Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

Papst Johannes Paul II und Auschwitz - Teil II

Manfred Deselaers

Papst Johannes Paul II und Auschwitz - Teil II
  


Die Juden

Völlig unerwartet für viele Polen kam es plötzlich im Ausland von jüdischer Seite zu scharfen Protesten gegen das Kloster in Auschwitz.[23] In der ersten Verwunderung und im ersten Schock erschienen sie vielen als Fortsetzung des nazistischen und kommunistischen Kampfes mit dem Christentum und den polnischen Unabhängigkeitsbestrebungen.

 Auschwitz erwies sich als eine immer noch offene und immer noch tiefe Wunde, die die Identität beider Seiten sowie das Wesen der christlich-jüdischen Beziehungen berührte.

Dieser Konflikt zeigte, dass alles, was auch immer in Oświęcim im Kontext der Erinnerung an Auschwitz passiert, auf die ganze Welt und besonders auf die christlich-jüdischen Beziehungen ausstrahlt. Und genauso hat auch das, was in der Welt geschieht, Einfluss auf die Sicht der Menschen, die den Ort der Erinnerung an Auschwitz besuchen. Deshalb konnte es dem Papst nicht gleichgültig sein, was in Oświęcim passierte, obwohl das weit entfernt von Rom war. Wir wissen, dass das Schicksal der Juden dem Papst von Kindheit an nahestand und dass die Erinnerung an den Holocaust ein wichtiges Thema seines Pontifikats geblieben ist.[24]

Während des Zweiten Vatikanischen Konzils, an welchem auch Karol Wojtyła teilnahm, änderte die katholische Kirche – unter dem Einfluss der Tragödie des jüdischen Volkes während des 2. Weltkrieges – ihre Stellung zu den Juden fundamental, was in der Konzilserklärung „Nostra aetate” seinen Ausdruck fand.

Johannes Paul II. hat als Papst viel getan, um diesen Prozess christlich-jüdischer Versöhnung fortzusetzen und zu vertiefen. Ich will hier nur ein Beispiel anführen: 1986 besuchte er die römische Synagoge, wo die berühmten Worte fielen: „Ihr seid unsere bevorzugten Brüder und, so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder.” Dies betraf das religiöse Verhältnis zum jüdischen Volk. „Die Kirche Christi entdeckt ihre „Bindung” zum Judentum, indem sie sich auf ihr eigenes Geheimnis besinnt. Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas „Äußerliches”, sondern gehört in gewisser Weise zum „Inneren” unserer Religion.”[25]

Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil begann im Westen ein auf vielen Ebenen geführter christlich-jüdischer Dialog. In kommunistischer Zeit hat Polen an diesem Dialog nicht teilgenommen.

Im Kommunismus wurde von der besonderen jüdischen Dimension dieses Ortes nicht gesprochen, weder von kommunistischer noch von katholischer Seite. In Polen wusste fast niemand, dass über 90% der im KL Auschwitz-Birkenau ermordeten Personen Juden waren.[26]

Nun begann ein sehr schwieriger Dialog. 1986 fanden in Genf in der Schweiz Gespräche zwischen jüdischen und katholischen Vertretern aus verschiedenen Ländern statt, an denen auch Kardinäle teilnahmen. Zum Abschluss wurde in der gemeinsamen Erklärung „Zakhor – Remember” unterstrichen, dass „die besonderen Territorien Auschwitz und Birkenau heute als symbolische Orte der Endlösung anerkannt sind, im Namen derer die Nazis sechs Millionen Juden vernichtet haben, darunter anderthalb Millionen Kinder, nur weil sie Juden waren.” Alle wurden eingeladen zur Sammlung und „zur Betrachtung der Shoah im Schweigen ihrer Herzen. Möge uns das Gebet, das sich aus unseren stummen Lippen erhebt, heute und morgen helfen, das Recht auf Leben, auf Freiheit und auf die Würde anderer, aller Anderen, besser zu achten. Erinnern wir uns an jeden der in Auschwitz und in Birkenau Ermordeten – Juden, Polen, Sinti und Roma, russische Kriegsgefangene.”[27]

