Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

Claudia Wulf – Stellvertretung und Mittlerschaft bei Edith Stein

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Claudia Mariéle Wulf

Dein Leben ist das meine wert

Stellvertretung und Mittlerschaft bei Edith Stein

 
Auschwitz ist der Ort, um der Opfer zu gedenken. Zum 70. Todestag Edith Steins sollen Aspekt ihres spezifischen Opferseins betrachtet werden. Stein verstand ihr Opfer im Sinne der Stellvertretung, die im Licht ihrer eigenen Gedanken zur Mittlerschaft eine spezifische Sinnrichtung offenbart: ihr Leben zu geben, damit das Leben Anderer geschont werde1. Das ihr abgeforderte und unausweichliche Opfer konnte Stein verwandeln in eine Opfergabe: in das in innerer Freiheit dargebracht Opfer ihres Lebens – stellvertretend für ihr Volk, sühnend für die Täter und bittend für die Kirche, den Karmel und ihre Angehörigen.

Nach einer kurzen phänomenologischen Skizze der Grundhaltung des Opferns wird im Folgenden das Phänomen der Mittlerschaft und der Stellvertretung biblisch diskutiert. In Steins Leben zeigt sich das Opfer in vielen Facetten; sie deutet es selbst schließlich im Kontext der Mittlerschaft als stellvertretendes Opfer an Gott.
 

1 Die Ethik des Opfers

Eine phänomenologische Annäherung an den Opferbegriff erlaubt, Edith Steins ethische Grundhaltung angesichts des Unvermeidlichen darzustellen. Denn die Wesensphänomenologie lässt sichtbar werden, was das Darbringen des Opfers beinhaltet. Das richtige Opferverständnis trägt dazu bei, die Unausweichlichkeit des Opferns im menschlichen Leben anzunehmen, was in sich schon eine ethische Herausforderung ist. Aus der Wesensanalyse erwächst zudem ein ethischer Appell, das Opfer nur so zu vollziehen, dass darin die größeren Möglichkeiten des Menschen aufscheinen und dass verhindert wird, sich selbst oder andere zum Opfer zu machen. Unter dieser Prämisse kann und muss ein Lebensopfer entsprechend evaluiert werden.

1.1 Opfer – eine phänomenologische Definition

Das Deutsche verwendet für den Akt des Opferns wie für die Opfergabe denselben Begriff: Opfer. Der Vollzug des Opferns lässt sich phänomenologisch wie folgt definieren:

Ein Opfer ist eine freiwillige Gabe: Ein Mensch entscheidet bewusst und freiwillig, etwas zu geben, was für ihn einen gewissen Wert hat; es aufzugeben ist schwer. Er gibt es, um dafür einen größeren Wert zu erlangen. Dabei weiß er nicht, ob er den angestrebten Wert je erhalten wird. Das Opfer ist durch Hoffnung getragen und auf größere Hoffnung gerichtet.

Damit erscheinen einige Wesensmomente des Opfers: die Freiwilligkeit, der Wert, der gegeben und der Wert, der angestrebt wird, die Hoffnung, die das Opfer trägt und das Ziel, die Hoffnung zu vergrößern, ohne dass eine Sicherheit besteht, dass man den angestrebten Wert erhält. Der gegebene wie der erhaltene Wert kann dabei materieller oder immaterieller Art sein.

