Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

1965-11-18 Botschaft der polnischen an die deutschen Bischöfe

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Es kamen auch aus dem Westen zu uns Apostel und Heilige, und sie gehören wohl zu dem Wertvollsten, was uns das Abendland ge­schenkt hat. Ihr segensreiches soziales Wirken spüren wir vielerorts noch heute. Zu den bekanntesten zählen wir den heiligen Bruno von Querfurt, "Bischof der Heiden" genannt, der den slawischen und litauischen Nordosten im Einvernehmen mit Bolesław Chrobry evangelisierte. Dann ganz besonders die heilige Hedwig (Jadwiga), Herzogin von Schlesien, aus Andechs gebürtig, Gemahlin des polni­schen Piastenfürsten Heinrich des Bärtigen (Brodaty) von Schlesien und Gründerin des Zisterzienserinnenklosters von Trzebnica (Treb­nitz), wo sie ihre Grabstätte gefunden hat. Sie ist im 13. Iahrhundert die größte Wohltäterin des polnischen Volkes in den damaligen Westgebieten des Piastenpolens, in Schlesien, geworden. Es steht hi­storisch ziemlich fest, daß sie, um dem polnischen einfachen Volk dienen zu können, sogar die polnische Sprache lernte. Nach ihrem Tode und ihrer baldigen Heiligsprechung strömten ohne Unterlaß Scharen des polnischen und deutschen Volkes zu ihrer Grabstätte in Trzebnica ‑ später Trebnitz genannt. Und sie tun es noch heute zu Tausenden und Abertausenden. Niemand macht unserer großen Landesheiligen den Vorwurf, daß sie deutschen Geblütes war; im Gegenteil, man sieht sie allgemein ‑ von einigen nationalistischen Fanatikern abgesehen ‑ als den besten Ausdruck eines christlichen Brückenbaues zwischen Polen und Deutschland an ‑, wobei wir uns freuen, auch auf deutscher Seite recht oft dieselbe Meinung zu hö­ren. Brücken bauen zwischen Völkern können eben am besten nur heilige Menschen, nur solche, die eine lautere Meinung und reine Hände besitzen. Sie wollen dem Brudervolke nichts wegnehmen, weder Sprache noch Gebräuche, noch Land, noch materielle Güter; im Gegenteil: Sie bringen ihm höchst wertvolle Kulturgüter, und sie geben ihm gewöhnlich das Wertvollste, was sie besitzen: sich selbst, und werfen damit den Samen ihrer eigenen Persönlichkeit in den fruchtbaren Boden des neuen Missionsnachbarlandes; dieser trägt dann gemäß dem Heilandswort hundertfache Früchte, und zwar Ge­nerationen hindurch. So sehen wir in Polen die heilige Hewig von Schlesien, so sehen wir auch alle anderen Missionare und Märtyrer, die, aus den westlich gelegenen Ländern kommenden, in Polen wirkten mit dem schon erwähnten Märtyrerapostel Wojciech‑Adal­bert aus Prag an der Spitze. Darin besteht auch wohl der allertiefste Unterschied zwischen echter christlicher Kulturmission und dem so­genannten, heute zu Recht verpönten Kolonialismus.
Nach dem Jahre 1200, als das polnische Land immer christlicher wurde in seinen Menschen und Institutionen, wuchsen ihm eigene polnische Heilige heran.