Ein Jahr später fiel die sehr schwierige Entscheidung über den Umzug der Karmelitinnen in ein neu zu errichtendes Klostergebäude, das nicht weit entfernt war, jedoch nicht mehr direkt an die Mauer des ehemaligen Lagers grenzte. Papst Johannes Paul II. schrieb einen Brief an die Schwestern, die in ihr neues Gebäude umziehen sollten: „Ist es nötig zu erklären, warum besonders an diesem Ort das Herz der Kirche so stark schlagen sollte? Wieso diese Liebe, mit der Christus die Menschen bis zum Ende geliebt hat, hier so notwendig gebraucht wird? Warum gerade hier, wo jahrelang Hass und Verachtung gegenüber den Menschen wüteten und wo sich das Werk der Zerstörung und des Todes unter den Menschen so vieler Nationen in ungeheurem Maße anhäufte? Dem Willen der Kirche zufolge müsst ihr nun an einen anderen Ort in Auschwitz übersiedeln. […] Auschwitz – und alles, was mit diesem Namen verbunden ist, wie das tragische Erbe Europas und das der Menschheit – wird stets eine Verpflichtung für den Karmel sein. Vor allem bleibt all das eine Aufgabe, was in der Erinnerung vieler Völker mit dem Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau in Verbindung steht: in der Erinnerung der Töchter und Söhne Israels, und gleichzeitig alles, was die Vergangenheit der Polen und unseres Vaterlands betrifft.[28] Der Umzug „an einen anderen Ort in demselben Oświęcim” ist keine Resignation, sondern ein Ausdruck der Mission, für die die Schwestern hierherkamen: um Zeugnis abzulegen von „dieser Liebe, mit der Christus den Menschen bis zum Ende geliebt hat”. Der Papst unterstrich, dass dies ganz besonders all das betrifft, was mit dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in der Erinnerung der Söhne und Töchter Israels und in der Erinnerung der Polen verbunden ist.  

Gleichzeitig sollte ein katholisches Zentrum für Information, Erziehung, Begegnung und Gebet entstehen.[29] Seine Aufgabe definierte Johannes Paul II. im Jahre 1988 in Mauthausen in Österreich wie folgt: „Unter den vielfältigen Initiativen, die im Geist des Konzils für den christlich-jüdischen Dialog entstehen, möchte ich auf das Zentrum für Information, Erziehung, Begegnung und Gebet hinweisen, das in Polen errichtet wird. Es ist dazu bestimmt, die Shoah sowie das Martyrium des polnischen Volkes und der anderen europäischen Völker während der Zeit des Nationalsozialismus zu erforschen und sich mit ihnen geistig auseinanderzusetzen. Es ist zu wünschen, dass es reiche Früchte hervorbringt und auch für andere Nationen als Vorbild dienen kann.”[30]

Der Streit um den Karmel in Oświęcim zeigte allen das Gewicht der jüdischen Dimension dieses Ortes. Schon während seiner ersten Pilgerreise nach Polen im Jahre 1979 war der Papst bei seinem Besuch in Auschwitz vor der auf dem Denkmal in Birkenau angebrachten Tafel mit hebräischer Inschrift stehengeblieben und hatte gesagt: „Diese Inschrift weckt das Andenken an das Volk, dessen Söhne und Töchter zur totalen Ausrottung bestimmt waren. Dieses Volk führt seinen Ursprung auf Abraham zurück, der der „Vater unseres Glaubens” ist, wie Paulus von Tarsus sich ausdrückte.[31] Gerade dieses Volk, das von Gott das Gebot empfing „Du sollst nicht töten!”, hat an sich selbst in besonderem Ausmaß Mord erfahren. An diesem Gedenkstein darf niemand gleichgültig vorbeigehen.”[32]

Der Papst tat alles in seiner Kraft stehende, damit es durch diesen Konflikt nicht zu einer Vertiefung der Antagonismen zwischen Juden und Christen kommt, sondern ein Weg zur Versöhnung gebahnt wird.

