Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

Publikation "Wohnort Oswiecim" I Texte

  • Anna Sleczka - Porträt

    Er lebte hier und wusste nicht,
    dass jemand ihm ein Gedicht widmen wird,
    weil er einer von der Million war,
    die die Arbeit „frei“ machte.

    Bevor man ihm die Hände mit Stacheldraht umschlang,
    War er bereit gewesen, die Heimat zu verteidigen.
    Aber sie kamen nachts,
    Sie umkreisten das Haus, entrissen ihn mit Gewalt
    Und stellten ihn vor das Gericht der Gesetzlosigkeit,
    Wo nur ein Urteil gefällt wurde –
    Schuldig -
    Schuldig, geboren zu sein.

    Seitdem herrschten die Barbaren
    Über sein Leben.
    Seitdem waren seine Tage
    Voll von Hunger und Schmerz.

    Er erwartete keine Bewunderung,
    Obwohl er sein Brot mit seinen Brüdern teilte.
    Er war kein Held,
    Obwohl er gute Worte teilte.

    Er verdiente keine Achtung,
    Von einer Nummer gekennzeichnet.
    Dem Übermenschen
    Sollte er seitdem gehorsam sein.

    Er erlangte keine Ehren,
    Es sei denn, als er aufgehängt wurde,
    Sah er in seinen eingefallenen Augen
    Mitleid.

    Er fand kein Erbarmen,
    Vom Schuh der Macht getreten,
    Von schwerer Arbeit niedergedrückt,
    Entfaltete er nicht seine Flügel.

    Ausgemergelt und krank
    Verschied er einsam,
    Träumend von der Wärme
    Des Familiensitzes.

    Er starb und glaubte nicht,
    Dass jemand ein Gedicht ihm widmen wird,
    Denn weder die Mutter noch der Vater
    Waren bei ihm.

    Der Würde beraubt,
    Ohne Namen,
    Geschlagen,
    Verflucht,
    Siegte er im Kampf um die Seele.

    Er lebte hier und wusste nicht,
    dass jemand ihm ein Gedicht widmen wird,
    weil er einer von der Million war,
    die die Arbeit „frei“ machte.

  • Paula Borkowska - KAMPF - DIALOG

    KAMPF

    Was vorbeigehen soll, wird vorbeigehen

    Doch – was Spuren hinterlässt – wird bleiben

    Und sie werden einander quälen

    Die Spur und die Hoffnung

    Miteinander spielen

    Der Hass und die Liebe

    Gegeneinander, so uneinig

    So verschieden und so hartnäckig

    Zwei Methoden, zwei Werte

    Zwei Gefühle ohne Gnade

    Geduldig ist die Liebe

    Standhaft ist der Hass

    Sie werden so lange gegeneinander

    Kämpfen, bis das Gute vollbracht wird

    Und die Liebe den Hass besiegt

    Ohne Duell, genau – liebend

    DIALOG

    Dialog ist eine sehr wichtige Form, andere als unsere eigenen Meinungen zu verstehen. Heute wird viel darüber gesprochen, aber gleichzeitig verschwindet der Dialog immer mehr.

    Der Dialog Warst du dort? ist ein Meinungsaustausch zweier Personen, die das ehemalige Konzentrationslager besucht haben und sich darüber unterhalten.

    A: Warst du da?

    B: Ja, ich war.

    A: Du warst?

    B: Ja.

    A: Wie lange?

    B: Nur einen Augenblick.

    A: Hast du es gesehen?

    B: Ja.

    A: Was?

    B: Das tote Leben.

    A: Tot?

    B: Es starb ... vor über 50 Jahren.

    A: Was starb?

    B: Das Leben.

    A: Ich verstehe nicht, was du da redest.

    B: Ich verstehe es auch nicht. Ich verstehe immer noch nicht, wie ein Mensch einem anderen Menschen das Leben nehmen kann. Und noch weniger verstehe ich, wie einer Millionen ermorden kann.

    A: Würdest du gerne verstehen?

    B: …nein, wohl nicht.

    A: Warum?

    B: Weil, wenn wir alles verstehen wollten, würde das „alles“ unverständlich.

    A: Schwer zu ertragen, was du sagst.

    B: Nein, diese Vergangenheit ist schwer zu ertragen.

    A: Was willst du?

