Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

2020-04-29 Deutsche Bischofskonferenz - Deutsche Bischöfe im Weltkrieg

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III. Zugänge des Verstehens

So schwer verständlich, wenn nicht sogar falsch uns das Verhalten unserer Vorgänger im Bischofsamt heute auch erscheint, es enthebt uns nicht der Mühen des historischen Verstehens. Nur so entkommen wir der Versuchung, das damalige Geschehen nicht nah genug an uns herankommen zu lassen. Wir sind es nicht zuletzt den Opfern schuldig, der Frage nachzugehen, wie sich solche Haltungen entwickeln konnten und worin sie ihre Begründung fanden.

Wir möchten daher im Folgenden auf einige Faktoren hinweisen, die die Gesamtheit der Kirche und insbesondere die Bischofskonferenz geprägt haben. Sie helfen, das Verhalten zum Krieg nachvollziehbar zu machen, ohne es entschuldigen zu wollen. Die spezifische Bedeutung dieser einzelnen Faktoren für die jeweiligen Bischöfe kann dabei sehr unterschiedlich sein. Auch hier gilt es, vorschnelle Verallgemeinerungen zu vermeiden.

Nahezu fremd erscheint uns heute, wie sehr die Vorstellungen der Bischöfe von traditionellen Ordnungsvorstellungen geprägt waren, die in der antiken Philosophie und Theologie ihren Ausgang genommen und die Welt des Mittelalters gedeutet und geformt hatten. Auch unter Bezugnahme auf den Brief des Apostels Paulus an die Römer (13,1–7) und den 1. Petrusbrief (2, 13 f.) betrachtete die Kirche staatliche Ordnung und Gewalt als von Gott gegeben und gewollt. Dies schloss Kritik an den Verantwortlichen nicht aus. Die Ordnung selbst wurde aber nicht infrage gestellt, da eine Auflehnung gegen die staatliche Ordnung zugleich als Auflehnung gegen den göttlichen Willen verstanden wurde. Diese traditionelle Form der Legitimation von Herrschaft brachte unter den Bedingungen der Moderne eine größere Nähe zu monarchistischen und autoritären als zu freiheitlich-demokratischen Staatsformen hervor, da die Verwirklichung der Menschenrechte als Ziel und Legitimationsgrundlage aller staatlichen Gewalt erst langsam das kirchliche Denken zu bestimmen begann. So wurde der deutsche Staat nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, deren Weltanschauung von den Bischöfen klar abgelehnt wurde, weiterhin als eine Ordnungsmacht angesehen, die es zu respektieren und zu schützen galt. Unter den Bedingungen des NS-Unrechtsstaats führte dies zu einer ambivalenten und teils auch problematischen Positionierung der Kirche.

Mit Blick auf den Krieg kam mit der Lehre vom „Gerechten Krieg“ eine weitere Lehrtradition zum Tragen. Diese auf Cicero, Augustinus und Thomas von Aquin zurückgehende Lehre, die erheblichen Einfluss auf die Entwicklung des Völkerrechts hatte und hat, war entgegen ihrer Intention der Gewaltbegrenzung im Laufe der Neuzeit zusehends zu einem Mittel der Gewaltlegitimation geworden und hatte zur Gewöhnung an Gewaltmittel beigetragen. Auch wenn am gewachsenen politischen Umgang mit dieser Lehre seit den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges Zweifel lauter wurden, hat sie doch dazu beigetragen, dass die allermeisten Christinnen und Christen den Krieg als Form politischer Auseinandersetzung dem Grundsatz nach in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch nicht hinterfragten.

Die tradierten christlichen Vorstellungen von staatlicher Ordnung und Krieg fügten sich ein in die breite gesellschaftliche Akzeptanz der selbstverständlichen Anwesenheit des Militärischen im Alltag. Die Militarisierung der Gesellschaft des Deutschen Kaiserreiches sowie die Prägungen durch die Gewalt- und Militärerfahrungen des Ersten Weltkriegs wirkten nach. Das Soldatische war weithin gesellschaftlich anerkannt und präsent. Auch im zivilen Bereich, sei es in Jugendorganisationen oder in den politischen Parteien der Weimarer Republik, gab es militärähnliche Strukturen, Sprach- und Verhaltensformen. Vorstellungen von Ehre, Disziplin und Gehorsam, die mit der soldatischen Existenz verbunden wurden, galten viel. Im Fahneneid, den jeder Soldat schwören musste und der seit 1934 auf Adolf Hitler geschworen wurde, kam dieses Denken in einer für viele Soldaten bindenden Form zum Tragen. Eid- und Kriegsdienstverweigerer mussten während des Krieges mit brutaler Verfolgung und drakonischen Strafen rechnen. Entsprechend gering war die Bereitschaft, in der Öffentlichkeit das Handeln und die Pflichten von Soldaten zu hinterfragen. Die entstehende Friedensbewegung, wie z. B. der Friedensbund der Deutschen Katholiken, blieb gesellschaftlich und kirchlich eine Randerscheinung.

