Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

Łukasz Kamykowski - Ein Blick auf Auschwitz aus polnischer Perspektive

Łukasz Kamykowski

Ein Blick auf „Auschwitz“ aus polnischer Perspektive

(Oświęcim, Zentrum für Dialog und Gebet, am 8.09.2000)

Ich möchte hier ein persönliches Zeugnis davon ablegen, was Auschwitz in meinem Leben bedeutet. Diese Erinnerungen sollen hermeneutisch untersucht werden, um ihnen einen allgemeineren Sinn abgewinnen zu können. Zwei Bilder aus meiner Erinnerung möchte ich dabei in den Mittelpunkt stellen.

Erstes Bild: Erinnerungen an den Großvater

Die ersten Erinnerungen reichen bis in die frühe Kindheit zurück, eine Zeit, in der wir Kinder begannen, Fragen zu stellen: W arum haben andere Kinder Großväter und Großmütter, wir aber nur eine „Omi”?

Zu Allerheiligen und Allerseelen gingen wir mit den Eltern zum Rakowicki-Friedhof in Krakau, wo sich die Gräber der meisten Verstorbenen unserer Familie befinden. Unter ihnen w ar auch das Grab der Eltern meines Vaters und dessen Schwester; wir zündeten hier Kerzen an und beteten für sie. Das Grab des zweiten Großvaters w ar nicht auf dem Friedhof. Mutter führte uns zu einem unscheinb aren Denkmal in Gestalt einer vierseitigen Säule, die eine Kugel krönte. An dieser befanden sich metallene Vasen, die aussahen wie langgezogene Suppenterrinen (Mutter nannte sie ‘Urnen’); auf ihnen w aren schwierige Aufschriften zu lesen: „Buchenwald”, „Dachau”, „Sachsenhausen”, „Ravensbrück”... Um dieses Denkmal herum brannten die ganze Zeit Hunderte von Kerzen, und viele Menschen standen schweigend und völlig bewegungslos mit gesenkten Köpfen – nur ihre Gesichter leuchteten vom Schein der Flammen. Mama gab auch uns Kerzen in die Hand und flüsterte, wir sollten sie anzünden und zu den anderen stellen und für „Henek”, ihren Vater und unseren Großvater, beten, denn „er braucht es sehr dringend”.

Als wir fragten (ebenfalls flüsternd), ob er hier sei, wies Mutter mit dem Kopf auf eine Urne mit der längsten und schwierigsten Aufschrift: „Auschwitz-Birkenau”. „Er kam im Lager um, in Auschwitz” – sagte sie; später einmal sollte sie uns erklären, was das wirklich hieß.

Mit der Zeit erfuhren wir mehr von ihr, wie zum Beispiel während der Okkupation eines Nachts die Gestapo kam und ihn einfach aus dem Bett zerrte; danach hat sie ihn nie wieder gesehen. Oma (ihre Mutter) ging am nächsten Tag zur Gestapo. Man sagte ihr, dass er nach Auschwitz gebracht worden sei. Etwa einen Monat später kam aus dem Konzentrationslager die Nachricht von seinem Tod1. Nach einiger Zeit wurde herausgefunden, dass in jener Nacht alle Reserveoffiziere der Polnischen Armee, die noch in Freiheit w aren, verhaftet worden waren.

Zu den Erinnerungen aus meiner Kindheit gehört noch ein weiteres wesentliches Moment. Damals w aren in allen Schulen Ausflüge nach Auschwitz verpflichtend. Mutter fand immer einen Grund für die Lehrer und ließ uns nie mit einem solchen Schulausflug fahren; überhaupt w ar sie nie allein oder mit uns dort gewesen: „das ist völlig sinnlos”.

Das erste Mal w ar ich also als Student mit der Studentengemeinde St. Anna aus Krakau im Lager, während einer Nachtwache vor der Seligsprechung von Pater Maximilian Kolbe. Ich nahm am Mitternachtsgebet und am Kreuzweg entlang dem Stacheldraht teil, lehnte aber – getreu der Haltung meiner Mutter – einen Besuch im Museum ab.

Erster Komment ar

Das, was ich hier aus meinen eigenen Erinnerungen erzählt habe, ist natürlich nur ein einzelnes Beispiel dafür, was in Polen das Gedenken an Auschwitz bedeutet und was meine Generation damit verbindet. In den einzelnen Familien werden die Erinnerungen verschieden sein. Man kann jedoch einen verallgemeinernden Komment ar wagen, wenn man gewisse ch arakteristische Eigenschaften dieses Miniaturberichtes bedenkt.

