Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

Hanspeter Heinz – Ein theologischer Dialog zwischen Katholiken und Juden in Deutschland

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Hanspeter Heinz

Um Gottes willen miteinander verbunden.

Ein theologischer Dialog zwischen Katholiken und Juden in Deutschland

 

Einleitung

Seit fast dreißig Jahren gibt es beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) einen Gesprächskreis „Juden und Christen”, dem zurzeit elf jüdische und siebzehn katholische Mitglieder angehören.
Bevor ich die Phasen und Ergebnisse unseres Dialogs darstelle, will ich das ZdK und seinen Gesprächskreis kurz vorstellen. Im ZdK arbeiten seit 150 Jahren die katholischen Laienorganisationen, die insgesamt fünf Millionen Mitglieder zählen, auf Nationalebene zusammen. Durch Stellungnahmen zu grundsätzlichen und aktuellen kirchlichen und gesellschaftlichen Aufgaben beteiligen sie sich an der öffentlichen Meinungsbildung. Die größte Veranstaltung ist der „Katholikentag”, an dem alle zwei Jahre eine Woche lang etwa hunderttausend Menschen, vor allem die junge Generation, aus dem ganzen Land zu Gottesdiensten, Vorträgen, Arbeitskreisen und Kundgebungen zusammenkommen. Erstmals gab es auf dem Trierer Katholikentag 1970 einen Arbeitskreis „Die Gemeinden und die jüdischen Mitbürger”. Dort wurde eine Resolution an das ZdK verabschiedet, einen ständigen Ausschuss zu gründen, der in Zukunft für jeden Katholikentag einen jüdisch-christlichen Programmbeitrag vorbereiten sollte. Viele Tausende Katholiken und Nichtkatholiken begegnen auf den Katholikentagen zum ersten Mal in ihrem Leben Juden, ihrer Kultur und ihrem Lebenszeugnis. Dasselbe gilt für die evangelische Parallelveranstaltung, die Kirchentage.
Als auf dem ersten und bisher einzigen ökumenischen Kirchentag in Deutschland, dem „Augsburger Pfingsttreffen 1971”, Professor Klaus Hemmerle, damals geistlicher Direktor des ZdK, später Bischof von Aachen, im Auftrag des Präsidiums nach jüdischen Partnern und Partnerinnen für den Gesprächskreis sondierte, zündete der Funke. Als wir – ich war soeben zum Assistenten des geistlichen Direktors ernannt – in Augsburg Professor Ernst Ludwig Ehrlich aus Basel kontaktierten, liefen wir zum gegenseitigen Erstaunen offene Türen ein. Er war nämlich mit der gleichen Idee nach Augsburg gereist. Noch im selben Jahr wurde der Gesprächskreis „Juden und Christen” vom Präsidium ins Leben gerufen. Seit 1974 fiel mir die Leitung des Kreises zu. Es lag in der Eigendynamik der Sache, dass die ursprüngliche Zielsetzung der Mitgestaltung von Katholikentagen, der bis heute zielstrebig beibehalten wird, nach und nach erweitert wurde und der Kreis viele andere Aufgaben wahrgenommen hat:
– die richtige Darstellung von Juden und Judentum in Verkündigung, Unterricht und Bildung; ein Projekt war die Revision von Bibelausgaben, Religions- und Geschichtsbüchern für den Schulunterricht;
– die Vertiefung von Beziehungen zwischen der Kirche und dem jüdischen Volk; dem dienten unsere Reisen nach Israel und New York, Ungarn, Polen und Frankreich;
– philosophisch-theologische Grundlagenreflexion; dazu veranstalteten wir Klausurtagungen und Kongresse; etliche Veröffentlichungen wurden ins Englische, Französische, Polnische und Ungarische übersetzt;
– Erarbeitung von Stellungnahmen zu aktuellen Fragen für den Präsidenten des Zentralkomitees, zum Beispiel zur Anerkennung des Staates Israel durch den Vatikan.

