer Familie die Rolle ihrer Mutter übernahm. Sühne ist, davon bin ich tief überzeugt, fast ein anderes Wort für Mutterliebe. Die Mutter hatte die Familie zusammengehalten. Es war eine sehr lebendige und schwierige Familie. Die Mutter hatte ihr Leben aus der Kraft ihres Glaubens dafür aufgeopfert. Und da, wo sie nicht mehr konkret helfen konnte, hatte sie zu Gott gebetet und war vor Gott für ihre Kinder eingestanden. Und sie hatte Ihn - so verstehe ich das - angefleht: ‚Meine Kinder gehen so viele verschiedene Wege. Wenn sie Schuld haben, rechne ihnen ihre Schuld nicht an, sondern rechne das alles mir an!‘ - Das ist, denke ich, ein Urbedürfnis für eine liebende Mutter, so zu flehen. ‚Rechne ihnen ihre Schuld nicht an, rechne sie mir an. Ich nehme deren Schuld auf mich.‘ Dieses Eintreten vor Gott für ihre Kinder verstand Edith Stein jetzt als ihre Rolle in Bezug auf ihre konkrete Familie und in Bezug auf ihr ganzes Volk. Und sie war auch überzeugt, dass ihre Mutter im Himmel für ihre Kinder weiter einsteht. Sie schrieb: „An Allerseelen werden wir beide [mit Bruder Arno] unserer Mutter gedenken. Dieses Gedenken ist für mich immer sehr trostvoll. Ich habe das feste Vertrauen, dass meine Mutter jetzt Macht hat, ihren Kindern in der großen Bedrängnis zu helfen.34
Einzustehen, vor Gott da zu sein für die anderen, sie mit ihrer Liebe nicht zu verlassen, das war jetzt ihre Aufgabe. Sie schrieb: „Ich vertraue, dass die Mutter aus der Ewigkeit für sie sorgt. Und darauf, dass der Herr mein Leben für alle angenommen hat. Ich muss immer wieder an die Königin Esther denken, die gerade darum aus ihrem Volk genommen wurde, um für das Volk vor dem König einzustehen. Ich bin eine sehr arme und ohnmächtige kleine Esther, aber der König, der mich erwählt hat, ist unendlich groß und barmherzig. Das ist ein so großer Trost.35
Sie verstand den Karmel, den Sinn des Karmel in diesem Einstehen vor Gott - für das Volk. Der Prophet Elija auf dem Berg Karmel stand vor Gott für das Volk: „‚So wahr der Herr, der Gott Israels, lebt, vor dessen Angesicht ich stehe ...‘ (3 Kön. 17,1). Vor dem Angesicht des lebendigen Gottes stehen - das ist unser Beruf.“ „Die Ordenslegende berichtet, dass die 56 Gottesmutter gern bei den Einsiedlerbrüdern auf dem Berge Karmel geweilt habe. Wir verstehen wohl, dass sie sich an den Ort hingezogen fühlte, wo ihr von alters her Verehrung gezollt wurde und wo der heilige Prophet in demselben Geist gelebt hatte, den auch sie erfüllte, seit sie auf der Erde weilte: losgelöst von allem Irdischen anbetend vor Gott zu stehen, ihn aus ganzem Herzen zu lieben, seine Gnade auf das sündige Volk herabzuflehen und genugtuend für dieses Volk einzustehen, als Magd des Herrn seines Winkes gewärtig zu sein - das war ihr Leben.“37
So sah sie die Rolle des Karmel und ihre eigene Rolle im Karmel. „Es ist ein Grundgedanke alles Ordenslebens, vor allem aber des Karmellebens, durch freiwilliges und freudiges Leiden für die Sünder einzutreten und an der Erlösung der Menschheit mitzuarbeiten.38
 
c) Das Kreuz und die Juden
Wie verstand Edith Stein das Kreuz in diesem Zusammenhang? Für sie ist klar, dass das Kreuz in ihrem Leben das Schicksal des jüdischen Volkes in dieser Zeit der Verfolgung war. Zu Besuch im Karmel Köln-Lindenthal bei einer Gebetsstunde in der Fastenzeit 1933: „Ich sprach mit dem Heiland und sagte ihm, ich wüsste, dass es sein Kreuz sei, das jetzt auf das jüdische Volk gelegt werde. Die meisten verständen es nicht; aber die es verständen, die müssten es im Namen aller bereitwillig auf sich nehmen. Ich wollte das tun. Er solle mir nur zeigen, wie. Als die Andacht zu Ende war, hatte ich die innere Gewissheit, dass ich erhört sei. Aber worin das Kreuztragen bestehen sollte, das wusste ich noch nicht.39
Und später schrieb sie, dass sie genau in diesem Hinblick ihren Ordensnamen gewählt habe. „Ich muss Ihnen sagen, dass ich meinen Ordensamen schon als Postulantin mit ins Haus brachte [1933]. Ich erhielt ihn genauso, wie ich ihn erbat. Unter dem Kreuz verstand ich das Schicksal des Volkes Gottes, das sich damals anzukündigen begann. Ich dachte, die es verstünden, müßten es im Namen aller auf sich nehmen. Gewiß weiß ich heute [1938] mehr davon, was es heißt, dem Herrn im Zeichen des Kreuzes vermählt zu sein. Begreifen wird man freilich niemals, weil es ein Geheimnis ist.“40

