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Cordula Haderlein – Die Bildungsphilosophie Edith Steins

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Cordula Haderlein

Die Bildungsphilosophie Edith Steins –

wegweisend für die Herausforderungen der Pädagogik im 21. Jahrhundert1


Edith Stein, die sowohl selbst als Lehrerin wirkte,2 als auch in der Lehrerinnenbildung aktiv war,3 gibt in vielen ihrer Werke Impulse, die auch für die Pädagogik des 21. Jahrhunderts ein philosphisches Fundament bilden könnten. Basis ihrer Überlegungen bildete im Wesentlichen die Phänomenologie, aus der sie ihre Erkenntnisse über den Menschen gewonnen hat. Ihren eigenen Anspruch, darauf aufbauend zu einer Grundlegung der Pädagogik zu kommen,4 konnte sie nicht mehr realisieren. Die Hinweise, die aus ihren erkenntnistheoretischen und anthropologischen Schriften und pädagogischen Stellungnahmen gewonnen werden können, sind größtenteils theoretischer Natur.5 Darum soll hier der Versuch unternommen werden, aus Edith Steins Werk konkrete Handlungsansätze für die Pädagoik der Gegenwart zu gewinnen.

Edith Stein selbst war sich der Komplexität des Themas bewusst, als sie 1933 in einem Brief an ihre Freundin Hedwig Conrad-Martius folgende Frage stellte:

 „Haben Sie einmal darüber nachgedacht, was Pädagogik ist?“6 Eine Frage, für die man – so Edith Stein weiter – keine schnelle und einfache Antwort findet: „Man kann keine Klarheit darüber bekommen, wenn man nicht Klarheit in allen Prinzipienfragen hat.“7 Und: Klarheit ist sowohl für die wissenschaftliche Grundlegung der Pädagogik8 als auch für das alltägliche pädagogische Handeln9 erforderlich.

So selbstverständlich sich diese Aussage auch anhört, Klarheit in Prinzipienfragen ist nicht gerade das, womit sich die Bildungsdiskussion in Europa gegenwärtig beschäftigt. Vielmehr stehen Leistungsmessung und Effektivität im Fokus des öffentlichen Interesses. Das mag durchaus zweckmäßig erscheinen – übersieht aber, dass der Mensch eben mehr ist, als das, was sich messen lässt. So geraten wichtige Aspekte von Bildung aus dem Blickfeld – was letztlich dazu führt, dass die eigentlich angestrebten Ziele doch nicht erreicht werden. Edith Steins philosophische Gedanken, die zu einer pädagogischen Anthropologie führen, sind so grundlegend, dass sie die Zeit überdauerten, da das, was den Menschen ausmacht, sich nicht, wie teilweise suggeriert wird, in politischen Wahlzyklen verändert.
 

1. Individualität, Freiheit und Verantwortung – der Logos, der den Zielen und den Gestaltungsmöglichkeiten zugrunde liegt

Eine pädagogische Anthropologie ist nicht nur eine Beschreibung dessen, was ist, sie gibt auch an, was sein soll. Für Stein ist der Glaube die wesentlichste Quelle für das, „was wir über den Menschen, sein Ziel und den Weg zu seinem Ziel wissen können“10. Zwar trifft Edith Stein ihre Aussagen über den Menschen überwiegend auf phänomenologischer Grundlage, diese stimmen mit ihren theologische Überlegungen überein; nur in den Fragen der Geschlechteranthropologie bringt Stein ausschließlich theologische Überlegungen. Diese lassen sich meines Erachtens aber auch durch neuere Forschungsergebnisse, die auf natürlicher Erkenntnis beruhen, belegen.11

Welche Erkenntnisse sind nun aus den anthropologischen Überlegungen Steins zu ziehen? In „Aufbau der menschlichen Person“ schreibt sie:

„Hinter allem Tun des Menschen steht ein Logos, der es leitet. [...] Es bezeichnet einmal eine objektive Ordnung des Seienden, in die auch das menschliche Tun ein­gefügt ist. Es bedeutet sodann eine im Menschen lebendige Auffassung dieser Ord­nung, die es ihm mög­lich macht, in der Praxis dieser Ordnung gemäß (ist gleich ‚sinngemäß’) zu verfahren.“12

Der Logos, der sich in der objektiven Ordnung des Seienden zeigt, ist für Steins Bildungsidee ihre Fundierung in einer philosophisch-theologi­schen Anthropolo­gie. Der Logos, der sich in der lebendigen Auffassung dieser Ordnung zeigt, ist durch die Begriffe Individualität, Freiheit und Verantwortung gekennzeichnet.