Als theologisches Forum von Juden und Christen, Jüdinnen und Christinnen ist der Gesprächskreis des ZdK einzig in seiner Art. Denn die christlich-jüdischen Gesellschaften, die in den meisten Städten Deutschlands sehr aktiv sind, betreiben Erwachsenenbildung und Öffentlichkeitsarbeit, erarbeiten aber keine theologischen Erklärungen. Die Arbeitsgruppe „Fragen des Judentums” in der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz verfasst theologische und pastorale Stellungnahmen zum christlich-jüdischen Verhältnis, aber ihm gehören keine jüdischen Expertinnen und Experten an. Die theologischen Fakultäten der staatlichen Universitäten und kirchliche Hochschulen sind konfessionell strukturiert: entweder katholisch oder evangelisch bzw. jüdisch. Zwischen christlichen und jüdischen Gemeinden – nach dem Zuzug von 50.000 Juden aus östlichen Ländern in jüngster Zeit gibt es in Deutschland etwa 74.000 in jüdischen Gemeinden eingetragene Juden [1] – finden viele Begegnungen, aber kein religiöser Dialog statt. Der Zentralrat der Juden tritt für politische, kulturelle und andere öffentliche Belange der jüdischen Bevölkerung ein, widmet sich aber nicht den religiösen Fragen. Im Unterschied zu allen anderen Initiativen versteht sich der Gesprächskreis weder als politische Lobby für jüdische Belange noch als Träger von Bildungsveranstaltungen. Als Organ theologischen Dialogs auf Nationalebene ist er das einzige jüdisch-christliche Gremium dieser Art in Europa.

Ohne Zweifel markiert die Konzilserklärung Nostra aetate Nr. 4 eine geschichtliche Wende, die trotz mancher Rückschläge nicht mehr umzukehren ist. Die fast 2000jährige Geschichte der Fremdheit und Feindschaft gegenüber den Juden wurde von der katholischen Kirche offiziell beendet. Die Bilanz öffentlicher Erklärungen und repräsentativer Begegnungen zwischen Juden und Christen ist ermutigend. Doch genauso wichtig ist der innere Prozess, den einzelne und Gruppen erleben, wenn sie sich wie unser Gesprächskreis auf die vom Konzil geforderte christlich-jüdische Partnerschaft einlassen. Recht schematisch, weil die Phasen einander überlappen, lässt sich unser Arbeitsprozess in sechs Etappen gliedern.

Nie wieder Auschwitz!

In den ersten Jahren war das Interesse der jüdischen Partner und Partnerinnen gegenüber uns Katholiken bestimmend, gegen Missverständnisse und Unkenntnis des Judentums wirksam vorzugehen. Die Gefahr eines „neuen Auschwitz” schien nicht gebannt. Die Anfangsphase gestaltete sich oft wie ein theologisches Examen über die Nummer 4 der Konzilserklärung Nostra aetate. Nicht dass man den Mitgliedern des Kreises Judenfeindschaft zugetraut hätte. Die „Prüfung” bezog sich vielmehr auf ungewollte und unauffällige Formen des Antijudaismus. So wurde beispielsweise gefragt: Was denkt ihr über die Pharisäer zur Zeit Jesu, sind sie Heuchler? Was sagt ihr zum Vorwurf des Gottesmordes? Haltet ihr das Alte Testament für veraltet? Beansprucht ihr als Christen eine höhere Ethik, eine entwickeltere Humanität, eine bessere Glaubensweise verglichen mit der unsrigen? Was denkt ihr über die Unterscheidung: der Gott der Gerechtigkeit als Gott der Juden, der Gott der Liebe als Gott der Christen? Obwohl die katholischen Mitglieder unseres Kreises den Umbruch des Konzils interessiert und engagiert mitverfolgt hatten, mussten wir feststellen: Solche Fragen brachten uns oft in Verlegenheit, die Konsequenzen von Nostra aetate waren uns nur anfanghaft aufgegangen. In diesem heilsamen Lernprozess machten wir Christen die frappierende Entdeckung, dass wir unsere christliche Identität weithin auf Kosten der Juden bestimmten, indem wir ihnen insgeheim eine theologische und ethische Minderwertigkeit attestierten. Weil Juden uns ihr Selbstverständnis darlegten, mussten wir Christen unser mitgebrachtes Verständnis vom Judentum in vieler Hinsicht korrigieren und ergänzen, in der Folge auch unser Selbstverständnis modifizieren. Die Informationsphase verlangte gründliches Umdenken.

