Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

Wiesław Wysocki – Zeugnisse religiösen Lebens

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Wiesław Jan Wysocki

 

ZEUGNISSE RELIGIÖSEN LEBENS
VON KONZENTRATIONSLAGER-HÄFTLINGEN

 
Hat im KL Auschwitz Gott nach verfolgten und leidenden Häftlingen gefragt? Wie sah der religiöse Mikrokosmos des Lagers aus?* Bei der Annäherung an diese Frage befinden wir uns zwischen der Vision von Zofia Kossak in den reflektierenden Lagererinnerungen „Aus dem Abgrund”[1], in denen die Wertewelt eines Menschen dominiert, der Herr über sein Schicksal ist, und der Vision von Tadeusz Borowski „Steinerne Welt“[2].

Sieg

 „Nur wenige Menschen können sich zu solchen moralischen Höhen erheben; nur wenige Häftlinge bewahrten sich die volle innere Freiheit und erkannten die Werte, die ihnen das Leiden brachte”, schrieb der Schweizer Psychologe Viktor E. Frankl, „aber wenn es nur einen solchen Häftling gab, wäre das ein ausreichender Beweis dafür, dass der Mensch Herr über sein Schicksal zu sein vermag”[3].
Nicht anders sprach Papst Johannes Paul II in seiner Predigt während der Messe am 7. Juni 1979 auf dem Gelände des Lagers Auschwitz-Birkenau:
„An diesem Ort schrecklicher Qualen, der vier Millionen Menschen den Tod brachte, hat Pater Maximilian einen geistigen Sieg errungen, der dem Sieg Christi ähnlich ist, indem er freiwillig den Tod im Hungerbunker auf sich nahm – für einen Bruder. [...] Doch war er – Maximilian Kolbe – der einzige, der einen Sieg errang, den seine Mitgefangenen sofort spürten und den bis heute Kirche und Welt empfinden? Mit Sicherheit wurden hier viele ähnliche Siege errungen, so etwa der Tod im Krematorium des Lagers, den die Karmelitin Schwester Benedikta vom Kreuz, in der Welt Edith Stein, von Beruf Philosophin [...], von einer jüdischen Familie stammend, die in Breslau gewohnt hat. Ich will es nicht bei diesen beiden Namen belassen, wenn ich mich frage: Nur dieser eine? Nur diese eine? ... Wie viele ähnliche Siege wurden hier errungen? Es errangen ihn Menschen verschiedenen Bekenntnisses, verschiedener Ideologie, sicher nicht nur Gläubige. Mit tiefster Verehrung wollen wir jeden dieser Siege betrachten, jede Erscheinung von Menschlichkeit, die ein Widerspruch zu dem System des systematischen Widerspruchs zur Menschlichkeit war. Am Ort solch schrecklicher Erniedrigung der Menschlichkeit, der menschlichen Würde – der Sieg des Menschen!“[4]
Das sind die Worte eines Papstes, dessen reife Persönlichkeit sich im unmittelbaren Schatten der Stacheldrahtzäune von Auschwitz geformt hatte. Seine Argumente sind die Argumente von Kirche und Gläubigen, und sie werden gestützt von den Zeugnissen der Märtyrer (das lateinische martyr bedeutet Zeuge). Neben den in der Ansprache des Papstes erwähnten (heute heiliggesprochenen: Pater Maximilian M. Kolbe und Schwester Benedikta, Edith Stein) verstärkte diese „Argumente” der Kirche die Gruppe der 108 seliggesprochenen Märtyrer, unter ihnen Erzbischof Antoni Nowojeski, Bischof Władysław Goral, Bischof Leon Wetmański, Pater Anicet Kopliński, Priester Stefan Frelichowski, Priester und