Am 14. Juni 1987 sagte er bei einer Begegnung mit Vertretern der jüdischen Gemeinde in Warschau: „Die Bedrohung für euch war auch eine Drohung gegen uns; sie wurde nicht im selben Ausmaß verwirklicht, weil die Zeit dazu nicht ausreichte. Sie waren es, die diese schrecklichen Opfer erlitten haben: man könnte sagen, dass Sie es auch erleiden mussten wegen jener, die ebenso zur Ausrottung bestimmt waren. [...] dadurch wurden Sie zu einer lauten, warnenden Stimme für die ganze Menschheit.  [...] In diesem Sinne setzen Sie Ihre besondere Berufung fort.  [...] In eurem Namen erhebt auch der Papst seine Stimme zu dieser Warnung […].”[33]

Bei seiner Mittwochsaudienz in Rom zitierte er am 26. September 1990 im Rahmen seiner Betrachtungen zum sogenannten Zyklus von Jasna Góra die Worte der Konzilserklärung „Nostra aetate” und sagte: „Es gibt noch eine Nation, ein besonderes Volk: das Volk der Patriarchen, des Moses und der Propheten, das Erbe des Glaubens Abrahams. Die Kirche hat die Worte des Apostels Paulus über dessen Nachkommen im Auge: „Damit haben sie die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bundesordnungen, ihnen ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen, sie haben die Väter und dem Fleisch nach entstammt ihnen der Christus” (Röm 9, 4-5). Christus und die Apostel. Und auch Du selbst, jungfräuliche Mutter, du Tochter Zion.  Dieses Volk lebte mit uns über Generationen hinweg, Seite an Seite, auf derselben Erde, die gleichsam zur neuen Heimat in der Zerstreuung wurde. Diesem Volk wurde ein schrecklicher Tod in Millionen Söhnen und Töchtern bereitet. Zuerst brandmarkte man sie mit einem besonderen Zeichen. Dann drängte man sie in Ghettos in gesonderten Stadtteilen ab. Dann wurden sie in Gaskammern verschleppt, um sie zu töten – nur deshalb, weil sie Kinder dieses Volkes waren. Die Mörder taten das auf unserer Erde – vielleicht, um sie zu schänden. Aber man kann die Erde nicht durch den Tod unschuldiger Opfer schänden. Durch so einen Tod wird die Erde zur heiligen Reliquie. Das jüdische Volk, das über Generationen hinweg mit uns zusammenlebte, ist nach dem schrecklichen Tod von Millionen Söhnen und Töchtern bei uns geblieben. Gemeinsam erwarten wir den Tag des Gerichts und der Auferstehung.[34]

In all diesen Texten wurde die Brüderschaft zwischen den beiden Nationen und Religionen betont und zu voller gegenseitiger Achtung und Sensibilität für die Leiden der anderen aufgerufen. Ein Ausdruck dafür ist auch das Gebet Johannes Pauls II. für das jüdische Volk auf dem Umschlagplatz in Warschau am 11. Juni 1999:

[…] Erhöre unsere Gebete, die wir vor dich bringen für das jüdische Volk, das dir um seiner Vorfahren willen weiterhin teuer ist. [...] Steh ihm bei, damit es Achtung und Liebe von denen erfährt, die noch nicht das Ausmaß seiner Leiden verstehen, und von denen, die solidarisch, im Bewusstsein gegenseitiger Sorge, den Schmerz und die Wunden des jüdischen Volkes mitfühlen. Gedenke der nächsten Generation, der Jugendlichen und der Kinder, auf dass sie stets treu an dich glauben und an das, was das besondere Geheimnis ihrer Berufung ausmacht [...].[35]

Edith Stein

Teil dieses Prozesses, der auch eine Frage nach der katholischen Identität angesichts von Auschwitz war, ist Edith Stein, Schwester Benedicta vom Kreuz, die von Johannes Paul II. 1987 selig- und 1998 heiliggesprochen und schließlich 1999 zur Mitpatronin Europas erklärt wurde. Diese einer deutschen jüdischen Familie entstammende hervorragende Philosophin, die auch sozial engagiert war, sich dann taufen ließ und später in den Karmel eintrat, wurde während des Holocaust wegen ihrer Herkunft in Auschwitz ermordet.