Gedenken in der Familie

Das Stichwort «Auschwitz»2 durchzieht vielmals (um nicht zu sagen: oft) die innersten Erinnerungen in der Familie. Die erste Assoziation verbindet sich mit einem engen Bekannten oder Verwandten, der dort umgekommen ist; oder vielleicht auch überlebt hat. So w ar es zumindest in meiner Generation der heute Fünfzigjährigen. Unsere Eltern wussten selbst gut genug, was Auschwitz ist: Sie spürten die Verpflichtung, dies ihren Kindern zu vermitteln. Sie wussten, wie schwer ihre Verantwortung w ar, hatte doch niemand das Recht, diese zu delegieren. Ihre Vermittlung sollte die Grundlage für ein mögliches weiteres Wissen über das Lager d arstellen. Das hatte unleugb are Vorteile, aber auch Schwächen.

Vor allem konnte niemand an der Wirklichkeit von Auschwitz zweifeln, selbst wenn er nie an diesen Ort gekommen ist: Es fehlten Menschen, die eigentlich unter uns hätten sein sollen, aber einfach nicht da w aren. Denn nicht der Ort selbst ist hier wesentlich, sondern das Gedenken und die Erinnerung an konkrete Menschen. Dies begründete einen grundlegenden Respekt und lehrte uns, die mit Auschwitz verbundenen Dinge ernsthaft zu behandeln. Es w ar nicht möglich, über das Lager in beliebiger Art und Weise zu reden; man durfte auch nicht zu viel sagen. Im Gedenken an Verstorbene muss man bestimmte Dinge verschweigen – für die unter unmenschlichen Bedingungen Ermordeten gilt dies in noch größerem Maße als für alle anderen Toten. Und die Augen derjenigen, die überlebt haben, beobachteten das Aussprechen der Wahrheit; ihre Gegenw art ließ dumme Fragen sofort verstummen. Vielleicht aber nicht nur die dummen, sondern auch diejenigen, die es ermöglicht hätten, Familientraditionen zu objektivieren, sie vor einem ehrlicheren Hintergrund oder mit den Augen Anderer zu betrachten. Nicht zuletzt wurde diese Konfrontation durch die äußeren Bedingungen, in denen sich Polen befand, noch zusätzlich erschwert.

Sicher reagierten nicht alle so radikal wie meine Mutter, die in der Umgestaltung des ehemaligen Lagers in ein Museum den reinen Horror vermutete. Die Überzeugung oder das Gefühl, die „Besichtigung” von Auschwitz schände die Tragödie von Millionen Menschen, w ar aber keine Seltenheit. Dieser Ort lässt sich nicht wie ein Stück aus der Vergangenheit besichtigten, auch nicht wie ein Beinahe-Schlachtfeld, das mit dem Ruhm der gefallenen Verteidiger nationaler Freiheit verbunden ist. Vielleicht genügt es auch nicht, nur wissen zu wollen, wie es damals tatsächlich w ar. „Das ist völlig sinnlos”; das, auch wenn sich wer weiß wie viele Feststellungen dieser Art angesammelt haben, lässt sich nicht verstehen. Nötig ist etwas anderes: man muss sehr für sie beten.

Im Kontext des Glaubens

Der Lichtkreis, der von Hunderten von Lampen ausgeht, die das symbolische Denkmal für die Opfer der nationalsozialistischen Lager auf dem Friedhof umgeben, bezeichnet von Beginn an den für mich und – vermutlich – die Mehrheit der Polen einzig möglichen Ort, sich mit dieser Vergangenheit auseinanderzusetzen. Dem, was passiert ist, kann man nur im Kontext des Glaubens angemessen begegnen. Der Glaube, auch wenn er in jedem menschlichen Herz schwankend wie ein einzelnes Flämmchen im Novemberwind ist, sammelt die Menschen zu einem Kreis, der ihre Lichter vor dem Wind schützt und eine Umgebung schafft, in der über das geschwiegen wird, worüber man nicht zu sprechen vermag. Nicht miteinander – sondern mit Gott. Und dadurch auch mit denen, die bei Gott sind. So schweigt man nicht mehr über Ereignisse, die niemand mehr ungeschehen machen kann, sondern über sie, die Bekannten und Unbekannten, die in Seiner Hand sind und für Ihn – leben. Dann ist es möglich, auf ein Verstehen bis ins Letzte zu verzichten, ohne dem Weiterleben allen Sinn absprechen zu müssen.