Ganz in scholastischer Denkweise gehört es für Stein „zum Bildungsprozeß, daß eine Materie eine Form annimmt, die sie zum Abbild eines Urbil­des macht.“13 Bil­dung ist damit als Realisation einer von vorneherein vorhande­nen Form definiert und nimmt die Person als grundsätzlichen Ausgangspunkt in den Fokus. Der „Logos“ – Individualität, Freiheit, Verant­wortung – ist darum sowohl bei den Bil­dungszielen wie bei den Gestaltungs­möglichkeiten leitend.

2. Das Ich – Grundlage für individuelle, aktive und bewusste Selbstgestaltung und Gestaltung der Umwelt in Freiheit und Verantwortung

Nach Stein besitzt der Mensch wie jedes Lebewesen einen Kern, der den leiblichen Entwicklungsgang steuert. Dieser Kern liegt der Entwicklung zugrunde, er entwickelt sich aber selbst nicht.14 Im Unterschied zu den Pflanzen und den Tieren haben beim Menschen Leib und Seele personale Gestalt.15 

„Das heißt, daß ein Ich darin wohnt, das sei­ner selbst bewußt ist und in eine Welt hineinschaut, das apriorisch frei ist und kraft seiner Freiheit Leib und Seele gestalten kann; das aus seiner Seele heraus lebt und durch die Wesensstruktur der Seele, vor und neben der willentlichen Selbstgestal­tung, aktuelles Leben und dauerndes leiblich-seelisches Sein geistig formt.“16

Aber „die ‚Lebendigkeit’, die es in einer erwählten Richtung entfaltet, ist ihm gegeben und jede Tat ist Antwort auf eine Anregung und Ergreifen eines Dargebote­nen.“17 Dabei ist das Ich an die körperlichen Möglichkeiten und an die Wesensstruktur der Seele gebunden.

Das Ich kann so handeln, muss es aber nicht. Maßstab für das Handeln ist die Vernunftgesetzmäßigkeit, die das, was individuell als Gut erkannt worden ist, verwirklichen will; da aber die geistige Person frei tätig sein kann, ist sie in der Lage, die Vernunftmäßigkeit nicht nur selbst zu erkennen, sondern auch zu entscheiden, ob und in wie weit sie sich danach rich­tet.18

Hiermit sind die drei Komponenten des Handelns umschrieben: Das Können – im Wesen des individuellen Menschen begründet; das Wollen – im individuel­len Ich begründet; das Sollen – im individuellen Wert­fühlen begründet.

Können ist bei Stein nicht von Freiheit zu trennen. Sie versteht Freiheit sogar als Bewusstsein des Könnens: „Was besagt Freiheit? Es besagt dasselbe wie das: Ich kann.“19 Freiheitsbewusstsein und Könnensbe­wusstsein bedingen einan­der – ohne das Wissen um die Freiheit zu han­deln, kann die Freiheit ebenso wenig realisiert werden wie ohne das Wissen um das Können.