    B: Leben.

    A: Leben? Ist das alles?

    B: Wirklich leben.

    A: Was bedeutet: wirklich leben?

    B: Lieben. Leben ohne Liebe ist nichts wert.

    A: Und was dann?

    B: Dann? Ich will Zukunft auf dem Fundament der Liebe bauen. Dann hört das Böse auf zu siegen...
  • Urszula Bieniek - Hier bin ich geboren, hier wohne ich…

    ... und schreibe darüber, was ich, die Einwohnerin von Oswiecim, fühle

    Ein Jahr mit dem „Zentrum für Dialog und Gebet“ in Oswiecim und die Teilnahme am Projekt „Wohnort: Oswiecim“

    Als ich zum ersten Treffen ins „Zentrum für Dialog und Gebet“ ging, wusste ich noch nicht, was dort passieren, wer dabei sein und ob ich noch einmal dorthin gehen würde. Nachdem ich mehr über das Thema des vom „Zentrum“ vorbereiteten, ganzjährigen Projektes gehört hatte, war ich mir ganz sicher, dass ich daran teilnehmen wollte.

    Heute bedaure ich keine einzige Minute, die ich damit verbracht habe, zusammen mit der Gruppe, in der ich war, das Programm zu verwirklichen. Ganz im Gegenteil – ich bin stolz darauf. Es bot Gelegenheit, sich selbst besser kennen zu lernen, außergewöhnliche Menschen zu treffen, die Wahrheit und den Dialog zu finden.

    Das vergangene Jahr stellte für mich eine Wende dar. Alles, was geschah und was ich erfuhr, die Menschen, die ich kennen lernte, veränderte mein Leben. Das lässt sich nicht einfach in einigen Worten beschreiben, das muss man selbst erleben, selbst erkunden…

    Alle Stufen des Projektes „Wohnort Oswiecim“ begleitete ich mit großer Neugier. Ich fühlte immer ein Verlangen nach Wissen. Dieses Wissen eignete ich mir Schritt für Schritt an. Ich durfte viele Fragen stellen und Diskussionen führen. Ich hatte das Gefühl, dass ich auch etwas bedeutete, dass jemand auch mir zuhörte, dass ich meine Überlegungen und persönliche Empfindungen mit jemandem teilen konnte.

    Es gibt noch etwas ganz Wichtiges, was ich im letzten Jahr lernte: einen DIALOG zu führen, einen Dialog mit dem anderen Menschen, die Bemühung, die Menschen zu sehen, wie sie sind, und nicht, wie sie von anderen bewertet werden.

    Der erste Themenblock KL Auschwitz-Birkenau – Geschichte und Symbolik beeindruckte mich am meisten. Nach allem, was ich über das ehemalige KZ Auschwitz-Birkenau gehört hatte, wollte ich noch mehr wissen. Ich fing an, Erinnerungen der ehemaligen Häftlinge zu lesen. Auf dem Treffen mit Herrn Kazimierz Smoleń, dem langjährigen Direktor des Staats-museums Auschwitz-Birkenau, einem ehemaligen Häftling, konnte ich seinen persönlichen Erzählungen zuhören. Ich konnte mir nur schwer vorstellen, was in Oswiecim in den Jahren 1941 – 1945 passiert war. Wie konnte man die Vernichtung so vieler Menschen zulassen? Wie konnte man die Menschen auf eine so bestialische Art behandeln? Das ist unglaublich, es klingt wie eine erfundene Geschichte, d.h. ich hätte gerne, dass es jemand frei erfunden hätte, dass es nie passiert wäre. Es ist aber leider geschehen. Eine Unzahl von Menschen kam ums Leben, mittellos, zuerst verunglimpft, verletzt und dann auf eine schändliche Art und Weise ermordet, ohne das Recht, sich zu verteidigen oder zu kämpfen.

    Während der nächsten Treffen, die den Themen Christentum und Judaismus gewidmet waren, entdeckte ich, wie interessant die jüdische Kultur und Tradition ist, und wie wenig ich darüber bis jetzt wusste. Nachdem ich viel über die jüdische Religion erfahren hatte, wollte ich auch die Vertreter der jüdischen Gemeinden kennen lernen. Bald ging mein Traum in Erfüllung. Auf einem der organisierten Treffen lernte ich jüdische Jugendliche aus Süd-amerika kennen. Ich konnte mit den Menschen reden, deren Kultur mich so fasziniert hatte. Ich erfuhr, wie die Juden unser Land und die Polen wahrnehmen, was sie über uns, die Einwohner von Oswiecim, denken, was das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau für sie bedeutet, was sie denken und fühlen, wenn sie sich hier aufhalten.

