Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

1989-08-26 Johannes Paul II - An die Polnische Bischofskonferenz zum 50. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges

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4. Die Suche dieses Weges betrifft alle Bewohner des europäischen Konti­nents. Sie betrifft in besonderer Weise Polen, das vor fünfzig Jahren als erstes ein entschiedenes „Nein" zur bewaffneten Gewalt des Hitlerstaates zu sagen versuchte - und das als erstes für diese seine Entschlossenheit gezahlt hat. An allen Fronten und auch im Partisanenkampf im Vaterland, im Aufstand von Warschau, haben die Söhne und Töchter unserer Nation unzählige Beweise dafür erbracht, wie wertvoll ihnen die Sache der Unab­hängigkeit des Vaterlandes gewesen ist. Nach der Beendigung dieses furcht­baren Krieges waren sie gezwungen, sich zu fragen, ob die am Ende des Konfliktes getroffenen Entscheidungen den ungeheuren Beitrag ihrer Anstrengungen und der erlittenen Opfer widerspiegeln; ob sie nicht, obwohl sie sich auf der Seite der Sieger befanden, vielmehr wie Besiegte behandelt worden sind? Diese Frage wurde immer drängender, indem sie mit immer größerer Kraft dazu antrieb, neue Kämpfe zu unternehmen. Denn es ist keine wirkliche Souveränität, wenn in einem Staat die Gesell­schaft nicht souverän ist: Wenn diese nämlich nicht die Möglichkeit hat, über das Gemeinwohl zu entscheiden, wenn ihr das Grundrecht verweigert wird, sich an der Macht und an der Verantwortung mitzubeteiligen.

Papst Pius XII. hebt in seinen Darlegungen über die moralischen Prinzi­pien, von denen sich die Welt nach Kriegsende hätte inspirieren lassen sol­len, besonders hervor, daß es „im Bereich einer neuen Ordnung, die auf den moralischen Prinzipien gründet, keinen Platz für eine Verletzung der Frei­heit, der Integrität und der Sicherheit anderer Nationen gibt, was auch immer ihre territoriale Ausdehnung oder Verteidigungskraft ist".

Als der Papst dann auf den wirtschaftlichen Bereich übergeht, erinnert er an die Rechte der Nationen, „ihre eigene wirtschaftliche Entwicklung zu schützen, da sie nur so das Allgemeinwohl, das materielle und geistige Wohlbefinden des eigenen Volkes auf angemessene Weise erlangen kön­nen" (Radioansprache vom 24. Dezember 1941: AAS, 34, -17).

Es ist schwer, sich der Überzeugung zu widersetzen, daß die Jahrzehnte nach dem Krieg das von der polnischen Nation so sehr ersehnte Wachstum und den Fortschritt nicht gebracht haben, die für das Vaterland nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges so dringend notwendig gewesen wären, sondern vielmehr eine große sozio-ökonomische Krise und neue Verluste verursacht haben ‑ nicht mehr an den Fronten des bewaffneten Kampfes, sondern an der friedlichen Front des Kampfes für eine bessere Zukunft des Vaterlandes, für den Platz, der ihm unter den Nationen und den Staaten Europas und der Welt zukommt.

5. Ich erlaube mir, noch einmal auf die Worte Papst Pauls VI. zurückzu­kommen. Ich habe schon zweimal bei meinen Besuchen in Polen darauf Be­zug genommen (2. Juni 1979, 17. Juni 1983). Ich wiederhole sie nochmals im gegenwärtigen Zusammenhang. Der Papst sagte: „Ein blühendes und zuversichtliches Polen ist... im Interesse der Ruhe und der guten Zusam­menarbeit zwischen den Völkern Europas".

Diese Worte sind an die Polen gerichtet. Es hängt sicher und in entschei­dendem Maße von den Polen ab, ob Polen „blühend und zuversichtlich" sein wird; ob es ein Land vielfältigen Fortschritts sein wird; ob es die Verzö­gerung aufholen wird, nicht nur die wirtschaftliche, die die bittere Frucht des Systems ist, das an der Macht war; ob es fähig sein wird, den Millionen seiner Bürger, besonders den jugendlichen, das Vertrauen in die eigene Zukunft wiederzugeben. All das hängt von den Polen ab.

Aber die Worte Pauls VI. sind auch an ganz Europa gerichtet: an Ost und West.