Um das Könnensbewusstsein zu entwickeln, muss die Person einen „Anruf“ vernehmen:

Was der Mensch als freie Person ‚kann’, das erfährt er erst, wenn er es tut, oder in gewis­ser Weise vorgreifend schon, wenn es als ‚Forde­rung’ an ihn herantritt.“20

Das Können benötigt, um sich in einer Handlung Realität zu gewinnen, den Willen. Nach Stein trägt der Mensch für seinen Willen die volle Verantwortung, das er der einzige Bereich der ur­sprüngli­chen Anlage ist, für den es kein „ultra posse nemo obligatur“ gibt.21

Weil der Mensch zwar frei ist, es aber andererseits einen objektiven Maßstab für das Handeln gibt, "ein vernünftiges oder unver­nünftiges Wollen,“22 ist eine Orientierung vorgegeben, ein Sollen, nach dem sich der Mensch richten kann.23 Mit dem Sollen verbindet sich die Verantwortung des Men­schen für seine Entscheidungen, die Verantwortung eben dafür, seine Freiheit verant­wortungsvoll zu gebrauchen – im Rahmen seiner Möglichkeiten – „ultra posse nemo obligatur“24.

Die Frei­heit des Ichs ermöglicht in Verbindung mit dem Bewusstsein der Person nach Stein somit grundsätzlich die aktive und bewusste Selbstgestaltung und auch die Gestaltung ih­rer Umwelt.25 Um eine Gestaltungsmöglichkeit als solche überhaupt erfassen zu können, ist es erforderlich, dass ein Bewusstsein des Könnens vorhanden ist. Ein Bewusstsein des Könnens kann nur dadurch entstehen, dass eine Person die Möglichkeit hat, eine Handlung auszuführen. Ebenso kann die Freiheit der Person, die nach Stein als Wesensapriori unveränderbar und unabhängig von äußeren Bedingungen in der Person vorhanden ist,26 als solche aber nur realisiert werden, wenn auch ein Bewusstsein von ihr vorliegt.

Die Freiheit des Menschen, dem Aufforde­rungscharak­ter des von ihm Wahrgenommenen zu folgen, geht sogar so weit, dass er sich entscheiden kann, seine Freiheit als freie Person zu nutzen oder nicht.27 Auch wenn Edith Stein in jedem Menschen die Realisation einer göttlichen Idee sieht28, schließt die Freiheit des Menschen nach Edith Stein sogar die Freiheit gegenüber Gott ein. Der Mensch ist keine Marionette in einem göttlichen Welttheater, er agiert frei und ist verantwortlich dafür.

Freiheit und Verantwortung, die beiden zentralen Begriffe in Steins Bil­dungs­idee, stehen in einem elementaren Zusammenhang: Weil die Person frei ist, kann – und muss! – sie auch Verantwortung tragen; weil sie Verantwortung tra­gen kann, ist sie auch frei.

Voraussetzung für den Gebrauch von Vernunft und Freiheit ist die Re­flexions­fähigkeit, die es dem Menschen ermöglicht, seine Möglichkeiten und sein Ver­halten zu reflektieren. Bereits die Entwicklung dieser Refle­xionsfähigkeit liegt in der Freiheit der Person, es

„ist Sache der Freiheit: ‚sich selbst zu suchen’, in die eigene Tiefe zu steigen, sich von da aus als Ganzes zu fassen und in die Hand zu nehmen. Darum ist es die Schuld der Per­son, wenn die Seele nicht zum vollen Sein und zur Vollgestalt gelangt.“29

Der Mensch hat sowohl ein Bewusstsein für die in ihm angelegten Möglichkeiten als auch für die tatsächlich realisierten; damit ist er auch in der Lage, eine unter Umständen vorhandene Diskrepanz festzustellen.30 Dies weit erneut auf die Verantwortung des Menschen, die in ihm angelegten Möglichkeiten zu realisieren, hin.

