Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

1988-10-09 Bischof Klaus Hemmerle an die jüdische Gemeinde in Mönchengladbach

Bischof Dr. Klaus Hemmerle

Ich kann nicht Christ sein,
wenn ich nicht zugleich mit Ihnen Jude bin.


Schriftlesung: 5. Buch Mose 4, 5 – 14


Liebe Jüdische Gemeinde !

Dass ich heute hier stehe und auf Ihre Einladung ein Wort an Sie richten darf, bewegt mich und bedeutet mir viel. Es ist alles eher als selbstverständlich nach dem Schrecklichen, dessen wir gedenken und das durch Menschen meines Volkes, ja meines Glaubens geschehen ist.

Ich kann nicht absehen von meinen eigenen Erinnerungen an jene Zeit. Ich war im November 1938 neun Jahre alt und lebte mit meinen Eltern in meiner Heimatstadt Freiburg. Als ich nach dem 9. November an den schwelenden Trümmern der Freiburger Synagoge mit meinem Vater vorbeiging, sagte dieser zu mir: "Dafür werden wir noch einmal schwer zahlen müssen!"
Aus der Schulklasse eines Freiburger Gymnasiums berichtete man mir, dass am Morgen des 10. November ein geschätzter Lehrer in die Klasse kam und sagte: "Heute schäme ich mich ., ein Deutscher zu sein. Und jetzt geht und zeigt mich an!" Niemand hat ihn angezeigt.

Einige Jahre später, am 27. November 1944, ging ich mit meinem Vater wieder durch die Straßen der Stadt. Als wir an der Stelle, wo früher die Synagoge stand, vorbeikamen, brach der Bombenangriff auf Freiburg los, der die Innenstadt beinahe zerstörte. Wir konnten uns gerade noch in den Luftschutzkeller meiner Schule retten, in der ich hätte Brandwache halten sollen. Wir konnten nach 20 furchtbaren Minuten nur noch aus dem zerstörten Gebäude durch die brennende Stadt zu unserem brennenden Haus heimlaufen, an der Stätte der sechs Jahre zuvor verbrannten Synagoge vorbei. Mein Vater wies auf sie hin: "Das ist die Antwort auf 1938!"

Gewiss bin ich meinem Vater und Menschen wie jenem Lehrer dankbar, dass sie einigen der Nachwachsenden andere Gedanken ins Herz pflanzen konnten als jene, die damals herrschend waren und zu dem hin trieben, was wenige Jahre nach 1938 in den Vernichtungslagern geschah. Ohne den wenig hilfreichen Gedanken der Kollektivschuld zu bemühen, muss ich dennoch das Wort, das Sie mir hier gestatten, dafür in Anspruch nehmen, dass es die Christen aus diesem Land beschwört, in gemeinsamer Scham, Demut und Verantwortung unsere eigene Geschichte nicht zu verdrängen, sondern sie zu adoptieren und im Gedenken zum Boden für eine andere Zukunft aufzubereiten, die der Herr mit seinen Gedanken des Friedens allein uns schenken kann.

So streng wie Gott sein Volk in Pflicht nahm, die Großtaten seiner Huld einer kommenden Generation zu überliefern, so sehr nimmt das Versagen vor Gottes Gebot und die Untreue zu seinen Taten in Pflicht, die Erinnerung daran zu überliefern als Anruf zur Umkehr, zur Verwandlung und Erneuerung der Herzen, der Gedanken und der Taten.

Zunächst hatte ich im Sinn, einen anderen Text aus der Bibel zur Grundlage meiner Besinnung zu machen. Ich dachte an 2 Sam 12, 1-7: Der Prophet Natan erzählt dem schwer schuldig gewordenen König David eine Geschichte, die ihn, den zum gerechten Gericht Bestellten, zum strafenden Zorn herausfordert – doch da muss der Prophet ihm das erschütternde Wort entgegenschleudern: "Du selbst bist jener Mensch!" Ja, das tut uns Christen, uns Deutschen not: die dunklen Spuren fremd der fern erscheinenden Geschichte im eigenen Herzen und eigenen Antlitz aufzudecken, um so von innen her neu zu werden.

Doch ich habe mich dann für den anderen Text aus dem 5. Mose-Buch entschieden. Er kann mir sagen, wo die positiven neuen Keime, wo die Herausforderungen und Möglichkeiten des neuen Anfangs liegen. Und sie liegen in dem, was der Glaube und das Leben Israels, was Sie, liebe jüdische Brüder und Schwestern, in Ihrem eigenen Glauben und Leben uns überliefern.

