Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

Papst Johannes Paul II und Auschwitz

Manfred Deselaers

Papst Johannes Paul II und Auschwitz [1]
 


Einführung

Als Papst Johannes Paul II. im Jahre 1979 Oświęcim (Auschwitz) besuchte, bezeichnete er sich als Sohn dieser Erde, als Papst, „der in diesem Land geboren und erzogen wurde, der Papst, der auf den Sitz des hl. Petrus aus jener Diözese kam, in deren Gebiet das Lager Auschwitz liegt, [der] seine erste Enzyklika mit den Worten „Redemptor hominis” begonnen hat – und dass er sie insgesamt der Sache des Menschen widmete, der Würde des Menschen, seinen Gefährdungen, schließlich seinen Rechten... Man weiß, dass ich oft hier war – wie oft! ... Ich konnte als Papst den Besuch hier nicht auslassen.[2]

In diesem Artikel bemühe ich mich zu zeigen, wie wichtig für Johannes Paul II. die Erinnerung an Auschwitz war und all das, was sich mit dieser Erinnerung verbindet. Wenn ich seine Texte zitiere, dann möchte ich die Stimme dieses heiligen Hirten so getreu wie möglich wiedergeben. Ich habe Äußerungen ausgewählt, die die zentralen Themen, die Entwicklung und die Vielseitigkeit seiner Reflexion aufzeigen.

Karol Wojtyła verbrachte seine Kindheit und Jugend (1920-1938) in der Stadt Wadowice, nur 35 km von Oświęcim entfernt. Dort lebten auch Juden, mit denen er befreundet war. Sein Vater war Offizier und hatte im 1. Weltkrieg für die polnische Unabhängigkeit gekämpft.

Die schrecklichen Erfahrungen des 2. Weltkrieges veränderten sein Leben.  Noch während des Krieges beschloss er, Priester zu werden, und trat 1942 in ein geheimes Priesterseminar in Krakau ein. Nach dem Krieg schloss er 1948 in Rom seine Doktorarbeit ab mit dem Titel „Das Problem des Glaubens beim hl. Johannes vom Kreuz” – eines Glaubens, der durch die „dunkle Nacht” hindurchgeht.

Seit 1958 besuchte er als Bischof der Erzdiözese Krakau oft Pfarreien in Oświęcim. In seinen Predigten unterstrich er nachdrücklich die Notwendigkeit des Gebets für die Toten, auch im Namen derer, die nicht an diesen Ort kommen können.

Auf der Suche nach Zeichen der Hoffnung angesichts dieser Tragödie, die sich hinter dem Wort „Auschwitz” verbirgt, bereitete er die Seligsprechung von Pater Maximilian Kolbe im Jahre 1971 vor. Dies bot Anlass zu tiefen Reflexionen über den Menschen und seine Berufung. Die Verehrung von Pater Maximilian Kolbe wurde auch zu einer Brücke zum deutschen Volk.

Während seiner ersten Pilgerreise nach Polen als Papst im Jahre 1979 besuchte er Auschwitz: „Ich konnte als Papst den Besuch hier nicht auslassen!

Er betonte, dass auf dem Weg zu einer Welt, in welcher die Würde und die Rechte des Menschen und der Völker geachtet werden, gekämpft werden muss, aber so wie Kolbe es getan hat, gewaltfrei: kraft des Glaubens muss das Böse mit dem Guten besiegt werden. In den achtziger Jahren wurde dies in Polen auch im Zusammenhang mit der kommunistischen Unterdrückung verstanden. 

Als der atheistische Kommunismus schwächer wurde, entstand an der Schwelle des ehemaligen Lagers Auschwitz in Oświęcim ein Kloster der Karmelschwestern. Dies führte auf jüdischer Seite zu starken Protesten. Seit dieser Zeit verwies der Papst immer öfter auf die jüdischen Leiden während des 2. Weltkrieges sowie auf die lange gemeinsame christlich-jüdische Geschichte in den polnischen Gebieten. Er verurteilte den Antisemitismus. Im Geiste des Zweiten Vatikanischen Konzils hob er bei vielen Gelegenheiten die Würde des jüdischen Volkes und ihre Bedeutung für die Christen hervor.