Aufgrund der Reflexionsfähigkeit und seiner Freiheit ist der Mensch in der Lage, seine Fähigkeiten und sein Wesen zu entwickeln, „an der Gestaltung sei­ner Seele selbst mitzuarbeiten“.31 Aber gerade für den Bildungsbereich müssen Freiheit und Verantwor­tung auch die Entwicklungsfähigkeit der Person berücksichtigen. Frei­heit und Verant­wortung sind abhängig von dem Grad der Freiheit der Person:

Der Mensch hat den „Gebrauch seiner Vernunft und seiner Freiheit nicht von Beginn seines Daseins an“.32 Dem „stufenweisen Erwachen der geistigen Aktivi­tät“33 gemäß, muss das pädagogische Geschehen davon bestimmt sein, dass
„die führende Tätigkeit des Erziehers mehr und mehr der Eigentätigkeit des Zöglings Raum gibt, um ihn schließlich ganz zu Selbsttätigkeit und Selbsterziehung über­gehen zu las­sen.“34

Aus den Überlegungen zum Ich ergeben sich die ersten – und die grundsätzlichsten – Thesen für eine konkrete Umsetzung der pädagogischen Philosophie Edith Steins:
 
Eine Schule, die sich an Edith Steins Bildungsidee orientiert,
  •  unterstützt den Menschen in der Realisation seiner Freiheit.
  •  schafft Gelegenheiten, in denen sich der zu Bildende seines Könnens im Handlungsvollzug bewusst werden kann. Kann nicht muss – die Freiheit bedingt, dass es Sache des Individuums ist, ob es dem Aufruf sich zu bilden für sich als solchen wahrnimmt und ob es ihm folgt; die Freiheit bedingt, dass die Verantwortung für diese Entscheidung beim Individuum bleibt.35
  •  unterstützt die Schülerinnen und Schüler bei der Entwicklung ihrer Reflexionsfähigkeit.

Doch: Mit dem relativ großen Stellenwert, den Stein letztlich der Freiheit des Ichs zumisst, verbinden sich nicht nur die Verantwor­tung für sein Verhalten, sondern auch die Möglichkeit und sogar die Pflicht und Ver­antwortung des Menschen selbst für die Gestaltung seiner Entwicklung. Verantwortung ist für Edith Stein eine ganz persönliche Sache, es gibt nicht „die Möglichkeit, sie auf die Ge­meinschaft abzuwälzen.“36

3. Bildung als Entfaltung der Anlagen in Freiheit und Verantwortung

Stein geht nicht, wie die Aufklärungspädagogik, davon aus, dass man die Natur nur lassen machen müsse, die Kinder nicht erziehen, sondern einfach wachsen lassen müsse.37 Wenn man aber Bildung als Entfaltung dessen, was in der Person angelegt ist,38 versteht und den weitreichenden Freiheitsbegriff Steins berücksichtigt, kann man durchaus die Frage stellen, ob es legitim ist, Menschen bilden zu wollen. Gerade die Freiheit zwischen verschiedenen Möglichkeiten zu entscheiden aber macht nach Stein Bildung notwendig.39

Stein sieht den Menschen als entwicklungsbedürftig und als entwicklungsfähig; sie sieht Anlagen, die förderlich und andere die weniger förderlich sind.40

Damit der Mensch sich in seinem Mensch-Sein voll entfalten kann, da­mit er das werde, was er sein solle, ist Bildung notwendig, denn in

„dem Material an natürlichen Anlagen steckt manches, was – wenn es ungehemmt wüchse und gediehe – dem Entwicklungsgang, wie ihn die innere Zielstrebigkeit vor­schreibt, im Wege wäre.“41

Bringt man diese Bildungsbedürftigkeit mit Steins Verständnis des Men­schen als Teil der Menschheit und als Glied der Gemeinschaften, in denen er steht, in Zusammenhang, ergibt sich die Bildungspflicht der erwachsenen Generation. Alle Menschen sind Glieder in der Schicksals­gemeinschaft der Menschen, in der sie „Funktionen füreinander haben und in wechselseitiger Verantwortung vor Gott stehen.“42

Eine Bildungspflicht hat nach Stein auch der Mensch sich selbst gegenüber: Aus der personalen Struktur des Men­schen ergeben sich seine Verantwortung und seine Pflicht für seine eigene Bil­dung zu sorgen: Die Verantwortung bedeutet,

„daß es an ihm liegt, was er ist und daß von ihm verlangt wird, etwas Bestimmtes aus sich zu machen: Er kann und soll sich selbst formen.“43

