Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

1965-11-18 Botschaft der polnischen an die deutschen Bischöfe

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Nach alledem, was in der Vergangenheit geschehen ist ‑ leider erst in der allerneuesten Vergangenheit ‑, ist es nicht zu verwundern, daß das ganze polnische Volk unter dem schweren Druck eines elemen­taren Sicherheitsbedürfnisses steht und seinen nächsten Nachbarn im Westen immer noch mit Mißtrauen betrachtet. Diese geistige Haltung ist sozusagen unser Generationsproblem, das, Gott gebe es, bei gutem Willen schwinden wird und schwinden muß. In den schweren politischen und geistigen Nöten des Volkes, in seiner jahr­hundertelangen Zerrissenheit sind die katholische Kirche und die Heilige Jungfrau immer der Rettungsanker und das Symbol der na­tionalen Einheit des Volkes geblieben, zusammen mit der polni­schen Familie. In allen Freiheitskämpfen während der Unterdrüc­kungszeit gingen die Polen mit diesen Symbolen auf die Barrikaden, die weißen Adler auf der einen Seite ‑ die Muttergottes auf der an­deren Seite der Freiheitsfahne. Die Devise war immer: "Für eure und unsere Freiheit."
Das ist etwa ‑ in ganz allgemeinen Abrissen gezeichnet ‑ die tau­sendjährige Entwicklung der polnischen Kulturgeschichte mit be­sonderer Berücksichtigung der deutsch‑polnischen Nachbarschaft. Die Belastung der beiderseitigen Verhältnisse ist immer noch groß und wird vermehrt durch das sogenannte "heiße Eisen" dieser Nach­barschaft. Die polnische Westgrenze an Oder und Neiße ist, wie wir wohl verstehen, für Deutschland eine äußerst bittere Frucht des letzten Massenvernichtungskrieges ‑ zusammen mit dem Leid der Millionen von Flüchtlingen und vertriebenen Deutschen (auf inter­alliierten Befehl der Siegermächte ‑ Potsdam 1945! ‑ geschehen). Ein großer Teil der Bevölkerung hatte diese Gebiete aus Furcht vor der russischen Front verlassen und war nach dem Westen geflüchtet. ‑ Für unser Vaterland, das aus dem Massenmorden nicht als Sieger­staat, sondern bis zum äußersten geschwächt hervorging, ist es eine Existenzfrage (keine Frage "größeren Lebensraumes"!); es sei denn, daß man ein über 30‑Millionen‑Volk in den engen Korridor eines "Generalgouvernements" von 1939 bis 1945 hineinpressen wollte ‑ ohne Westgebiete; aber auch ohne Ostgebiete, aus denen seit 1945 Millionen von polnischen Menschen in die "Potsdamer Westge­biete" hinüberströmen mußten. Wo sollten sie auch damals hin, da ja das sogenannte Generalgouvernement zusammen mit der Haupt­stadt Warschau in Schutt und Trümmern lag. Die Vernichtungswel­len des letzten Krieges sind nicht nur einmal, wie in Deutschland, sondern seit 1914 mehrere Male über die polnischen Lande hinweg­gebraust, und zwar hin und zurück wie apokalyptische Reiter, und haben jedesmal Schutt und Trümmer, Armut, Krankheit, Seuchen und Tränen und Tod und wachsende Vergeltungs‑ und Haßkomplexe hinterlassen.