Edith Stein, Teresia Benedicta vom Kreuz, wurde für ihn zu einem Symbol, welches die Solidarität mit der Tragödie der Juden in Auschwitz-Birkenau mit einem tiefen Bekenntnis des christlichen Glaubens verbindet. Im Jahre 1999 erklärte er sie zur Mitpatronin Europas.

Die nächste Etappe war eine große Gewissenserforschung der Kirche über ihr Verhältnis zu den Juden. Es wurde Reue bekundet über die Sünden und es gab das Versprechen dauerhafter brüderlicher Freundschaft mit dem Volk des Bundes. So wollte der Papst im Jahre 2000 „die Schwelle der Hoffnung überschreiten”.[3]

Gegen Ende seines Lebens vertraute er im Jahre 2002 die ganze Welt der Göttlichen Barmherzigkeit an, weil er davon überzeugt war, dass nur die Göttliche Barmherzigkeit die Wunden der Welt heilen kann. 

Wir übertreiben nicht, wenn wir sagen, dass die gesamte Seelsorge von Karol Wojtyła von der Erinnerung an die Tragödie des 2. Weltkrieges durchdrungen und bemüht war, eine Antwort darauf zu sein. Johannes Paul II. war in der Tiefe seines Wesens ein Papst nach Auschwitz.

Die Wurzeln

In seinem Buch „Gabe und Geheimnis” schreibt Johannes Paul II. über seine Berufung zum Priestertum:

Infolge des Krieges wurde ich vom Studium und vom Universitätsmilieu getrennt. In diese Zeit verlor ich meinen Vater, den letzten Menschen aus meiner nächsten Familie. [...] Gleichzeitig wurde mir in meinem Bewusstsein immer öfter klar: Gott will, dass ich Priester werde. [...] All dies geschah auf dem Hintergrund schrecklicher Ereignisse, die sich um mich herum in Krakau, in Polen, in Europa und in der Welt abspielten. [...] Insbesondere denke ich dabei an meine Kameraden aus der Abiturklasse im Gymnasium von Wadowice, mit denen ich mich in meinem Herzen verbunden fühlte, auch an diejenigen jüdischer Herkunft. [...] In diesem großen und schrecklichen Theater des zweiten Weltkrieges blieb mir vieles erspart. Schließlich hätte ich jeden Tag von der Straße, aus dem Steinbruch oder aus der Fabrik weggeholt und ins Lager gebracht werden können. Manchmal fragte ich mich sogar: Soviele meiner Altersgefährten sind umgekommen, warum nicht ich? Heute weiß ich, dass das kein Zufall war. [...] In diesem Zusammenhang enthüllt sich mir noch ein anderer, besonders wichtiger Aspekt der Geschichte meiner Berufung. Die Jahre des zweiten Weltkrieges und der deutschen Okkupation im Westen sowie der sowjetischen Okkupation im Osten Polens zogen eine riesige Menge von Verhaftungen und Deportationen polnischer Priester in die Konzentrationslager nach sich. [...] Alles, was ich hier zum Thema der Konzentrationslager gesagt habe, ist selbstverständlich nur ein Teil dieser dramatischen Apokalypse unseres Jahrhunderts. Ich sage das deshalb, um zu unterstreichen, dass mein Priestertum gerade in dieser ersten Zeit in das riesige Opfer von Menschen meiner Generation, von Männern und Frauen, eingeschrieben war. Die Vorsehung hat mir die schwersten Erfahrungen erspart, aber gerade deshalb habe ich ein um so stärkeres Gefühl der Schuld gegenüber so vielen mir bekannter Menschen und auch gegenüber all den noch zahlreicheren Namenlosen, ohne Unterschied der Nationalität und der Sprache, die mit ihrem Opfer auf dem großen Altar der Geschichte auf irgendeine Weise zu meiner Priesterberufung beigetragen haben. In gewissem Sinne brachten sie mich auf diesen Weg und zeigten mir im Lichte ihres Opfers die Wahrheit – die tiefste und wesentlichste Wahrheit des Priestertums Christi.”[4]

Das Gebet

Seit dem 4. Juli 1958, als Karol Wojtyła zum Krakauer Weihbischof ernannt wurde, bis zu seiner Wahl zum Papst am 16. Oktober 1978 stand das Gebiet von Oświęcim unter seiner seelsorglichen Verantwortung. Wie sah er damals die Herausforderung dieses Ortes?