„Erziehung (bitte ersetzen Sie hier den Begriff der Erziehung durch den der Bildung, um dem gegenwärtigen Verständnis des Begriffs näher zu kommen) setzt Freiheit und Verständnis voraus, weil sie sich an den Willen wen­det, um ihm seine Richtung für sein Tun zu weisen; diese Richtung einzuschlagen aber ist seine Sache.“44

Bildung im Verständnis Steins ist somit ein aktiver, zielge­richteter Prozess, in dem allen Beteiligten eine aktive Rolle zukommt. Die Freiheit, die Stein hier anspricht, ist keine unbegrenzte Freiheit: Sowohl in der Anlage als auch in den Ein­flüssen der äuße­ren Welt sind Grenzen der Freiheit gegeben. Trotzdem erwächst aus dieser Frei­heit die Verantwortung des Menschen für sich, für sein Handeln und damit auch für seine eigene Bildung: Weil der Mensch frei ist, ist er frei sich zu entscheiden – er trägt die Verantwor­tung für seine Bildung, die er letztlich nicht an andere abgeben kann.

Welche Ziele sich Bildung, die Mensch-Sein als individuelles Mensch-Sein in Freiheit und Verantwortung versteht, vernünftig setzen kann, wie Bildung als aktiver, zielgerichteter Prozess gestaltet werden kann, und was es für Schule konkret bedeuten würde, Edith Steins Bildungsidee umzusetzen, soll im Folgenden dar­gestellt werden.

Stein sieht Bildung letztlich in der Herausbildung von bereits Ange­legtem. Darum kann nur das als vernünftiges Bildungsziel benannt werden, wozu bereits die Anlage vorhanden ist. Ausgehend von den drei Dimen­sionen, die nach Stein den Menschen bestimmen – sein Mensch-Sein, seine Individualität und seine geschlechtliche Identität – , lässt sich somit auf die Ziele schließen.

3.1 Das Mensch-Sein – Das allgemeine Bildungsziel des Menschen

Das allgemeine Bildungsziel ist für Stein mit der „höchst erreichbare[n] Gottes­ebenbildlichkeit“45 beschrieben. Der Gedanke der Gottes­eben­bild­lichkeit be­stimmt als „imago dei“-Vorstellung bereits das Bildungsdenken des Mittel­alters.46 Damit wird der Mensch nicht auf eine Stufe mit Gott gestellt, wohl aber seine personale Würde begrün­det. „Imago dei“ bedeutet nach Thomas von Aquin, dass die Gottes­ebenbildlichkeit das Wesen des Menschen ausmacht und der Mensch dieses Wesen „im Leben aufgrund seiner Freiheit noch realisieren muss, um Gott ähnlich zu werden, d.h. die similitudo zu erreichen.“47 Konkret erfassbar ist die Gottesebenbildlichkeit nach Stein an dem Bild Christi. 48

Die Einheit von Leib und Seele ist im Menschen angelegt.  Die Seele macht den Körper zum Leib, zum konkreten, individuellen Leib.49 Der Leib hat seine Bedeutung aus der Tatsache, dass Leiblichkeit die Voraussetzung für den erkennenden Zugang zur Welt ist. Ohne sinnliche Wahrnehmung kann der Verstand seine eigenen Leistungen, die Wahrnehmung, die Reflexion und die Abstraktion, nicht leisten; ohne sinnliche Wahrnehmung kann der Wille nicht tätig sein, ohne sinnliche Wahrnehmung kann das Gemüt die Welt nicht aufnehmen und sich mit ihr auseinandersetzen.50 Ohne die Wahrnehmung mit allen Sinnen kann man die Dinge nicht erfassen. Ohne die Möglichkeit der konkreten sinnlichen Erfahrung kann man z.B. nicht erfassen, was z.B. Wein oder auch eine Himbeere wirklich sind. Und nur dann, wenn man eine Sache wirklich erfasst hat, hat man sie wirklich begriffen, bleibt sie auch im Gedächtnis.

