Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

Michel de Goedt – Die Shoah und das Leiden Christi

Strona: 1

Michel de Goedt, OCD

Gibt es eine Gemeinsamkeit
zwischen der Shoah
und dem Leiden Christi?

Kann man von einer „Theologie der Erlösung nach Auschwitz" sprechen?

(Oświęcim, Zentrum für Dialog und Gebet, 3.09.1998)
 

Einleitung

Der Untertitel dieses Vortrages kann als provozierend oder irreführend empfunden oder aufgefasst werden. Ein Geschehen, dessen unmenschliche Einzigartigkeit von Grund auf so negativ ist, dass sie bestimmt zu sein scheint von einem Element unbekannter Art, dessen Bosheit vom menschlichen Verstand nicht zu fassen ist - solch ein Geschehen kann uns dazu führen, den christlichen Glauben bis in sein Innerstes zu verändern, ihn zu korrigieren und völlig neu zu formulieren. Mit Worten des Paulus lässt er sich so zusammenfassen: Christus ist für unsere Sünden gestorben, er ist auferstanden zu unserer Rechtfertigung; eben darin besteht die Erfüllung der Schriften; genauer gesagt: Jesus bringt gemäß seinem Auftrag  die Schriften zur Erfüllung. In Jerusalem wurde die Gute Nachricht vom Kommen des Reiches Gottes in Jesus verkündet, der durch den Vater am Tag der Auferstehung zum Christus gemacht wurde. Von Jerusalem ausgehend ist diese Gute Nachricht auf der ganzen Welt zum Erklingen gebracht worden. Es ist undenkbar, das Evangelium auf eine völlig neue Weise zu formulieren - zweitausend Jahre hindurch wäre es verkürzt oder verfälscht worden; damit würde man auch behaupten, der Heilige Geist sei nicht in die Herzen der Apostel und der Gläubigen ausgegossen worden und Christus seinem Versprechen nicht nachgekommen, bei den Seinen zu bleiben bis zum Ende der Zeiten. Die wunderbare Fruchtbarkeit des Evangeliums wäre eine Täuschung. Kurz, wenn die Erfahrung stimmt, dass die Geschichte der Menschheit, die darin verwurzelte Geschichte der Kirche sowie die mit diesen beiden verbundene Geschichte der Theologie es dem Theologen oft ermöglicht haben, sich immer wieder ans Werk zu machen, ist diese historische Entfaltung des den Christen gemeinsamen Glaubens niemals anders verstanden worden als innerhalb einer lebendigen Tradition, die im Wesentlichen eine ist und kohärent mit sich selber.

Dies sind die Umstände, die den Theologen dazu führen können - unserer bescheidenen Meinung nach müssen -, in Bezug auf neue Tatsachen bestimmte fundamentale zentrale Aspekte dieses gemeinsamen Glaubens zu überdenken:
1. Über Jahrhunderte hinweg enthielten die christliche Verkündigung, die Liturgie, die Unterweisung der Gläubigen antijüdische, wenn nicht sogar offenkundig antisemitische Stereotypen. Durch die spirituelle Abstumpfung, die dieses schwere Erbe bei den Gläubigen und ihren Priestern nach sich zog, wenn es sich nicht sogar um unerbittlichen Hass handelte, hat diese christliche Pseudo-Tradition in einem schwer zu präzisierenden Ausmaß dazu beigetragen, die Durchführung der Shoah zu erleichtern, hat sie sich ihr nicht widersetzt, hat sie manchmal schreckliche Feigheiten oder Kompromisse genährt.
2. Im Judentum fehlt es nicht an Stimmen, die bestätigen, dass man auf den Gesichtern von Millionen jüdischer Märtyrer die Züge des geheimnisvollen Gottesknechtes sehen kann, der im Buch Jesaja (40-55) erscheint: „Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht" (Jes 53,3)1. Dieses Kapitel des Buches Jesaja wird mehrere Male im Neuen Testament zitiert: die Synoptiker beziehen sich in den Passionsberichten darauf, um auf die Vergegenwärtigung des Gottesknechtes in Jesus hinzuweisen.
3. Ein mächtiges Gespür für den Glauben ließ viele Christen die Last dieses dunklen Erbes  abschütteln (oben erörtert) und drängte sie dazu, ihr Leben für das Wohl ihrer jüdischen Brüder zu geben oder zu riskieren. Diese „Gerechten" verdienen die bescheidene Würdigung einer Besinnung auf dieses „Gespür", das ihnen ermöglicht hat, den Weg der Wahrheit und des Lebens zu erkennen, auch wenn er zum Tod führte.