Schon im 12. Jahrhundert war es der Bischof Stanislaus Szczepa­nowski von Kraków, Bekenner und Märtyrer, vom König Bolesław dem Verwegenen am Altare erschlagen. (Der König selbst starb als heiligmäßiger Büßer in der Verbannung in einem Kloster in Ober­österreich.) Am Grabe des heiligen Stanislaus in der königlichen Domkirche von Kraków entstand das majestätische Lied zu seiner Ehre, heute überall in Polen lateinisch gesungen: "Gaude mater Po­lonia, prole foecunda nobili..."
Dann erschien am Firmament das heilige polnische Dreigestirn aus der Familie der Odrowaz (ein altes Geschlecht, das lange Jahrhun­derte an der Oder in Oberschlesien seinen Sitz hatte). Der größte von ihnen ist der heilige Hyazinth ‑ polnisch Jacek genannt ‑, ein Dominikanerapostel, der ganz Osteuropa von Mähren bis zum Balti­kum, von Litauen bis Kiew mit Riesenschritten durchmaß. Sein Ver­wandter, der selige Czesław, ebenfalls Dominikaner, der die dama­lige Stadt Wrocław gegen die Mongolen verteidigte und im heutigen Wrociaw, in der neuerbauten Wojciech‑(Adalbert‑)Kirche begraben ist, wird von der frommen Bevölkerung als Patron der aus den Trümmem von 1945 wiedererstandenen Stadt verehrt. Und schließ­lich ruht in Kraköw die selige Bronisława, der Tradition nach Schwe­ster des seligen Czesław, eine Norbertanerin aus Schlesien.
Die Sterne am Heiligenhimmel werden immer mehr: In Sącz die se­lige Kunigunde, in Gniezno Bogumil und die selige Jolanta, in Ma­sowien Władysław, auf der Königsburg in Kraków die heiligmäßige Königin Jadwiga, eine neue polnische Hedwig, die auf ihre Heilig­sprechung wartet. Später kamen neue Heilige und Märtyrer dazu: der heilige Stanislaus Kostka, Jesuitennovize in Rom, der heilige Jo­hannes Kantius, Professor an der Jagiellonischen Universität in Kra­ków, der heilige Andreas Bobola, Märtyrer in Ostpolen, 1938 heilig­gesprochen, und andere Heilige bis zum Franziskanerpater Maximi­lian Kolbe, dem Märtyrer vom Konzentrationslager Auschwitz, der sein Leben für seine Mitbrüder freiwillig hingab. Gegenwärtig war­ten in Rom etwa 30 polnische Kandidaten auf ihre Heilig‑ und Selig­sprechung. ‑ Unser Volk ehrt seine Heiligen und betrachtet sie als die edelste Frucht, die ein christliches Land hervorbringen kann.
Die obengenannte polnische Universität in Kraków war die erste dieser Art neben Prag im ganzen osteuropäischen Raum. Gegründet schon im Jahre 1363 von König Kasimir dem Großen (Kazimierz Wielki), war sie Jahrhunderte hindurch Zentrum nicht nur politi­scher, sondern auch universaler europäischer Kulturstrahlung nach allen Richtungen, im besten Sinne des Wortes. ‑ Im 15. und 16. Jahr­hundert, als die schlesischen Piastenländer nicht mehr zum polni­schen Königreich gehörten, studierten in Kraków und dozierten da­selbst Tausende von Studenten und Professoren aus Wratislavia (Breslau), Raciborz (Ratibor), Gliwice (Gleiwitz), Glogow (Glogau), Nyse (Neisse), Opole (Oppeln) und vielen anderen Städten Schle­siens. Ihre Namen und die Namen ihrer Geburtsorte sind in diesem polnisch‑lateinischen Idiom in den alten Universitätsregistern ver­zeichnet. Auch Nicolaus Kopernik (Copernicus) wird da namentlich angeführt. Er studierte in Kraków Astronomie beim Professor Martin Bylica. Hunderte von Gelehrten von höchstem wissenschaftli­chen Rang hat diese Universität hervorgebracht und der europä­ischen Kultur geschenkt: Mathematiker, Physiker, Mediziner, Rechtsgelehrte, Astronomen, Historiker und Kulturphilosophen. Unter ihnen befindet sich auch der berühmte Paulus Włodkowic, Rektor der Krakauer Universität, der auf dem Konzil in Konstanz frank und frei, mit höchster Gelehrtenautorität, eine für damalige Zeiten unerhörte religiöse und humane Toleranz lehrte und mit großem persönlichem Mut den Standpunkt vertrat: Die heidnischen Völker Osteuropas seien kein Freiwild, das man mit Feuer und Schwert bekehren soll und darf. Sie haben natürliche Menschen­rechte genauso wie die Christen...
Włodkowic war sozusagen der klassische Ausdruck des polnischen toleranten und freiheitlichen Denkens. Seine Thesen waren gegen die deutschen Ordensritter, die sogenannten "Kreuzritter", gerichtet, die damals im slawischen Norden und in den preußischen und balti­schen Ländern die dortigen Ureinwohner eben mit Feuer und Schwert bekehrten und für das europäische Christentum und sein Symbol, das Kreuz, aber auch für die Kirche, in deren Namen sie auftraten, im Laufe der Jahrhunderte eine furchtbare und äußerst kompromittierende Belastung geworden sind. Noch heute, nach vie­len Generationen und Jahrhunderten, ist die Bezeichnung "Krzy­żak" (Kreuzritter) Schimpfwort und Schreckgespenst für jeden Polen und wird leider nur allzuoft von alters her mit dem Deutschtum identifiziert. ‑ Aus dem Siedlungsgebiet der "Kreuzritter" sind später jene Preußen hervorgegangen, die alles Deutsche in polnischen Landen in allgemeinen Verruf brachten. Sie sind in der geschicht­lichen Entwicklung repräsentiert durch folgende Namen: jener Al­brecht von Preußen, Friedrich der sog. Große, Bismarck und schließ­lich Hitler als Endpunkt.