Diese Wesenselemente werden als solche bestätigt, wenn man für einen Augenblick den umgekehrten Gedankengang wählt:
  • Wird jemand zu einem Opfer gezwungen, so erlebt er sich selbst als Opfer einer solchen Maßnahme. Der Verlust von etwas, das man nicht geben will, wird nicht als Opfer, sondern als Tragik erlebt.
  • Hat das, was man weggibt, keinen Wert, so stellt das Weggeben auch keinen Verlust dar. Etwas Wertloses wegzugeben, ist kein Opfer.
  • Ist jemand sich dessen nicht bewusst, dass der Wert, den er weggibt, größer ist als der Wert, den er erhält, so kann er zum Opfer seines eigenen Opferns werden – auch hier wird das Opfer schlussendlich als Tragik erlebt.
  • Wer opfert, weiß nie mit Sicherheit, ob er den angestrebten Wert erhält. Wüsste er es, so wäre seine Gabe ein Preis, den er bezahlt, kein Opfer.
  • Der gegebene Wert ist also nur im Modus der Hoffnung gegeben. Wer keine Hoffnung hat, opfert nicht.
  • Würde das Opfer die Hoffnung nicht wachsen lassen, so würde man es nicht darbringen.
Eine Opfergabe ist also ein Geschenk, ja der Opfernde kann sich selbst aus innerer Freiheit zum Opfer bringen.2 Wird jemandem hingegen etwas abverlangt, was er nicht geben wollte, so wird er zum Opfer.

Im Lateinischen wird das Opfer, „sacrificium”, unmittelbar mit dem Heiligen verbunden. Man kann das so deuten, dass das Opfer im religiösen Kontext seinen genuinen Raum hat, aber auch so, dass man ein Opfer für etwas darbringt, das man als „heilig“3 erachtet. Der Heilige, dem man opfert, und das Heilige, für das man opfert, haben eine Eigenschaft gemein: Sie sind unerreichbar, nicht aus eigener Kraft einholbar. Weder kann man den Heiligen zwingen, auf das Opfer mit der erbetenen Huld zu antworten, noch kann man das Heilige aus eigener Kraft erwerben. Wäre der Heilige käuflich, so bezahlte man einen Preis; wäre das Heilige machbar, so bräuchte es kein Opfer. Somit wird der Aspekt der Hoffnung noch einmal neu gedeutet: Die Hoffnung richtet sich auf das nicht aus eigener Kraft Erleistbare, auf die unverfügbare, freie Huld des Anderen, oder auf das nicht Machbare, das uns als Geschenk aus dem Unerreichbaren zukommt.

1.2 Opfer als anthropologisches Faktum

Ein Opfer darzubringen, liegt im Bereich der menschlichen Möglichkeiten – aber es ist auch eine Notwendigkeit. Denn der Mensch kann einerseits frei und bewusst die Werte wählen und gegeneinander abwägen, die er geben und erhalten will; er kann frei in das Opfer einstimmen oder es verweigern; andererseits zwingt aber das tägliche Leben jedem Opfer ab, weil man aus Optionen wählen und Möglichkeiten aufgeben muss, um andere zu erhalten.

Opfern ist ein Vollzug in Beziehung. Nicht immer wird das Opfer jemandem oder für jemanden dargebracht; immer aber ist die Beziehung zur eigenen Person tragend. Wer mehr opfert, als er geben wollte, macht sich selbst zum Opfer der eigenen Tat; wer zum Opfer wurde, kann dieses Opfersein als Tragik erleben oder – das ist die höhere moralische Möglichkeit – das Opfersein im Nachhinein annehmen und das als eigenes Opfer darbringen, was unrechtmäßig als Opfer abgefordert wurde. Das Opfer kann aber auch für Andere dargebracht werden; sehr häufig hat es diese soziale Konnotation: Der Opfernde eröffnet durch eigenen Verzicht Möglichkeiten für Andere4 oder trägt zum sozialen Frieden bei5. Ein Opfer kann auch im Dienste der Wahrheit gebracht werden: Edith Stein nennt das Opfer des eigenen Intellekts (es kann auch als Opfer der Hybris verstanden werden), das den Weg öffnet zur tieferen und größeren Wahrheit.6

Auf diese Weise wird das Opfer zum Ausdruck der Moralität. „Moralität“ ist in der phänomenologischen Anthropologie die Doppelheit von Freiheit und Verantwortung angesichts des zu schützenden Wertes.7 Im Opfern muss zwischen Werten abgewogen werden – schon das erfordert eine moralische Grundhaltung –, und das Opfer muss im Modus der Hoffnung, also in einer tugendhaften Haltung8, dargebracht werden: Je größer das abverlangte Opfer, umso größer und vertrauensvoller muss diese Haltung der Hoffnung sein.

