Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

LIEBE ZEITZEUGEN, EHEMALIGE HÄFTLINGE DEUTSCHER KONZENTRATIONSLAGER !

 

 

 

 

t221d

 

Oswiecim, 18.01.2005

 

Liebe Zeitzeugen,

 

ehemalige Häftlinge deutscher Konzentrationslager !

 

Es nähern sich die Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau.

 

Die wichtigsten Personen, so scheint uns, sind in diesem Zusammenhang Sie, die Überlebenden, und die Jugend – die Zeugen der Vergangenheit und die Erbauer und Gestalter der Zukunft.

 

Deshalb kamen wir, Mitarbeiter des Zentrums für Dialog und Gebet in Oświęcim und des Maximilian-Kolbe-Werkes in Freiburg, auf den Gedanken, zwischen Ihnen und Jugendlichen aus Anlass dieses Gedenktages eine Brücke zu bauen.

 

Polnische Jugendliche aus der Stadt Oswiecim, die sich regelmäßig im Zentrum für Dialog und Gebet treffen, und deutsche Jugendliche, die einige Tage “am Rande von Auschwitz” verbracht haben oder Zeitzeugengespräche mit polnischen Überlebenden in Deutschland geführt haben, schreiben Ihnen von ihren Erfahrungen und bitten Sie um Ihre Antwort.

 

In verschiedenen Briefen drücken die jungen Menschen ihre große Dankbarkeit über die Begegnungen in Deutschland und an der Gedenkstätte in Oświęcim aus und sprechen von ihren tiefen Eindrücken der Fassungslosigkeit, der Trauer und des Mitgefühls, die sie mit nach Hause genommen haben, aber auch von der Verantwortung, die sie empfinden, ihr Wissen an andere Menschen weiterzugeben. Damit Sie einen Eindruck von den Inhalten und Anliegen der Briefe erhalten, legen wir Ihnen eine Zusammenfassung bei.

 

Die Jugendlichen beschäftigt aber auch ein Anliegen, für das wir Sie um Ihre Hilfe bitten. Irgendwann werden keine Zeitzeugen mehr am Leben sein. Ihr Vermächtnis aber muss weitergetragen werden. Viele Jugendliche sind dazu bereit. Sie fragen sich, wie sie dies am besten tun können.

 

Pawel aus Oswiecim formuliert es so:

 

„Im Zusammenhang mit den sich nähernden Feiern zum 60. Jahrestag der Befreiung des Lagers und der Stadt Oświęcim möchte ich im Namen meiner Freundinnen und Freunde und in meinem eigenen meine Hochachtung und Dankbarkeit Ihnen gegenüber zum Ausdruck bringen. Wir schätzen Ihre Kraft und den Mut, Zeugnis zu geben vom Auschwitzer Martyrium vieler Völker. Wir hoffen, dass die Welt endlich Ihren Ruf nach Beendung von Hass und nach Achtung der Würde und Recht zum Leben eines jeden Menschen vernimmt. Auch wir, junge Menschen, wollen Sie in diesem Friedenswerk unterstützen. Deshalb bitten wir Sie, dass Sie unseren Händen Ihre Botschaft an die Welt anvertrauen, und wir bemühen uns mit allen Kräften, sie zu verkünden und darauf zu achten, dass sie nicht vergessen wird, denn schliesslich „Völker, die ihr Gedächtnis verlieren, verlieren ihr Leben”.

 

Und Schülerinnen der Maria-Ward-Schule in Mainz bitten: „Deshalb würden wir uns freuen, wenn Sie für uns noch einmal aufschreiben könnten, was Ihre Botschaft an uns junge Leute ist…. Was sollen wir an unsere Kinder und andere Menschen weitergeben als Lehre und Erfahrung aus Ihrem Leben?”

 

Es geht also um nichts weniger als um Ihr „Vermächtnis“, Ihr „Testament“ und Ihren Auftrag an junge Menschen.

 

Wir bitten Sie herzlich, sich einmal Zeit zu nehmen und für die jungen Menschen – aber auch für uns – aufzuschreiben, was Ihnen wichtig ist.