    Eines der wichtigsten Ereignisse in den letzten Monaten war für mich der „MARSCH DER LEBENDIGEN“, an dem unsere „Oswiecim-Gruppe“ zusammen mit Hunderten von Juden, die aus aller Welt kamen, teilnahm. Gemeinsam liefen wir vom Hauptlager nach Birkenau, um aller zu gedenken, die hier ums Leben kamen. Bis dahin hatte ich mich nicht für diese Veranstaltung interessiert, es geschah irgendwo abseits. Jetzt aber weiß ich, welch eine große symbolische Bedeutung dieser Marsch für die jüdische Gesellschaft hat. Ich verstehe jetzt die Menschen, die sich Jahr für Jahr hier, auf der Oswiecimer Erde, treffen, um für ihre Nächsten zu beten, die hier ermordet wurden. Nachdem ich mit allen diesen Leuten in Richtung Brzezinka gelaufen war, hatte ich am nächsten Tag Gelegenheit, mit den jüdischen Jugend-lichen zu sprechen. Da wurde mir bewusst, dass das Schicksal des jüdischen Volkes mir vertraut ist, dass seine tragische Geschichte an die der polnischen Nation erinnert.

    In den darauf folgenden Wochen haben wir - gemeinsam mit zu den Treffen eingeladenen deutschen Gästen - darüber nachgedacht, wie sich die Beziehungen zwischen unseren Völkern im Verlauf der vergangenen Jahre und Jahrhunderte entwickelt haben, wie diese Beziehungen heute aussehen, und inwiefern wir uns ähnlich sind oder unterscheiden, wir Polen und unsere deutschen Nachbarn.

    Ich denke, dass ich nie Vorurteile gegenüber dem deutschen Volk hatte. Die jungen Deutschen müssen sich nicht dessen schuldig fühlen, was einmal ihre Vorfahren gemacht haben. Das ist nicht ihre Schuld. In unseren Händen, in den Händen der Jugendlichen liegt die Zukunft. Wir alle sollten uns darum bemühen, dass die Geschichte sich nicht mehr wieder-holt. Während des 2. Weltkrieges kamen auch viele unschuldige Deutsche um, die versucht hatten, sich der faschistischen Ideologie zu widersetzen. Auch junge Deutsche beklagen die Tragödie, die sich in Oswiecim ereignet hat. Ihnen stehen auch oft die Tränen in den Augen, sie sind entsetzt. Viele schämen sich, dass die deutsche Nation das Geschehen in Oswiecim verursacht hat.

    Nach vielen Jahren sollten wir alle – die polnischen und die deutschen Jugendlichen – das Gute anstreben. Wir wollen keinen Krieg mehr, keine Massenmorde. Frieden, Harmonie und Toleranz sollten in der Welt herrschen.

    Während der Begegnungen im „Zentrum für Dialog und Gebet“ lernte ich viele tolle Deutsche kennen. Ich habe noch heute Kontakt zu ihnen und kann es kaum erwarten, sie wieder zu treffen. Als wir die erste Gruppe aus Deutschland treffen sollten, waren wir alle sehr aufgeregt. Die Diskussionen, die ehrlichen Gespräche und das freundliche Lächeln ließen uns aber unsere Befürchtungen bald vergessen. Und dann bauten wir zusammen Häuschen, die das symbolische „europäische Dorf“ bilden sollten. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich mich zum letzten Mal so sehr amüsiert habe. Ich habe Leute kennen gelernt, die ich nie vergessen werde, von denen ich viel meinen Freunden erzähle. In der kurzen Zeit, die ich mit den Deutschen verbrachte, lernte ich viel. Obwohl die deutsche Sprache nicht meine Stärke ist, konnte ich mich sehr gut mit meinen neuen Freunden verständigen. Es gab noch einige Treffen dieser Art, die ich nie vergessen werde.