Dieser einfache Lichtkreis verbreitet d arüber hinaus aber auch das Licht des Märtyrertums all derjenigen, die mit ihrem Leiden bewiesen haben, was es heißt, im Glauben auszuh arren. Sie bezeugten uns, dass Gott diese Grundlage erhält und festigt. Der erste, über den dieses Gerücht von Mund zu Mund ging (an einer offiziellen Verbreitung solcher Propaganda lag den kommunistischen Machthabern nichts), w ar Pater Maximilian Kolbe. Sein Opfer für einen Mitgefangenen ließ die Hoffnung greifb ar werden, dass Menschlichkeit noch möglich ist, dass man sie suchen und verteidigen muss – zwischen den Eckpfeilern Glaube, Liebe, Hoffnung. Das w ar besonders wichtig in Zeiten, als der Terror – obwohl nach anderen Regeln angewandt und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt abgeschwächt – einen spürb aren Rahmen zum Nachdenken bot für jeden, der sich nicht fürchtete, über das eigene Schicksal und die eigene Menschlichkeit nachzudenken. Deshalb wurde Pater Kolbe (lange bevor er durch die Kirche selig- und später heiliggesprochen wurde) in Polen ein wesentlicher Schlüssel für das Fragen nach Auschwitz. D aran schlossen sich später Erzählungen über andere Helden der Lager an: Janusz Korczak, Stanisław Leszczyński und Edith Stein wurden, ohne Fragen nach ihrer religiösen Zugehörigkeit, als Beweis für den Glauben an Gott und den Menschen gesehen, als Beweis für die Hoffnung für den Menschen.

Diese Linie des Denkens über Auschwitz w ar für mich die einzig mögliche, der man bis zum Ende folgen konnte. Ihre Krönung aber ist ein anderes Erlebnis, das ich hier wiedergeben möchte.

Zweites Bild: Die Papstmesse im Lager

Die zweite Erinnerung stammt aus den ersten Monaten meiner Zeit als Kaplan, aus dem Juni 1979.

Auf der ersten Reise des neu gewählten Papstes Johannes Paul II. w ar auch eine Heilige Messe im ehemaligen Lager von Auschwitz-Birkenau vorgesehen. Den Neopresbyterianern, zu denen ich gehörte, wurde empfohlen, selbstständig nach Oświęcim zu fahren, um während der Messe bei der Ausgabe der Heiligen Kommunion zu helfen. Trotz verschiedener Hindernisse gelang es mir rechtzeitig, an den angewiesenen Platz zu kommen, auf dem sich die Pilger, zwischen B arackenruinen des Geländes in Birkenau, zusehends dichter drängten.

Viele haben die Predigt des Papstes zu dieser Messe bereits analysiert. Ich habe von ihr damals nicht viel in Erinnerung, außer dem, dass sie in einem bestimmten Ton zelebriert wurde: In großem Respekt vor allen Opfern dieses Lagers, wer auch immer sie w aren. Ich werde mich immer an das Bild der Ausgabe der Kommunion an die Tausenden Lebenden erinnern. Sie fand an einem Ort statt, der für tausendfachen Tod geschaffen wurde. Und in mir wuchs die Überzeugung: Gott gibt dem Tod nicht das letzte Wort. Es w ar dies die Erfahrung einer h artnäckigen Treue Gottes, in der Er unerschütterlich auf die Menschen zugeht, unabhängig davon, wo diese sich gerade befinden, wenn nur ihr Glaube Raum schafft, sein erlösendes Wort zu empfangen. In seinem Namen, ging ich vorsichtig, damit ich nicht in ein Loch in den Fundamenten der B aracken oder über die Sachen eines Pilgers stolperte, durch die Reihen der sich in Hoffnung ausstreckenden Köpfe, erinnerte an die Worte der Verheißung, nahm das Glaubensbekenntnis ab und verteilte das Brot des Lebens. Ich dachte mit einer sehr großen Dankb arkeit an die Demut und die Stille Gottes, der in einer so einfachen Art den Erniedrigten seine Treue erweist, die Schwachen in der Hoffnung stärkt und sich der Arroganz der Spötter, Mörder und Mächtigen dieser Welt entgegenstellt: Er diskutiert nicht mit ihnen, streitet sich nicht, sondern schenkt um so nachdrücklicher Leben; göttliches Leben der Liebe, das ist mächtiger als der Tod.