 

Wenn Sie weitere ehemalige Häftlinge kennen, die wir nicht erreichen, können Sie dieses Schreiben gerne weitergeben und sie einladen, auch eine Antwort an die Jugendlichen zu schreiben.

 

Bitte schicken Sie Ihre Antwort an das Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim, eine Kopie geht dann an das Maximilian-Kolbe-Werk. Wir werden die Antworten an die Jugendlichen weiterleiten.

 

Etwa 100 Jugendliche aus Oświęcim reisen im August 2005 nach Köln zum Weltjugendtag mit dem Papst. Vielleicht gelingt es uns, bis dahin so etwas wie eine Botschaft von ehemaligen Häftlingen an die Jugend zu haben, welche die Jugend von Oświęcim dann an die Jugend der Welt weitergeben kann.

 

Wir haben auch vor, einige Briefe im Internet auf der homepage des Zentrums für Dialog und Gebet zu veröffentlichen. Vielleicht entsteht auch eine kleine Broschüre.

 

Mit herzlichen Grüßen

 

Manfred Deselaers
Centrum Dialogu i Modlitwy w Oświęcimiu
ul. M. Kolbego 1
PL 32 602 Oświęcim
tel. +48 (33) 8431000
fax +48 (33) 8431001
e-mail: biuro@centrum-dialogu.oswiecim.pl

Wolfgang Gerstner
Maximilian - Kolbe - Werk e. V.
Karlstraße 40
D 79104 Freiburg
Tel. +49 (761) 200-348
Fax +49 (761) 200-596
Email: info@maximilian-kolbe-werk.de

Anhang

 

Damit Sie einen Eindruck von den Inhalten und Anliegen der Briefe erhalten, die polnische und deutsche Jugendliche an Sie geschrieben haben, versuchen wir, diese hier für Sie zusammenzufassen:

 

“Am ersten Tag besuchten wir das Vernichtungslager Birkenau. Die Spannung und Atmosphäre dieses Platzes steckte uns noch Tage später in den Köpfen. Die zerstörten Krematorien strahlten das Verbrechen der damaligen Zeit aus. Fassungslos standen wir vor den Krematorien und konnten es gar nicht glauben, was hier geschehen ist.” (Pfeiffer, Hollabrunn in Österreich)

 

Auch die Gespräche mit Überlebenden haben die Jugendlichen sehr bewegt, da sie von ihnen Einzelheiten erfahren konnten, “die man in keinem Geschichtsbuch nachlesen kann” (Nicole Zach, Daniela Lazenhofer, Sylvia Rapp, Hollabrunn).

 

„Die Begegnungen mit den ehemaligen Häftlingen Frau Halina Birenbaum und Herrn Smolen bewirkten, dass ich mir zum ersten Mal wirklich die schweren Bedingungen vorstellen konnte, die im Lager herrschten. Wie jeder neue Tag Angst brachte, Schmerz und Leid. Zum ersten Mal ist bei mir angekommen, wie wirklich schrecklich dieses „Leben” war. Nie vorher hatte ich das so tief empfunden” (Ewelina Matyjasik, Oswiecim, Polen).

 

Aber nicht nur die Eindrücke aus der Gedenkstätte und die Erzählungen von Ihrem persönlichen Leiden erschüttern die jungen Menschen, sondern darüber hinaus erfahren sie auch etwas von Ihrem Lebenswillen, Ihrer Lebenskraft und der Liebe zum Leben, wie es wohl nur die, die überlebt haben, vermitteln können, wie Anne Wonsack es nach ihrer Begegnung mit Henryk Mandelbaum erlebte:

 

“Wie kann jemand, der einen Teil seines Lebens an diesem Ort verbringen musste, der sich immer an die Greueltaten dort erinnern wird, …so voller Wärme sein? […] Und als wir abends noch lange mit ihm zusammengesessen haben, hat er dennoch die ganze Zeit gestrahlt…Verabschiedet hat er uns mit den Worten “Lebt euer Leben! Mehr nicht!”” (Anna Wonsack, Hünfelden, Deutschland)

 

Ewelina schrieb: “Ich danke Euch, liebe Zeitzeugen, dafür, dass Ihr uns mit Eueren Erzählungen helft, die Wahrheit kennen zu lernen, dafür, dass ihr uns helft, unseren Charakter zu formen” (E. Matysiak, Oswiecim).

