Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

1989-08-26 Johannes Paul II - An die Polnische Bischofskonferenz zum 50. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges

Strona: 1

Botschaft seiner Heiligkeit Johannes Paul II an die Polnische Bischofskonferenz
zum 50. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges
am 1. September 1939

 

1. „... Und nun kommt unsere Botschaft zu ihrem Höhepunkt", sagte Papst Paul VI. am 4. Oktober 1965 vor der Versammlung der Organisation der Vereinten Nationen. „...Ihr erwartet von Uns dieses Wort, das nicht des Ernstes und der Feierlichkeit entbehren kann: Nicht die einen gegen die andern, nie mehr, nimmermehr... Es bedarf keiner vielen Worte, um dieses höchste Ziel dieser Einrichtung darzulegen. Es genügt, daran zu erinnern, daß das Blut von Millionen von Menschen sowie unzählige und unerhörte Leiden, unnötiges Gemetzel und furchtbare Zerstörungen den Vertrag sanktionieren, der euch mit einem Schwur verbindet, der die künftige Geschichte der Welt verändern soll: Nie wieder Krieg, nie wieder Krieg! Der Friede, der Friede muß die Geschicke der Völker und der ganzen Menschheit leiten" (AAS, 57, 1965, 881).

2. Am 1. September 1989 jährt sich zum 50. Mal der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Als in den frühen Morgenstunden jenes Tages Polen von der Westgrenze her angegriffen wurde, war das ganze Volk bereit, auf diese militärische Invasion zu antworten und den Krieg zur Verteidigung des töd­lich bedrohten Vaterlandes auf sich zu nehmen.

Es waren damals kaum mehr als zwanzig Jahre seit dem Augenblick ver­gangen, da Polen die Unabhängigkeit wiedererlangt und ein autonomes Leben als souveräner Staat neu begonnen hatte. Und auch in jener verhält­nismäßig kurzen Periode war es auf dem Weg seiner Entwicklung vielen inneren und äußeren Schwierigkeiten begegnet, dennoch hatte es offenkun­dig Fortschritte gemacht. Entschlossen war darum der Wille, das Vaterland zu verteidigen, auch wenn das Kräfteverhältnis ungleich war. Bewunde­rungswürdig und für immer bedenkenswert ist dieser Einsatz ohnegleichen der ganzen Gesellschaft und besonders der jungen Generation der Polen zur Verteidigung des Vaterlandes und seiner grundlegenden Werte.

Dieser Wille zur Verteidigung der Unabhängigkeit des Staates beseelte die Söhne und Töchter unserer Nation nicht nur im besetzten Land, sondern auch an allen Fronten in der Welt, wo die Polen für die eigene Freiheit und die der anderen kämpften. Der Krieg, der am 1. September begonnen hatte, weitete sich sehr schnell auf andere europäische und außereuropäische Län­der aus. Neue Völker wurden Opfer der Invasion Hitlers oder befanden sich in einer äußerst bedrohten Lage. Im Verlauf des Krieges, der gleich als eine unverzichtbare Verteidigung Europas und seiner Zivilisation gegen­über der totalitären Vorherrschaft erschien, hat das polnische Volk seine Verpflichtungen als Verbündeter voll ‑ man kann sogar sagen, im Über­maß ‑ erfüllt, indem es für „unsere und eure Freiheit" den höchsten Preis gezahlt hat.

Davon geben auch die erlittenen Verluste Zeugnis. Diese waren immens, vielleicht viel größer als die Verluste irgendeines anderen verbündeten Lan­des: vor allem die Verluste an Menschen und zugleich die enorme Verwü­stung des Landes, sowohl in seinem westlichen wie auch in seinem östlichen Teil. Bekanntlich sind am 17. September 1939 auch über die Ostgrenze Truppen in Polen einmarschiert. Die vorher unterzeichneten Nichtangriffs­verträge wurden verletzt und durch das Abkommen vom 23. August 1939 zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion gelöscht. Dieses Abkommen, das als die „vierte Teilung Polens" bezeichnet wird, dekretier­te zugleich das Todesurteil über die baltischen Völker, die im Norden an polen angrenzen.

Das Ausmaß der erlittenen Verluste und mehr noch das Ausmaß der Lei­den, die einzelnen Personen, den Familien und den Gemeinschaften zuge­fügt worden sind, ist wirklich schwer zu ermessen. Viele Fakten sind bekannt, viele andere müssen noch ans Licht gebracht werden. Der Krieg spielte sich nicht nur an der Front ab, sondern erfaßte als totaler Krieg die ganzen Gesellschaften. Ganze Bevölkerungsgruppen sind deportiert wor­den. Tausende wurden gefangengenommen, wurden gefoltert und hinge­richtet. Die Menschen starben auch fern der Kriegshandlungen als Opfer der Bombenangriffe und des systematischen Terrors, dessen organisiertes Mittel die Konzentrationslager waren, die formell zur Arbeit bestimmt waren, sich aber in Wirklichkeit in Stätten des Todes verwandelt haben. Ein besonderes Verbrechen des Zweiten Weltkrieges bleibt die massive Ver­nichtung der Juden, die aus Rassenhaß in die Gaskammern geschickt wur­den.

Wenn uns dies alles vor Augen steht, dann erhalten die Worte Pauls VI. vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen ihre volle Bedeutung. Mehr noch, die geschichtliche Wirklichkeit des Zweiten Weltkrieges ist furchtba­rer, als daß man sie mit Worten beschreiben könnte.

3. Aber muß man überhaupt davon reden? Da seit dem Ausbruch dieses Krieges erst fünfzig Jahre vergangen sind, lebt die Generation noch, die ihn miterlebt und durchlitten hat. Seitdem sind aber auch wenigstens zwei Generationen herangewachsen, für die dieser nur ein Kapitel der Geschich­te ist. Es ist jedoch dafür Sorge zu tragen, daß jenes tragische Geschehen nicht aufhört, eine Warnung zu sein.

Die Vereinten Nationen haben gezeigt, daß sie sich dessen bewußt sind, indem sie unmittelbar nach Kriegsende die Erklärung der Menschenrechte veröffentlicht haben. Die Bedeutung dieses Dokumentes ist grundlegend. Der Zweite Weltkrieg hat alle das Ausmaß erkennen lassen, das bisher noch unbekannt war, bis wohin die Verachtung des Menschen und die Verlet­zung seiner Rechte gelangen kann. Er hat unerhörte Wellen des Hasses her­vorgerufen, der den Menschen und alles, was menschlich ist, im Namen einer imperialistischen Ideologie mit Füßen getreten hat.

Viele haben sich die Frage gestellt, ob es nach jener furchtbaren Erfahrung überhaupt noch möglich ist, eine Gewißheit zu haben. Denn die Ungeheu­erlichkeiten jenes Krieges haben sich doch in einem Kontinent ereignet, der sich einer besonderen Blüte von Kultur und Zivilisation gerühmt hat; in einem Kontinent, der am längsten unter dem Einfluß des Evangeliums und der Kirche gewesen ist.

Es ist wahrhaftig schwer, den Weg fortzusetzen, da wir diesen furchtbaren Kalvarienberg der Menschen und der Nationen hinter uns haben. Es bleibt nur ein einziger Bezugspunkt: das Kreuz Christi auf Golgota, von dem der Völkerapostel sagt: „Wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade über­groß geworden" (Röm 5, 20).

Geleitet von diesem Glauben, sucht die Kirche zusammen mit den Men­schen unseres Jahrhunderts, mit den Völkern Europas und der Welt den Weg in die Zukunft zu finden.


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