Was bedeutet es, dass Edith Stein zur Mitpatronin Europas erklärt wurde? Wenn die Katholiken nach ihrer Rolle in Europa fragen, dann sollen sie sich an ihre Patrone um Orientierung wenden. Somit sollen sie auch Edith Stein fragen, die sie an Auschwitz erinnert.

Bereits während der Heiligsprechung sagte der Papst: „Wenn wir fortan Jahr für Jahr das Gedächtnis der neuen Heiligen feiern, müssen wir uns auch an die Shoah erinnern, an den grausamen Plan, ein Volk zu vernichten – einen Plan, dem Millionen jüdischer Schwestern und Brüder zum Opfer fielen. Der Herr lasse über sie sein Angesicht leuchten und schenke ihnen seinen Frieden.[36]

Es handelt sich also nicht um eine Christianisierung des Gedenkens an Auschwitz ohne Achtung vor den ungetauften Juden, wie oft  geargwöhnt wurde. Sondern es geht um Wertschätzung für die jüdischen Opfer aus der Perspektive des christlichen Glaubens, der Hoffnung und der Liebe.

1933 trat Edith Stein in den Kölner Karmel ein, wo sie den Ordensnamen Teresia Benedicta vom Kreuz erhielt. 1938 schrieb sie in einem Brief: „Ich muss Ihnen sagen, dass ich meinen Ordensnamen schon als Postulantin mit ins Haus brachte [1933]. Ich erhielt ihn genauso, wie ich ihn erbat. Unter dem Kreuz verstand ich das Schicksal des Volkes Gottes, das sich damals anzukündigen begann. Ich dachte, die es verstünden, müssten es im Namen aller auf sich nehmen. Gewiss weiß ich heute [1938] mehr davon, was es heißt, dem Herrn im Zeichen des Kreuzes vermählt zu sein. Begreifen wird man freilich niemals, weil es ein Geheimnis ist.[37]

Als der Papst Edith Stein im Jahre 1999 zur Mitpatronin Europas erklärte, schrieb er:Ihr Schrei verschmilzt mit dem aller Opfer jener schrecklichen Tragödie. Vorher hat er sich jedoch mit dem Schrei Christi vereint, der dem menschlichen Leiden eine geheimnisvolle, ewige Fruchtbarkeit verspricht. Das Bild ihrer Heiligkeit bleibt für immer mit dem Drama ihres gewaltsamen Todes verbunden, an der Seite der vielen, die ihn zusammen mit ihr erlitten haben. Dieses Bild bleibt als Verkündigung des Evangeliums vom Kreuz . […] Wenn heute Edith Stein zur Mitpatronin Europas erklärt wird, soll damit auf dem Horizont des alten Kontinents ein Banner gegenseitiger Achtung, Toleranz und Gastfreundschaft aufgezogen werden, das Männer und Frauen einlädt, sich über die ethnischen, kulturellen und religiösen Unterschiede hinaus zu verstehen und anzunehmen, um eine wahrhaft geschwisterliche Gemeinschaft zu bilden.”[38]

Die Gewissensprüfung

Aber es ging nicht nur um Geschwisterlichkeit im gemeinsamen Schicksal und um gegenseitige Achtung. Im schwierigen christlich-jüdischen Dialog kehrte ständig das Thema der Schuld der Christen wieder, deren Wurzeln in der christlichen antijüdischen Tradition liegen, die dadurch zumindest mittelbar mitverantwortlich ist für die Tragödie, die zur Judenvernichtung führte.  