Hauptmann der Reserve Stanisław Dachtera, Priester und Unterleutnant Władysław Miegoń, Priester Roman Archutowski, Priester Edward Detkens, Priester Józef  Staniek, Priester Józef Kowalski. Die Zahl der „amtlichen“ (d.h. von der Kirche zur Ehre der Altäre erhobenen) Zeugen kann man noch vergrößern. Auch außerhalb des katholischen Milieus gibt es dies: so verehren die Orthodoxen Christen die Märtyrer Priester Peradze und Mutter Maria, Jelizawieta Pilenko. Nicht nur Geistliche wurden zu Zeichen durch das Zeugnis des Sieges der Menschlichkeit über die Lagerwirklichkeit: die Hebamme Stanisława Leszczyńska, die sich im KL weigerte, neugeborene Kinder zu töten, und der Rittmeister Witold Pielecki, im Lager „Tomasz Serafiński“ genannt, der einzige freiwillige Auschwitzhäftling, der sich dorthin begab, um Häftlinge zu retten, und der dort die erste Untergrundorganisation gründete, mögen stellvertretend für Hunderte und Tausende andere zeugen, die hinter dem Stacheldraht die menschliche Würde verteidigt haben.
Die eben genannten Namen von Häftlingen möchte ich ergänzen durch eine Szene aus dem KL Stutthof, wo die Priester Bronisław Komorowski und Franciszek Rogaczewski aus Danzig/Gdańsk einsaßen. Diese Priester wurden von den Nazis besonders gehasst und gequält; in die Strafkompanie versetzt, mussten sie aus Klo-Löchern Fäkalien herausholen. Ein Freund von Priester Komorowski, der Priester Wojciech Gajdus, erinnert sich an die Lagerzeit: „Ich habe ihn gefragt, was er fühlte, als er diese schrecklich stinkende Funktion vor den Augen des ganzen Lagers ausführte. Gütig lachend antwortete er: «Ich fühlte mich vor den Augen der Häftlinge wie auf der Kanzel und habe Acht gegeben, dass es eine gute Predigt wird. Ich denke, das war meine beste Predigt!»“[5]
Über die Haltung seiner Mitbrüder angesichts des Todes schrieb dann derselbe Priester Gajdus: „Keiner von ihnen, die leidend und blutig sterben, viele von ihnen in der Blüte ihres Lebensalters, wird es fluchend tun, weinend oder klagend. Sie werden in den Tod gehen wie sie im Leben zur Arbeit im Lager gingen, oder dort – in ihrer Kirche – zum Altar: still, ruhig, gesammelt, mit ein Gebet flüsternden Lippen. Sie werden ihr Schicksal nicht jammernd für tragisch erklären; zwar werden sie sich lustig machen und in unsicheren Momenten Witze reißen, aber wenn sie die kommende Krankheit spüren und die Möglichkeit des Todes, werden sie ihre Leidensgenossen nur um Eines bitten und drängen: dass sie sie im Moment des Sterbens segnen und für ihren letzten Weg von ihren Sünden lossprechen mögen”[6].
In Grenzsituationen, wenn ein glaubender Mensch im Angesicht der Ewigkeit stand, brachte die Anwesenheit eines Priesters geistige Ausgeglichenheit. Das erfuhr, in nicht alltäglichen Umständen, der Priester Władysław Grohs, der in den Block 11 des KL Auschwitz eingeliefert wurde und schon an der Zellenschwelle ein frohes „gut, dass ein Priester bei uns ist!“ hörte; als er halb verwundert, halb verärgert fragte, woher diese „Freude“ käme, dass man einen Priester eingesperrt habe, hörte er: „Wir gehen in den Tod und gut, dass ein Priester bei uns ist“[7].

