Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

1989-08-27 Johannes Paul II - Apostolisches Schreiben zum 50. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges

Strona: 2


Der verachtete Mensch
4. Dieser „Sieg des Rechtes“ bleibt die beste Garantie für die Achtung der Personen. Wenn man auf die Geschichte dieser sechs furchtbaren Jahre zurückschaut, kann man nur zu Recht bestürzt sein über die Verachtung, der der Mensch ausgesetzt war.
Zu den materiellen Ruinen, zur Vernichtung der wirtschaftlichen und indu­striellen Grundlagen der durch die Kämpfe und Zerstörungen verwüsteten Länder ‑ eine Zerstörung, die bis zum nuklearen Holocaust von zwei japa­nischen Städten gegangen ist ‑ haben sich Massaker und Elend hinzugesellt. Ich denke besonders an das grausame Schicksal, das den Völkern im weiten Raum des Ostens zugefügt worden ist. Ich selbst bin erschütterter Zeuge dessen gewesen an der Seite des Erzbischofs von Krakau, Msgr. Adam Ste­fan Sapieha. Die inhumanen Zwangsmaßnahmen der jeweiligen Besat­zungsmacht haben auf brutale Weise die Gegner und die verdächtigen Per­sonen getroffen, während die Frauen, Kinder und die alten Leute ständigen Demütigungen unterworfen waren.
Auch kann man das Drama nicht vergessen, das durch die gewaltsame Um­siedlung von Volksgruppen verursacht worden ist, die auf die Straßen Europas geworfen wurden, allen Gefahren ausgesetzt und auf der Suche nach einer Unterkunft und nach Lebensmitteln.
Eine besondere Erwähnung gebührt sodann noch den Kriegsgefangenen, die in der Isolierung, in Entbehrung und Demütigung ebenfalls nach der Härte der Kämpfe einen weiteren schweren Tribut gezahlt haben.
Schließlich muß noch daran erinnert werden, daß die Bildung von Regie­rungen, die durch die Besatzungsmacht in den Staaten Zentral- und Osteu­ropas aufgezwungen worden sind, von repressiven Maßnahmen und sogar von einer Vielzahl von Hinrichtungen begleitet worden ist, um die sich auf­lehnende Bevölkerung zu unterwerfen.
Die Verfolgung gegen die Juden
5. Unter all diesen unmenschlichen Maßnahmen gibt es aber eine, die für immer eine Schande für die Menschheit bleiben wird: die organisierte Barbarei, die gegen das jüdische Volk gewütet hat.
Für die „Endlösung“ bestimmt, die von einer irrsinnigen Ideologie ausge­dacht worden war, sind die Juden kaum zu beschreibenden Entbehrungen und Grausamkeiten unterworfen worden. Zuerst verfolgt durch unterdrückende oder diskriminierende Maßnahmen, endeten sie schließlich zu Millio­nen in den Vernichtungslagern.
Die Juden in Polen haben mehr als andere diese Kalvarienstunde erlebt: Die Bilder von der Belagerung des Ghettos in Warschau wie auch das, was man über die Lager von Auschwitz, Majdanek oder Treblinka gehört hat, über­steigen an Entsetzen das menschliche Fassungsvermögen.
Es muß ferner daran erinnert werden, daß dieser mörderische Wahnsinn sich auch gegen viele andere Gruppen gerichtet hat, die nur den Fehler hat­ten, „verschieden“ zu sein, oder die sich gegen die Tyrannei der Besatzungs­macht zur Wehr gesetzt haben.
Aus Anlaß dieses schmerzvollen Jahrestages richte ich mich noch einmal an alle Menschen. Ich lade sie ein, ihre Vorurteile zu überwinden und gegen alle Formen des Rassismus anzukämpfen, indem man bereit ist, in jedem Menschen die fundamentale Würde und das Gute in ihm anzuerkennen so­wie sich immer mehr dessen bewußt zu werden, daß alle zu einer einzigen Menschheitsfamilie gehören, die von Gott gewollt und zusammengeführt worden ist.
Ich möchte hier mit Nachdruck wiederholen, daß die Feindschaft oder der Haß gegen das Judentum im vollkommenen Gegensatz zu der christlichen Sicht von der Würde des Menschen stehen.
Die Prüfungen der katholischen Kirche
6. Das Neuheidentum und die Systeme, die mit ihm verbunden waren, wü­teten gewiß gegen die Juden, sie richteten sich aber gleichermaßen gegen das Christentum, dessen Lehre die Seele Europas geformt hat. Durch die Verfolgung des Volkes, „dem Christus dem Fleisch nach entstammte“ (Röm 9,5), ist die evangelische Botschaft von der gleichen Würde aller Kin­der Gottes verhöhnt worden.
Mein Vorgänger Papst Pius XI. hat klar gesehen, als er in seiner Enzyklika „Mit brennender Sorge“ erklärte: „Wer immer die Rasse oder das Volk, den Staat oder eine seiner bestimmenden Formen, die Machthaber oder andere grundlegende Elemente der menschlichen Gesellschaft zum höch­sten Maßstab von allem macht, auch der religiösen Werte, und sie durch einen Götzenkult vergöttlicht, der pervertiert und verfälscht die Ordnung der Dinge, die von Gott geschaffen und gewollt ist“.[4]