Im Jahre 1995 entstand anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung des Lagers Auschwitz der Plan, bei dieser Gelegenheit ein gemeinsames Pastoralschreiben der deutschen und der polnischen Bischofskonferenz zu veröffentlichen, aber daraus wurde nichts. Es entstanden zwei Briefe, da man nicht den Eindruck erwecken wollte, dass die Deutschen und die Polen Auschwitz gegenüber in einer ähnlichen Rolle auftreten, um die Juden um Vergebung zu bitten. Und dies zu Recht, denn die Polen waren ebenfalls Opfer und nicht die Täter von Auschwitz.

Aber ohne Gewissenserforschung kann auf die Herausforderung von Auschwitz nicht adäquat reagiert werden. Schon 1979 sagte der Papst in Birkenau: „Auschwitz ist eine Abrechnung mit dem Gewissen der Menschheit.”[39] Im Jahre 1989 schrieb er anlässlich des 50. Jahrestages des Ausbruchs des 2. Weltkriegs: „Wir haben uns soeben an einen der mörderischsten Kriege der Geschichte erinnert, der auf einem Kontinent mit christlicher Tradition entstanden ist. Eine solche Feststellung muss uns zu einer Gewissensprüfung über die Qualität der Evangelisierung Europas anspornen.”[40]

1994 rief der Papst in seinem Apostolischen Schreiben „Tertio Millennio Adveniente” die Kirche zur Gewissensprüfung, zur Buße und zur Umkehr auf: „Zu Recht nimmt sich daher die Kirche, während sich das zweite christliche Jahrtausend seinem Ende zuneigt, mit stärkerer Bewusstheit der Schuld ihrer Söhne und Töchter an, eingedenk aller jener Vorkommnisse im Laufe der Geschichte, wo diese sich vom Geist Christi und seines Evangeliums dadurch entfernt haben, dass sie der Welt statt eines an den Werten des Glaubens inspirierten Lebenszeugnisses den Anblick von Denk- und Handlungsweisen boten, die geradezu Formen eines Gegenzeugnisses und Skandals darstellten.”[41]

Im Jahre 1998 veröffentlichte der Vatikan das Dokument „Wir erinnern: Eine Reflexion über die Shoah”, für das Johannes Paul II. diese einführenden Worte schrieb:

Bei zahlreichen Gelegenheiten während meines Pontifikats habe ich mit einem Empfinden tiefer Trauer an die Leiden des jüdischen Volkes während des Zweiten Weltkrieges erinnert: Das Verbrechen, das als die Shoa bekannt wurde, bleibt ein untilgbarer Schandfleck in der Geschichte des nun zu Ende gehenden Jahrhunderts. Da wir uns auf den Beginn des dritten Jahrtausends der Christenheit vorbereiten, ist die Kirche sich bewusst, dass die Freude eines Jubeljahrs vor allem die Freude ist, die auf der Vergebung der Sünden und der Versöhnung mit Gott und mit dem Nächsten gründet. Deshalb ermutigt sie ihre Söhne und Töchter, ihre Herzen durch Reue über die Irrtümer und Treulosigkeiten der Vergangenheit zu läutern. Sie ruft sie dazu auf, in Demut vor den Herrn zu treten und sich selbst im Blick auf die Verantwortung zu prüfen, welche auch sie für die Übel unserer Zeit haben.”[42]

Im Jubiläumsjahr 2000 fand in der Fastenzeit eine wichtige Bußliturgie im Petersdom statt. Papst Johannes Paul II. betete damals unter anderem mit den Worten, die er später während seiner Pilgerreise ins Heilige Land auf einen Zettel schrieb und in einer Spalte der Westmauer des ehemaligen Tempels in Jerusalem hinterlegte:

Gott unserer Väter, du hast Abraham und seine Nachkommen auserwählt, deinen Namen zu den Völkern zu tragen. Wir sind zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden ließen. Wir bitten um Verzeihung und wollen uns dafür einsetzen,

dass echte Geschwisterlichkeit herrsche mit dem Volk des Bundes.”

