Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

Urszula Bieniek - Hier bin ich geboren, hier wohne ich…

... und schreibe darüber, was ich, die Einwohnerin von Oswiecim, fühle

Ein Jahr mit dem „Zentrum für Dialog und Gebet“ in Oswiecim und die Teilnahme am Projekt „Wohnort: Oswiecim“

Als ich zum ersten Treffen ins „Zentrum für Dialog und Gebet“ ging, wusste ich noch nicht, was dort passieren, wer dabei sein und ob ich noch einmal dorthin gehen würde. Nachdem ich mehr über das Thema des vom „Zentrum“ vorbereiteten, ganzjährigen Projektes gehört hatte, war ich mir ganz sicher, dass ich daran teilnehmen wollte.

Heute bedaure ich keine einzige Minute, die ich damit verbracht habe, zusammen mit der Gruppe, in der ich war, das Programm zu verwirklichen. Ganz im Gegenteil – ich bin stolz darauf. Es bot Gelegenheit, sich selbst besser kennen zu lernen, außergewöhnliche Menschen zu treffen, die Wahrheit und den Dialog zu finden.

Das vergangene Jahr stellte für mich eine Wende dar. Alles, was geschah und was ich erfuhr, die Menschen, die ich kennen lernte, veränderte mein Leben. Das lässt sich nicht einfach in einigen Worten beschreiben, das muss man selbst erleben, selbst erkunden…

Alle Stufen des Projektes „Wohnort Oswiecim“ begleitete ich mit großer Neugier. Ich fühlte immer ein Verlangen nach Wissen. Dieses Wissen eignete ich mir Schritt für Schritt an. Ich durfte viele Fragen stellen und Diskussionen führen. Ich hatte das Gefühl, dass ich auch etwas bedeutete, dass jemand auch mir zuhörte, dass ich meine Überlegungen und persönliche Empfindungen mit jemandem teilen konnte.

Es gibt noch etwas ganz Wichtiges, was ich im letzten Jahr lernte: einen DIALOG zu führen, einen Dialog mit dem anderen Menschen, die Bemühung, die Menschen zu sehen, wie sie sind, und nicht, wie sie von anderen bewertet werden.

Der erste Themenblock KL Auschwitz-Birkenau – Geschichte und Symbolik beeindruckte mich am meisten. Nach allem, was ich über das ehemalige KZ Auschwitz-Birkenau gehört hatte, wollte ich noch mehr wissen. Ich fing an, Erinnerungen der ehemaligen Häftlinge zu lesen. Auf dem Treffen mit Herrn Kazimierz Smoleń, dem langjährigen Direktor des Staats-museums Auschwitz-Birkenau, einem ehemaligen Häftling, konnte ich seinen persönlichen Erzählungen zuhören. Ich konnte mir nur schwer vorstellen, was in Oswiecim in den Jahren 1941 – 1945 passiert war. Wie konnte man die Vernichtung so vieler Menschen zulassen? Wie konnte man die Menschen auf eine so bestialische Art behandeln? Das ist unglaublich, es klingt wie eine erfundene Geschichte, d.h. ich hätte gerne, dass es jemand frei erfunden hätte, dass es nie passiert wäre. Es ist aber leider geschehen. Eine Unzahl von Menschen kam ums Leben, mittellos, zuerst verunglimpft, verletzt und dann auf eine schändliche Art und Weise ermordet, ohne das Recht, sich zu verteidigen oder zu kämpfen.

Während der nächsten Treffen, die den Themen Christentum und Judaismus gewidmet waren, entdeckte ich, wie interessant die jüdische Kultur und Tradition ist, und wie wenig ich darüber bis jetzt wusste. Nachdem ich viel über die jüdische Religion erfahren hatte, wollte ich auch die Vertreter der jüdischen Gemeinden kennen lernen. Bald ging mein Traum in Erfüllung. Auf einem der organisierten Treffen lernte ich jüdische Jugendliche aus Süd-amerika kennen. Ich konnte mit den Menschen reden, deren Kultur mich so fasziniert hatte. Ich erfuhr, wie die Juden unser Land und die Polen wahrnehmen, was sie über uns, die Einwohner von Oswiecim, denken, was das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau für sie bedeutet, was sie denken und fühlen, wenn sie sich hier aufhalten.