1.3 Opfer in der Beziehung zu Gott

Der größte Hoffnungshorizont wird im Glauben aufgespannt. Alle Religionen kennen das Opfer als Ausdruck der Beziehung zu Gott. Eine Religionsphänomenologie analysiert ihre Spezifika. Wesensphänomenologisch kann und darf der Mensch nicht zum Opfer gezwungen werden; zudem zwingt das Opfer den Empfänger der Gabe nicht – Gott bleibt frei. Das Opfer wäre sonst nicht Ausdruck der Hoffnung, des Glaubens und der Liebe, sondern der Forderung, des Misstrauens und der Angst – drei Haltungen, die eher von Nicht-Beziehung als von Beziehung zeugen.

Hoffend auf die göttliche Gnade kann der Mensch auch das noch opfern, was ihm abgefordert wurde und das opfern, was menschliche Opferbereitschaft nicht geben kann: die Freiheit, die Sicherheit, ja das Leben. Grund und Ziel eines solchen Opfers kann nur die umfassende Hoffnung sein, die in Glaube und Liebe wurzelt: dass in Gott das umfassende und endgültige Heil ist.

Im christlichen Kontext zeigt sich, dass Gott selbst das entscheidende Opfer darbringt9: Er ist zugleich Opfernder und Opfer10, ein Opfer, das sich selbst in Jesus Christus zur Opfergabe macht aufgrund seiner eigenen freien Entscheidung.11 Das ist das Einzigartige des Opfers im Christentum: Gott ist das erlösende Opfer und derjenige, der das Opfer annimmt.

2 Opfer im Lichte der Mittlerschaft

Das Opfer erscheint in einem neuen Licht, wenn es in den Kontext der Mittlerschaft gestellt wird. Deren geschichtliche Entwicklung sei anhand biblischer Texte kurz skizziert, die den Grundgedanken von Mittlerschaft und Stellvertretung durchdeklinieren. In diesem kurzen Durchgang scheint schließlich das Spezifische des christlichen Mittlers auf, in dessen Nachfolge Edith Stein ihr Opfer versteht.

2.1 Die Elemente der Mittlerschaft

Der biblische Mittler vermittelt zwischen Gott und den Menschen. Die Mittlerschaft umfasst ein „Schon“ und „Noch nicht“. Das Schon bezieht sich auf die Situation des Mittlers: In seinem Leben, in seinem Reden und Handeln, spiegelt sich das anbrechende göttliche Heil, während sich das Volk in einer Unheilssituation befindet. Das Schon der Mittlerschaft bezieht sich auf die schon ergangene Verheißung, die der Mittler vor dem Volk empfängt: Ihm wird eine heilvolle Zukunft verheißen. Es bezieht sich auf den schon ergangenen und beispielhaft zu lebenden Auftrag, den das Volk später übernehmen soll; insofern zeigt sich im Mittler das stellvertretende Heilshandeln Gottes, das am Mittler verwirklicht, was dem Volk verheißen ist. Gleichzeitig ist es die stellvertretende Zuwendung des Mittlers zu Gott, die das Volk noch nicht vollzogen hat. Sowohl der Mittler wie das Volk sind von Gott berufen und erwählt12; sonst würde Gott sich nicht offenbaren und auf die Vermittlung keinen Wert legen.

Verheißung, Auftrag und Stellvertretung des Mittlers sind – in der jeweiligen historischen Situation – der Unwissenheit, dem Fehlverhaltens und der Verantwortungsverweigerung des Volkes gegenübergestellt. Die Vermittlung eröffnet für Gott die Möglichkeit, sein Heilshandeln im Volk wirksam werden zu lassen.