Probleme mit dem Glauben im Lager

Die religiöse Lehre (als System von theoretischen, doktrinalen Grundsätzen und ihrer Realisierung unter gesellschaftlichen Bedingungen) betont vor allem ein System von Grundsätzen, um durch Werte die Bestätigung der Hauptziele zu erreichen. Doch jede einzelne christliche Haltung, durch die Doktrin gebändigt, hat auch ihre individuellen Dimensionen. Deshalb kann man nicht von einem prinzipiellen Muster in der Haltung der Häftlinge sprechen, höchstens von einem Gefühl der Nähe des Meisters in der Situation der Entblößung (biblischer Ausdruck) und dadurch von doktrinärer [der Lehre entsprechender] Identifizierung mit ihm.
Neben mystischer Annäherung an und Versenkung in Gott gab es im Lager Glaubensbekenntnisse, die, mit großer Entschlossenheit und Furcht (entsprechend dem umgangssprachlichen Not lehrt beten), oder schließlich sogar fluchend mit der Hoffnung auf Rache für das erfahrene Unrecht, an den Zustand von Verzweiflung grenzten.
                        „Im Namen des Vaters
                        des Sohnes
                        des Geistes...
                        streicht das Kreuzzeichen durch, ihr Mörder!
                        Du hast den Vater ermordet!
                        Du hast den Sohn ermordet!
                        Du hast den Geist ermordet!
                        Ich blieb ohne Gott zurück...”
schrieb im Lager Auschwitz der Häftling Ryszard Radwański.[8] Auch das ist eine Manifestation, nicht nur von Poesie, sondern von Glauben... verwehendem, zweifelndem, einer starken geistigen Stütze beraubtem. Zu einem Satz wie von Liebert „um eine Wahl für die Ewigkeit zu treffen, muss ich in jedem Augenblick wählen” [9] reifte man langsam und nicht ohne Probleme. Es ist nicht leicht, in der Welt der Stacheldrähte zu bekennen, dass Liebe der Motor unserer Geschichte ist. Aber auch diese theologisch schwierige Wahrheit war im intellektuellen und praktischen Bereich der Gefangenen lebendig. „Liebe ist das letzte und höchste Ziel, zu dem das menschliche Wesen sich erheben kann. Ich begreife den Sinn des letzten und größten Geheimnisses, das uns Poesie, Denken und Glaube vermitteln: die Erlösung des Menschen durch Liebe und in Liebe! [...] Zum ersten Mal im Leben konnte ich die Bedeutung der Worte verstehen: Die Engel sind glücklich in der immerwährenden liebenden Kontemplation der unendlichen Herrlichkeit[10].
Eine sehr kritische Schwelle – und oft Barriere – war die Frage der Vergebung. Die Worte des Vaterunsers „wie auch wir vergeben unsern Schuldigern” waren für Christen eine schwere Prüfung. Den Beweis, dass es in schwierigsten Momenten möglich war, dieses schwierige Gebot zu bejahen, liefert uns nicht ein heiliggesprochener Priester, sondern ein junger Pfadfinder, Jan Zieliński, Sohn des Organisten der Kirche des hl. Jacek in Piotrków Trybunalski, der sich zu einer vergebenden Geste gegenüber seinen Verfolgern durchringen konnte und über seine Peiniger sagte, sie wissen nicht, was sie tun.[11] Häufiger jedoch waren Zweifel über diesen christlichen Grundsatz der Vergebung. Trotz solcher Vorbehalte haben Priester nach eigener Aussage Häftlingen, die gegen dieses Gebot „widerspenstig“ waren, die Lossprechung von den Sünden zugesprochen. Sie hatten schließlich selbst Schwierigkeiten damit. Es ein Jesuiten-Häftling, Pater Adam Kozłowski (heute Kardinal), erinnert sich: „Bis dahin konnte ich, sogar wenn man mich schlug, nicht hassen. Jetzt fühle ich, wie schwer mir das fällt“ [12]. Von da war es nicht mehr weit zu einem verwünschenden Gebet, zu dem selbst Ungläubige kamen: „Wenn es Dich gibt, Gott, dann bestrafe sie!”[13]