Eines der wichtigsten Ereignisse in den letzten Monaten war für mich der „MARSCH DER LEBENDIGEN“, an dem unsere „Oswiecim-Gruppe“ zusammen mit Hunderten von Juden, die aus aller Welt kamen, teilnahm. Gemeinsam liefen wir vom Hauptlager nach Birkenau, um aller zu gedenken, die hier ums Leben kamen. Bis dahin hatte ich mich nicht für diese Veranstaltung interessiert, es geschah irgendwo abseits. Jetzt aber weiß ich, welch eine große symbolische Bedeutung dieser Marsch für die jüdische Gesellschaft hat. Ich verstehe jetzt die Menschen, die sich Jahr für Jahr hier, auf der Oswiecimer Erde, treffen, um für ihre Nächsten zu beten, die hier ermordet wurden. Nachdem ich mit allen diesen Leuten in Richtung Brzezinka gelaufen war, hatte ich am nächsten Tag Gelegenheit, mit den jüdischen Jugend-lichen zu sprechen. Da wurde mir bewusst, dass das Schicksal des jüdischen Volkes mir vertraut ist, dass seine tragische Geschichte an die der polnischen Nation erinnert.

In den darauf folgenden Wochen haben wir - gemeinsam mit zu den Treffen eingeladenen deutschen Gästen - darüber nachgedacht, wie sich die Beziehungen zwischen unseren Völkern im Verlauf der vergangenen Jahre und Jahrhunderte entwickelt haben, wie diese Beziehungen heute aussehen, und inwiefern wir uns ähnlich sind oder unterscheiden, wir Polen und unsere deutschen Nachbarn.

Ich denke, dass ich nie Vorurteile gegenüber dem deutschen Volk hatte. Die jungen Deutschen müssen sich nicht dessen schuldig fühlen, was einmal ihre Vorfahren gemacht haben. Das ist nicht ihre Schuld. In unseren Händen, in den Händen der Jugendlichen liegt die Zukunft. Wir alle sollten uns darum bemühen, dass die Geschichte sich nicht mehr wieder-holt. Während des 2. Weltkrieges kamen auch viele unschuldige Deutsche um, die versucht hatten, sich der faschistischen Ideologie zu widersetzen. Auch junge Deutsche beklagen die Tragödie, die sich in Oswiecim ereignet hat. Ihnen stehen auch oft die Tränen in den Augen, sie sind entsetzt. Viele schämen sich, dass die deutsche Nation das Geschehen in Oswiecim verursacht hat.

Nach vielen Jahren sollten wir alle – die polnischen und die deutschen Jugendlichen – das Gute anstreben. Wir wollen keinen Krieg mehr, keine Massenmorde. Frieden, Harmonie und Toleranz sollten in der Welt herrschen.

Während der Begegnungen im „Zentrum für Dialog und Gebet“ lernte ich viele tolle Deutsche kennen. Ich habe noch heute Kontakt zu ihnen und kann es kaum erwarten, sie wieder zu treffen. Als wir die erste Gruppe aus Deutschland treffen sollten, waren wir alle sehr aufgeregt. Die Diskussionen, die ehrlichen Gespräche und das freundliche Lächeln ließen uns aber unsere Befürchtungen bald vergessen. Und dann bauten wir zusammen Häuschen, die das symbolische „europäische Dorf“ bilden sollten. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich mich zum letzten Mal so sehr amüsiert habe. Ich habe Leute kennen gelernt, die ich nie vergessen werde, von denen ich viel meinen Freunden erzähle. In der kurzen Zeit, die ich mit den Deutschen verbrachte, lernte ich viel. Obwohl die deutsche Sprache nicht meine Stärke ist, konnte ich mich sehr gut mit meinen neuen Freunden verständigen. Es gab noch einige Treffen dieser Art, die ich nie vergessen werde.