2.2 Die Entwicklung der alttestamentlichen Mittlerschaft

Die genannten Elemente werden zuerst auf Moses angewandt13, obwohl auch Abraham, der als erster die göttliche Verheißung erhielt, als Mittler angesprochen werden könnte. Doch seine Unheilssituation stellt sich als individuelles Schicksal dar: die Kinderlosigkeit, die den Fortbestand seines Geschlechts bedrohte. Erst die Zusage, dass sein Geschlecht Gottes auserwähltes Volk sein werde, macht ihn zum Mittler des Lebens und des Bundes.14 Die eigentliche monotheistische Verheißung erging erst an Mose.15 Die Unheilssituation ist nun die des auserwählten Volkes in ägyptischer Knechtschaft und später in der Knechtschaft der Sünde. Während der Befreiungssituation ist Mose zwar Überbringer der göttlichen Befreiungszusage, dann aber eher Mittler zwischen dem Volk und dem Pharao. Erst in der Zeit der Wüstenwanderung, in der das Volk sich gegen Gott wendet, tritt Mose als Mittler zwischen Gott und Mensch auf als „Typus und Maß für alle Propheten“16: Er verheißt eine heilvolle Zukunft im Bund mit Gott, wenn das Volk die Gesetze der Bundestafel einhält.17 Der Mittler ist der erste, der am neuen Gebot gemessen wird, was dazu führt, dass er das verheißene Land nicht betreten darf.18 Stellvertretend für das Volk tritt er vor Gott hin und bittet immer wieder um Gnade und Schonung.19 Auch die leidende Stellvertretung kommt ihm zu.20 Die opfernden Leviten, die Dienst im Bundeszelt tun, nehmen als erste Teil an der mosaischen Stellvertretung. Nach der Landnahme sichern nicht allein die Opfer den Bund; auch die Einhaltung des Gesetzes muss gewährleistet werden.21 So entsteht das Amt der Richter, die aber nicht als Mittler, sondern als Sicherung der Gesetzestreue eingesetzt werden und dafür durch den göttlichen Geist begabt und geführt werden.22

Die eigentliche Mittlerschaft wird in der weiteren Geschichte durch die Propheten übernommen. Hier findet sich der Dreischritt Verheißung, Auftrag und Stellvertretung wieder: (a) Die Propheten sind berufen, die göttliche Verheißung dem Volk mitzuteilen.23 Dieses befindet sich in einer Unheilssituation, nimmt diese aber nicht immer als solche war. Insofern sind Heilspropheten wie Jesaja im Volk angesehener als Unheilspropheten; letztere prangern die Sündigkeit der Auserwählten an, die auf die göttliche Mahnung nicht hören wollen. (b) Der Prophet muss als erster auf die Verheißung hören und ihr Folge leisten. Das nimmt bisweilen paradoxale Formen an, weil er in seinem eigenen Leben oder durch sein eigenes Handeln darstellen muss, was Gott zu tun gedenkt; in ihm erscheint als Präsens, was für das Volk erst Zukunft ist.24 (c) Stellvertreter ist der Prophet, insofern er Gottes Stimme repräsentiert; stellvertretend ereilt ihn aber auch das Schicksal des Volkes, in Heil wie in Unheil25.

