Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

Kardinal Jean-Marie Lustiger über Edith Stein

Nach dem Krieg, als Philosophiestudent an der Sorbonne, bin ich zufällig in einer Bibliothek auf einen Band gestoßen, der die Beiträge eines Kolloquiums zusammenfaßte, das Jacques Maritain 1932 zum Thema der Phänomenologie organisiert hatte. Edith Stein hatte dabei einen Vortrag gehalten, den ich mit lebhaftem Interesse gelesen habe! Nachträglich, dem Erscheinen der französischen Übersetzungen folgend, habe ich sie mehr und mehr entdeckt, wobei ich sofort berührt und begeistert war von ihrem Weg der Heiligkeit wie auch von ihrem Genius.

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Zu sagen, Edith Stein war und ist »eine Brückenbauerin zwischen Juden und Christen«, ist eine Behauptung, die sowohl provokant wie auch unzureichend zu sein scheint. Provokant, wenn man sich an gewisse recht besorgte Reaktionen auf jüdischer Seite anläßlich ihrer Selig- und dann ihrer Heiligsprechung erinnert. Bedeutete dieses Unterfangen der Kirche nicht eine mißbräuchliche Aneignung der jüdischen Identität sowie eine christliche Sublimierung des Schreckens der Shoa?

Indem sich Edith Stein dem christlichen Glauben näherte und die Taufe verlangte, hat sie selbst die Last des schmerzlichen Unverständnisses ihrer Familie erfahren.

Zudem scheint mir das Bild der Brücke unzureichend, um die Bedeutung des Lebens und des Werkes von Edith Stein bezüglich des Verhältnisses von Juden und Christen auszudrücken. Von einer Brücke zu sprechen bedeutet nämlich, zwei sich fremd gegenüberstehende Gebiete zu beschreiben, die von einem unüberwindlichen Hindernis voneinander getrennt sind, bis der Bau einer Brücke endlich eine Verbindung ermöglicht, ohne jedoch ihre gegenseitige Fremdheit aufzuheben. In ihrer Existenz sowie durch ihr Werk hat Edith Stein weit mehr getan. Sie hat Israel innerhalb des christlichen Bewußtseins wiederverankert.

Hat sie dabei auch beigetragen, das Christentum im jüdischen Bewußtsein wiederzuverankern? Wer könnte es sagen? Gewiß ist, daß dies ihrem innigsten Wunsch entspräche. Selbstverständlich müßte ich meine Behauptung sofort rechtfertigen. Legitimerweise kann ich dies lediglich in bezug auf den ersten Teil dieser doppelten Behauptung tun: die Wiederverankerung Israels im christlichen Bewußtsein.

Daß dies übrigens einer Erklärung bedarf, ist bereits an sich ein Paradox, denn jedem Jünger Christi wie auch jedem wohlwollenden Leser des Neuen Testaments müßte dies als evident erscheinen; selbst wenn das Erstaunen über meine Aussage verständlich ist angesichts von fast zweitausend Jahren gegenseitiger Ausschließung wie auch der von Juden erlittenen Verfolgungen und Leiden.

Der Ursprung dieser gegenseitigen Entfremdung - die Evangelien und das gesamte Neue Testament bezeugen es - ist nicht etwa ein Abgrund, sondern ein Konflikt innerhalb des jüdischen Bewußtseins, der die messianische Hoffnung dieses Bewußtseins durchquert, sei sie nun erfüllt oder enttäuscht. Ein Konflikt, der sich auch einreiht unter die vielfältigen Orientierungen des jüdischen Lebens vor zweitausend Jahren, vor der Zerstörung des Tempels. Eine bessere Kenntnis der jüdischen Geschichte wirft ein neues Licht auf diesen Zeitabschnitt, besonders auch dank der vollständigen Veröffentlichung der Handschriften aus Qumran.

Dieser ursprüngliche Konflikt hat im Laufe der Jahrhunderte einen Abgrund von Feindseligkeit und Mißtrauen gegraben. Aus der verqueren Interpretation der Heiligen Schriften ist die Idee von der Substitution des jüdischen Volkes durch die Kirche Jesu entstanden, in Verkennung der unwiderruflichen Auserwählung ebendieses jüdischen Volkes. Das Werk des Zweiten Vatikanischen Konzils – entfaltet und mit Beharrlichkeit verfolgt unter dem Einfluß von Papst Johannes Paul II., bestätigt und weitergeführt von seinem Nachfolger, Papst Benedikt XVI. - hat weit mehr getan, als eine Brücke zu bauen.

Das Schuldbekenntnis für die begangenen oder geduldeten Verbrechen hat die gegenseitige Wertschätzung wiederhergestellt. Es hat dem jüdischen Bewußtsein in höchstem Maße zugesichert, daß die Zeit der Verachtung auf immer überwunden sei - um den Ausdruck des französischen Historikers Jules Isaac aufzunehmen, dessen Gedankengut den Konzilsvätern nicht fremd war, besonders Kardinal Bea und Papst Johannes XXIII. Mehr noch: Das Zweite Vatikanum, sodann die Lehre von Papst Johannes Paul II. haben die besondere Beziehung hervorgehoben, die die Kirche mit dem jüdischen Volk im Glauben verbindet. Der erste Satz im vierten Abschnitt der Erklarung Nostra Aetate bringt dies klar zum Ausdruck: »Bei ihrer Besinnung auf das Geheimnis der Kirche gedenkt die Heilige Synode des Bandes, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamm Abrahams geistlich verbunden ist«, das heißt hier: mit dem jüdischen Volk.