Diese Anmaßung der Ideologie des nationalsozialistischen Systems hat auch die Kirchen nicht verschont, die katholische Kirche im besonderen, die vor und während des Konfliktes ebenfalls das Leiden kennengelernt hat. Ihr Schicksal ist gewiß auch nicht besser gewesen in den Gegenden, wo die marxistische Ideologie des dialektischen Materialismus sich gewaltsam durchgesetzt hat.
Dennoch müssen wir Gott danken für die zahlreichen Zeugen, bekannte und unbekannte, die in jenen Stunden der Prüfung den Mut gehabt haben, unerschrocken ihren Glauben zu bekennen, die es verstanden haben, sich gegen die atheistische Willkür zu erheben, und die sich vor der Gewalt nicht gebeugt haben.
Totalitarismus und Religion
7. Denn im Grunde haben das nationalsozialistische Heidentum wie das marxistische Dogma dies gemeinsam, daß sie totalitäre Ideologien sind und dazu neigen, Ersatzreligionen zu werden.
Schon lange vor dem Jahre 1939 zeigte sich in gewissen Bereichen der euro­päischen Kultur der Wille, Gott und sein Bild aus dem Horizont des Men­schen zu entfernen. Man begann, die Kinder vom jüngsten Alter an in die­sem Sinne zu indoktrinieren.
Die Erfahrung hat den traurigen Beweis erbracht, daß der Mensch, welcher allein der Macht des Menschen ausgeliefert und in seiner religiösen Sehn­sucht verstümmelt ist, sehr schnell zu einer Nummer oder einem bloßen Objekt wird. Im übrigen hat noch kein Zeitalter die Gefahr vermeiden kön­nen, daß sich der Mensch in einer Haltung stolzer Selbstgenügsamkeit in sich selbst verschloß. Diese Gefahr aber hat sich in diesem Jahrhundert in dem Maße verschärft, wie Waffengewalt, Wissenschaft und Technik dem heutigen Menschen die Illusion haben geben können, der alleinige Herr und Meister von Natur und Geschichte zu werden. Ein solcher Anspruch liegt den Auswüchsen zugrunde, die wir heute beklagen.
Der moralische Abgrund, in den die Verachtung Gottes und damit auch des Menschen die Welt vor fünfzig Jahren hinabgestürzt hat, läßt uns die Macht des „Herrschers dieser Welt“ (Joh 14, 30) mit Händen greifen: Er vermag die Gewissen zu verführen durch die Lüge, durch die Verachtung des Menschen und des Rechtes, durch den Kult von Herrschaft und Macht.
An all das erinnern wir uns heute und bedenken dabei, zu welch extremen Folgen die Aufgabe jeglicher Achtung vor Gott und jeglichen transzenden­ten Moralgesetzes führen kann.
Achtung vor dem Völkerrecht
8. Was aber für den Menschen gilt, das gilt ebenso für die Völker. Sich an die Ereignisse von 1939 zu erinnern, bedeutet auch, sich deutlich zu machen, daß der letzte Weltkrieg als Ursache die Zerstörung der Rechte der Völker wie der Personen hatte. Darauf habe ich noch gestern hingewiesen, als ich mich an die Polnische Bischofskonferenz wandte.
Es gibt keinen Frieden, wenn nicht die Rechte aller Völker ‑ und insbeson­dere der verwundbarsten ‑ respektiert werden! Das gesamte Gebäude des internationalen Rechtes ruht auf dem Grundsatz der gleichen Achtung für die Staaten, des Rechtes auf Selbstbestimmung eines jeden Volkes und der freiwilligen Zusammenarbeit der Völker für das höhere Gemeinwohl der Menschheit.
Es ist wesentlich, daß sich heute solche Situationen nicht mehr wiederho­len, wie sie in Polen von 1939 bestanden, als es nach dem Belieben skrupel­loser Eindringlinge verwüstet und zerstückelt wurde. Man kommt nicht umhin, an dieser Stelle auch an die Länder zu denken, die noch nicht ihre volle Unabhängigkeit erlangt haben, sowie an jene, die davon bedroht sind, sie zu verlieren. In diesem Zusammenhang und gerade in diesen Tagen muß man den Fall des Libanon hervorheben, wo miteinander verbündete Mäch­te, die dabei ihre eigenen Interessen verfolgen, nicht zögern, sogar die Exi­stenz einer Nation in Gefahr zu bringen.
Wir wollen nicht vergessen, daß die Organisation der Vereinten Nationen nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist als ein Instrument des Dialoges und des Friedens, gegründet auf der Achtung vor den gleichen Rechten der Völker.
Seite: 1 2 3

Kontakt


Krakowska Fundacja
Centrum Dialogu i Modlitwy
w Oświęcimiu
ul. M. Kolbego 1, 32-602 Oświęcim

tel.: +48 (33) 843 10 00
tel.: +48 (33) 843 08 88
fax: +48 (33) 843 10 01

Pädagogische Abteilung: education@cdim.pl
Rezeption: reception@cdim.pl

GPS: 50.022956°N, 19.19906°E

Facebook

Umsetzung: Wdesk
2017 - 2021 © Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim Polityka cookies RODO
schließen
Ten serwis, podobnie jak większość stron internetowych wykorzystuje pliki cookies. Dowiedz się więcej o celu ich używania i zmianie ustawień cookie w przeglądarce. Korzystając ze strony wyrażasz zgodę na używanie cookie, zgodnie z aktualnymi ustawieniami przeglądarki. | Polityka cookies