Glaube und Hoffnung begleiteten die die für die Toten Betenden auf dem Friedhof, die ich aus meiner Kindheit in Erinnerung behalten habe. Hier erfahren sie ihre Bestätigung und Erfüllung.

Ich dachte damals, dies sei bereits das letzte Wort Gottes zu Auschwitz, und alles, was man über diesen Ort sagen konnte und musste, sei bereits vor meinen Augen geschehen. Nur kurze Zeit später überzeugte ich mich davon, dass dem jedoch nicht so ist. Doch bevor ich dazu komme, ein pa ar Worte als Komment ar zu dieser unvergesslichen Erfahrung.

Zweiter Komment ar

Ich möchte gerne erklären, w arum diese Erfahrung – man möchte sagen, eine sehr katholische und sehr polnische – mir zur Interpretation der Verbrechen, verübt größtenteils gegen Juden, organisiert durch eine nachchristliche Ideologie und ausgeführt von zumeist christlichen Tätern, als völlig ausreichend erschien3. Denn ich habe Grund zur Annahme, dass es der großen Mehrzahl meiner Landsleute ebenso gegangen ist. Ich denke auch, dass viele bis heute d arin den einzigen Zugang sehen, die Wirklichkeit von Auschwitz zu denken und zu fühlen.

Die zweigeteilte Welt Polens meiner Jugend

Meine ganze Kindheit wurde geprägt durch ein Polen, das durch eine kommunistische Führungsmannschaft regiert wurde, die ihm seit der Befreiung durch die Rote Armee aufgezwungen worden w ar. Sie drückte der Gesellschaft ihr Weltbild und ihre einzig wahre atheistische Ideologie auf. In dieser Situation w ar die Welt aufgeteilt in „wir”, die Gläubigen, Polen, Katholiken und ehrliche Leute, und „sie”, die Roten, Kommunisten, Atheisten offensichtliche K arrieristen, die sich an das Regime verkauften … Es gab eine Welt des Glaubens und eine Welt des Unglaubens; eine Welt, die mit Gott rechnet und eine gegen Gott gestellte.

Es ging nicht d arum, ob diese Teilung wirklich so sch arf ist. Es w ar jedenfalls kl ar, dass sie es nicht w ar; sog ar die Grauzone ist sehr breit. Natürlich gibt es auch unter den „Gläubigen” solche und solche; selbstverständlich finden sich auch unter den „Ungläubigen” ganz Anständige; es gibt sie unter den Russen, und – wie ich später herausfand – selbst unter den Deutschen.

Es ging um die grundlegende Frage: Gibt es einen Gott oder nicht – eine dritte Möglichkeit w ar nicht zu sehen. Jede andere Interpretation der Welt w ar nur eine Folge aus dieser Frage. Theoretisch w ar kl ar, dass die Welt des Glaubens nicht einheitlich ist: dass es (irgendwo) Christen anderer Konfessionen gab, dass (irgendwo) Gläubige anderer Religionen, etwa gläubige Juden, lebten. Aber in der alltäglichen Wirklichkeit traf man sie nicht, konnte sie sich also nach dem eigenen Vorbild ausmalen und theoretische Unterschiede nicht wichtiger nehmen als die im Aussehen und Verhalten. Unterbewusst w aren in dieser Perspektive anständige Juden4, die (auch) in den Lagern umgekommen sind, auch nur etwas andere Polen, etwas andere Katholiken: sie glaubten an Gott, beteten, während sie in den Tod gingen. Die Deutschen dagegen, die Polen 1939 überfielen (nur die w aren für lange Zeit wirklich präsent in unserem Alltag durch die Erinnerung der Generationen unserer Eltern und Großeltern), w aren einfach eine viel schlimmere Version der atheistischen Kommunisten5. Sie quälten in den Lagern so viele Priester! In dieser Vorstellung kam ihnen auch keine andere Rolle zu, wenn man über den Glauben oder die Kirche nachdachte. Ich erinnere mich, dass ich als Vierzehnjähriger in der Schule vor dem Problem stand, das der Brief der polnischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe über die Versöhnung für viele d arstellte (für viele tatsächlich, für andere angeblich, entsprechend der kommunistischen Propaganda). Eine meiner Entdeckungen w ar: auch sie (die Deutschen) haben Bischöfe (= sind Gläubige!?).