Kardinal Wojtyła war überzeugt, dass das erste, was wir tun müssen, das Gebet für die Toten ist. An Allerseelen 1970 sagte er in Oświęcim:

Eine riesige Menschenmenge wäre es an diesem Ort, wenn alle die Gräber ihrer Nächsten besuchen, Kerzen anzünden, Kränze niederlegen und in den Gebetschor einstimmen wollten. Welch riesige Schar müsste das sein! Eine vielsprachige Menge, so vielsprachig wie die Inschriften auf dem Denkmal bei den Krematorien in Birkenau. […] Wir sind hier, liebe Brüder und Schwestern, Repräsentanten dieser Schar, die an diesen Ort kommen sollte – einer vielsprachigen Menschenmenge.”[5]

Dieser Ort verpflichtet somit diejenigen, denen es vom Schicksal gegeben war, hier zu wohnen, zur Fürbitte, zum Gebet für die Toten. Um so mehr verpflichtet er uns als Christen:

All das fügen wir in das Opfer Jesu Christi mit ein. [...] Wir, die auf Erden lebende Kirche – wir, die Nachkommen jener Toten und Gemarterten – fügen diesem Opfer Christi unsere Mittlerschaft hinzu, unsere Fürbitte, unser demütigstes Gebet; damit Der, der auf Golgota sein Leben für die gesamte Menschheit hingab, auch für die Opfer dieses Golgota unserer Zeit ihr Heiland und ihr Lohn sei. Damit er sie alle annehme: in diesen vieltausendfachen und Millionen zählenden Scharen, in diesen apokalyptischen Dimensionen; damit er sie alle annehme. [...] Das ist, meine Lieben, [...] der Inhalt unseres gemeinsamen Gebets, der Inhalt unseres Glaubens, der Inhalt dessen, was wir hier zum Ausdruck bringen wollen: für uns und für unser ganzes Volk und für die gesamte Menschheit.”[6]

In diesem Geiste sagte er auch 1979 als Papst: „So komme ich also und beuge meine Knie auf diesem Golgota unserer Zeit, vor diesen Gräbern, die großenteils keine Namen tragen, wie ein gigantisches Grab des Unbekannten Soldaten.[7]

Maximilian Maria Kolbe und die Würde des Menschen

In dieser Zeit, zu Beginn der siebziger Jahre, begannen die Vorbereitungen zur Seligsprechung von Pater Maximilian Kolbe. Damals, ein Jahr vor diesem Ereignis, sagte Kardinal Wojtyła:

Das wäre ein großes Zeichen des Himmels: als ob der himmlische Vater selbst mit dem Finger auf dieses zeitgenössische Golgota der Menschheitsfamilie verweisen würde... Und sagte, dass von diesem Kreuz das Heil kommt.”[8]

Später äußerte der damalige Krakauer Kardinal 1972 anlässlich des Jahrestages der Seligsprechung bei der Dankmesse in Oświęcim die folgenden Worte:

Wir wollen Christus dem Herrn dafür danken, dass er uns diesen […] Heiligen gegeben hat, der die schrecklichsten Lasten unserer Epoche trug, die ganze Demütigung der zeitgenössischen Menschheit, die ganze Niederlage seines Volkes. Diese Erfahrung konnte ihn nicht brechen, denn die Kraft des Geistes, die Stärke des Glaubens und die Macht der Liebe erlaubten ihm, einen Sieg zu erringen – nicht nur für sich, sondern auch für uns. Damit wir uns nicht besiegt fühlten, wir Polen und wir Priester; nicht nur für uns – für die gesamte Menschheit, damit sie sich nicht von ihrer eigenen Grausamkeit besiegt fühlt, von diesem schrecklichen Todeslager![9]