Schluss

Edith Stein ist für mich Wegweiserin wegen ihrer Wahrhaftigkeit, wegen ihrer eindeutigen Liebe zu ihrem Volk, wegen ihrer inneren Bereitschaft, diesen Weg zu gehen, wegen der Klarheit ihres christlichen Glaubens, der sie dazu führt, radikal und ohne einen Schatten, liebend und solidarisch mit dem Schicksal der Juden zu sein. Diese Einheit von christlichem Glauben und Liebe zum Volk der Juden in Auschwitz verkörpert sie für mich.
Edith Stein ist ein Aspekt in Auschwitz, und es gibt sehr, sehr viele Aspekte. Im Verhältnis von Christen und Juden brauchen wir bestimmt eine erneuerte Theologie, eine neue Aufarbeitung und ein tieferes Verständnis dessen, was dieses Verhältnis bedeutet. Und dabei muss sich nicht nur im Kopf, sondern auch in unseren Herzen etwas ändern.
Wenn ich Führungen durch die Gedenkstätte mache, erschüttert mich immer besonders der Raum mit den vielen Haaren, und dass ich davon erzählen muss, dass Menschen in Auschwitz nur noch Material waren. Haare wurden zu Stoffen, Goldzähne wurden zu Goldbarren, Asche wurde zu Dünger auf den Feldern. Es gab nicht mehr die Spur von Totenehrung. Es gab nicht mehr die Spur von Ehrung der Lebenden. Was ist da mit dem Menschen passiert? Wie sehen wir heute den Menschen? Edith Stein hat die letzten Jahre (1932/33) als Dozentin in Münster ganz intensiv an der Frage nach dem Menschenbild, an einer Anthropologie gearbeitet.41 Wir brauchen dieses Ringen um den Menschen, um die Würde des Menschen, sehr. Das ist ein Bereich, den ich jetzt nicht näher besprochen habe, für den ich aber Edith Stein sehr wichtig finde.
Wichtig ist die Frage: Wie bekennen wir heute, nach Auschwitz, in Bezug auf Auschwitz, unseren Glauben? Wie bekennen wir ihn so, dass er nicht bedrohend ist für andere, die ihn nicht mit vollziehen können? Oft müssen wir sicher schweigen. Aber wir müssen auch Antwort geben können, wenn uns jemand fragt: Was ist dein Glaube? Woran orientierst du dich? Was denkst du wirklich? Und dann: Was bedeutet das, was du wirklich denkst, für mich? Diese Antwort auf die Aufforderung ‚gib Rechenschaft!‘ (1 Petr 3, 15f.) muss so formuliert sein, dass der andere als der andere, dem die Antwort gegeben wird, grundsätzlich und fundamental ganz ernst genommen wird. Mein Glaubensbekenntnis selbst muss im Dialog Ausdruck des Respektes vor dem Anderen sein. Und da verstehe ich auch Edith Stein als Hilfe; denn gleichzeitig mit ihrem christlichen Glaubensbekenntnis führt sie uns doch als Christen nach Auschwitz, wo sie als Jüdin ermordet wurde. Sie führt uns zu dem Schicksal der Juden als Juden. Die Verehrung von Edith Stein wird für uns Christen und für den Rest der Welt dann gut sein, wenn sie dazu führt, in diesem Dialog die Juden als Juden ernst zu nehmen. Die Bekehrung ist ein Geheimnis, das sich im Herzen abspielt. Die Aufgabe ist zu lieben. Diese beiden Aspekte von: Identität haben, aber diese Identität so haben, dass ich den anderen ernst nehme, ist die Grundvoraussetzung für jeden Dialog.
Trotzdem ist es so, dass Dialog oft nicht geht, weil zu viele Emotionen, zu viele Verletzungen noch da sind. Bevor wir anfangen zu reden, zu diskutieren, Recht zu haben, muss Vertrauen geschaffen werden. Und wir als Christen in Deutschland müssen, um dieses Vertrauen zu schaffen, Ernst machen mit unserer Gewissenserforschung. Auf uns selber schauen. Betroffenheit zulassen von unserer Geschichte des Versagens und der Verbrechen. Und dann Umkehr durchleben, erarbeiten. Das passiert viel zu wenig.
Ich möchte schließen mit einem Zeugnis aus dem Jahr 1962. Herr Wielek, der Edith Stein im Lager Westerbork getroffen hatte, hat folgendes erzählt: Edith Stein bat ihn, einen Brief zu schreiben. „‚Schreiben Sie, bitte, nach Echt, dass man uns noch Rosenkränze schickt‘, bat sie. Ich kann mich noch erinnern, wie merkwürdig mir diese Situation vorkam: der jüdische Rat schreibt von dem Judenlager Westerbork nach einem Kloster in Echt und stellt eine solche Frage... Ich habe hierüber mit Teresia Benedicta gesprochen, und sie antwortete: ‚Die Welt besteht aus Gegensätzen. Manchmal ist es gut, dass diese bestehen. Eine Milderung kann dann ein Vertuschen bedeuten, und das ist nicht gut. Schließlich wird nichts von diesen Kontrasten übrigbleiben. Nur die große Liebe wird bleiben. Wie sollte es auch sonst möglich sein...?‘“42