Leiblichkeit wiederum ist Voraussetzung für das Handeln, ohne Leib kann der Geist nicht umsetzen, was er sich zum Ziel gesetzt hat.51 Aus diesem Grund ist ist die Formung des Leibes nicht als Selbstzweck zu sehen, sondern steht im untrennbaren Zusammenhang nmit der Bildung der Seele.52 Daraus ergeben sich konkrete Schlüsse für die Bildungsarbeit:


Eine Schule, die sich an Edith Steins Bildungsidee orientiert,
  •  hat die Einheit von Leib und Seele, den „ganzen Menschen mit all seinen Kräften und Fähigkeiten“53 bei der Planung und Umsetzung der Lerninhalte im Blick.
  •  pflegt die Erfahrung der Wirklichkeit als Leitprinzip.
  •  bietet vielfältige Möglichkeiten, die Sinne und den Leib zu bilden.  
Die Seele ist als Ganzes ein „geistiges Wesen“54 und Synonym für „die gesamte personale Quali­tät, die von einem personalen Ich getragen ist.“55 Es ist das Wesen der Seele, „das diesem Menschen Eigene, das ihn zu dem macht, was er ist“56.
Stein unterscheidet zwischen der „Seele im eigentlichen Sinn“, unser „Inneres im eigentlichsten Sinn“57, und der äußeren Schicht der Seele, der Psyche. Die Seele im eigentlichen Sinn ist individuell und unbeeinflussbar.58 Ihre Anlagen gewinnen im Laufe des Lebens Aktualität.59

Die Entfaltung der Seele kann zwar nicht begünstigt oder gehemmt werden. Auch wenn sie nicht sagen kann, was „der Seele zu ihrer ‚Erwe­ckung’ dienen kann“60, vertritt Stein doch die Ansicht, dass   „für das Offenbarwerden, das Aufblühen der Seele [...] die Berührung mit der Welt augen­scheinlich nicht gleichgültig“ ist.61 Und sie nimmt auch die Person selbst in die Verantwortung: „Alle Arbeit an sich selbst, alle Bemühungen um eine Reinigung der Seele können immer nur darin bestehen, negativ-wertige Regungen und Taten zu unterdrücken und die Dispo­sitionen dazu zu bekämp­fen oder gar nicht aufkommen zu lassen und sich andererseits für positive Werte offen zu halten.“62

Hier kann Schule Entwicklungen positiv beeinflussen, wenn sie sich bestimmte Maximen setzt:


Eine Schule, die sich an Edith Steins Bildungsidee orientiert,
  • bringt im Umgang mit den Schülerinnen und Schülern Wertschätzung als oberste Maxime zum Ausdruck.
  •  sorgt für ein positives Klima, in dem die Kinder sich so wohl fühlen, dass sich weniger negativ-wertige Regungen entwickeln.
  •  unterstützt die Kinder, konstruktive Wege zu gehen, wenn sie negativ-wertige Regungen oder Taten zeigen.
  •  ermöglicht vielfältige Erfahrungen von Werten und aktiven Einsatz für Werte.
Anders als die Seele unterliegt die Psyche „und ihre Eigen­schaften [...] bestimmt geregelten Verän­derungen in Ab­hängigkeit von den realen Umständen, in denen sie sich befinden: sie unterstehen der Kategorie der Kausalität.“63

Stein geht davon aus, dass sowohl die Realität, in der die Person sich befindet,64 als auch die „Lebens­kraft, die von ‚innen’ her die Abfolge der psychischen Zustände reguliert“65, und die Umwelt, „der Gegenstandsbereich, den das Individuum dank seiner geisti­gen Akte sich gegenüber hat, der ihm bewußt ist, gleichgültig, ob ihm wirkliches Dasein zukommt oder nicht“66, auf die Psyche wirken und damit Einfluss auf die Charakterentwicklung haben.