Dieses Zeichen leuchtet: am 20. Oktober 1971, zwei Tage nach der Seligsprechung, sagte Kardinal Wojtyła über Radio Vatikan:

Die Seligsprechung von Pater Maximilian Kolbe hat die Augen der Kirche und der Welt erneut auf Auschwitz gerichtet. Im Bewusstsein aller Menschen unserer Zeit wurde er zuerst zu einem Symbol des Menschen von Menschen zugefügten Leids, wird dann aber auch zu einem Symbol der Liebe, die mächtiger ist als der Hass. Sogar das den Menschen zugefügte Leid wird durch sie zu einer schöpferischen Kraft, die uns hilft, das Menschsein tiefer zu entdecken. Eben diese Bedeutung hat der selige Maximilian Maria Kolbe dem Begriff «Auschwitz» verliehen.”[10]

Diese fundamentale Perspektive für Auschwitz blieb auch dem späteren Papst erhalten. Während seines Besuches in Oświęcim auf der ersten Pilgerreise in sein Heimatland im Jahre 1979 sagte er:

An diesem Ort schrecklicher Qual, die vier Millionen Menschen verschiedener Nationen den Tod brachte, hat Pater Maximilian einen geistigen Sieg errungen, der dem Sieg Christi ähnlich ist, indem er freiwillig den Tod im Hungerbunker auf sich nahm – für einen Bruder.  [...] Doch war er – Maximilian Kolbe – der einzige, der einen Sieg errang, den seine Mitgefangenen sofort spürten und den bis heute Kirche und Welt empfinden?  [...] Ich möchte mich mit dem Gefühl tiefster Verehrung jedem dieser Siege zuwenden, jeder Erscheinung von Menschlichkeit, die ein Widerspruch zu dem System war, das systematisch der Menschlichkeit widersprach. An diesem Ort, wo die Würde des Menschen auf so schreckliche Weise mit Füßen getreten wurde – dem Sieg des Menschen durch Glaube und Liebe![11]

Aus Anlass der Heiligsprechung sagte Papst Johannes Paul II. im Jahre 1982:

Dieser Heiligkeit liegt somit eine große, zutiefst schmerzliche menschliche Sache zugrunde. Diese schwierige, tragische Epoche, geprägt von einer schrecklichen Schändung der menschlichen Würde, brachte in Auschwitz ihr Heilszeichen hervor. Die Liebe erwies sich mächtiger als der Tod, mächtiger als das unmenschliche System. Die Menschenliebe errang dort einen Sieg, wo Hass und Menschenverachtung zu triumphieren schienen.”[12]

Wenn vom hl. Maximilian die Rede war, dann ging es nicht nur um die aus dem Glauben resultierende Hoffnung des ewigen Lebens, sondern auch um ein Bild des Menschseins. Mir scheint, dass man hier eine Quelle der Anthropologie des Papstes erkennen kann. Angesichts von Auschwitz zeigt der hl. Maximilian der Welt die Bedeutung der Schlüsselworte der Enzyklika REDEMPTOR HOMINIS:

Der Mensch kann nicht ohne Liebe leben. Er bleibt für sich selbst ein unbegreifliches Wesen; sein Leben ist ohne Sinn, wenn ihm nicht die Liebe geoffenbart wird, wenn er nicht der Liebe begegnet, wenn er sie nicht erfährt und sich zu eigen macht, wenn er nicht lebendigen Anteil an ihr erhält. Und eben darum macht Christus, der Erlöser, wie schon gesagt, dem Menschen den Menschen selbst voll kund.”[13]

Dieses Licht, das in Oświęcim für die ganze Welt leuchtet, verpflichtet uns zutiefst. Schon 1972 sagte Kardinal Wojtyła in einer Ansprache vor der studierenden Jugend:

Der Mensch – das ist das Gewissen. Ja, sein Gewissen. Und die Entwicklung des Menschen kann nicht vollständig verfolgt werden, ja es kann überhaupt nicht von einer Entwicklung des Menschen gesprochen werden, wenn man nicht sein Zentrum erfasst: sein Gewissen. Von ihm hängt es ab, […] wer ich letztendlich bin, ich als ein einmaliges Wesen. Nehmen wir dieses Beispiel: auf der einen Seite Pater Maximilian Kolbe in Auschwitz und auf der anderen Seite diejenigen, die ihn zu Tode quälen. Hier ein Mensch – und dort auch Menschen. Und nun, welche Gestalt bildet sich schließlich heraus? Auf der einen Seite eine solche, die das Bewusstsein, die Meinung der ganzen Menschheit affirmieren, loben und akzeptieren muss – und ein für allemal in ihre Schatzkammer aufnimmt. Auf der anderen Seite eine solche Gestalt des Menschen, des Menschseins, die von der ganzen Menschheit – egal ob von Gläubigen oder Ungläubigen, von Christen oder Atheisten – verworfen und abgelehnt werden muss: sich lossagen. Obwohl diese Lossagung nur bis zur Grenze des Menschseins gehen kann, denn hier ist ein Mensch und dort sind auch Menschen. Die Größe des Menschen […] ist zutiefst mit seinem Gewissen verbunden.[14]

Im Einklang mit seinem Gewissen leben heißt, einen unablässigen Kampf mit sich selbst zu führen und ständig zwischen Gut und Böse zu wählen. Während seiner zweiten Pilgerreise nach Polen im Jahre 1983, nach der Aufhebung des Kriegszustandes, sagte der Papst seinen Landsleuten Folgendes:

Was bedeutet es, dass die Liebe mächtiger ist als der Tod? Das bedeutet auch: «Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!» (Röm 12, 21). Diese Worte erklären die Wahrheit über Pater Maximilians Tat in Auschwitz in verschiedenen Dimensionen: in der Dimension des täglichen Lebens, aber auch in der Dimension der Epoche, in der Dimension eines schwierigen historischen Augenblicks, in der Dimension des 20. Jahrhunderts und vielleicht auch der Zeiten, die heraufziehen. [...] Wir wollen das christliche Erbe des Polentums um die ergreifende Beredtheit seiner Tat in Auschwitz bereichern: «Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!» Ein schwieriges Programm, aber ein mögliches. Ein unerlässliches Programm.”[15]

Die Würde der Völker

Die Lektion von Auschwitz betrifft jedoch nicht nur den Sinn des individuellen Lebens und Todes. Sie betrifft nicht weniger die Gestalt unserer Gesellschaften und Völker sowie der internationalen Beziehungen. 1979 sagte der Papst in Auschwitz: 

Wenn jedoch diese große Mahnung von Auschwitz, der Schrei des hier gemarterten Menschen Frucht für Europa (und auch für die Welt) bringen soll, dann muss man alle Konsequenzen aus der Erklärung der Menschenrechte ziehen. […] Ich möchte zurückkommen auf die Weisheit des Altmeisters Pawel Wlodkowic, des Rektors der Jagiellonen-Universität von Krakau, der gelehrt hat, dass die Rechte der Nationen zu sichern seien […]. Niemals darf sich ein Volk auf Kosten eines anderen entwickeln, um den Preis seiner Eroberung und Versklavung, um den Preis seiner Ausbeutung und seines Todes. Das sind Gedanken Johannes' XXIII. und Pauls VI. […] Diese Worte spricht ihr unwürdiger Nachfolger, aber sie spricht gleichzeitig der Sohn des Volkes, das in seiner ferneren und näheren Geschichte vielfältige Marter von anderen erlitten hat. Erlaubt mir jedoch, dass ich diese anderen nicht beim Namen nenne – erlaubt mir, dass ich sie nicht nenne... Wir stehen an einem Ort, an dem wir von jedem Volk und von jedem Menschen als Bruder denken wollen.”[16]