Es gab auch einige, die keinen noch so rationalen Kompromiss eingehen wollten, und zum Beispiel die christlichen Fastenzeiten am Aschermittwoch, Karfreitag und vor dem Heiligen Abend hielten (unter Bedingungen permanenten Hungers war das wahrhaft eine heldenhafte Angelegenheit), oder die jüdischen Vorschriften von Jom Kippur. Man muss schon eine religiöse Motivation haben, um solch eine Haltung zu zeigen. Und das waren keine Einzelfälle.
Andere brauchten einen Ansporn für ihren Glauben in Form von Devotionalien, Bildern auf Medaillons, Skapulieren, religiösen Bildchen oder Rosenkränzen, Gebetbüchern, schließlich Tales und dergleichen. Der Besitz solcher Dinge mobilisierte innerlich. Bisweilen wurde diesen Dingen eine unangemessen übertriebene Kultbedeutung zugesprochen. Manchmal bekamen sie symbolische Bedeutung, wie z.B. das Anbringen eines Medaillons unter dem Schlegel des Gongs im Lager in Lublin – von da an war das für die Eingeweihten die Lagerkapelle. Eine ähnliche Rolle spielten auch die KZ-Kunst und die Lager-„Schnitzer“, die Figuren (die Brüder Kupców, die eine Figur der Muttergottes hinterließen) und Reliefschnitzereien (Alfons Szubiński: stillende Muttergottes) herstellten. Es blieben auch andere „Spuren“: das künstlerische Vermächtnis von Marian Kołodziej und das außergewöhnliche Christusbild, das von Priester Franciszek Paciorek in eine Zellenwand im Gefängnis von Block 11 geritzt wurde, als er dort eingesperrt war.
Glaube ist eine geheimnisvolle Sphäre im Inneren des Menschen. Aus dem Leben von Häftlingen sind Fälle von lebendigem Glauben bekannt, aber bestätigt werden auch andere: Verlust des Glaubens unter dem Einfluss der Umstände und des unmittelbaren Druckes des umgebenden Bösen.
Der unfreie Mensch war gezwungen, ständig und bei jedem Schritt moralische Entscheidungen zu treffen, und zwar Grundsatzentscheidungen, manchmal anlässlich von Kleinigkeiten. „Ich musste 150-200 gefangene Frauen wecken“, erinnert sich ein weiblicher jüdischer Funktionshäftling, „die sich nicht mit der Wirklichkeit des Tages anfreunden wollten... Ich riss also die Decken von den Liegenden und schrie: ‚Aufstehen!’ – zerrend, schlagend. Einmal schlug ich jemanden und diese Person schaute mich an. Das war eine Freundin meiner Mutter. Ich entschuldigte mich, es war mir schrecklich peinlich, aber ich musste das tun... Ich musste wählen. Nicht nur Mengele musste wählen, auch ich musste mich entscheiden, ob ich mit der Mutter gehen sollte [bei der Selektion – Anm. WJW], oder ob ich mich von ihr trennen sollte... Ich entschied mich, dass ich als erste vor der Mutter ging, was ungewöhnlich war, weil ich ihr sonst immer den Vortritt ließ. Ich denke, mein Herz schlug so ungeheuer schnell, nicht weil ich Angst hatte, ich wusste nämlich, dass ich durchkomme, sondern weil ich etwas sehr Schlechtes tat.”[14]
Es gilt zu berücksichtigen, dass unter den Lagerbedingungen die Häftlinge durch fehlende Nahrung, über die Kräfte gehende erschöpfende Arbeit meist geschwächt, oft krank und die Reaktionen wie im Halbschlaf langsamer waren und nur Anbrüllen sie zu entsprechendem Handeln bringen konnte. „Und auch das versagte manchmal und dann musste man sich wirklich mit allen Kräften zusammenreißen, um nicht zu schlagen... Einmal habe ich selbst erlebt, dass die Hand juckte und sich die Fäuste wie von selbst zusammenpressten, als ich ausgehungert und