Und in Yad Vashem, dem Ort des Gedenkens an die Shoa in Jerusalem, sagte er:

Als Bischof von Rom und Nachfolger des Apostels Petrus versichere ich dem jüdischen Volk, dass die katholische Kirche – vom Gebot des Evangeliums zur Wahrheit und Liebe und nicht von politischen Überlegungen motiviert – zutiefst betrübt ist über den Hass, die Taten von Verfolgungen und die antisemitischen Ausschreitungen von Christen gegen die Juden, zu welcher Zeit und an welchem Ort auch immer. Die Kirche verwirft jede Form von Rassismus als ein Leugnen des Abbildes des Schöpfers, das jedem Menschenwesen innewohnt. An diesem Ort des feierlichen Erinnerns bete ich inständig dafür, dass unsere Trauer um die Tragödie, die das jüdische Volk im zwanzigsten Jahrhundert erlitten hat, zu einer neuen Beziehung zwischen Christen und Juden führen möge. Lasst uns eine neue Zukunft aufbauen, in der es keine anti-jüdischen Gefühle seitens der Christen und keine anti-christlichen Empfindungen seitens der Juden mehr geben wird, sondern vielmehr die gegenseitige Achtung, wie sie jenen zukommt, die den einen Schöpfer und Herrn anbeten und auf Abraham als unseren gemeinsamen Vater im Glauben schauen.”[43]

Die Göttliche Barmherzigkeit

Die Vorsehung wollte es, dass auf Initiative der hl. Schwester Faustyna aus Łagiewniki bei Krakau, unweit von Oświęcim, die Botschaft von der Göttlichen Barmherzigkeit auf die ganze Welt auszustrahlen begann. Die Göttliche Barmherzigkeit ist auch eine Antwort auf Auschwitz.

Im Jahre 2002 weihte Papst Johannes Paul II. während seiner letzten Pilgerreise nach Polen hier die neue Basilika der Göttlichen Barmherzigkeit und stellte die ganze Welt unter den Schutz der Göttlichen Barmherzigkeit. In seiner Homilie sagte er:

„So wollen auch wir bekennen, dass es für den Menschen keine andere Quelle der Hoffnung als das Erbarmen Gottes geben kann. [...] Einerseits ermöglicht uns der Heilige Geist, durch das Kreuz Christi die Sünde, jede Sünde, in der ganzen Dimension des in ihr enthaltenen und verborgenen Bösen zu erkennen. Andererseits ermöglicht uns der Geist, wiederum durch das Kreuz Christi, die Sünde im Licht des „mysterium pietatis” zu sehen, d.h. im Licht der erbarmenden und nachsichtigen Liebe Gottes. [...] Wie dringend braucht die heutige Welt das Erbarmen Gottes! Aus der Tiefe des menschlichen Leids erhebt sich auf allen Erdteilen der Ruf nach Erbarmen. Wo Hass und Rachsucht vorherrschen, wo Krieg das Leid und den Tod unschuldiger Menschen verursacht, überall dort ist die Gnade des Erbarmens notwendig, um den Geist und das Herz der Menschen zu versöhnen und Frieden herbeizuführen. [...] Dieses Feuer des Erbarmens müssen wir an die Welt weitergeben. Im Erbarmen Gottes wird die Welt Frieden und der Mensch Glückseligkeit finden! [...]Seid Zeugen der Barmherzigkeit![44]

Nach der Heiligen Messe fügte er noch diese bewegenden Worte hinzu: „Zum Abschluss dieses festlichen Gottesdienstes möchte ich anmerken, dass viele meiner persönlichen Erinnerungen mit diesem Ort in Verbindung stehen. Ich kam vor allem während der Besatzung durch die Nationalsozialisten hierher, als ich in der nahegelegenen Solvay-Fabrik arbeitete. Noch heute erinnere ich mich an den Weg [...], den ich jeden Tag mit Holzschuhen an den Füßen zurücklegen musste, wenn ich zur Schichtarbeit ging. Wer hätte geglaubt, dass dieser Mann mit den Holzpantoffeln eines Tages eine Basilika von der Göttlichen Barmherzigkeit in Łagiewniki bei Krakau einweihen wird.”[45]