Seit langer Zeit schon unterstützte Johannes Paul II Bemühungen um deutsch-polnische Versöhnung.[17] Während des II. Vatikanischen Konzils (1962-1965) traf Kardinal Wojtyła in Rom Bischöfe aus Deutschland. 1964 trafen sich Mitglieder der Deutschen Sektion von Pax Christi im Rahmen einer Bußwallfahrt nach Auschwitz mit Kardinal Wojtyła in Krakau. Der Kardinal beteiligte sich aktiv an der Redaktion des Briefes der polnischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe, der ihnen im November 1965 mit den berühmten Worten „wir vergeben und bitten um Vergebung“ gesandt wurde. Dieser Brief gilt heute vielen als einer der bedeutendsten Durchbrüche nach dem Krieg in den deutsch-polnischen Beziehungen.

1973 gründeten deutsche Katholiken das Maximilian Kolbe Werk zur Hilfe für ehemalige Konzentrationslagerhäftlinge. Einer der Taufpaten war der Krakauer Kardinal. !974 besuchte Kardinal Wojtyła die Bundesrepublik Deutschland. Gemeinsam mit Kardinal Julius Döpfner aus Köln feierte er eine Buß- und Versöhnungsmesse im Karmel „Heilig Blut“ am ehemaligen Konzentrationslager Dachau. 1978 wiederholte er diesen Besuch mit einer Delegation Polnischer Bischöfe, darunter der polnische Primas Stefan Kardinal Wyszynski, und deutschen Bischöfen, darunter Josef Kardinal Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI.

!979 war Kardinal Ratzinger bei der hl. Messe des neuen Papstes Johannes Paul II in Auschwitz-Birkenau. 1980 unterschrieb eine Delegation deutscher Bischöfe gemeinsam mit polnischen Bischöfen vor der Todeswand im ehemaligen Lager Auschwitz eine Bitte an den Papst um Heiligsprechung des seligen Maximilian Kolbe. Die Heiligsprechung 1983 in Rom in Anwesenheit von deutschen und polnischen Pilgern und in Konzelebration mit dem deutschen Kardinal Josef Höffner wurde zu einem sichtbaren Zeichen der Versöhnung.

Am 23. Juni 1996 schritt Papst Johannes Paul II in Berlin durch das Brandenburger Tor im wiedervereinten Deutschland. „Jetzt, nachdem ich durch das Brandenburger Tor gegangen bin, ist auch für mich der 2. Weltkrieg zu Ende!” soll er tief bewegt gesagt haben.[18]

Es war deutlich geworden, dass kirchliche Kontakte Brücken bauen und Wege bahnen können zwischen den Völkern.All dies muss auch auf dem Hintergrund der kommunistischen Diktatur verstanden werden. Der Papst sich erinnerte daran, dass der 2. Weltkrieg am 1. September 1939 mit der hitlerdeutschen Aggression und am 17. September desselben Jahres mit dem Einmarsch der Roten Armee begann. Im Jahr 1942 begannen die Deutschen den Krieg gegen die Sowjetunion, in dem Millionen Russen und Bürger anderer Völker ermordet wurden. Die deutsche Okkupation endete 1945, dank der Roten Armee. Aber die sowjetische Besatzung Polens dauerte noch bis 1989.

Um die Zweckmäßigkeit des Bündnisses Polens mit der Sowjetunion zu begründen, wurde von der kommunistischen Regierung systematisch auf die Bundesrepublik Deutschland als Feind gezeigt, wobei oft Bilder aus der Zeit des Krieges benutzt wurden. Nachdem die Kirche 1965 den Brief der polnischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe veröffentlicht hatte, begann in ganz Polen auf allen Ebenen eine antikirchlische Kampagne unter der Überschrift „Wir vergessen nie, wir vergeben nie!“, die der Kirche Vaterlandsverrat vorwarf. Das war kurz vor den Feiern zum 1000-jährigen Bestehens des polnischen Staates am 1. Mai 1966. Am 3. Mai 1966 beging die Kirche in Tschenstochau die Tausendjahrfeier der Taufe Polens. Dabei wiederholte der Primas  von Polen Stefan Kardinal Wyszynski feierlich die Worte der Vergebung an die Deutschen, und mehrere tausend Gläubige antworteten „Wir vergeben“. Damit war der Standpunkt des katholischen Volkes klar.[19]