Als „aus dem zeitweiligen charismatischen Führer der lebenslange König wurde“26, ging die Mittlerschaft auf das Königtum über.27 Auch hier finden sich die drei Elemente wieder: (a) Die mit dem Königtum verbundene Verheißung ist die der endgültigen Gottesherrschaft: „Die prophetisch-messianische Hoffnung auf ein völlig neues, gewaltloses Idealkönigtum konnte geboren werden, das sich ganz als Instrument der Heilsherrschaft Jahwes erweisen würde.“28 (b) Doch wird diese Herrschaft so zufällig oder konstant, so zuverlässig oder unzuverlässig errichtet, wie es dem Charakter des jeweiligen Königs entspricht.29 Der göttliche Auftrag war ein anderer: Der König sollte Vorbild sein; er sollte die Gottesherrschaft in seiner Person repräsentieren – an ihn sind messianische Erwartungen geknüpft30, denen er aber nur entsprechen kann, wenn er Gott in sich zur Herrschaft kommen lässt. (c) Darum wird der König auch persönlich zur Verantwortung gerufen, allerdings nicht ohne dass sein Schicksal auch das seines Volkes wird.31

Im Exil, nach dem Niedergang des Königtums, gewinnt das Prophetentum wieder an Macht. Nun sind die drei Elemente aufgeteilt. (a) Die Propheten mahnen, doch geben sie auch Hoffnung32; sie empfangen die Salbung und den göttlichen Geist33. (b) Aber die nachexilische Theologie versucht weitestgehend ohne Mittler auszukommen: Das Volk wird als Heilsträger unmittelbar zur Verantwortung gerufen.34 Denn auch das einfache Volk empfängt jetzt den Geist.35 (c) Es lässt sich jedoch die Suche nach einem Heilsvermittler nicht nehmen und wählt Kyrus zum Garanten des nachexilischen Heils.36 Es scheint so zu sein, dass das Volk nicht ohne Stellvertreter sein will – selbst wenn dieser aus einem anderen Volke stammt. Auch die nachexilische Situation ist nicht unumwunden als Heilssituation zu beschreiben.37 Weil der Messias sich nicht unmittelbar einfinden will, erscheint in den Schriften ein mythischer Heilsträger, der Gottesknecht.38 Der Verurteilte und Geschlagene kann das zerschlagene Volk repräsentieren, gilt ihm doch die uneingeschränkte Zusage, dass Gott ihn retten und in ihm Heil schenken wird, dauerhaftes Heil.

Doch das Volk will eine Konkretisierung des Heils. Diese war bisher und wird auch nun wieder im Opferritus gesucht.39 Die vorschnelle Heilserwartung, die sich an das Ritual bindet, entlarvt dieses jedoch als Versuch, die göttliche Huld zu erzwingen. Die Kritik an dieser Opferauffassung, die der eigentlichen Opfergesinnung, wie gesehen, widerspricht, ist dem Ersten Testament inhärent.40 Der Priester ist der einzige, der für sein Amt, wie der König, gesalbt wird. Mit göttlicher Vollmacht tritt er für das Volk ein. Doch verkörpert er weniger die Verheißung, die Wortmittlerschaft (Element a fehlt hier also), als mehr die Stellvertretung, die Tatmittlerschaft41 (Element c), die jedoch noch eine schwache Stellvertretung ist, da jeder Hohepriester erst für sich selbst und seine eigene Reinigung opfern muss, bevor er wirksam ein Opfer für das Volk darbringen kann42. Der Opferritus als solcher ist nicht heilsmächtig genug, um die Gottesherrschaft heraufzuführen, vor allem dann nicht, wenn er nicht mit der rechten Gesinnung ausgeführt wird; dann entweiht er den Tempel.43
Die Weisheitsbücher sprechen daher auch eine deutliche Sprache im Hinblick auf die Gesinnung.44 Nicht Opfer, sondern Umkehr ist nötig, nicht Unterhandlung mit Gott, sondern Bekehrung zu ihm. Die Weisheit teilt sich jedem mit; sie hat keinen Mittler nötig, denn sie ist bereits durch Gottes Geist vermittelt.