unausgeschlafen in Wut geriet“ [15]. Es gab mindestens noch einen weiteren Grund, um mit Geschrei oder sogar Schlägen zu reagieren... um einen Mithäftling zu retten (was der Gerettete nicht einmal ahnen konnte). Als die Häftlingsärzte im Krankenbau eine Selektion befürchteten, wollten sie keine neuen Patienten aufnehmen, nicht einmal sehr eindeutig von Krankheit gezeichnete, um sie nicht dem sicheren Tod auszuliefern. Weil sie den wahren Grund nicht nennen konnten, haben sie die Bewerber weggetrieben, indem sie ihnen Simulation vorwarfen.
Nicht unwichtig war auch die Tatsache, dass die Lagerorganisation unter anderem darauf baute, alle öffentlichen Erscheinungen progesellschaftlicher Haltung zu brandmarken und zu bestrafen. Jede kleinste Geste von Solidarität und Mitgefühl konnte Gefahr für die bedeuten, die halfen und Hilfe bekamen. Das System teilte planmäßig die Häftlinge untereinander und erzeugte Konflikte, es achtete darauf, dass sich keine Gruppenbande bildeten.
Das oft und auf vielerlei Weise vergewaltigte Gebot „Du sollst nicht töten“ wurde sogar in so weitgehend extremen Bedingungen, wie sie das KZ bildeten, nicht wertlos. Natürlich konnte es nicht unbegrenzt erfüllt werden, weil die Lagerbedingungen offensichtliche Einschränkungen verlangten. Deshalb verpflichtete es in an die Lagerbedingungen angepasster Form und ließ sich auf die Formel bringen: es ist nicht erlaubt, das eigene Leben auf Kosten eines anderen Todes zu retten.
Eine ähnliche Reinterpretation geschah bezüglich des religiösen Grundsatzes „Du sollst nicht stehlen!“ Es war erlaubt, Sachen zu nehmen, die von der Lagermacht den Häftlingen geraubt worden waren, was „organisieren“ genannt wurde; das hatte den Charakter von Restitution. Jedoch wurde rücksichtslos verurteilt und als verbrecherische Tat behandelt, dem Mithäftling das zugeteilte Stück Brot wegzunehmen; in solchen Fällen kam es sogar zu Lynch-Handlungen, was im Allgemeinen bei der Häftlingsgemeinschaft Zustimmung fand. Um für einen Häftling, der beim Brotdiebstahl erwischt worden war, einzustehen, musste man nicht nur ein allgemeines Ansehen in der Häftlingsgemeinschaft genießen, sondern auch sehr demütig in Bezug auf die eigene Schwäche sein. Der schon erwähnte Pater Kozłowiecki bekannte, nachdem er die Versuchung, Brot zu stehlen, überwunden hatte: „Ich hatte von da an keinen Mut mehr, irgendjemanden zu verurteilen, der jemandem Brot gestohlen hatte; ich wusste, dass ich das auch tun könnte.”[16]
Zu den verbotenen progesellschaftlichen Taten gehörten auch Gebete. Sie fanden dennoch statt, aber nur da, wo in den Stuben eine Atmosphäre von Vertrauen herrschte, oder in kleinen Gruppen, die sich versteckten. Selten nur konnte das offen mit Zustimmung des Stubenältesten geschehen, denn wenn der Blockälteste davon erführe, würde der Stubenälteste seine Funktion verlieren. Aus diesem Grunde waren „Stoßgebete“ sehr viel häufiger, Gebete in Gedanken, aber es gab auch gemeinsame Abend- oder Morgengebete, mehr geflüstert als gesprochen. Daran erinnert sich der Priester Henryk Malak, Häftling in Stutthof, Sachsenhausen und Dachau: „An den Abenden sprachen wir heimlich das Abendgebet, zusammengepresst wie in einem Fass liegend, die Gesichter mit den Händen schützend vor dem von der Decke tropfendem Wasser, die krätzige Haut bei Läusebissen kratzend... Ein Mensch, der wie Vieh in ein stinkendes, mistiges Strohlager gestopft wird, kann nicht beten! Es sei denn, dass man das gedankenlose Klappern hölzerner Lippen als Beten bezeichnet... Wohl die einzige Form wirklichen Gebetes, zu dem der Mensch in solchen Bedingungen fähig ist, sind Stoßgebete, wie brennende Pfeile in den Himmel geschossen. Davon lebten wir.