Damit sich unsere Einsichten über das Judentum durch Akademietagungen, Katholikentage, einen veränderten Religions- und Geschichtsunterricht im christlichen Milieu ausbreiten, regte der Kreis an der Universität Freiburg i. Br. unter Führung des Religionspädagogen Günter Biemer und des Exegeten Peter Fiedler ein Forschungsprojekt an, um katholischen Religionslehrern und -lehrerinnen sachgemäße Hinweise für die Gestaltung des Religionsunterrichts zu geben. Das Ergebnis ist das vierbändige Handbuch Lernprozeß Christen Juden. [2]

Eine weitere Konsequenz aus der Notwendigkeit einer authentischen Information über das Judentum waren zwei Studienreisen des Präsidiums des Zentralkomitees mit Mitgliedern des Gesprächskreises nach Israel (1975 und 1981). Dort konnten wir Vielfalt und Lebendigkeit des Judentums, aber auch die ungeheuren Schwierigkeiten kennen lernen, nach fast 2000jähriger Diasporaexistenz in einem eigenen Staat jüdische Kultur und demokratische Politik zu gestalten, und das unter dem Anspruch, sowohl die Treue zur eigenen Tradition zu wahren als auch dem Lebensrecht nichtjüdischer Bürger Rechnung zu tragen. Eine Frucht dieser Reisen war die Handreichung Reise ins Heilige Land, deren zentrales Anliegen der Aufweis war, warum dieses Land Juden, Christen und Muslimen auf je ihre Weise heilig ist. Weitere Reisen folgten 1986 nach New York, wo die größte jüdische Diaspora existiert, und 1991 nach Ungarn, wo noch ca. 100.000 Juden leben und der christlich-jüdische Dialog gerade erst beginnt. Die Polenfahrt im Jahr 1993 öffnete uns die Augen dafür, dass die christlich-jüdische nicht ohne die deutsch-polnische Versöhnung gelingen kann. Die jüngste Begegnung fand 1999 in Paris statt, das Land mit der größten Judenheit (300.000 Juden) in Europa. Die Fahrten haben eine Vielfalt bleibender Kontakte begründet.

Dialog verlangt Zeitgenossenschaft

Nach einigen Jahren der Zusammenarbeit war es keine Frage mehr, dass die katholischen Partner den radikalen Einschnitt in den christlich-jüdischen Beziehungen, den das Zweite Vatikanische Konzil markiert, mitvollzogen hatten. Wir Christen anerkannten, dass das Christentum im Judentum, und zwar nicht nur im Judentum von einst, bleibend verwurzelt sein muss, will es nicht an sich selbst sterben. Nach Paulus (Röm 9-11) trägt die Wurzel den Baum, trägt Israel die Kirche. Was aber – so die christliche Gegenfrage – bedeuten die Christen und ihr Glaube für Juden und deren Existenz? Trotz der Asymmetrie des Verhältnisses, weil Juden auch ohne Rückbezug auf die Christen Juden sein können, würde die Antwort: „Nichts. Euer Glaube geht uns nichts an!” einen wirklichen Dialog, eine wahre Zeitgenossenschaft im Keim ersticken.
Die Prüfung dieser Problematik brachte beide Partner in Verlegenheit. So ging zum Beispiel uns Katholiken auf: Dieselben Vorbehalte und Vorwürfe, die wir seit der Reformation bis zum Beginn des ökumenischen Dialogs von Protestanten hörten und gegen die wir uns wehrten, erheben wir gegen die Juden. In der Epoche der Apologetik betrachteten die Protestanten uns Katholiken als anschauliches Denkmal jener unseligen Vergangenheit, in der Rom Gnade und Glaube durch Werkgerechtigkeit und Gesetzesfrömmigkeit niederhielt, bis sie durch Martin Luther und die anderen Reformatoren zur Freiheit der Kinder Gottes befreit wurden. Setzten wir Katholiken uns nicht genauso apologetisch und mit demselben Argumentationsmuster von den Juden ab?
Den jüdischen Partnern kam die Einsicht, dass auch sie echte Zeitgenossenschaft blockieren, solange sie sich mit der Aussage begnügen, dass sie ohne Jesus von Nazaret und ohne christliche Kirche ihre jüdische Identität voll entfalten können. Müssen wir – so ihr Zweifel – nicht darüber hinaus zur Kenntnis nehmen, dass der Gott Israels auch im Christentum am Werk ist und dass der christliche Anspruch der Abrahamskindschaft nicht als Anmaßung abgetan werden kann?
 
Solche Verlegenheiten provozierten in uns den Entschluss uns nicht nur aus politischen Gründen, sondern auch und zuerst „um Gottes willen” einander zuzuwenden und uns gemeinsam von Gott für seine Herrschaft in dieser Welt in Dienst nehmen zu lassen. Das Ergebnis unserer Reflexion veröffentlichten wir 1979 in dem Arbeitspapier Theologische Schwerpunkte des jüdisch-christlichen Gesprächs, das als eine der besten Aussagen zum Verhältnis von Judentum und Christentum gewürdigt wurde.
 
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