Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

1988-01-06 Gesprächskreis Juden und Christen - Wie reden von Schuld, Leid und Vergebung?

Strona: 5



Was wir tun müssen

Weder die Zeit noch das Vergessen heilt unsere Wunden. Durch Verschweigen kommen wir uns nicht näher. Die Schuld des einen und die Trauer des anderen brechen dann nur immer wieder neu als Verdrängtes hervor und sind nicht überwunden; „Versöhnung (kann es) ohne Erinnerung gar nicht geben“42. Doch die Schuld darf nicht nur nicht vergessen, es müssen auch Konsequenzen aus ihr gezogen werden. Schließlich ist mit dem Untergang des verbrecherischen NS-Regimes die Gefahr einer Wiederholung (wo und von wem auch immer) nicht gebannt. Der Abgrund, aus dem die Sünde kam, ist weiterhin vorhanden. Daher müssen wir in diesen Bereichen besonders achtsam und empfindsam sein.

Das Gebot, sich zu erinnern und nicht zu vergessen, bedeutet keineswegs die Aufforderung zur Feindschaft. Ebenso ist die Bereitschaft zum ehrlichen Verzeihen und zur Aussöhnung kein Verrat am Andenken der Ermordeten. Doch da das Unrecht, das den Toten widerfuhr, vom Menschen unabgeltbar ist, darf dieses menschliche Leid nicht einem „natürlichen“ Vergessensprozeß anheimfallen: „Vergessen wäre Verrat: Wenn wir überlebt haben, um die Toten zu verraten, wäre es besser, wir hätten nicht überlebt“43.

Heilung unserer Wunden kann es nur geben, wenn den ersten Schritten aufeinander zu viele Schritte miteinander folgen können, miteinander im Prozeß der Trauerarbeit und der Versöhnung und damit dann auch ausgesöhnt in die Zukunft. Heilung kann es erst geben, wenn wir gemeinsam auf das Reich Gottes warten, dafür arbeiten und so „dem Herrn Schulter an Schulter dienen“44. Der Wille dazu ist sowohl Zeichen der Hoffnung und der Zuversicht als auch Ausdruck unseres Vertrauens in einen vergebenden Gott, der auch geschehenes Unrecht wenden kann. Doch die Versöhnung mit Gott ist ein Geschehen, das nicht die Glieder einer Gemeinschaft zum Abschluß bringen können. Deshalb dürfen wir Menschen auch kein abschließendes Urteil fällen, wie ja auch jedes Begehren eines Schlußstrichs im Widerspruch zu der Aufnahme wirklich vertrauensvoller Beziehungen steht.