Ist ein Vergleich möglich zwischen den Leiden

der Shoah und denen der Passion Christi ?
Der „Umstand 2" führt uns auf einen Weg ohne Ausweg: zwei Schmerzensmänner zu vergleichen, denjenigen, dessen Gesicht mit den Gesichtern der Millionen Märtyrer der Shoah identisch ist, und Jesus in seiner Passion. Der Vergleich führt zu diesem Ergebnis: die Erfüllung der Schriften manifestiert sich mehr im ersten Schmerzensmann als im zweiten. Die Annäherung ist es jedoch wert, innezuhalten, weil sie die Möglichkeit bietet, eine sehr wichtige theologische Präzision vorzunehmen: eine Präzision, die vielleicht überrascht, weil sie im Gegensatz steht zu pseudo-theologischer Vereinfachung; dennoch will sie nichts anderes als einfach übereinstimmen mit der Wahrheit von der Ankunft des Retters in einem Fleisch der Sünde, einer Wahrheit, die der Theologe im Licht der Evangelien zu formulieren versuchen kann.

In der ersten Ankündigung seiner Passion „erklärt" (Mt 16,21) Jesus seinen Jüngern, „sagt" (Lk 9,22) ihnen, „lehrt" (Mk 8,31) sie, „dass der Menschensohn [oder: „dass er"] viel leiden muss" (Mt 16,21). Das große Leiden Christi ist das Objekt eines apokalyptischen „Muss", das auf einen Heilsplan verweist, der von Anfang an verborgen gehalten wurde, um am Ende der Zeiten geoffenbart, verkündet und vollendet zu werden, was ausschließt, es auf eine physikalische Quantität zu reduzieren. Bei Matthäus muss der Menschensohn vieles erleiden „vonseiten der Ältesten, der Hohenpriester und der Schriftgelehrten"; bei Markus wird das „polla pathein“ sofort in Verbindung gebracht mit der Ablehnung durch die Ältesten, die Hohenpriester und die Schriftgelehrten, ebenso bei Lukas, so dass in ihrer Darstellung das Ausmaß und die Intensität des Leidens Christi herrühren vom Schmerz des Abgelehntseins und von dem, was dieses Abgelehntsein bedeutet und nach sich zieht. Das physische Leiden als solches wird nicht zur Sprache gebracht; es kommt auch in den Passionsberichten nicht vor, die es doch ohne Zweifel einschließen.