Vor diesem Hintergrund ist einfacher zu verstehen, was ich über meine Erfahrung während der Papstmesse im Lager gesagt habe. Denn in geistiger Verbindung mit dem katholischen Ritus des lebendigen Gottes, für den alles lebt und der so die Hoffnung der Massen der Gläubigen belebt, sah ich es nie als Gegenstück zur Masse der Ermordeten, denn es w ar für mich, für uns die lebendige Fortsetzung jener Welt der Gläubigen, die die Gottlosen mit Gewalt vernichten wollten. Gott hatte sich seines Volkes angenommen.

Das Polnische Erinnern an das Lager

Um zu erklären, w arum das Stichwort „Auschwitz” bei uns so andere Assoziationen weckt als anderswo, scheint mit ein weiterer Exkurs notwendig, der mit dem Vorigen in Verbindung steht und nur vor dessen Hintergrund verstanden werden kann. Polen haben eine eigene Tradition des Lagers Auschwitz; sie hatten diese bereits, bevor sie vom Zusammenhang zwischen Auschwitz und der Judenvernichtung wussten, selbst bevor diese erfolgte. „Tylko świnie siedzą w kinie, a Polacy w Oświęcimie” [Im Kino sitzen nur Schweine, und Polen sterben in Auschwitz] – schrieben Leute aus dem Untergrund (zum Boykott aufrufend) an die Wände derjenigen Kinos, die die „höhere Rasse” für die nichtgermanische Bevölkerung im Generalgouvernement zugelassen hatte. Das geschah schon zu der Zeit, als das Konzentrationslager Auschwitz nur der Ausweitung des Terrors im unterworfenen Land diente und noch bevor es ein Vernichtungslager hauptsächlich für Juden wurde. Die Judenvernichtung (so erinnere ich mich zumindest an die Erzählungen meiner Kindheit) verband sich für die Generation meiner Eltern eher mit den von Deutschen eingerichteten Ghettos und deren „Liquidierung”; das wichtigste Symbol w ar für uns der W arschauer Ghettoaufstand. Auschwitz dagegen verband man mit der deutschen Besetzung Polens, mit der erneuten, durch Hitler versuchten Auslöschung unseres Landes aus der Geschichte und dem Leben Europas, mit dem Heldentum derjenigen, die sich unter den unmenschlichsten Bedingungen nicht hatten brechen lassen, aber auch (wenn auch nicht eindeutig) mit der Erinnerung an die, die gebrochen wurden, bevor man sie umbrachte. Irgendwie w ar auch bekannt, dass es dann ganz Europa so erging wie Polen, in Güterwagons wurden Opfer direkt in die Gaskammern gebracht. Wer w aren diese Leute? Die, gegen die sich der Wahnsinn des gottlosen Dritten Reiches richtete – also auch Juden, aber in welchem Ausmaß, das wusste man nicht.

Die kommunistische Verdrehung der Wahrheit

Das Aufdecken der ganzen Wahrheit über Auschwitz w ar unter den Bedingungen der Volksrepublik Polen umso schwieriger, als man stets von einer kommunistischen Manipulation der Fakten über Auschwitz ausgehen musste (Verstärkung der Rolle, die der kommunistische Widerstand im Lager gespielt hatte), es gab zudem keine Möglichkeit einer objektiven Überprüfung. Es wurde zw ar festgestellt, dass sich die allgemein (z.B. in Schulen) verbreitete Version nicht völlig mit dem deckte, was die ältere Generation überlieferte. Doch das Bild, das der Massenpropaganda gegenüberstand, setzte sich aus einzelnen Erinnerungen zusammen, in denen das Konzentrationslager einen Ort der totalen Vernichtung d arstellte, und das mit keinerlei Statistik arbeitete. Es blieb nur der Glaube an die grundlegenden „Daten”, die von der Propaganda verbreitet wurden: vier Millionen Opfer aus allen von Deutschen unterworfenen Ländern Europas. Dass es sich in allen diesen Ländern vor allem um die Vernichtung von Juden handelte, blieb ohne Beachtung.

Ein weiteres Bild: Die vielen Berechnungen von Auschwitz

Kurz nach der erwähnten Papstreise Johannes Paul II. nach Polen begannen sich meine Ansichten über Auschwitz schnell zu ändern. Hauptsächlich lag das an einer Situation, die für einen Polen in diesen Zeiten völlig untypisch w ar. Im Sommer 1979 reiste ich zur Fortsetzung meiner theologischen Studien nach Rom.