Als wir uns mit der Oswiecimer Geschichte beschäftigten, nahmen wir im Rahmen des Projektes an einigen interessanten Treffen teil und besichtigten die Orte, die „die Geschichte für die nächsten Generationen bewahren“. Dazu gehören das Oswiecimer Schloss und das Staatsarchiv. Ich dachte wie viele meiner Bekannten, Oswiecim schon gut zu kennen. Ich wusste aber nicht, dass es eine so komplexe Geschichte hat. Sicher weiß kaum jemand, dass seine Geschichte viel länger als z.B. die von Poznań ist. Heute kann ich sagen, dass ich über die Vergangenheit der Stadt, in der ich wohne, sehr viel weiß. So weit wie ich kann, bemühe ich mich, mein Wissen darüber an „die Gäste der Oswiecimer Erde“ weiterzugeben.

Das ganzjährige Projekt schlossen einige Treffen ab, die dem Thema „Menschenrechte“ gewidmet waren. Sie betrafen die Volks-, Religions-, und Kulturminderheiten sowie Ausländer und Behinderte.

Was empfinde ich nach Monaten des Projektes „Wohnort: Oswiecim“?

Viele Menschen auf der ganzen Welt assoziieren Oswiecim nur mit dem ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau. Es stimmt, dass man diese Geschichte nicht vergessen darf und dass wir alles tun sollten, dass sie sich nie wieder ereignet.

Ich denke jedoch, dass mein Oswiecim nicht nur mit der Vernichtung von Juden, Polen, Zigeunern und anderen Nationen in Verbindung gesetzt werden sollte. Es gibt hier auch eine Stadt, und ihre Bürger sind ganz normale Menschen – wie die Einwohner von Krakau, Kattowitz oder Warschau. Nur mit einem Unterschied – sie wohnen näher an der Stätte der schrecklichen Tragödie, die auf der Oswiecimer Erde in den Jahren 1941 – 1945 stattgefunden hat. Ich fürchte mich nicht vor diesem Ort. Im Gegenteil: der Ort ist mir besonders vertraut, weil ich sein zweites Gesicht kenne – das Gesicht der Heimatstadt mit einer jahrhundertelangen interessanten Geschichte.

Seit meiner Geburt wohne ich in Oswiecim. In den letzten Jahren habe ich viele Informationen über meine Stadt gesammelt. Ich denke jedoch, dass es vielen meiner Mit-bürger nicht bewusst ist, wie alt und interessant die Anfänge der Burg an der Sola sind. Darum denke ich, dass das Programm vom „Zentrum für Dialog und Gebet“ eine große Gelegenheit bot, uns dies näher zu bringen. Meine persönlichen Empfindungen und Erfah-rungen, die ich in den letzten Monaten gesammelt habe, sind mir besonders wertvoll. Dank ihnen hat sich meine Weltanschauung verändert, ich nehme jetzt die Menschen, denen ich begegne, anders wahr.

Die wöchentlichen Begegnungen mit den anfangs ganz fremden Menschen, die jetzt meine guten Freunde sind, ließen meine Augen offen werden dafür, was in Oswiecim geschehen ist und was jetzt geschieht. Es ist so, als ob ich neugeboren wäre und die Stadt mit anderen Augen sähe. Früher war es eine Stadt wie alle anderen. Jetzt sehe ich viel mehr: ich kenne ihre Geschichte, und – das ist das Wichtigste – ich freue mich, dass ich hier wohne, dass ich hier geboren und aufgewachsen bin. Manche Gleichaltrigen möchten so schnell wie möglich von hier wegziehen in die größeren Städte, dahin, wo sie auf eine bessere Zukunft hoffen und leichter einen Job finden können. Und ich? Ich fühle mich mit Oswiecim emotional ver-bunden. Diese Stadt bedeutet mir sehr viel. Vielleicht dank des Projektes „Wohnort: Oswiecim“?

Manchmal empfinde ich das „Zentrum für Dialog und Gebet“ als mein zweites Zuhause. Ich kann mich hier mit meinen Freunden zusammensetzen, mich unterhalten, zusammen lachen und weinen. Das Wichtigste ist aber: hier lernte ich, die Menschen, egal welcher Nationalität, zu achten. Ich wurde alle meine Vorurteile gegen Ausländer und Menschen anderen Glaubens los. Die Gleichaltrigen aus dem Ausland sind so wie wir, sie haben ähnliche Träume, sie verhalten sich genauso wie wir. Außer in der Abstammung, der Nationalität und dem Glauben unterscheiden wir uns nicht voneinander.

 

Ula

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