    Als wir uns mit der Oswiecimer Geschichte beschäftigten, nahmen wir im Rahmen des Projektes an einigen interessanten Treffen teil und besichtigten die Orte, die „die Geschichte für die nächsten Generationen bewahren“. Dazu gehören das Oswiecimer Schloss und das Staatsarchiv. Ich dachte wie viele meiner Bekannten, Oswiecim schon gut zu kennen. Ich wusste aber nicht, dass es eine so komplexe Geschichte hat. Sicher weiß kaum jemand, dass seine Geschichte viel länger als z.B. die von Poznań ist. Heute kann ich sagen, dass ich über die Vergangenheit der Stadt, in der ich wohne, sehr viel weiß. So weit wie ich kann, bemühe ich mich, mein Wissen darüber an „die Gäste der Oswiecimer Erde“ weiterzugeben.

    Das ganzjährige Projekt schlossen einige Treffen ab, die dem Thema „Menschenrechte“ gewidmet waren. Sie betrafen die Volks-, Religions-, und Kulturminderheiten sowie Ausländer und Behinderte.

    Was empfinde ich nach Monaten des Projektes „Wohnort: Oswiecim“?

    Viele Menschen auf der ganzen Welt assoziieren Oswiecim nur mit dem ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau. Es stimmt, dass man diese Geschichte nicht vergessen darf und dass wir alles tun sollten, dass sie sich nie wieder ereignet.

    Ich denke jedoch, dass mein Oswiecim nicht nur mit der Vernichtung von Juden, Polen, Zigeunern und anderen Nationen in Verbindung gesetzt werden sollte. Es gibt hier auch eine Stadt, und ihre Bürger sind ganz normale Menschen – wie die Einwohner von Krakau, Kattowitz oder Warschau. Nur mit einem Unterschied – sie wohnen näher an der Stätte der schrecklichen Tragödie, die auf der Oswiecimer Erde in den Jahren 1941 – 1945 stattgefunden hat. Ich fürchte mich nicht vor diesem Ort. Im Gegenteil: der Ort ist mir besonders vertraut, weil ich sein zweites Gesicht kenne – das Gesicht der Heimatstadt mit einer jahrhundertelangen interessanten Geschichte.

    Seit meiner Geburt wohne ich in Oswiecim. In den letzten Jahren habe ich viele Informationen über meine Stadt gesammelt. Ich denke jedoch, dass es vielen meiner Mit-bürger nicht bewusst ist, wie alt und interessant die Anfänge der Burg an der Sola sind. Darum denke ich, dass das Programm vom „Zentrum für Dialog und Gebet“ eine große Gelegenheit bot, uns dies näher zu bringen. Meine persönlichen Empfindungen und Erfah-rungen, die ich in den letzten Monaten gesammelt habe, sind mir besonders wertvoll. Dank ihnen hat sich meine Weltanschauung verändert, ich nehme jetzt die Menschen, denen ich begegne, anders wahr.

    Die wöchentlichen Begegnungen mit den anfangs ganz fremden Menschen, die jetzt meine guten Freunde sind, ließen meine Augen offen werden dafür, was in Oswiecim geschehen ist und was jetzt geschieht. Es ist so, als ob ich neugeboren wäre und die Stadt mit anderen Augen sähe. Früher war es eine Stadt wie alle anderen. Jetzt sehe ich viel mehr: ich kenne ihre Geschichte, und – das ist das Wichtigste – ich freue mich, dass ich hier wohne, dass ich hier geboren und aufgewachsen bin. Manche Gleichaltrigen möchten so schnell wie möglich von hier wegziehen in die größeren Städte, dahin, wo sie auf eine bessere Zukunft hoffen und leichter einen Job finden können. Und ich? Ich fühle mich mit Oswiecim emotional ver-bunden. Diese Stadt bedeutet mir sehr viel. Vielleicht dank des Projektes „Wohnort: Oswiecim“?

    Manchmal empfinde ich das „Zentrum für Dialog und Gebet“ als mein zweites Zuhause. Ich kann mich hier mit meinen Freunden zusammensetzen, mich unterhalten, zusammen lachen und weinen. Das Wichtigste ist aber: hier lernte ich, die Menschen, egal welcher Nationalität, zu achten. Ich wurde alle meine Vorurteile gegen Ausländer und Menschen anderen Glaubens los. Die Gleichaltrigen aus dem Ausland sind so wie wir, sie haben ähnliche Träume, sie verhalten sich genauso wie wir. Außer in der Abstammung, der Nationalität und dem Glauben unterscheiden wir uns nicht voneinander.