Mit seiner „Aufgeschlossenheit [...] für das Reich der Werte und die Art, wie man sich für ihre Ver­wirklichung einsetzt“67, ist der Charakter zusammen mit der Erkenntnis Voraussetzung für vernünftiges Handeln.68 Die spezifische geistige Lebenskraft der Person kann aber zeitweilig oder auch grundsätzlich so gering sein, dass sie auch unfähig sein kann, Werte adäquat zu fühlen.69   

Damit gilt auch für den Charakter, dass nur eine „begrenzte Kraft“70 zur Verfü­gung steht, um die vorhandenen Anlagen zu Fähigkeiten aus­zu­bilden und des­halb ist es dem einzelnen Menschen nicht möglich, alle Anlagen gleichermaßen auszubilden.71 Der Wille „kann die vorhandene Kraft in dieser oder jener Einzelleistung mehr oder minder einset­zen und kann sie, indem er sie für diese oder jene Aufgabe einsetzt, in die Richtung dieser oder jener Anlagen lenken und darauf festlegen und so gewisse Po­tenzen habituell for­men. So hängt die Entwicklung des Menschen von der willent­lichen Disponierung über die vorhandene Kraft ab.“72 Edith Stein spricht übrigens von „Kraftverschwendung, wenn Aufgaben in Angriff genommen werden, für die die natürlichen Anlagen nicht vor­handen sind“73.

Die Lebenskraft ist individuell verschieden74, sie ist begrenzt und auf pysische und psychische Energiezufuhr angewiesen.75 Ob eine Aufgabe für den individuellen Menschen „sinn“-voll ist oder nicht, bewirkt, ob er daraus Kraft schöpft oder ob sie ihn erschöpft.

Nicht nur für Schülerinnen und Schüler, auch für Lehrerinnen und Lehrer ist der folgende Grundsatz elementar:


Eine Schule, die sich an Edith Steins Bildungsidee orientiert,
  •  ermöglicht sinn-volle Aufgaben, damit die Lehrerinnen und Lehrer und Schülerinnen und Schüler aus dem erfahrenen Sinn Kraft schöpfen können.
Welcher emanzipatorische Anspruch hinter Steins grundsätzlichem Bildungs­ziel, der Entfaltung des Mensch-Seins, steckt, lässt sich an der Kontrastierung mit folgender Aussage einer Zeitgenossin Steins ermes­sen:

„Nicht dadurch, daß der Mensch alle seine Anlagen entfaltet, daß er sich entwickelt, ge­langt er zu seiner höchsten Menschwürde, sondern dadurch kommt er zu wahr­haft menschlichem Leben, daß er die Bindungen, in denen er steht, im Gehorsam bejaht, [...] daß er sein Werk in seinem Stand, Amt und Beruf auf den anderen ge­richtet sein lässt, es nicht zwecks Entfaltung seines eigenen Menschtums tut.“76

3.2 Die Individualität – Das individuelle Bildungsziel der Person

Trotz der allen Menschen gege­benen Gottesebenbildlichkeit kann „der einzelne Mensch nicht alles sein [...], was in der menschlichen Natur überhaupt an Möglichkeiten liegt.“77 Wie bereits erwähnt, ist nach Stein „ein Urbild dessen vorgezeichnet, was er sein soll“78 – daraus ergibt sich, dass man nach Stein „Men­schen nicht zu einem für alle gleichen Ziel, nach einem allgemeinen Schema bilden“79 kann. Diese Gedanken führen zum individuellen Bildungsziel.

Die äußere Schicht der Seele, die Psyche, ist in einem gewissen Maße beeinflussbar, aber immer im Rahmen, der durch das Wesen der Person gesetzt ist.

Der individuelle Persönlichkeitskern ist „letztes unauflös­bares qualitatives Moment“80 im Charakter. Diesen „un­wandelbaren Seinsbestand, der nicht Resultat der Entwicklung ist, son­dern umgekehrt den Gang der Ent­wicklung vorschreibt“,81 beschreibt sie als „Bildungswurzel, aus der heraus ihr gesam­tes inneres und äußeres Sein sich einheitlich gestaltet“.82 Damit ist der individuelle Persönlichkeitskern Ausgangspunkt sowohl für die Entfaltung der seelischen wie für die Entwicklung der psychischen Anlagen.