Als Johannes Paul II. 1979 vor den Tafeln auf dem Denkmal in Auschwitz-Birkenau Halt machte, sagte er: „Ich habe noch eine ausgewählte Tafel: in russischer Sprache. Ich füge hier keinen Kommentar an. Wir wissen, von welchem Volk sie spricht; wir wissen, welchen Anteil dieses Volk an dem schrecklichen Krieg um die Freiheit der Völker hatte; auch an dieser Tafel können wir nicht gleichgültig vorbeigehen.”[20]

Auschwitz spielt eine wichtige Rolle in der Erinnerung der Russen, was den Beitrag der Roten Armee im Kampf um die Befreiung Europas vom Faschismus während des 2. Weltkriegs betrifft. In kommunistischer Zeit existierte nur eine offizielle Interpretation von Auschwitz, in welcher die Rolle der kommunistischen und sozialistischen Aktivisten unter den Opfern sowie die Freundschaft mit der Sowjetunion hervorgehoben wurde. Da der atheistische Materialismus die herrschende Ideologie bildete, waren christliche Gottesdienste und religiöse Symbole auf dem Gelände des ehemaligen Lagers verboten.

Die größte katholische Jugendbewegung in Polen in der Zeit des Kommunismus, die „Oasenbewegung”, wurde nach dem Krieg von Pater Franciszek Blachnicki gegründet, einem ehemaligen Auschwitzhäftling, der seine Bekehrung erlebte, als er auf die Vollstreckung seines Todesurteils wartete. Überraschenderweise wurde das Urteil dann nicht vollstreckt. Seitdem war er davon überzeugt, dass nur die innere Freiheit wahre Freiheit ist und dass sich diejenigen, die im Gebet verwurzelt sind und Christus vertrauen, weder vor den Herrschenden noch vor dem Tod fürchten müssen. Man kann dies als eine polnische Befreiungstheologie bezeichnen. In späterer Zeit spielten die Mitglieder der Oasenbewegung eine große Rolle in der unblutigen Solidarność-Revolution.    

In seinem Apostolischen Schreiben zum 50. Jahrestag des Beginns des 2. Weltkriegs schrieb Johannes Paul II.: „Euch, den Staatsmännern und Verantwortlichen der Nationen, bekunde ich noch einmal meine tiefe Überzeugung, dass die Achtung vor Gott und die Achtung vor den Menschen zusammengehören. Sie stellen das absolut notwendige Prinzip dar, das es den Staaten und politischen Blöcken ermöglichen wird, ihre Gegensätze zu überwinden.”[21]

Mit der Schwächung des Kommunismus in den achtziger Jahren kamen die unterdrückten Ansichten wieder zu Wort. Auf dem Hintergrund der vom neuheidnischen Totalitarismus der Nazis und vom atheistischen Materialismus realisierten Menschenverachtung schien es wichtig zu sein, an der Schwelle des riesigen Friedhofs, den das ehemalige Lager Auschwitz darstellt, einen Ort des Gebets zu errichten. Als die Behörden vor der zweiten Pilgerreise des Papstes Johannes Pauls II. im Jahre 1983 den Bau von Kirchen erlaubten, wollte Kardinal Franciszek Macharski aus dem Erzbistum Krakau durch Gründung eines Karmelitinnenklosters die dort Umgekommenen mittels Gebeten ehren und zum Frieden aufrufen.[22] Das Kloster entstand in einem alten Gebäude, das sich an die Mauer des ehemaligen Lagers Auschwitz I anschloss, unweit der Todeszelle des hl. Maximilian.