“ [17] Frauen konnten das strenge Verbot von Gebet leichter umgehen. „Das Gebet hielt die Gläubigen aufrecht und ermöglichte gleichzeitig in gewisser Weise, dem Lager zu entfliehen. Statt der Gedanken an das Lagerungeziefer richtete sich die Aufmerksamkeit auf Schönes und Gutes. Im Lager konnte man beim Appell Hunderte Frauen mit zum Himmel gerichteten Augen sehen, auf der psychischen Flucht ins Jenseits der Drähte... Es gab auch Momente gemeinsamen Gebetes. Ich erinnere mich an ein solches, das in der polnischen „siebten“ [Baracke in Birkenau – Anm. WJW] von Teresa Łubieńska organisiert wurde. Gebetsbücher, aus den sog. „Effekten” gestohlen, Kreuzchen, Medaillons, Rosenkränze waren mehr wert als Gold, weil durch ihren Besitz im Lager „Meldung” und Strafkompanie drohte. [...] Die Tradition gemeinsamer Gebete wurde aus den Gefängnissen ins Lager mitgebracht, wenn auch im Lager gemeinsame Gebete um ein Vielfaches schwieriger waren wegen der großen Verschiedenheit der Völker in den Blöcken und der Gefahr des Verrats"[18].
Geistliche haben überall da, wo sie in größeren Gruppen waren (wie im KL Stutthof und im KL Dachau), gemeinsame Gebete organisiert. So entstand unter den „Dachauer“ Priestern der Kult des hl. Josef, der nach dem Krieg seinen Ausdruck in einer Kapelle zu Ehren dieses Patrons in Kalisz fand. Andere versprachen Wallfahrten nach Jasna Góra. Gebet näherte aneinander an und weckte in der anonymen Häftlingsmasse Vertrauen.
Der große Schauspieler Stefan Jaracz, 1941 aus dem KL Auschwitz freigelassen, pflegte zu sagen, dass man zu der lauretanischen Litanei die Anrufung hinzufügen müsse: Märtyrer von Auschwitz – bittet für uns! Trotz Verbotes und der Androhung von Kollektivstrafen für den Besitz von religiösen Gegenständen fertigten Häftlinge Rosenkränze aus Schnüren und Brot an.
Katholiken hinterließen die meisten Zeugnisse religiösen Lebens im Lager, aber es gab auch andere... Ein Moslem, Korwin Pawłowski, Professor der Kairoer Universität, hielt im Auschwitzer Pandämonium seine religiösen Rituale und umwickelte dazu seinen Kopf mit Lappen. Juden, die keine Gebetbücher mehr hatten, benutzten manchmal katholische. Wissend, dass sie zum Tode verurteilt sind, Verbote und Drohungen der Funktionshäftlinge nicht fürchtend, sangen sie laut Psalmen.
Vor der Hinrichtung sprachen einige Gebete, andere schrieben Karten und Kassiber, einige poetische Verse. Erhalten ist das Gedicht von Jerzy Stos, einem Häftling, der im Mai 1941 im KL Auschwitz auf dem Hof bei Block 11 erschossen wurde. Der Verurteilte widmete seine Zeilen dem Priester Konrad Szweda, ebenfalls Auschwitzhäftling:
Ich, „Schutzhäftling Pole”, demütig mich verneigend,
bringe meine Sorgen zu Dir, mein Gott!
Es sind sehr viele, mein guter Gott,
deshalb streu ich sie wie einen Teppich vor Deine Füße.

Der Teppich ist wertvoll, wenn auch nicht aus Gold geknüpft,
sondern aus Anstrengung und schwerer Arbeit, eigenem Blut und Schweiß.
Der Teppich ist wertvoll, denn er ist aus den Tränen unserer Mütter.
Sie klingen wie Perlen unter den Tränen unserer Frauen und Großeltern.

Diesen Teppich aus Tränen bringe ich Dir, Herr,
verstoße diese Gaben nicht, schau gnädig auf sie...
und unter Deinem Blick hört das Weinen auf,
heilen Wunden und neue entstehen nicht. "[19]
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