 

Deutsche Schüler schreiben: “Dieses Leid wurde Ihnen von Deutschen zugefügt – dessen sind wir uns bewusst.” ( Frauke Brünning, Mirjam Laux aus Hadamar). Sie haben ein Bewusstsein ihrer Zugehörigkeit zu der Nation, der die Täter angehörten, “hoffen aber dennoch, dass Sie unserer Generation, die diese Verbrechen nicht leugnet und sie aufs Schärfste verurteilt, eine Chance geben, da wir für die Taten unserer Vorfahren nicht verantwortlich gemacht werden sollten.” (Frauke Brünning, Mirjam Laux, Hadamar). Teilweise sind sie auch “der Meinung, dass in deutschen Schulen zu wenig über die nationalsozialistischen Vergehen gesprochen wird und die gerade so wichtige Konfrontation durch Zeitzeugenberichte oder Gedenkstättenbesuche unzureichend erfolgt” (Katarina Hartwig und Anja Lindig, Jena, Deutschland).

 

So nehmen die Schüler aus der Begegnung mit der Gedenkstätte und aus den Zeitzeugengesprächen mit Ihnen in Deutschland auch Erfahrungen mit, die sie auf ihrem Weg in die Zukunft begleiten und ihnen zeigen, wie sie ihre Zukunft gestalten können:

 

“Uns Schüler hat es sehr beeindruckt und gleichzeitig beschämt, dass die Zeitzeugen mit so viel Kraft, Offenheit und ohne Verbitterung uns Deutschen gegenüber erzählen konnten. Ihre Stärke und ihr Wille zur Versöhnung hat uns gezeigt, dass wir in ihrer Nachfolge Verantwortung fur die Weitergabe ihrer Botschaft übernehmen und sowohl uns als auch andere stets mahnend an das Geschehene erinnern wollen” (Mirjam, Martina, Maria, Kreuzberg, Deutschland).

 

Und darum gibt es Jugendliche, die deutlich sagen:

 

“Wir alle sind der Meinung, dass die Überlieferung dieser Verbrechen und Unmenschlichkeiten nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Wir schätzen und bewundern es sehr, dass es Menschen gibt, die trotz der Qualen, die sie erleiden mussten, bereit sind, diese immer und immer wieder zu erzählen, um die Menschheit in Zukunft vor solchen Katastrophen zu bewahren” (Verena Muckenhuber, Ines Beer, Andrea Hagendorfer, Hollabrunn, Österreich).

 

Sie geben ihre Eindrücke an andere Menschen weiter in Gesprächen oder stellen wie eine engagierte Gruppe aus Mönchengladbach eine Fotoausstellung im Anschluss an ihre Gedenkstättenfahrt zusammenstellen, die sie in Schulen und öffentlichen Gebäuden ausstellen und präsentieren (Nadine Brothagen, Juliane Noack u. a., Mönchengladbach).

 

Neben solchen Erfahrungen benennen die Jugendlichen auch eine Reihe von Fragen an Sie, von denen wir einige hier nennen möchten:

 

“Nach der Besichtigung all dieser schrecklichen Orte und den Begegnungen mit den Zeitzeugen habe ich nur eine Frage: Warum ist das geschehen? War der Tod von mehreren tausend Menschen für irgendjemanden nötig?” (Michal Chrzan, Oswiecim). “Trotz unseres Besuches in Auschwitz ist es für uns nur schwer vorstellbar, was damals passiert ist. Wir fragen uns immer wieder, wie Menschen anderen Menschen so etwas antun konnten…” (Pfeiffer, Hollabrunn).

 

“Wir würden gerne von Ihnen wissen, was speziell Ihnen die Kraft dazu gegeben hat, das Konzentrationslager zu überleben” (Katrin Groiss, Daniela Lazenhofer, Sylvia Rapp, Hollabrunn).