Auf die Frage, ob das Leiden der Passion Christi größer war als alle anderen Leiden, antwortet der Hl. Thomas von Aquin mit ja (Summa theol. III, 46, Art. 6). Der Autor der Summa theologica bietet die ganze Christologie auf, um die Bereiche festzulegen, in denen diese affirmative Antwort gilt, und um klarzustellen, wie sie dort verwendet wird. Eine Erklärung ist notwendig im Blick auf den ersten möglichen Einwand: die Märtyrer haben viel schwerere physische Schmerzen erlitten als Christus sie erduldet hat. Zum ersten muss man zur Kenntnis nehmen, dass es andere Gründe sind als die physischen, die den Schmerz des leidenden Christus viel größer machen als alle anderen Leiden. Die Wahrnehmung eines erdrückenden Misserfolgs erzeugt einen inneren Schmerz: es ist die Traurigkeit, ein Schmerz, der den Menschen viel tiefer berührt als der physische Schmerz (der nicht verharmlost wird: die Ausführungen über den Schmerz der Kreuzigung im Hauptteil dieses Artikels führen zu einer intensiven Betrachtung der Leiden des Heilands). Lassen wir den Brief des Hl. Thomas beiseite; wir können behaupten, dass Christus so tief verletzt ist in der Liebe zu seinem Vater und zu seinen Brüdern, den Menschen, dass er darüber zu Tode betrübt ist (Mt 26,38; Mk 14,34). Schwer lastet die Traurigkeit auf ihm angesichts der Beleidigung, die seinem Vater angetan wird durch die Sünde der Welt und durch die Art und Weise, wie das Antlitz Gottes in der Schöpfung verhöhnt wird. Diese Traurigkeit, diese Erstickung der Liebe - voll Entsetzen und Angst werden sie in einem schrecklichen Kampf dem Vater (Lk 22,39-46) in einem Gebet anvertraut. Dieser Hilferuf, den Christus seinem Vater entgegenschmettert, um vom Tod gerettet zu werden und alle seine Brüder mit ihm, dringt durch die Pforten des Todes; seine Erhörung ist die Einsetzung in die Herrlichkeit am Morgen der Auferstehung (Hebr 5,7-10). Dieser Gedankengang über die Traurigkeit Christi könnte einem jüdischen Leser unnütz erscheinen, sogar unlesbar (im Sinne von: inakzeptabel, zu lesen verboten). Er wird uns aber erlauben, stammelnd auszuführen, dass die Beleidigungen, die Gott durch die Kreuzigung und durch die Shoah angetan wurden, gleichbedeutend sind.

Stammelnd also können wir trotz des oben genannten Vorbehalts einen gewissen Vergleich zwischen den Leiden Christi und denen der Shoah aufstellen.
Wir unterstreichen zuerst, dass das bereits erwähnte Zugeständnis des ersten Einwands heutzutage die Leiden dieses oder jenes Häftlings einschließen würde, wenn nicht gar aller Häftlinge von Birkenau oder Treblinka, um diese beiden Konzentrationslager besonders zu erwähnen, Leiden, die größer sind als die von Christus erduldeten. Dieses erweiterte Zugeständnis wäre unerträglich reduziert, wenn dabei vergessen würde, dass die "physischen" Leiden der Vernichtungslager nur das glühende Eisen gewesen wären, das Menschen mit einem unsagbaren moralischen Leiden gebrandmarkt hat: das Leiden der Entwürdigung, des schrecklichen Übergangs in den Zustand des Untermenschen, der Entmenschlichung des Menschen. Christus wurde gegeißelt – ein grausames Leiden; aber er wurde nicht wild zu Tode geschlagen und damit seiner Menschenwürde beraubt. Verspottet, mit schmerzhaften Dornen gekrönt, in der rechten Hand ein Schilfrohr als ein lächerliches Zepter, wird er immer noch mit "König der Juden", einem menschlichen Namen, gegrüßt, ein ironischer Gruß, der aber Jesus nicht entmenschlicht. Warum die Anstrengung, die Menschenwürde der Juden zu zerstören, bevor sie ausgerottet wurden, und die Spuren ihrer Ausrottung zu verwischen? So versicherte man sich, dass die Juden nicht durch eine Wahl Gottes besonders bezeichnet worden waren. Als man versuchte, sie sozusagen zu "entschöpfen", sie also aus der Schöpfung und aus jeder Erinnerung an die Schöpfung herauszunehmen – auf wen hatte man es abgesehen? Welche hasserfüllte Wut war von der Idee besessen, die Spur Gottes auszulöschen ? Welchen Namen musste man abschaffen, indem man die zerstörte, die Ihn in ihrem Fleisch eingeschrieben trugen ? Man sieht, dass die Frage, die zu stellen deplatziert schien, uns in der notwendigen Erweiterung in die Mitte unseres Themas führt.