Die katholische Kirche in Deutschland hatte einen langen Weg hinter sich, bis sie nach dem Kulturkampf während des Kaiserreichs in der Nation angekommen war. Die Erfahrungen des Kulturkampfs und das Bedürfnis, die nationale Loyalität sichtbar werden zu lassen, wirkten in der Zeit des Nationalsozialismus fort. Gerade im Krieg wurde es als selbstverständliche patriotische Pflicht verstanden, zu seinem Vaterland zu stehen. Die Bedürfnisse und Rechte der anderen Nationen gerieten dabei weitgehend aus dem Blick. Auch in der katholischen Kirche in Deutschland und unter den Bischöfen wurde der Versailler Vertrag mit seiner Zuweisung der alleinigen Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs an Deutschland abgelehnt und als Demütigung empfunden. Die massiven Auflagen, die der Vertrag dem Land machte, wurden von vielen Katholiken (auch Bischöfen) als ungerecht und eine Revision als erstrebenswert angesehen. Das prägende nationale Denken und Empfinden kam dabei zum Tragen. Es gipfelte in der Zustimmung zum Einmarsch in Paris (1940).

Neben dem nationalen Denken bot die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus bzw. der Kampf gegen den Bolschewismus die größte Anschlussfähigkeit an nationalsozialistische Ideen. Der Kommunismus verkörperte in besonderer Weise die mit der Moderne aufgekommenen Probleme. Mehr noch: Die kirchliche Ablehnung eines konkurrierenden, religionsfeindlichen Gesellschaftssystems fand ihre Bestätigung in der systematischen Verfolgungspolitik Stalins gegen die Kirchen und Religionsgemeinschaften in der Sowjetunion. Der weltanschauliche Gegensatz war dadurch blutig manifest geworden. Der Kampf gegen den Bolschewismus gewann nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Jahre 1941 in der NS-Propaganda eine besondere Bedeutung. Er besaß, abgesehen von der rasseideologischen Begründung der NS-Propaganda, ein erhebliches Zustimmungspotential. Die konkreten Realitäten des Vernichtungskrieges kamen bei dieser Zustimmung zum Kampf gegen den Bolschewismus allenfalls schemenhaft in den Blick.

Die kirchliche Situation hatte sich nach den im Reichskonkordat 1933 gegebenen Garantien für die seelsorgerische Tätigkeitder Kirche als zunehmend prekär erwiesen. Das NS-Regime bemühte sich, die katholische Kirche auf der Grundlage des Konkordats aus der Öffentlichkeit auf ein Sakristeichristentum zurückzudrängen. Während die Nationalsozialisten ein taktisches Verhältnis zu Recht und Verträgen pflegten, das sich zwischen Instrumentalisierung und Rechtsbruch bewegte, sahen sich die Bischöfe weiterhin daran gebunden. Mit den insbesondere im Laufe des Krieges zunehmenden Repressionen gegen die Kirche, wie den vielen Inhaftierungen von Priestern, Ordensleuten und Laien, wurden die Grenzen dieser defensiven Strategie zunehmend sichtbar.

Der Herausforderung des Nationalsozialismus und insbesondere des von ihm ausgehenden rasseideologischen Vernichtungskriegs zeigte sich die Bischofskonferenz aus preußischen, bayerischen und seit 1938 österreichischen Bischöfen nicht zuletzt aufgrund ihrer inneren Organisation nicht gewachsen. Sie erwies sich als institutionell zu schwach, um zu einer durchschlagenden gemeinsamen Handlungslinie zu kommen. Nur einstimmig gefasste Beschlüsse hatten bindende Wirkung, ohne des halb auch rechtlich für alle Bischöfe verbindlich zu sein, was den Handlungsspielraum zusätzlich verringerte. Die divergierenden Vorstellungen darüber, ob und inwieweit die tradierten Ordnungsvorstellungen und das bischöfliche Amtsverständnis in ein gesellschaftliches Wächteramt überführt werden sollten, standen in Spannung zum notwendigen Bemühen um innere Geschlossenheit. Dass der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Adolf Bertram, eine Änderung des Kurses trotz der immer dramatischeren Erfahrungen blockierte und auf einer Fortsetzung der Eingabenpolitik bestand, machte die Bischofskonferenz gerade zu jenem Zeitpunkt handlungsunfähig, als sich das Regime 1941 entschloss, das Judentum zu vernichten. Erst im August 1943 gelang den Bischöfen nach zwei Jahren kontroversen Ringens auf ihrer letzten Zusammenkunft im Krieg der bereits erwähnte gemeinsame Hirtenbrief: eine beachtliche fundamentale Stellungnahme, welche die zehn Gebote als Lebensgesetz aller Völker und damit die Geltung der Menschenrechte forderte.
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