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1  Vortrag in der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum aus Anlass der Heiligsprechung von Edith Stein, Berlin am 12. Oktober 1998.
2  In: Gideon Greif, Wir weinten tränenlos ... Augenzeugenberichte der jüdischen „Sonderkommandos“ in Auschwitz. Köln, Weimar, Wien: Böhlau, 1995. S. 176-178.
3  Edith Stein Werke, Bde. I - XVII; Herder: Freiburg, 1950-1994. Im Folgenden abgek.: EWS. Hier: ESW X, Romaeus Leuven, Heil im Unheil, S. 65.
4  ESW X, 77. [Edith Stein Gesamtausgabe, Herder, Freiburg ab 2001. Im Folgenden abgek.: ESGA. Hier: Bd. 1, S. 346]
5  ESGA 28, Br. 251.
6  In: T.R. Posselt, Edith Stein. Eine Frau unseres Jahrhunderts. Freiburg: Herder, 91963, S. 131. [ESGA 1, S. 349] ESGA 28, Br. 251.
7  ESW XI, 157. [ESGA 20, S. 229]
8  ESW XI, 150. [ESGA 20, S. 146]
9  EWS IX, 167. [ESGA 3, Nr. 710]
10  ESW X, 147. [ESGA 3, Nr. 614]
11  EWS IX, 127. [ESGA 3, Nr. 586]
12  ESW X, 39. [Zitat aus der Erinnerung von Sr. Teresia Renata. Nicht in ESGA.]
13  ESW XI, 169. (ESGA 20, S. 242]
14  ESW XI, 122f. [ESGA 20, S. 111]
15  ESW XI, 124ff. [ESGA 20, S. 119-121]
16  ESW I, 107. [ESGA 18, S. 100]
17  Vgl. Michael Berenboim, The Vision of the Void. Theological reflections on the works of Elie Wiesel. Weselayan University Press, Middletown, Connecticut, pb 1982, p. 33.
18  Elie Wiesel, Die Nacht zu begraben, Elischa. Frankfurt/M; Berlin: Ullstein 41992, S. 56.
19  ESW I, 39. [ESGA 18, S. 38]
20  ESW I, 25. [ESGA 11/12, S. 32]
21  ESW I, 107. [ESGA 18, S. 100]
22  ESW IX, 157. [ESGA 3, Nr. 693]
23  Vgl. B. Petersen, a.a.O., S. 42.
24  ESW X, 148f. [ESGA 1, S. 375]
25  Brief v. 31.10.1933 [ESGA 3, Nr. 294]
26  Vgl. z.B. ESW IX, 10. [ESGA 3, Nr. 325]
27  ESW X, 80. [ESGA 1, S. 360]
28  ESW IX, 60. [ESGA 3, Nr. 467]
29  ESW IX, 64. [ESGA 3, Nr. 476]
30  ESW IX, 102. [ESGA 3, Nr. 542]
31  ESW X, 116f. Vgl. ESW IX, 68. [ESGA 3, Nr. 482]
32  Am deutlichsten kommt das wohl in dem Text zum Ausdruck „Nächtliche Zwiesprache“ ESW XI, 165ff. [ESGA 20, S. 238ff]
33  ESW IX, 64. [ESGA 3, Nr. 476]
34  ESW IX, 120. [ESGA 3, Nr. 572]
35  ESW IX, 121. [ESGA 3, Nr. 573]
36  ESW XI, 2. [ESGA 19, S. 129]
37  ESW XI, 4. [ESGA 19, S. 131f]
38  ESW VIII, 125. [ESGA 2, Nr. 234]
39  ESW X, 78. [ESGA 1, S. 348]
40  ESW IX, 124. [ESGA 3, Nr. 580]
41  Vgl. ESW XVI „Der Aufbau der menschlichen Person“ [ESGA 14] u. XVII „Was ist der Mensch?“ [ESGA 15]
42  ESW X, 177.
 
Veröffentlicht von der Edith Stein Gesellschaft, in: Edith Stein. Die Botschaft vom Kreuz und Auschwitz. Speyer 2002. 2019 durchgesehen, Quellenangaben durch ESGA ergänzt.
 
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