 

“Glaubten Sie daran, jemals wieder in Freiheit leben zu können, und wie reagierten Sie auf Ihre Befreiung?” (Katarina Hartwig und Anja Lindig)

 

“Mich interessiert es, welchen Bezug zu Gott Überlebende haben. Gibt es an Gott nur den Vorwurf? Nur das “Wieso hast Du das zugelassen”? Oder ist der Glaube an Gott die Stütze, die Grundlage, auf die das weitere Leben nach den schrecklichen Tagen in Auschwitz sich aufbaut?” (Anne Wonsack, Hünfelden, Gymnasium Marienschule Limburg).

 

„Warum sind so viele ‘religiöse’ Menschen von der trügerischen Vision einer besseren Welt der ‘besseren Rasse’ verführt worden? Warum hat niemand reagiert, und wenn doch, warum hat er nicht wie Hitler Massen angezogen? Warum mussten so viele Menschen ihr Haus verlieren, ihre Familie, sogar ihr Leben? Schliesslich hat das auf lange Sicht diesen schlechten Menschen nichts gebracht, sie wurden dadurch nicht schön, jung, unsterblich. Im Gegenteil, sie verloren ihr Leben und erhielten nichts im Tausch dafür” (Ewelina Matyjasik, Oswiecim).

 

“Woher haben Sie die Kraft genommen, mit den Erinnerungen weiterzuleben?” (Katrin Groiss, Daniela Lazenhofer, Sylvia Rapp, Hollabrunn).

 

“Wie lange haben Sie gebraucht, um über Ihre Erfahrungen sprechen zu können?” (Nicole Zach, Natalya Vonić, Daniela Eder, Hollabrunn).

 

“Verspüren Sie Wut gegen die Täter?” (Pfeiffer, Hollabrunn).

 

“Wie dachten Sie damals über das Verhalten der SS-Männer? Denken Sie heute anders?” (Angela Hartwig, Jena).

 

“Haben Sie später Hass gegen Deutsche entwickelt?” (Christina Steffen, Montabaur, Deutschland).

 

Es wird spürbar, wie es den jungen Leuten am Herzen liegt, mehr zu erfahren und dieses Wissen dann weiterzutragen. Denn “Die Projekttage in Polen sind uns sehr nahe gegangen und haben uns die Welt mit anderen Augen sehen lassen” (Verena Muckenhuber, Ines Beer, Andrea Hagendorfer, Hollabrunn), und aus dieser veränderten Sicht heraus bitten die Jugendlichen Sie: “Was würden Sie uns, den Jugendlichen, mit auf den Weg geben?” (Jelena Bubolv, Astrid Prokop, Mannela Mayer; Hollabrunn). Dabei ist ihnen besonders wichtig, “Ihre Meinung darüber zu erfahren, wie man eine Wiederholung dieses Abschnitts unserer Geschichte verhindern kann. … Welche sinnvollen Möglichkeiten und Methoden ziehen Sie für eine wirkungsvolle Aufklärung von zukünftigen Generationen in Betracht?” (Katarina Hartwig, Anja Ludwig, Jena).

 

Zwei Schülerinnen aus Hadamar formulieren es so: “So schrecklich diese Erinnerungen für uns auch scheinen, sind wir uns doch dessen bewusst, dass es die Wahrheit ist und wir versuchen wollen, diese Wahrheit über das Grauen von Auschwitz weiterzugeben. Wir hoffen sehr, dass wir Sie bei dieser Aufgabe unterstützen können und wollen dies auch im Rahmen der uns gegebenen Möglichkeiten tun. Wir fühlen uns Ihnen und dem, was Sie erleben mussten, auf eine ganz besondere Art verbunden, gerade weil wir Deutsche sind, und hoffen sehr, dass dies für Sie kein Problem darstellt…. Auch wir werden weiterhin versuchen, unsere Erlebnisse weiterzugeben und besonders Jugendliche zur Auseinandersetzung mit Auschwitz und allem, was dazu gehört, zu motivieren” (Frauke Bünning, Mirjam Laux, Hadamar).

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