Friedrich II. wird seit jeher vom ganzen polnischen Volk als der Haupturheber der Teilung Polens angesehen, und zweifellos nicht ganz zu Unrecht. Hundertfünfzig Jahre lebte das polnische Millio­nenvolk aufgeteilt von den drei damaligen Großmächten: Preußen, Rußland und Österreich, bis es 1918 am Ende des Ersten Weltkrieges langsam aus seinem Grabe hervorkommen konnte; bis zum äußer­sten geschwächt, begann es damals wieder unter größten Schwierig­keiten eine neue eigenstaatliche Existenz...
Nach kurzer Unabhängigkeit von etwa 20 Jahren (1918 bis 1939) brach über das polnische Volk ohne seine Schuld das herein, was man euphemistisch einfach als Zweiten Weltkrieg bezeichnet, was aber für uns Polen als totale Vernichtung und Ausrottung gedacht war. Über unser armes Vaterland senkte sich eine furchtbare finstere Nacht, wie wir sie seit Generationen nicht erlebt hatten. Sie wird bei uns allgemein "deutsche Okkupationszeit" genannt und ist unter diesem Namen in die polnische Geschichte eingegangen. Wir waren alle macht‑ und wehrlos. Das Land war übersät mit Konzentrations­lagern, in denen die Schlote der Krematorien Tag und Nacht rauch­ten. Über sechs Millionen polnischer Staatsbürger, darunter der Großteil jüdischer Herkunft, haben diese Okkupationszeit mit ih­rem Leben bezahlen müssen. Die führende polnische Intelligenz­schicht wurde einfach weggefegt. Zweitausend polnische Priester und fünf Bischöfe (ein Viertel des damaligen Episkopates) wurden in Lagern umgebracht. Hunderte von Priestern und Zehntausende von Zivilpersonen wurden bei Ausbruch des Krieges an Ort und Stelle erschossen (778 Priester allein in der Diözese Kulm). Die Diö­zese Wloctawek allein verlor im Kriege 48 Prozent ihrer Priester, die Diözese Kulm 47 Prozent. Viele andere waren ausgesiedelt. Alle Mittel‑ und höheren Schulen waren geschlossen. Die Priestersemi­narien waren aufgehoben. Jede deutsche Uniform, nicht nur die SS, wurde für alle Polen nicht nur ein Schreckgespenst, sondern auch Gegenstand eines Deutschenhasses. Alle polnischen Familien hat­ten ihre Todesopfer zu beklagen. Wir wollen nicht alles aufzählen, um die noch nicht vernarbten Wunden nicht wieder aufzureißen. Wenn wir an diese polnische, furchtbare Nacht erinnern, dann nur deswegen, damit man uns heute einigermaßen versteht, uns selbst und unsere heutige Denkart... Wir versuchen zu vergessen. Wir hof­fen, daß die Zeit ‑ der große göttliche Kairos ‑ die geistigen Wunden langsam heilen wird.


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