Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

Malgorzata Smetek - Mein Oswiecim

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Oswiecim. Ist es ein Schicksal, hier geboren zu sein? Ein Zufall? Eine Warnung? Wie ist es, an dem Ort zu wohnen, der für Tausende Menschen ein Synonym für Tod, Leid und Schmerzen und für manche die tragische Karte des eigenen Lebens ist? Hat die Tatsache, dass ich hier geboren bin, Einfluss auf die Art und Weise, mit der ich die Welt wahrnehme? Kann ich z. B. von den heutzutage in den Medien vermittelten Informationen über Menschenrechts-verletzungen gerührt werden, wenn ich an dem Ort wohne, an dem alle Menschenrechte brutal verletzt wurden und das wichtigste Recht – nämlich zu leben – Millionen Male genommen wurde? Oder reagiere ich vielleicht gerade deswegen auf diese Nachrichten empfindlich…? Hier zu wohnen heißt, sich viele Fragen zu stellen. Es ist nicht einfach, über die Heimatstadt zu sprechen.

In Oswiecim kann man lange die Ladenregale auf der Suche nach dem Lieblingsbuch durchforsten, stundenlang die engen Gassen durchstreifen, danach sich im Stadtpark erholen und am Abend, im stillen Winkel eines Pubs, gemütlich Kaffee trinken. Natürlich kann man auch den Bus versäumen, einen Strafzettel bezahlen, sich mit einem Nachbarn streiten und sogar die Amtsbürokratie lieben lernen. Das alles stört jedoch die ruhige Atmosphäre dieses Ortes nicht. Die Farben dieser Stadt sind grau, das Grau ist jedoch durchaus positiv, jenes ruhige, würdevolle Grau, das man noch an den Rändern der gegenwärtigen rasenden Welt erfahren kann, in dem vom großstädtischen Lärm freien und von Ruhe übersättigten Städt-chen.

Unter dieser Alltagsschicht, die etwas anzudeuten scheint, versteckt sich jedoch die schreckliche Wahrheit über Oswiecim aus den Jahren 1940 – 1945. Darin besteht die Besonderheit dieses Ortes, darin unterscheidet er sich von anderen Städten und Städtchen.

Und doch freue ich mich, dass ich hier geboren und aufgewachsen bin. Ich denke, dass es mir eine innere Kraft gibt, mich mit der Hoffnung und dem Glauben erfüllt, dass das Böse immer durch das Gute bekämpft werden kann und nach einer Nacht, wie lange sie auch immer dauern mag, die Sonne wieder scheinen wird. Diese Überzeugung brauche ich in meinem Leben, sie hilft mir, meine Misserfolge zu ertragen, und indem ich hier wohne, festige ich sie in mir.

Wenn ich über Auschwitz nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass der Mensch moralisch nicht weiter sinken kann, dass diese Hölle sich nie mehr wiederholen wird, weder in dieser noch in einer anderen Form. Solche Gedanken entzünden in mir kleine Flammen der Hoffnung und des Glaubens an eine bessere Zukunft. Zwar werden immer wieder Kriege angefangen und beendet, findet der Nationalsozialismus seine Anhänger, versucht Auschwitz in verschiedenen Formen wieder aufzuleben, oder – dies ist noch erschreckender – „sein wahres Gesicht abzuschwächen“, aber das ist schon eine andere Geschichte. Keine Ideologie wird jemals zu so einer gewaltigen Tragödie wie dem Zweiten Weltkrieg führen. Natürlich reicht selbst der Glaube nicht aus, die uns umgebende Wirklichkeit zu verändern, er ist aber die Quelle der Bemühungen um das Gute und den Frieden.

Ich erinnere mich daran, dass ich im Zorn gesagt habe: Warum gibt es in meiner Stadt keine Disco, in der Jugendliche sich amüsieren können? Warum gibt es hier kein Ein-kaufszentrum, in dem Familien riesige Einkäufe machen können? Warum gibt es hier keine Betriebe, in denen die Arbeitslosen eine Arbeit finden können? Habe ich mir überlegt, welche Zukunft ich hier habe? Ich habe hier keine Perspektiven für mich gesehen. Jetzt verstehe ich, dass jede größere „Korrektur“ den besinnlichen Charakter dieser Stadt verändern würde. Ich mag Oswiecim, so wie es ist. Vielleicht wurde ich auf diese Weise dazu reif, hier zu wohnen.

Die Gedenkstätte wird jeden Tag von vielen Menschen besichtigt. Ich hätte es gerne, dass sie hierher zurückkehren würden, um nachzudenken und zu beten, die Wahrheit zu suchen. Nicht nur die historische, sondern auch die Wahrheit über den Menschen selbst. Solch eine Rückkehr, wie auch alle Besuche hier, ist bestimmt nicht einfach, jedes Mal vielleicht sogar immer schwieriger, weil alles mit dem Lernprozess und den nachfolgenden Versuchen zu verstehen noch komplizierter wird… Wenn man schweigend bei der Ruine des Krema-toriums in Birkenau steht, sucht man verzweifelt nach Trost und Bruchstücken einer Hoff-nung. In den Gedanken kehren dann die Worte wie ein Echo zurück: „Und wenn dich jemand fragt, wo die Hölle ist, kannst du ihm gern antworten…“

Vielleicht sollte es in der Nähe des Vernichtungslagers gar keine Stadt geben…? Nein, nein, ich vertreibe diese Gedanken. Es ist gut so, dass Menschen hier wohnen. Sie bewachen die Wahrheit, die entsetzliche, unfassbare, die so schwer annehmbare Wahrheit über Auschwitz. Die Wahrheit, die man weder verschleiern noch abschwächen noch aus dem Gedächtnis auslöschen kann. Oswiecim symbolisiert meiner Meinung nach das Leben, das den Tod besiegt hat.

Das Andenken an die Opfer muss weiterleben, „die Vergangenheit ist doch heute, liegt nur ein bisschen zurück.“

Deshalb gibt es hier die Koexistenz von Leben und Tod, Gegenwart und Geschichte, Freiheit und Gefangenschaft, Oswiecim und Auschwitz… Das Gute, das einmal gesiegt hat, bittet jetzt um die Versöhnung und den Frieden.

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