Kurz nach der Ankunft in Italien traf mich das erste Mal der Vorwurf, die Zahl der Opfer von Auschwitz sei doch sehr übertrieben. Als ich versuchte, meine bis dahin unerschütterliche Überzeugung mit den mir zugänglichen Daten zu begründen, bemerkte ich in ihnen zum ersten Mal Lücken, die eine weitere Argumentation unmöglich machten. Auf der anderen Seite konnte ich einer Verkleinerung der Tragödie von Auschwitz nicht zustimmen. Die einmal aufgeworfene Frage in einer Sache, die mir nie gleichgültig gewesen w ar, verschärfte meine Aufmerksamkeit jedes Mal dann, wenn ich Gelegenheit hatte, etwas Neues zu erfahren und meinen Standpunkt zu überdenken.

Die wichtigste und für mich sehr unerw artete Möglichkeit bot sich (bereits nach Polen zurückgekehrt) in der Begegnung mit dem Denken des Schweizer katholischen Theologen Charles Journet. Auf der Suche nach einem theologischen Thema in Bezug auf die Kirche, bemerkte ich in seinem Denken einen Wendepunkt, der genau da einsetzte, als ihn die Nachricht von der Vernichtung der Juden in den von Deutschland unterworfenen Ländern erreichte. Speziell ging es um Auschwitz im Sommer 1944. Es w ar ein Blick aus einer anderen Perspektive als der, mit der ich aufgewachsen war. Aber es w ar eine Perspektive, die Auschwitz ernst nahm. Aus ihr ergab sich die Notwendigkeit, das Verhältnis zwischen der Katholischen Kirche und Israel zu überdenken. Ich begann, mich mit diesem Thema zu beschäftigen6.

Meine Studien zur Beziehung Israel – Kirche begannen einige Monate, bevor die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Problem des K armeliterinnenklosters in Oświęcim gerichtet wurde. Kurz danach entstand die erste, durch den Polnischen Episkopat ins Leben gerufene Institution, die sich mit dem Dialog zwischen Katholiken und Juden beschäftigte: Ich nahm an einem durch sie organisierten Kolloquium in Krakau und Tyniec teil. Kurz d arauf kam der Priester Manfred Deselaers nach Polen und wir lernten uns kennen. All das zeigte mir Auschwitz von einer neuen Seite ¼

Schlussbetrachtung

Wie wir sehen, ist für mich die Geschichte immer noch lebendig und offen. Ich weiß, dass meine Betrachtungen jetzt nicht mehr denen der Mehrzahl meiner Landsleute entsprechen, die die letzte Etappe meiner Erinnerungen nicht durchschritten sind. Ich denke, dass ich auch bei aller Distanz, die ich dank der letzten Etappe zum polnischen Blick auf Auschwitz und zu dessen Einseitigkeit entwickelt habe, in dieser Darstellung seinen wesentlichen Eigenschaften nicht untreu geworden bin. D argelegt habe ich hier, dass diese polnische Einstellung mir auch weiterhin sehr nahe steht und von jedem meiner Gedanken zu Auschwitz berührt wird: jener Ethos des Respekts für diese ermordeten Menschen und ihre Tragödie, die ich aus dem polnischen Heim mitgebracht habe. Ich hoffe, meinen Lesern in einem bestimmten Grad zu helfen, diese Perspektive zu verstehen. Sie ist für viele vielleicht neu, gleichzeitig aber für das Verstehen gewisser Spannungen notwendig, die im Umfeld des Lagers noch immer existieren.

Übersetzung: Bernd Böttcher

[1] 27. Mai 1942

2 Man begann erst verhältnismäßig spät, konsequent zwischen ‘Oświęcim’, der Stadt, und ‘Auschwitz’, dem Lager, zu unterscheiden.

3 Die wichtigsten Ideologen und Führer des nationalsozialistischen Systems stellten sich bewusst gegen den christlichen (protestantischen oder katholischen) Glauben ihres Elternhauses; die einfachen „Befehlsausführer” hatten keine der artige Absicht.

4 In Wirklichkeit wusste man über die Unterschiede nicht viel mehr, als dass sie an den Orten eine Kappe aufsetzten, an denen andere sie abnahmen und umgekehrt.

5 Man konnte sie sich nur schwer ohne Uniform vorstellen.

6 Ermutigt wurde ich dazu von meinen Lehrern der Fundamentaltheologie, Pater René Latourelle SJ und Adam Kubis.

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