Der Pädagoge muss von der individuellen Anlage ausgehen, damit – so Stein – „jedes in der ihm gemäßen Art gebildet werde.“83 Aber nicht nur die zu entfal­tenden Anlagen sind individuell – auch die Aufnahme und Verarbeitung von Bildungsinhalten erfolgt individuell – für jeden „auf seine Art“.84

Zudem sind Anlagen zunächst Potenzen, die zu Aktualität gelangen können – nicht zwangsläufig müssen. Zwischen Überaktivität und Passi­vität muss das richtige Maß gefunden werden, um die erwünschten Anlagen zu fördern und die unerwünschten zu unterbinden.85


Eine Schule, die sich an Edith Steins Bildungsidee orientiert,
  •  akzeptiert, dass es Grenzen in der Persönlichkeitsentwicklung gibt, die im Wesen der Person liegen.
  •  ist offen für die Vielfalt der individuellen Anlagen und sieht gerade die Suche nach den „verborgenen Schätzen“ als Teil der pädagogischen Herausforderung.
  •  geht von den individuellen Anlagen aus und bietet individuelle Lerninhalte und Lernzugänge an.

Bei der Entwicklung der psychischen Vermögen und der Entfaltung der seeli­schen Qualitäten kommt nach Stein dem Verstand Priorität zu:

„Verstand, Gemüt und Wille müssen so entfaltet werden, daß der Verstand das Licht ist, das den andern den Weg weist.“86

Auf der Grundlage der vermittelten Urteile, Anschauungen und Begriffe – was Stein noch nicht zur Verstandesbildung zählt! – soll der Verstand so gebildet werden, dass er selbst zu Erkenntnis gelangen kann, dass die Schüler befähigt werden, „sich selbständig klare An­schauungen, richtige Begriffe und wahre Urteile zu erwerben.“87

Da nach Stein die Kräfte zu ihrer Ausbildung auf angemessene Aufgabenstellung angewiesen sind,88 und nicht nur Sinne und Verstand, sondern auch Gedächtnis, Phantasie, Gemüt und Wille als Grundlage des Bildungsprozesses geschult werden sollen,89 empfiehlt Stein z.B. den Willen „durch Übung im Wählen, Entscheiden, Überwinden, Beharren usw.“90 oder das Sehen durch „Auffassen, Unterscheiden, Wiedererkennen von Farben, Helligkeiten, Gestal­ten“91 zu schärfen. Das Gemüt – dazu gehört nach Stein „Klarheit des Verstandes und Tatkraft sowie praktische Tüchtigkeit“92 – wird gebil­det, „wenn es durch die Begegnung mit wertvollen oder persönlich be­deutsamen Gegenständen oder Ereignissen in Bewegung versetzt wird.“93 Konkret fordert Stein, „alles das nicht rein theoretisch, sondern theoretisch und praktisch zugleich, und zwar nicht durch Laboratoriumsexperimente, sondern durch Lösung wirklicher, wenn auch kleiner und bescheidener Aufgaben.“94

Nach Stein ist „die größte Gefahr für eine wirksame Bildungsarbeit eine Überladung mit Lernstoff“;95 darum fordert sie eine Konzentration auf eine elementare Bildung, die auf überflüssiges Fachwissen verzichtet und eine Auswahl trifft.96 Nur so bleibt aus­reichend Zeit zur Verstandesbil­dung, damit man Menschen bilden kann, „die gescheit und tüchtig genug sind, um sich in jedes Gebiet einzuarbeiten, das für sie einmal wichtig wird.“97

Allerdings ist auch die Verstandesbildung in die Freiheit des Individuums gestellt: „An der aktiven Verstandesleistung hat der Wille Anteil. Es ist in gewisser Weise in unsere Hand gegeben, ob und wie wir unseren Verstand arbeiten lassen wollen, da­mit zugleich, wie weit wir unsere geistige Welt ausdehnen, was wir an Bildungs­elementen in uns auf­nehmen.“98
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