Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

1980-04-28 Deutsche Bischofskonferenz - Über das Verhältnis der Kirche zum Judentum

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VI. Gemeinsame Aufgaben

1. Dem frommen Juden geht es um die Verwirklichung der Weisungen Gottes, wie sie in der Tora festgelegt sind, im Alltag. Es geht ihm um das „Tun“. Auch in der Predigt Jesu spielt das Wort „tun“ ein zentrale Rolle, wie die Evangelien zeigen. Die Weisungen der Tora und die Weisungen Jesu betreffen den Willen Gottes. Der Psalmist betet: „Deinen Willen zu tun, mein Gott, ist mir Freude“ (Ps 40,9); Jesus lehrt: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt“ (Mt 7,21). Von sich selbst bekennt er: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat und sein Werk zu Ende zu führen“ (Joh 4,34). Verwirklichung des Willens Gottes in der Welt sollte darum die gemeinsame Maxime von Juden und Christen sein.

2. Was beim Studium der Propheten Israels auffällt, ist der Protest, den diese gegen bestehendes Unrecht im wirtschaftlichen und sozialen Bereich und gegen alle ideologische Unterdrückung erhoben haben. Solcher Protest ist eine bleibende Aufgabe für beide, Kirche und Judentum. Es ist ein Protest gegen die vielfältige Bedrohung der Freiheit, ein Protest zugunsten der wahren Menschlichkeit und der Menschenrechte, der Liebe und der Gemeinschaft; ein Protest gegen die sich immer mehr ausbreitenden Welt- und Geschichtslügen; ein Protest gegen Faschismus, Rassismus, Kommunismus und Kapitalismus. Die jüdisch-christliche Religion ist darum das Anti-„Opium“ für das Volk.

3. Christen und Juden sollen und können gemeinsam eintreten für das, was in der hebräischen Sprache „schalom“ heißt. Dies ist ein umfassender Begriff, der Frieden, Freude, Freiheit, Versöhnung, Gemeinschaft, Harmonie, Gerechtigkeit, Wahrheit, Kommunikation, Menschlichkeit bedeutet. „Schalom“ ist dann in der Welt Wirklichkeit, wenn alle Beziehungen untereinander endlich in Ordnung sind, die Beziehungen zwischen Gott und Mensch und von Mensch zu Mensch. Es darf kein völkisch beschränktes Friedensideal mehr geben. Gott will keine „eisernen Vorhänge“! Was in der Heiligen Schrift Israels in der Lehre von der Gottebenbildlichkeit eines jeden Menschen angelegt ist, will durch das Evangelium Wirklichkeit in der ganzen Welt werden: daß alle Menschen sich als Brüder erkennen. Deshalb können sich Religionen nicht mehr mit bestimmten politischen Systemen identifizieren. Judentum und Christentum sollen gemeinsam und unentwegt am uneingeschränkten Frieden in aller Welt intensiv mitarbeiten.

4. Der Mensch ist von sich aus nicht in der Lage, die Welt ins endgültige Heil zu führen. Das vermag Gott allein; so ist es die Überzeugung der gläubigen Juden und Christen. Die Erfahrung der Geschichte steht ihnen dabei zur Seite. Die Welt kommt weder durch Evolution noch durch Revolution ins endgültige Heil. Die Evolution schafft „Natur“, aber nicht „Heil“. Nur Gott führt die Welt ins endgültige Heil. Er schafft und schenkt den „neuen Himmel und die neue Erde“, auf die Juden und Christen gemeinsam warten (Jes 65,17; 66,22; Offb 21,1).

5. Der Apostel Paulus hat das letzte Ziel aller Geschichte und Heilsgeschichte in 1 Kor 15,28 in klassischer Kürze auf die Formel gebracht: „Gott alles in allem“. Dieser Formel können Juden und Christen zustimmen. „Gott alles in allem“: Das besagt: Am Ende kommen Gott und das Gott-Sein Gottes und die Universalität des Heils allenthalben voll zur Geltung. „Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod“ (1 Kor 15,26). Darin wird sich jener Gott offenbaren, den Israel, Jesus und die Kirche verkünden: Er wird die Toten erwecken und so seine unüberwindliche Macht zeigen. „Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.“ Das in der Öffentlichkeit aller Welt zu bezeugen, ist gemeinsame Aufgabe von Christen und Juden.


Anmerkungen
1 M. Buber, Werke I, München/Heidelberg 1962, 657.
2 Sch. Ben-Chorin, Bruder Jesus, der Nazarener in jüdischer Sicht, München 1967, 12.
3 Vat. II., Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra aetate“ (zit. NA) n. 4.
Vat. II., Offenbarungskonstitution „Dei Verbum“ (zit. DV) n. 14.
5 Päpstliche Kommission für die religiösen Beziehungen zu dem Judentum, Richtlinien und Hinweise für die Konzilserklärung „Nostra Aetate“, Art. 4 (zit. Richtlinien), Nachkonziliare Dokumentation Bd. 49, Trier 1976, 35.
6 A.a.0. 37.
7 Vat. II., DV n. 14.
8 Mekilta Bachodesch 8,72f.
9 A.a.O. 20,26.
10 Slav. Hen. 44,1.
11 C. Westermann, Genesis I, Neukirchen 1974, 633f.
12 Näheres dazu bei F. Mußner, Traktat über die Juden, München 1979,103­120.
13 Vgl. dazu A. H. Friedlander, Die Exodus-Tradition. Geschichte und Heilsgeschichte aus jüdischer Sicht, in: H. H. Henrix/M. Stöhr (Hrsg.), Exodus und Kreuz im ökumenischen Dialog zwischen Juden und Christen, Aachen 1978, 30-44.
14 A. H. Friedlander, a.a.0. 35.
15 A.a.O. 40.
16 Der Alttestamentler N. Füglister hat dies exemplarisch am Osterfest gezeigt; vgl. sein Buch: Die Heilsbedeutung des Pascha, München 1963.
17 Richtlinien 38 unter Bezug auf NA n. 4.
18 Vat. II., NA n. 4 unter Berufung auf Röm 11,28f.; vgl. auch die Kirchenkon­stitution Lumen gentium (z
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