     

    Ula

  • Malgorzata Smetek - Mein Oswiecim

    t278d

     

    Oswiecim. Ist es ein Schicksal, hier geboren zu sein? Ein Zufall? Eine Warnung? Wie ist es, an dem Ort zu wohnen, der für Tausende Menschen ein Synonym für Tod, Leid und Schmerzen und für manche die tragische Karte des eigenen Lebens ist? Hat die Tatsache, dass ich hier geboren bin, Einfluss auf die Art und Weise, mit der ich die Welt wahrnehme? Kann ich z. B. von den heutzutage in den Medien vermittelten Informationen über Menschenrechts-verletzungen gerührt werden, wenn ich an dem Ort wohne, an dem alle Menschenrechte brutal verletzt wurden und das wichtigste Recht – nämlich zu leben – Millionen Male genommen wurde? Oder reagiere ich vielleicht gerade deswegen auf diese Nachrichten empfindlich…? Hier zu wohnen heißt, sich viele Fragen zu stellen. Es ist nicht einfach, über die Heimatstadt zu sprechen.

    In Oswiecim kann man lange die Ladenregale auf der Suche nach dem Lieblingsbuch durchforsten, stundenlang die engen Gassen durchstreifen, danach sich im Stadtpark erholen und am Abend, im stillen Winkel eines Pubs, gemütlich Kaffee trinken. Natürlich kann man auch den Bus versäumen, einen Strafzettel bezahlen, sich mit einem Nachbarn streiten und sogar die Amtsbürokratie lieben lernen. Das alles stört jedoch die ruhige Atmosphäre dieses Ortes nicht. Die Farben dieser Stadt sind grau, das Grau ist jedoch durchaus positiv, jenes ruhige, würdevolle Grau, das man noch an den Rändern der gegenwärtigen rasenden Welt erfahren kann, in dem vom großstädtischen Lärm freien und von Ruhe übersättigten Städt-chen.

    Unter dieser Alltagsschicht, die etwas anzudeuten scheint, versteckt sich jedoch die schreckliche Wahrheit über Oswiecim aus den Jahren 1940 – 1945. Darin besteht die Besonderheit dieses Ortes, darin unterscheidet er sich von anderen Städten und Städtchen.

    Und doch freue ich mich, dass ich hier geboren und aufgewachsen bin. Ich denke, dass es mir eine innere Kraft gibt, mich mit der Hoffnung und dem Glauben erfüllt, dass das Böse immer durch das Gute bekämpft werden kann und nach einer Nacht, wie lange sie auch immer dauern mag, die Sonne wieder scheinen wird. Diese Überzeugung brauche ich in meinem Leben, sie hilft mir, meine Misserfolge zu ertragen, und indem ich hier wohne, festige ich sie in mir.

    Wenn ich über Auschwitz nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass der Mensch moralisch nicht weiter sinken kann, dass diese Hölle sich nie mehr wiederholen wird, weder in dieser noch in einer anderen Form. Solche Gedanken entzünden in mir kleine Flammen der Hoffnung und des Glaubens an eine bessere Zukunft. Zwar werden immer wieder Kriege angefangen und beendet, findet der Nationalsozialismus seine Anhänger, versucht Auschwitz in verschiedenen Formen wieder aufzuleben, oder – dies ist noch erschreckender – „sein wahres Gesicht abzuschwächen“, aber das ist schon eine andere Geschichte. Keine Ideologie wird jemals zu so einer gewaltigen Tragödie wie dem Zweiten Weltkrieg führen. Natürlich reicht selbst der Glaube nicht aus, die uns umgebende Wirklichkeit zu verändern, er ist aber die Quelle der Bemühungen um das Gute und den Frieden.