Edith Stein ist lange vor dem Konzil geboren und gestorben, und doch drückt ihr Schicksal genau diese Gegebenheit der gegenseitigen Einbindung aus, die sich nicht damit zufrieden gibt, die Vorurteile zu überwinden oder das Leiden der empfangenen Wunden zu lindern oder sogar Bande des Vertrauens wiederherzustellen.

Ihr Schicksal trifft im Kern, was Martin Buber in seinem Buch Zwei Glaubensweisen »jüdischen Glauben« und »christlichen Glauben« nannte, um beides zu unterscheiden, ja, um sie gegenüberzustellen. Vermutlich hat diese Gegenüberstellung bei Martin Buber ihren Ursprung in seinem Verständnis vom Christentum, das sich zu sehr auf Bultmann als dem »Orakel des Christentums« bezieht; besonders was dessen Interpretation von Paulus betrifft.

In ihrem Leben und in ihrem Tod hat Edith Stein auf das Vollständigste deren gegenseitige Einbindung ausgedrückt. Der hl. Paulus nannte dies »Geheimnis«; es geht dabei durch die Hingabe des Lebens des Messias um den Zugang der Heiden zum Bund, den Gott mit seinem Volk Israel besiegelt hat. Auf dem inneren Weg von Edith Stein, in ihrem Gebet und in ihrem Denken kann der leidende Messias, kann das Geheimnis des Kreuzes nicht vom Leiden Israels getrennt werden; und dies lange vor dem Aufkommen Hitlers. Die Kreuzestheologie bezeichnet auf prophetische Weise den Kern ihrer Konsekration, wenn sie Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz als Ordensnamen wählt. Durch den Glauben mit dem leidenden Messias vereint, ist sie mit ihrem Volk und für ihr Volk bis in die Gaskammer gegangen.

In einem persönlichen Gespräch mit Papst Johannes Paul II., als der Seligsprechungsprozeß von Edith zu seinem Ende gelangte, nannte sie der Papst Martyrerin. Ich wies den Papst darauf hin, daß, wenn sie in Auschwitz umgebracht worden ist, dies so geschehen sei, weil sie Jüdin war. Der Papst gab mir zur Antwort, daß er sie eben deswegen als Martyrerin betrachtete, umgebracht zur »Heiligung des Namens - Kiddush haShem«.

Die Zeugnisse bezüglich dieses Lebensabschnittes von Edith Stein zeigen auf, in welcher Geisteshaltung sie in dieser Prüfung voranschritt, in innerster Anteilnahme am Kreuzesgeheimnis ihres Herrn, sich ihrer wahren Natur bewußt, denn als Jüdin hat sie diese Prüfung ertragen.

Somit hat sie sehr wohl die Bestimmung Israels im christlichen Bewußtsein wiederverankert. Den Christen zur Verehrung stellt die Kirche Edith als Martyrerin vor, gestorben da Jüdin, gestorben um der »Heiligung des Namens« willen: »Kiddush haShem«.

In seinem Buch N'oubliez pas l'amour - Vergeßt die Liebe nicht (1987), Seite 241, sodann in seinem Buch Le monde de Jean Paul II - Die Welt des Johannes Paul II. (1991), Seite 82-83 hat André Frossard seinerseits dieselben Worte von Johannes Paul II. überliefert.

Diese Definition des Martyriums in Bezugnahme auf die jüdische Tradition stimmt überein mit einem der wesentlichen Kriterien, auf das sich die Kirche beruft, um das Martyrium festzustellen: Das Opfer muß zu Tode gebracht werden »in odium fidei – im Haß auf den Glauben«, entsprechend der überlieferten Tradition des christlichen Martyriums. Diese Definition bezieht sich, wie Johannes Paul II. mehrfach betont hat, auf alle Juden, die von den Nazis umgebracht wurden, da sie Juden waren, das heißt, im Haß auf die Offenbarung, die Gott ihnen anvertraut hat.

Selbstverständlich geht es hierbei nicht darum, alles zu vermengen. Doch wer weiß, was Martin Buber heute diesbezüglich hatte schreiben können?

Indem die Kirche somit heute ihr Martyrium erkennt, eignet sie sich bestimmt nicht mißbräuchlich ihren Tod an, sondern die Kirche achtet bis zuletzt ihre jüdische Identität, so wie Edith dies gewünscht hat.

Heute, da sie von der Kirche zu einer der Schutzpatroninnen Europas erklärt wurde, fordert uns Edith Stein auf, uns aufmerksamer und eingehender auf das Geheimnis der Kirche zu besinnen, um darin die Verbindung im Geiste mit dem jüdischen Volk zu entdecken, wovon uns das Konzil kündet.

Möge sie uns gewähren zu verstehen, welch einzigartige Hoffnung uns dabei zuteil wird in dieser Zeit der Passion inmitten der Nöte der Menschheit.

»0 Crux ave, spes unica,
in hoc passionis tempore.«

Einführung zum Runden Tisch über Edith Stein beim Katholikentag 2006 in Saarbrücken.
Text aus: Edith Stein Jahrbuch Band 13, 2007, hrsg. im Auftrag des Theresianischen Karmel in Deutschland durch das Internationale Edith Stein Würzburg unter ständiger Mitarbeit der Edith Stein Gesellschaft Deutschland e.V. , s. 119-123.

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