Schluss

Die Erinnerung an Auschwitz ist eine schmerzende Wunde, und sie wird es noch für viele Jahre bleiben. Damit diese Wunde nicht unseren Glauben an die Menschen und an Gott vernichtet, mussten Wege des Vertrauens, der Versöhnung und der gemeinsamen Verantwortung für die Zukunft gefunden werden. Das ist gelungen. Es war ein schwieriger Weg. Aber die Kraft des Glaubens an die Würde jedes Menschens, das Vertrauen in Gottes Bundestreue und Gottes Barmherzigkeit sowie der Mut, Böses mit Gutem zu überwinden haben die schwierigen Pfade geebnet. Der außergewöhnliche Beitrag des heiligen Papstes Johannes Paul II spielte dabei eine Schlüsselrolle.




[23] Vgl. Piotr Forecki, Od Shoah do strachu. Spory o polsko-żydowską przeszłość i pamięć w debatach publicznych [Von der Shoa zur Angst. Die Streitigkeiten über die polnisch-jüdische Vergangenheit und Erinnerung in öffentlichen Debatten], Wydawnictwo Poznańskie, Poznań 2010, S. 186.

[24] Vgl. Wojciech Szukalski, Die universale Botschaft der Schoah in der Lehre von Papst Johannes Paul II.; in: Dialog an der Schwelle von  Auschwitz, Bd. 2, Perspektiven einer Theologie nach Auschwitz. Kraków-Oświęcim 2011, S. 165-229.

[25] Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Nostra aetate, Nr. 4 (polnischer Text: Sobór Watykański II. Konstytucje, Dekrety, Deklaracje, Nostra aetate, Wydawnictwo Pallottinum, Poznań, S. 336).

[26] In Auschwitz-Birkenau wurden ungefähr eine Million Juden, 75.000 Polen, 21.000 Sinti und Roma, 15.000 sowjetische Kriegsgefangenen und andere ermordet. Mehr zum Thema der Opfer findet sich in http://en.auschwitz.org/h/ sowie in M. Kucia, Auschwitz jako fakt społeczny [Auschwitz als gesellschaftliche Tatsache], Universitas, Kraków 2005, S. 199.

[27] Auschwitz. Konflikty i dialog [Auschwitz – Konflikte und Dialog], hg. von Marek Głownia und Stefan Wilkanowicz, Krakowska Fundacja Centrum Informacji, Spotkań, Dialogu, Wychowania i Modlitwy, sowie Wydawnictwo św. Stanisława, Kraków 1988, S. 177.

[28] Johannes Paul II., Brief an die Karmelitinnen in Auschwitz (der Brief ist auf den 9. April 1993 datiert), polnischer Text: http://www.cdim.pl/de/edukacja/zasoby-edukacyjne/teksty/52-oficjalne-teksty-kocioa-katolickiego/87-1993-04-09-jan-pawe-ii--list-do-karmelitanek-w-owicimiu  [abgerufen am 08.07.2014].

[29] Heute „Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim”, siehe www.cdim.pl.

[30] Aus der Ansprache Johannes Pauls II. in Mauthausen in Österreich am 24.06.1988; in: „Auschwitz. Konflikty i dialog”, S. 182.

[31] Vgl. Röm 4, 12.

[32] Predigt von Papst Johannes Paul II am 7. Juni 1979 in Auschwitz-Birkenau .

[33] Żydzi i judaizm w dokumentach Kościoła i nauczaniu Jana Paweł II (1965-1989), zusammengetragen und bearbeitet von Waldemar Chrostowski und Ryszard Rubinkiewicz SDB, Akademia Teologii Katolickiej, Warszawa 1990, S. 198.