    Ich erinnere mich daran, dass ich im Zorn gesagt habe: Warum gibt es in meiner Stadt keine Disco, in der Jugendliche sich amüsieren können? Warum gibt es hier kein Ein-kaufszentrum, in dem Familien riesige Einkäufe machen können? Warum gibt es hier keine Betriebe, in denen die Arbeitslosen eine Arbeit finden können? Habe ich mir überlegt, welche Zukunft ich hier habe? Ich habe hier keine Perspektiven für mich gesehen. Jetzt verstehe ich, dass jede größere „Korrektur“ den besinnlichen Charakter dieser Stadt verändern würde. Ich mag Oswiecim, so wie es ist. Vielleicht wurde ich auf diese Weise dazu reif, hier zu wohnen.

    Die Gedenkstätte wird jeden Tag von vielen Menschen besichtigt. Ich hätte es gerne, dass sie hierher zurückkehren würden, um nachzudenken und zu beten, die Wahrheit zu suchen. Nicht nur die historische, sondern auch die Wahrheit über den Menschen selbst. Solch eine Rückkehr, wie auch alle Besuche hier, ist bestimmt nicht einfach, jedes Mal vielleicht sogar immer schwieriger, weil alles mit dem Lernprozess und den nachfolgenden Versuchen zu verstehen noch komplizierter wird… Wenn man schweigend bei der Ruine des Krema-toriums in Birkenau steht, sucht man verzweifelt nach Trost und Bruchstücken einer Hoff-nung. In den Gedanken kehren dann die Worte wie ein Echo zurück: „Und wenn dich jemand fragt, wo die Hölle ist, kannst du ihm gern antworten…“

    Vielleicht sollte es in der Nähe des Vernichtungslagers gar keine Stadt geben…? Nein, nein, ich vertreibe diese Gedanken. Es ist gut so, dass Menschen hier wohnen. Sie bewachen die Wahrheit, die entsetzliche, unfassbare, die so schwer annehmbare Wahrheit über Auschwitz. Die Wahrheit, die man weder verschleiern noch abschwächen noch aus dem Gedächtnis auslöschen kann. Oswiecim symbolisiert meiner Meinung nach das Leben, das den Tod besiegt hat.

    Das Andenken an die Opfer muss weiterleben, „die Vergangenheit ist doch heute, liegt nur ein bisschen zurück.“

    Deshalb gibt es hier die Koexistenz von Leben und Tod, Gegenwart und Geschichte, Freiheit und Gefangenschaft, Oswiecim und Auschwitz… Das Gute, das einmal gesiegt hat, bittet jetzt um die Versöhnung und den Frieden.

  • Elzbieta Glowacka - ... Oswiecim - was bedeutet dieses Wort?

    t276d

     

    Vor einiger Zeit hat mich ein Freund gefragt:
    „Liebst du diese Stadt?“ –
    Ich weiß nicht, ob man einen Ort lieben kann, ob man Oswiecim lieben kann!

    „Was machst du in Oswiecim?
    Warum bist du nicht in Krakau, Warszawa, Poznan?“
    ... „Warum?“

    Familienort, Wohnort
    Da bleiben? Wegfahren?
    ... vielleicht zurückkommen ... wenigstens für eine Weile?

    Manchmal lohnt es sich vielleicht doch, für längere Zeit und weit weg zu gehen, um die gleiche Realität aus einer anderen Perspektive betrachten und Bekanntschaften von Freundschaften unterscheiden zu können, um sich selbst besser kennen zu lernen.

    Die Rückkehr in die Heimat kann danach schwer sein, weil man aus einer anderen Perspektive mehr wahrnimmt. Manchmal wird es schwer, Dinge, Menschen, Situationen zu verstehen. Manchmal will man sie gar nicht verstehen.

    ... Orte, Augenblicke, Gesichter, Gedanken, Worte,    
    ... Erinnerungen, Träume, Pläne

    Im Leben zählen nur Augenblicke
    Das Leben besteht aus kürzeren und längeren Stufen.
    Jede ist wichtig, jede bringt etwas Neues mit sich.
    Die eine endet, die andere beginnt.
    Sie sind wie die Treppe.

    Das, was vorbei ist, kehrt nicht mehr zurück.
    Das, was vorbei ist, bleibt jedoch
    in Erinnerung, im Herzen.

    Das Leben ist wie eine Reihe von Augenblicken,
    Menschen, denen wir begegnen,
    verändern unser Leben.

    Augenblicke, Gesichter, Gedanken, Worte, ...
    erlebt, in Erinnerung behalten, ausgedrückt und gehört,
    verleihen dem Leben seinen Sinn,
    bereichern uns.

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