Das „Schon“ und „Noch nicht“ der alttestamentlichen Mittlerschaft ist eine Geschichte von Hoffnung und Enttäuschung. Die endgültige Gottesherrschaft wurde nicht aufgerichtet. Nicht durch Mose, der das Gesetz, die Lebensordnung des Bundesvolkes mit seinem Gott, verkündete, noch durch die Richter, die dieses Gesetz bewachten sollten. Auch die Propheten, die dem selbstbetrügerischen Volk das Unheil und dem verloren Volk das Heil ankündigten und die jeweiligen Bedingungen nannten, konnten zu keiner dauerhaften Bekehrung zum Herrn des Lebens beitragen. Die Könige waren eine fortgesetzte Enttäuschung; immer wieder nahmen sie das Volk in ihren eigenen Dienst, statt die Gottesherrschaft aufzurichten, die die Königsmacht aufgehoben hätte. Das Volk erlebt sich selbst als zu unzuverlässig; es will nicht ohne Mittler sein und sucht diesen lieber in anderen Völkern oder in einer heilsverheißenen Gottesknechtsgestalt, als die Verantwortung für das Gottesreich selbst zu übernehmen. Die letzte Stellvertretung wird dem Messias zugeschrieben, dem Gesalbten, der die Macht von Königen und Priester in sich vereinigt; in ihm wird die erwartete Gottesherrschaft endgültig aufgerichtet.

2.3 Die neutestamentliche Mittlerschaft

Die neutestamentliche Mittlerschaft bringt eine unerwartete Wende. Nachdem die menschliche Mittlerschaft wieder und wieder fehlgeschlagen war und das menschliche Opfer keine Genugtuung leisten konnte45, nachdem der Einzelne nicht genügend Weisheit bewiesen hatte, sich die göttliche Weisheit zu eigen zu machen und nach ihr zu leben, beschreitet Gott selbst einen neuen Weg: Er sendet als Mittler seinen Sohn46, wie der Hebräerbrief bezeugt

„Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat.“47

In dieser neuen Mittlerschaft ist der die Gottesherrschaft Verheißende zugleich der Verheißene: In ihm bricht die Herrschaft an – dauerhaft und unverbrüchlich.48 Er ist der Messias, der Gesalbte und Gesandte, der sich mit der Verheißung des Jesaja identifiziert.49 Der Neue Bund kann von der Menschheit nicht gebrochen werden, da er vom Gottmenschen geschlossen wurde.

Die drei Elemente der Mittlerschaft sind auch in der Person Jesu Christi präsent.
  1. Er verheißt das Reich Gottes. Diese Botschaft durchzieht seine ganze Verkündigung. – Gleichzeitig bricht dieses Reich in ihm bereits an.50
  2. Der Auftrag, das Gottesreich zu verkörpern, wird durch Jesus Christus übernommen; die „Nachfolge Christi“51 darum zum Maßstab christlichen Lebens.
  3. Die Stellvertretung des Einen für Alle, des Gottmenschen für das Menschengeschlecht ist eine neue Qualität: Gott selbst tritt in die vom Menschen nicht ausfüllbare Leerstelle ein.52

Das Leiden des Mittlers, das im leidenden Gottesknecht vorausgedeutet war, wird nun als „stellvertretendes Leiden und Sterben“53 gedeutet.

Denn „er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen.“54

In der Nachfolge Christi sind Christen berufen, teilzunehmen an der dreifachen Mittlerschaft Jesu Christi. Diese Mittlerschaft ist, anders als die des Gottessohnes selbst, immer eine partielle: Sowohl die Verkündigung des Evangeliums als auch die Umsetzung der Lehre sind und bleiben Stückwerk – wie alles Menschenwerk. Darum kann der menschliche Stellvertreter auch nur eine partielle Stellvertretung vollziehen und dies wiederum nur im Hinblick auf die von Christus bereits vollzogene vollkommene Stellvertretung, denn nur so kann sie – anders als jede andere Stellvertretung – dauerhaft heilswirksam werden. Die menschliche Mittlerschaft vollzieht sich nicht als heilsschaffende wie die des Messias selbst, sondern in „Heilssolidarität“55.
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