[34]   ZNAK 490, Kraków 1996, S. 61.

[35] Romuald Jakub Weksler-Waszkinel, Zgłębiając tajemnicę Kościoła [Das Geheimnis der Kirche ergründen], Wydawnictwo WAM, Kraków 2003, S. 35.

[36] Predigt bei der Messe aus Anlaß der Heiligsprechung von Edith Stein am 11. Oktober 1998, polnischer Text: http://www.opoka.org.pl/biblioteka/W/WP/jan_pawel_ii/homilie/msza_kanon_11101998.html  [abgerufen am 10.07.2014].

[37] Brief (580) vom 9.12.1938. In: Edith Stein, Selbstbildnis in Briefen II, ESGA 3. Freiburg 2006,  S. 323f.

[38] Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben als „Motu Proprio“ erlassen zur Ausrufung der hl. Brigitta von Schweden, der hl. Katharina von Siena und der hl. Teresia Benedicta a Cruce zu Mitpatroninnen Europas, Rom, 1. Oktober 1999, polnischer Text:  http://www.opoka.org.pl/biblioteka/W/WP/jan_pawel_ii/motu/patronki_europy.html  [abgerufen am 10.07.2014].

[39] Predigt von Papst Johannes Paul II am 7. Juni 1979 in Auschwitz-Birkenau.

[40] Apostolisches Schreiben von Papst Johannes Paul II. zum 50. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges, Rom, 27. August 1989, Nr. 12; polnischer Text: http://chomikuj.pl/NNnetka/religia/Jan+Pawe*c5*82+II-+adhortacje*2c+listy/LIST+50+rocznica+II+wojny,33507165.doc [abgerufen am 08.07.2014]

[41] Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Tertio Millennio Adveniente.

 http://www.vatican.va/holy_father//john_paul_ii/apost_letters/documents/hf_jp-ii_apl_10111994_tertio-millennio-adveniente_ge.html [abgerufen am 10.02.2015]

[42] Weksler-Waszkinel, Romuald Jakub, Zgłębiając tajemnicę Kościoła, S. 346.

[43] Johannes Paul II., Ansprache während des Besuches in Yad Vashem am 23. März 2000;

http://www.vatican.va/holy_father//john_paul_ii/travels/documents/hf_jp-ii_spe_20000323_yad-vashem-mausoleum_ge.html [abgerufen am 10.02.2015]

[44] Johannes Paul II. Predigt in Łagiewniki am 17. August 2002, polnischer Text:  http://www.vatican.va/holy_father/john_paul_ii/homilies/2002/documents/hf_jp-ii_hom_20020817_shrine-divine-mercy_pl.html oder http://www.nauczaniejp2.pl/dokumenty/wyswietl/id/467 [abgerufen am 08.07.2014].

[45] Johannes Paul II. Predigt in Łagiewniki am 17. August 2002, Ergänzung; polnischer Text: http://www.milosierdzie.pl/lagiewniki/index.php/pl/kult-bozego-milosierdzia/bl-jan-pawel-ii/pielgrzymka-w-2002-roku.html [abgerufen am 10.07.2014].

Kontakt


Krakowska Fundacja
Centrum Dialogu i Modlitwy
w Oświęcimiu
ul. M. Kolbego 1, 32-602 Oświęcim

tel.: +48 (33) 843 10 00
tel.: +48 (33) 843 08 88
fax: +48 (33) 843 10 01

Pädagogische Abteilung: education@cdim.pl
Rezeption: reception@cdim.pl

GPS: 50.022956°N, 19.19906°E

Facebook

Umsetzung: Wdesk
2017 © Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim Polityka cookies
schließen
Ten serwis, podobnie jak większość stron internetowych wykorzystuje pliki cookies. Dowiedz się więcej o celu ich używania i zmianie ustawień cookie w przeglądarce. Korzystając ze strony wyrażasz zgodę na używanie cookie, zgodnie z aktualnymi ustawieniami przeglądarki. | Polityka cookies