[1] Zuerst veröffentlicht auf Polnisch: Manfred Deselaers, Jan Paweł II i Auschwitz. In: "Oblicza dialogu". Wyd. Instytutu Dialogu Międzykulturowego im. Jana Pawła II w Krakowie, 2014.  Aus dem Polnischen übersetzt von Herbert Ulrich.

[2] Predigt von Papst Johannes Paul II am 7. Juni 1979 in Auschwitz-Birkenau; poln. in: Żydzi i judaizm w dokumentach Kościoła i nauczaniu Jana Pawła II (1965-1989), ausgewählt und bearbeitet von Waldemar Chrostowski, Ryszard Rubinkiewicz SDB, Akademia Teologii Katolickiej, Warszawa 1990, S. 99, oder http://www.nauczaniejp2.pl/dokumenty/wyswietl/id/576 [abgerufen am 10.07.2014].

[3] So lautet der Titel des berühmten Buches – polnische Ausgabe: Przekroczyć próg nadziei. Jan Paweł II odpowiada na pytania Vittoria Messoriego. Lublin: RW KUL, 1994.

[4] Johannes Paul II., zitiert nach der polnischen Ausgabe: Dar i Tajemnica. W pięćdziesiątą rocznicę moich święceń kapłańskich, Kraków 1996, S. 34-39.

[5] Karol Wojtyła / Jan Paweł II, Patron naszych trudnych czasów. Wypowiedzi o św. Maksymilianie. Wyd. Ojców Franciszkanów, Niepokalanów 1991, S. 20.

[6] Ebd., S. 21.

[7] Predigt von Papst Johannes Paul II am 7. Juni 1979 in Auschwitz-Birkenau.

[8] Karol Wojtyła / Jan Paweł II, Patron naszych trudnych czasów, S. 21.

[9] Ebd., S. 91.

[10] Ebd., S. 48.

[11] Predigt von Papst Johannes Paul II am 7. Juni 1979 in Auschwitz-Birkenau.

[12] Johannes Paul II. auf der Spezialaudienz mit allen zur Heiligsprechung nach Rom gekommenen Polen, Rom, 11. Oktober 1982; zitiert nach: Patron naszych trudnych czasów, S. 206-207.

[13] Johannes Paul II., Enzyklika REDEMPTOR HOMINIS Nr. 10, wo er die Pastoral-Konstitution über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et spes” des Konzils (Nr. 22) zitiert.

[14] Karol Wojtyła / Jan Paweł II, Patron naszych trudnych czasów, S. 66.

[15] Homilie des Heiligen Vaters Johannes Paul II. in Niepokalanów am 18. Juni 1983, zitiert nach: http://www.nauczaniejp2.pl/dokumenty/wyswietl/id/558 [abgerufen am 10.07.2014].

[16] Predigt von Papst Johannes Paul II am 7. Juni 1979 in Auschwitz-Birkenau.

[17] Vgl. Bernhard Vogel, Polen und Deutsche. Konrad Adenauer Stiftung in Polen: Warszawa 2007. Darin: Vom Papst aus Polen zum Papst aus Deutschland. Die Versöhnung zwischen Polen und Deutschland und die Vision Europas in der Perspektive von Johannes Paul II. und Benedikt XVI., S. 31-42; Der Heilige Maximilian Kolbe – Schutzpatron der Versöhnung, S. 43-50.

[18] Ebd., S. 31.

[19] Ebd., s. 35.

[20] Predigt von Papst Johannes Paul II am 7. Juni 1979 in Auschwitz-Birkenau.

[21] Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben zum 50. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs, Rom, 27. August 1989; http://www.vatican.va/holy_father/john_paul_ii/apost_letters/1989/documents/hf_jp-ii_apl_19890827_anniv-beginning-ii-world-war_ge.html  [abgerufen am 08.07.2014].

[22] Vgl. Słowo Metropolity Krakowskiego do duchowieństwa i wiernych Archidiecezji Krakowskiej [Wort des Krakauer Metropoliten an die Geistlichen und Gläubigen der Archidiözese Krakau], L’Osservatore Romano [polnische Ausgabe], Nr. 10/11, 1989, S. 9.

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