Wenn ich, einmal von außen auf die Geschichte der Überzeugungen und Erfahrungen der Menschheit blickend, das hinwegnähme, was uns durch Israel überkommen ist, dann wären wir unendlich viel ärmer. Es ist für mich ein Erweis des Gottesglaubens, dass es dieses Bild Gottes, diese Tradition des Willens Gottes, dieses solchem Gottesbild und solcher Gottestradition entsprechende Menschenbild gibt. Erfinden kann man dies alles nicht. Wo es in einer Größe und Dichte geschaut ist, wie die Bibel sie uns überliefert, dort spricht dieses Zeugnis für sich selbst, dort sagt es uns einfach wer Gott, was sein Wille und wer der Mensch ist. "Denn welche große Nation hätte Götter, die ihr so nahe sind, wie unser Gott uns nahe ist, wo immer wir ihn anrufen?" Wie sollte ich jene nicht lieben, jenen nicht verbunden sein, jenen nicht nahe sein, die mir den so großen und den so nahen Gott überliefert haben? Wie soll ich von denen in meinem eigenen Glauben, Leben und Lieben absehen können, die in der Nähe Gottes mir mein eigenes Menschsein aufgeschlossen haben, so dass ich im Menschen den Nächsten sehen darf? Der Mensch als Nächster – Frucht des nahen Gottes. Der Mensch als Nächster – das größte und menschlichste Menschenbild. Der Mensch als Nächster, gegründet in der Größe und Nähe Gottes – Garantie der Unberührbarkeit, der Heiligkeit des Menschen und seines Lebens. "Oder welche große Nation besäße Gesetze und Rechtsvorschriften, die so gerecht sind wie alles in dieser Weisung, die ich heute vorlege?"

Liebe Brüder und Schwestern, hier berühren wir den Grund jener konstitutiven Dankbarkeit, die wir als Menschheit und zumal als Christenheit dem jüdischen Volk schulden. Ich kann nicht Christ sein, wenn ich nicht zugleich mit Ihnen Jude bin. Mit Paulus kann ich nur sagen: "Nicht wir tragen die Wurzel – sie trägt uns." (Röm 11. l8b)

Es ist der Gott Israels, es ist Gottes Gebot an Israel, es ist der Mensch als Nächster, was Jesus uns schenkt - und er hat sein Volk bis zum Letzten geliebt. Gerade dies macht es unfasslich, dass statt der dankbaren Verbundenheit von Christen Verfolgung, Hass, Mord und Schändung ausgehen und gerade die Menschen des Volkes treffen konnten, dem wir in unabtragbarer Dankesschuld am nächsten sind.

In der Tat, in die Erinnerung des Innersten der Botschaft Gottes hat sich unter Christen auch Gift, Fremdes und Falsches gemischt, so dass diese Dankbarkeit völlig verlorengehen konnte und die Christen nicht die Kraft hatten, die Tragödie des jüdischen Volkes unter den Nationalsozialisten zu verhindern.

Friedrich Nietzsche hat vom Tod Gottes, hat davon gesprochen, dass wir Gott getötet haben. Er sagte, in der Perspektive seiner Zeit, dass dieses Ereignis uns noch nicht eingeholt habe, dass es noch Lichtjahre von uns entfernt sei.
Vielleicht ist die Frage erlaubt: Haben wir nicht in der Tat Gott, Gott in seiner Weltwirksamkeit und Glaubwürdigkeit getötet, sofern wir das Glaubenserbe des nahen Gottes, des Gottes unseres Nächsten, des Gottes, der das Töten verbietet, verschleudert und verdrängt haben? Ist nicht der Mord an denen, die uns diesen Gott überliefert haben, etwas wie das Töten dieses Gottes selbst? Es gilt, uns wieder zur Grundlage des eigenen Glaubens hinzuwenden.

Im Entsetzen vor dem, was geschah, heißt es, gemeinsam auf Gottes Wort zu hören, aus ihm, dem unerstorbenen, unverbrauchten, ewig leuchtenden Wort den neuen Anfang, die neue Liebe, die neue Zuwendung und Dankbarkeit zu gewinnen. Wenn dies gelingt, dann werden wir dem nahen, dem lebendigen Gott mitten unter uns, dann werden wir der messianischen Zeit Lichtjahre näher sein.
 
Bischof Dr. Klaus Hemmerle

in der Christlich-Jüdischen Gemeinschaftsfeier
im Gemeindezentrum der Jüdischen Kultusgemeinde Mönchengladbach
am 9. 10.1988

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