Seid uns wegen dieser Aufzählung dessen, was im letzten Abschnitt unserer tausend Jahre geschehen ist, liebe deutsche Brüder, nicht gram! Es soll weniger eine Anklage als vielmehr eine eigene Recht­fertigung sein! Wir wissen sehr wohl, wie ganz große Teile der deutschen Bevölkerung jahrelang unter übermenschlichem nationalso­zialistischem Gewissensdruck standen, wir kennen die furchtbaren inneren Nöte, denen seinerzeit rechtschaffene und verantwortungs­volle deutsche Bischöfe ausgesetzt waren, um nur die Namen Kardi­nal von Faulhaber, von Galen, von Preysing zu erwähnen. Wir wis­sen um die Märtyrer der weißen Rose, die Widerstandskämpfer des 20. Juli, wir wissen, daß viele Laien und Priester ihr Leben opferten (Lichtenberg, Metzger, Klausener und viele andere). Tausende von Deutschen teilten als Christen und Kommunisten in den Konzen­trationslagern das Los unserer polnischen Brüder...
Und trotz alledem, trotz dieser fast hoffnungslos mit Vergangenheit belasteten Lage, gerade aus dieser Lage heraus, hochwürdige Brü­der, rufen wir Ihnen zu: Versuchen wir zu vergessen! Keine Polemik, kein weiterer kalter Krieg, aber der Anfang eines Dialogs, wie er heute vom Konzil und von Papst Paul Vl. überall angestrebt wird. Wenn echter guter Wille beiderseits besteht ‑ und das ist wohl nicht zu bezweifeln ‑, dann muß ja ein ernster Dialog gelingen und mit der Zeit gute Früchte bringen ‑ trotz allem, trotz heißer Eisen. ‑ Es scheint uns gerade im ökumenischen Konzil ein Gebot der Stunde zu sein, daß wir diesen Dialog auf bischöflicher Hirtenebene begin­nen, und zwar ohne Zögern, daß wir einander näher kennenlernen, unsere gegenseitigen Volksbräuche, den religiösen Kult und Lebens­stil, in der Vergangenheit verwurzelt und gerade durch diese Kultur­vergangenheit bedingt.
Wir haben versucht, uns mit dem gesamten polnischen Gottesvolk auf die Tausendjahrfeier durch die sogenannte große Novene unter dem hohen Patronat der allerseligsten Jungfrau Maria vorzuberei­ten. Neun Jahre hindurch (1957 bis 1965) haben wir im Sinne des "per Mariam ad Jesum" die Kanzel in Polen, aber auch die gesamte Seelsorge auf wichtige moderne Seelsorgeprobleme und soziale Aufgaben eingesetzt: Jugendseelsorge, sozialer Aufbau in Gerech­tigkeit und Liebe, soziale Gefahren, nationale Gewissenserfor­schung, Ehe und Familienleben, katechetische Aufgaben und ähn­liche.
Das ganze gläubige Volk nahm auch geistig regsamsten Anteil am Ökumenischen Konzil durch Gebet, Opfer und Bußwerke. Während der Konzilssitzungen fanden jeweils in allen Pfarrgemeinden Bittan­dachten statt, und das heilige Bild der Muttergottes sowie die Beichtstühle und Kommunionbänke in Częstochowa waren wo­chenlang belagert von Pfarrdelegationen aus ganz Polen, die durch persönliches Opfer und Gebet helfen wollten.
Schließlich haben wir uns in diesem Jahr, dem letzten der großen Novene, alle der Mutter Gottes geweiht, Bischöfe, Priester, Ordens­leute sowie alle Stände unseres gläubigen Volkes. Vor den ungeheu­ren Gefahren moralischer und sozialer Art, welche die Seele unseres Volkes, aber auch seine biologische Existenz bedrohen, kann uns nur die Hilfe und Gnade unseres Erlösers retten, die wir durch die Vermittlung seiner Mutter, der allerseligsten Jungfrau, herabflehen wollen. Voll kindlichen Vertrauens werfen wir uns in ihre Arme. Nur so können wir innerlich frei werden als dienende und zugleich freie Kinder ‑ ja sogar als "Sklaven Gottes", wie es der heilige Paulus nennt.
Wir bitten Sie, katholische Hirten des deutschen Volkes, versuchen Sie auf Ihre eigene Art und Weise, unser christliches Millenium mit­zufeiern, sei es durch Gebet, sei es durch einen besonderen Ge­denktag. Für jede Geste dieser Art werden wir Ihnen dankbar sein. Überbringen Sie auch, wir bitten Sie darum, unsere Grüße und un­seren Dank den deutschen evangelischen Brüdern, die sich mit uns und mit Ihnen abmühen, Lösungen für unsere Schwierigkeiten zu finden.

In diesem allerchristlichsten und zugleich sehr menschlichen Geist strecken wir unsere Hände zu Ihnen hin in den Bänken des zu Ende gehenden Konzils, gewähren Vergebung und bitten um Vergebung. Und wenn Sie, deutsche Bischöfe und Konzilsväter, unsere ausge­streckten Hände brüderlich erfassen, dann erst können wir wohl mit ruhigem Gewissen in Polen auf ganz christliche Art unser Millen­nium feiern. Wir laden Sie dazu herzlichst nach Polen ein.

Das walte der barmherzige Erlöser und die Jungfrau Maria, die Kö­nigin Polens, die Regina Mundi und Mater Ecclesiae.

 

Rom, 18. November 1965

Die Unterzeichner des polnischen Briefes:
Stefan Cardinalis Wyszyliski, Primas Poloniae
Antonius Baraniak, Archiepiscopus Posnaniensis
Bolesiaw Kominek, Archiepp. Tit. in Wrociaw
Carolus Wojtyla, Archiepiscopus Metropolita Cracoviensis
Antono Pawlowski, Episcopus Vladislaviensis
Casimirus Joseph Kowalski, Episcopus Culmensis
Michael Klepacz, Episcopus Lodzensis, Ord.
Czestaw Falkowski, Episcopus Lomzensis
Petrus Kalwa, Episcopus Lublinensis
Franciscus Jop, Episcopus in Opole
Herbertus Bednorz, Episcopus Coadiutor Katovicensis
Stefan Barela, Episcopus Czestochoviensis
Bogdan Sikorski, Episcopus Plocensis
Edmund Nowicki, Episcopus Gedanensis
Joannes Jaroszewicz, Admin. Apost. Kielcensis
Jerzy Ablewicz, Episcopus Tarnovlensis
Joseph Drzazga, Episcopus Vic. co. p. Olsztyn
Stanistaw Jakiel, Vic. Cap. Przemygl
Andrzej Wronka, Episcopus Auxil. in Wroclaw
Venceslaus Majewski, Episcopus Auxil. Varsaviensis
Georgius Stroba, Episcopus Auxil. in Gorzöw
Franciscus Jedwabski, Episcopus Auxil. in Pozriafi
Julianus Groblicki, Episcopus Auxil. Cracoviensis
Carolus Pgkala, Episcopus Auxil. in Tarnöw
Zygfryd Kowalski, Episcopus Auxil. Culmensis
Georgius Modzelewski, Episcopus Auxil. Varsaviensis
Jan Wosifiski, Episcopus Auxil. Plocensis
Bogdan Bejze, Episcopus Auxil. Lodzensis
Thaddaeus Szyagrzyk, Episcopus Auxil. Czestochoviensis
Venceslaus Skomorucha, Episcopus Auxil. in Siedlce
Jan Zargba, Episcopus Auxil. Vladislaviensis
Henricus Grzondziel, Episcopus Auxil. in Opole
Joseph Kurpas, Episcopus Auxil. Katovicensis
Ladislaus Rubin, Episcopus Auxil. Gnesnensis
Paulus Latusek, Episcopus Auxil. in Wroclaw
Joannes Czerniak, Episcopus Auxil. in Gnienzno

 


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