Keiner kann die Spuren der Verantwortung auslöschen, die in so schreckli­cher Weise auf der Geschichte unserer Nation und der anderen Nationen Europas gelastet hat.

Die gemeinsame Entscheidung vom August 1939, der von den Vertretern des Deutschen Reiches und der Sowjetunion unterzeichnete Vertrag, der Polen und andere Länder zum Tod verurteilte, war kein Ereignis ohne Prä­zedenzfälle. Es wiederholte sich damals, was bereits schon einmal am Ende des 18. Jahr-hunderts in West und Ost von unseren Nachbarn beschlossen worden war und das bis zum Beginn dieses Jahrhunderts programmatisch aufrechterhalten wurde. Um die Mitte unseres Jahrhunderts hat sich diesel­be Entscheidung zu Zerstörung und Vernichtung wiederholt.

Die europäischen Nationen dürfen das nicht vergessen. Besonders auf die­sem Kontinent, der das „Europa der Vaterländer" genannt worden ist, dür­fen sie die Grundrechte des einzelnen wie der Nationen nicht vergessen!

Man muß ein solches System der Kräfte errichten, daß keine wirtschaftliche oder militärische Oberhoheit ein anderes Land zerstören und seine Rechte mit Füßen treten kann.

6. „Wird die Welt niemals dazu kommen, ihre eigennützige und kriegeri­sche Mentalität zu ändern, die bis jetzt einen so großen Teil ihrer Geschich­te geprägt hat?" ‑ fragte sich Paul VI. in seiner Rede vor der Organisation der Vereinten Nationen. Und er antwortete: „Es ist schwer vorauszusehen; aber es ist leicht zu bekräftigen, daß man mit Entschlossenheit auf die neue Geschichte, auf die friedliche, die wahrhaft und voll menschliche, auf die, die Gott den Menschen guten Willens verheißen hat, zugehen muß" (AAS, 57, 1965, 882).

Man kann sagen, daß Europa ‑ trotz allem Anschein ‑ noch nicht von den Wunden geheilt ist, die im Laufe des Zweiten Weltkrieges geschlagen worden sind. Damit dies geschieht, sind große Anstrengungen und ein star­ker Wille in Ost und West erforderlich; es bedarf einer echten Solidarität. Diese Wünsche für unser Vaterland lege ich am 1. September 1989 in die Hände der Polnischen Bischofskonferenz.

7. An diesem Tag versammeln sich in Europa und in der Welt die gläubigen Gemeinschaften zum Gebet. Wieviele Menschen müssen in dieses Gebet eingeschlossen werden, um ihrer Leiden, ihrer vielfältigen Opfer und besonders ihres Todes zu gedenken!

Da sind nicht nur diejenigen, die Leiden und Tod auf sich nehmen mußten; da sind auch jene, die diese anderen zugefügt haben, jene, die eine große Verantwortung für die Grausamkeiten dieses Krieges haben. Eine Verant­wortung, mit der alle vor das Gericht Gottes treten müssen.

Wieviele Menschen, wieviele Millionen von menschlichen Wesen muß unser Gebet an diesem Tag wirklich umfangen? Können wir sie mit jener „unend­lichen Schar" vergleichen, die der heilige Johannes in der Offenbarung schaut (vgl. Offb 7, 9)?!

Diese „Vision" der Offenbarung ist nicht allein dem Gesetz der Zerstörung und des Todes unterworfen. Denn in ihr ist „das Blut des Lammes" (vgl. Offb 7,14) gegenwärtig. Das Blut, das mit der Macht der Erlösung wirkt, die viel größer ist als irgendeine Macht der Zerstörung und des Bösen in der Geschichte des Menschen auf der Erde.

Im Gebet versammelt an dem Tag, der uns an den 50. Jahrestag der großen Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges erinnert, hören wir darum nicht auf, an die von Gott inspirierten Worte zu denken: „Seht, neu mache ich alles" (Offb 21, 5).

Mit diesen Worten erinnert Christus die immer neuen Generationen an die Wahrheit seines heilschaffenden Ostern.

Diese Gedanken, dieses Gebet und eine lebendige Hoffnung lege ich in die mütterlichen Hände der Königin Polens von Jasna Gora, in der Gott uns eine „wunderbare Hilfe und Schutz" geschenkt hat.

Aus dem Vatikan, am 26. August 1989, dem Fest der Seligen Jungfrau Ma­ria von Tschenstochau.


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