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Anmerkungen:
1 So als Spruch jüdischer Weisheit zitiert in der Ansprache zum 40. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges, die Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 hielt; veröffentlicht in: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung 52 (1985), S. 443–446. Der Spruch steht auch über der Gedenkstätte JadwaSchem in Jerusalem, dort ist er dem Baal Schem Tow (ca. 1700–1760) zugeschrieben.
2 Scho’a, von der etymologischen Wurzel schoah = vernichten, verwüsten abgeleitet, ist der hebräische Ausdruck für die Ermordung der sechs Millionen Juden. Das Wort ist sachgerechter als Holocaust (biblisch: Ganzopfer).
3 Die von deutschen Bischöfen angeregte und mitgestaltete und am 21. März 1937 von allen Kanzeln verlesene Enzyklika „Mit brennender Sorge“ betonte die Unvereinbarkeit von kirchlicher Glaubens- und nationalsozialistischer Rassenlehre; am 13. April 1938 rief der Vatikan alle katholischen Universitäten und theologischen Fakultäten zur Bekämpfung der NS-Rassenideologie auf; im August 1938 verabschiedete die Fuldaer Bischofskonferenz einen Hirtenbrief an den Klerus „über religiös-sittliche Irrtümer in der Rassenlehre“.
4 Hans-Georg Mann, Bernhard Lichtenberg (1875–1943), in: Wolfgang Knauft (Hrsg.), Miterbauer des Bistums Berlin. 50 Jahre Geschichte in Charakterbildern, Berlin 1979, S. 72.
5 In: Berichte und Dokumente 39, hrsg. vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken, Bonn 1979, S. 6–19.
6 Papst Johannes Paul II. in Mainz bei seiner Begegnung mit Vertretern der deutschen Juden 1980, in: K. Richter, Die katholische Kirche und das Judentum 1945–1982, S. 152f.
7 In: Osservatore Romano, 25.6.87, S. 1.
8 Papst Johannes Paul II. in seiner Ansprache anläßlich seines Besuches der Synagoge von Rom am 13. 4. 1986, in: Freiburger Rundbrief 37/38 (1985/86), S. 5.
9 Ebenda.
10 R. v. Weizsäcker, a.a.O., S. 443.
11 Beschluß „Unsere Hoffnung“ IV,2; in: Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland. Offizielle Gesamtausgabe Bd. I, Freiburg 1976, S. 108.
12 „(Es) bleibt die Last der Geschichte – es bleibt die gemeinsame Verantwortung für unsere Vergangenheit. An sie werden wir in diesen Tagen oft unfreiwillig erinnert. Wir sollten aber auch aus eigenem Entschluß an sie denken. Nicht in selbstquälerischer Leidenschaft, zu der die Deutschen nur allzu leicht neigen; wohl aber in redlicher, nüchterner Besinnung. Hier liegt auch unsere Aufgabe als Christen.“ Hans Maier, in: Der 8. Mai 1945 und die deutschen Katholiken, hrsg. vom Generalsekretariat des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Kevelaer 1985, S. 21.
13 Beschluß der Gemeinsamen Synode der Bistümer … Sakramentenpastoral C 3, S. 261.
14 Vgl. Papst Johannes Paul II. in Mainz, a.a.O., S. 152.
15 Vgl. Die Feier der Buße nach dem neuen Rituale Romanum. Freiburg u.a. 1974; wenngleich erst im Auftrag des Zweiten Vatikanischen Konzils verfaßt, ist dieser Ritus nicht eine Ablösung, sondern eine konsequente Weiterentwicklung der traditionellen Bußordnung. Siehe auch Synodenbeschluß „Sakramentenpastoral“ C sowie: Katholischer Erwachsenenkatechismus. Das Glaubensbekenntnis der Kirche, hrsg. von der Deutschen Bischofskonferenz, Kevelaer u.a. 1985, S. 363–372.
16 Die traditionellen jüdischen Lehren über Reue, Buße und Umkehr sind u.a. von Maimonides (1135–1204) unter dem Namen hilchot teschuwah (Gesetze der Umkehr) in seiner Mischne Tora gesammelt worden. Seine Zusammenstellung ist bis heute maßgeblich.
17 R. v. Weizsäcker, a.a.O., S. 443.
18 Mischna. Yoma VIII.9. In etwa gilt das auch für „Die Feier der Buße … Pastorale Einführung Nr. 18, S. 19“: Das Bußwerk „kann in Gebet, in Selbstverleugnung, vor allem aber im Dienst am Nächsten bestehen, damit der soziale Aspekt von Sünde und Vergebung sichtbar werde“.
19 Mt 5, 23f.
20 Beschluß der Gemeinsamen Synode der Bistümer, Sakramentenpastoral C 2, S. 260.
21 R. v. Weizsäcker, a.a.O., S. 443.
22 Theodor Heuss: „Mut zur Liebe“. Ansprache am 7.12.1949, in: Theodor Heuss, An und über Juden, Düsseldorf/Wien 1964, S. 122f.
23 R. v. Weizsäcker, a.a.O., S. 443.
24 Die Feier der Buße…Pastorale Einführung Nr. 51, S. 12
25 Ebenda.
26 Präsident Chaim Herzog am 6.4.1987 in Bergen Belsen.
27 1953 in der Paulskirche bei der Entgegennahme des Friedenspreises, zit. in: Albert H. Friedlander, Begegnung nach 40 Jahren, in: Der Monat, 297 (1986), S. 16.
28 Maimonides, Hilchot T’schuwa 2:9/10. Siehe auch die Antwort Jesu auf die Frage des Petrus, wie oft man seinem Bruder vergeben müsse: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal!“ Mt 18,22.
29 A. H. Friedlander, a.a.O., S. 28.
30 Leviticus 5,5, s.a. Numeri 5,6–7.
31 Maimonides, a.a.O., 2:2.
32 Katholischer Erwachsenenkatechismus, a.a.O., S. 370.
33 Ebenda.
34 Jeremias 31, 18 bzw. 19.
35 Beschluß der Gemeinsamen Synode der Bistümer … Sakramentenpastoral C 7, S. 265.
36 Vgl. Ernst Simon, Das Zeugnis des Judentums, Berlin 1980, zitiert nach A. H. Friedlander, a.a.O., S. 23: „Das neue Deutschland kann seine jüngste Vergangenheit nur ‚aufarbeiten‘ oder ‚bewältigen‘, wie immer der Ausdruck lautet, wenn es zu einem Werke echter Umkehr bereit ist. Umkehr bedeutet, die Folgen der bösen Tat soweit wie möglich ungeschehen zu machen. Kein Toter wird durch die Umkehr erweckt, aber sie kann dazu beitragen, neue Morde und Kriege zu verhindern“.
37 Michael Wyschogrod in: Breuning/Heinz (Hrsg.), Damit die Erde menschlich bleibt, Freiburg 1985, S.81.
38 Ebenda, S. 83.
39 Leo Baeck, zitiert nach A. H. Friedlander, der dazu bemerkt: „Martin Buber und Leo Baeck … zeigten uns einen Weg vor über 30 Jahren. Es war zu früh: und der Weg ist noch immer nicht beschritten worden.“ Friedlander a.a.O., S. 18f.
40 Maimonides, a.a.O., 1:4.
41 Die Feier der Buße…Pastorale Einführung Nr. 6, S. 14.
42 R. v. Weizsäcker, a.a.O., S. 443.
43 Elie Wiesel, Les Six Jours de la Destruction (noch nicht erschienen).
44 Zefanja 3,9.
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