Zwei Formen der Gegnerschaft:

gegenüber Israel und seinem Gott
Wenn man die Shoah und die Passion in Zusammenhang bringen will, ohne sie zu vermischen noch eines dem andern einzuordnen, dann um zu zeigen, dass die eine und die andere dieselbe Wunde verbergen. Sie ist auferlegt im Namen Gottes, dem Moses geoffenbart im brennenden Dornbusch, einmal im Jahr, am Yom-Kippur, vom Hohenpriester feierlich verkündigt, in dem Namen, den alle frommen Juden im Shema Yisrael dreimal am Tag durch "Herr" ersetzen, aus Achtung vor der Einmaligkeit dieser Verkündigung. In der Shoah wie in der Passion Christi ist derselbe satanische Wille am Werk – bei Wahrung der vollen Verantwortung der Menschen – den Namen Gottes und des Volkes zu leugnen, das ihn in seinem Fleisch und in seiner Geschichte eingeschrieben trägt, und diesen Namen auszulöschen, indem er das Volk ausrottet.
Über den Antisemitismus und den Antijudaismus hinaus muss von einer radikalen Gegnerschaft gegen den Gott Israels gesprochen werden, die sich vermischt mit einer radikalen Gegnerschaft gegen das Volk Israel. Die Geschichte wird uns sagen, ob sich dieser doppelte und unvergleichliche Widerstand nicht von Anfang an gezeigt hat.

Die Schrift erlaubt uns, zwei Typen von destruktiver Feindschaft gegen das Volk Gottes zu unterscheiden: die Feindschaft des Pharao, der, "da er den Herrn nicht kennt" (Ex 5,7), dem Volk Israel die Möglichkeit verweigert, seinen Gott im Fest zu feiern, es gleichzeitig daran hindert, sich zu vermehren, und es durch Sklavenarbeit entkräftet. Darin kann man alle Formen des Antisemitismus repräsentiert sehen, die mit der Missachtung oder der Ablehnung des einzigartigen Bundes des jüdischen Volkes mit Gott den Willen verbinden, das Volk zu zerstören, nachdem es unterdrückt wurde. Der andere Typ Feindschaft manifestiert sich das erste Mal in Amalek (Ex 17, 8-16), eine Feindschaft, die nicht nur tückisch und hasserfüllt hinsichtlich des jüdischen Volkes ist, die – mehr noch: - sogar den Namen Gottes verachtet, genauer: den Namen, der heimgesucht wurde in dem Volk, das Ihn in seinen Volksnamen eingeschrieben hat: Isra-El.

Diese Unterscheidung kann nicht unabhängig von der Zeit, die die Geschichte des Bundes bestimmt, verstanden werden: Vorbereitung, Errichtung des Bundes, Wanderung zum Heiligen Land, Etappen, deren Verkettung man in Ex 6,2-9 verfolgen kann. Im Pharao findet man die verschiedenen Formen des Antisemitismus repräsentiert. Seine Weigerung, den Bund Israels mit seinem Gott anzuerkennen, führt das jüdische Volk in die Zeit der Vorbereitung des Bundes zurück, um ihm ein Ende zu setzen und zunächst seine Richtigkeit zu leugnen; "nicht kennend den Herrn", kann er nur den Anspruch dessen verneinen, der behauptet, von Ihm eine Berufung bekommen zu haben. Der Antisemitismus der Christen, die behaupteten, die Berufung des jüdischen Volkes sei außer Kraft gesetzt worden, unterscheidet sich nicht davon; im Gegenteil, er verschärft noch diese Ablehnung: indem er an die Stelle des "nicht" das "nicht mehr" setzt, um den Schatten einer göttlichen Ablehnung und eines Fluches darauf zu werfen.
 
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