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Halina Birenbaum – Leben als Hoffnung

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Halina Birenbaum

Das Leben als Hoffnung

Meine Jahre – eine Ewigkeit in der Shoah


Nach den erlebten Dramen in den Jahren des Holocaust erlangte ich meine Freiheit mit einer Leere im Herzen. Eine Menge Verwaiste, Ruinen, Schutt und Asche im Nachkriegswarschau. Nichts um mich herum Nichts auch in mir.... Endlich hatte ich einen ganzen Laib Brot in den Händen, durfte schneiden, wie viel nur die Seele wünschte. Es war mir jedoch eng in den vier Wänden der Wohnung und in mir. Ich wollte nicht so sein wie meine Mutter vor dem Krieg – nur Kummer ums Haus, Kochen, Putzen – mit meinen fünfzehn Jahren war ich schon um vieles reifer als sie! Während der Jahre des Krieges und der Besatzung verbrachte ich einen riesigen Weg von der Kindheit über das Altwerden bis zum Tod. So viele Male sah ich dem Tod in die Augen, starb vor Angst in der Spannung der vorletzten Momente: Solch große Menschenmengen brannten vor meinen Augen – wie könnte ich im Gefängnis jener Bilder und Stimmen in die normale Alltäglichkeit, in die Freiheit hineingehen?

Ich träumte, ich würde auf einer menschenleeren Insel wohnen wollen, sollte es mir gelingen, die Hölle zu überleben, was in meinem Fall nach den Naziregeln, die das ganze jüdische Volk zum Vernichten verurteilten, und in erster Reihe Alte, Kranke und Kinder, sehr unwahrscheinlich war. Ich war illegal sogar in den Lagern – dorthin ließ man lediglich Junge, Gesunde herein, und auch das hing davon ab, wie viele für Zwangsarbeit benötigt wurden, den Rest schickten sie ins Gas. Mein Leben und meine Rettung zeigte sich als eine Reihe von Zufällen ... Bis heute.

Im September 1939 wurde ich zehn Jahre alt und erreichte die 3. Abteilung der Grundschule. Ich hatte liebevolle Eltern, zwei ältere Brüder, Großeltern sowohl seitens meiner Mutter als auch meines Vaters, und zahlreiche Verwandtschaft. Wir waren unvermögend. Marek, mein um elf Jahre älterer Bruder, studierte Medizin und war ein besonders begabter und fleißiger Student – der um sieben Jahre ältere Bruder Chilek besuchte eine Berufsschule. Mein Vater verdiente den Familienunterhalt als Handelsvertreter, die Mutter führte den Haushalt und trug mit Häkeln zum Unterhalt bei. Aufgrund der Kunde vom nahenden Krieg kamen in diesem Sommer Mutters Eltern und Schwestern mit ihren Familien nach Warschau. Sie dachten, hier wird es leichter sein zu überleben als in Żelechowo. Die Familie des Vaters blieb in Biała Podlaska.

Am 1. September ertönte die Alarmsirene – und seitdem unterbrach ich den Schulbesuch für die gesamte Kriegszeit. Den Himmel über Warschau bedeckten Geschwader deutscher Messerschmidts, es fielen zerstörende und zündelnde Bomben nieder, es kam zu Bränden, für deren Löschung die Mittel fehlten. Häuser stürzten und begruben Tausende von Menschen. Diese Hölle dauerte drei Wochen lang. Es fehlte an Essen und Wasser ... Man schleppte aus den Läden Konserven mit Sauergurken, Marmelade heraus, man holte Wasser aus der Weichsel – Menschen fielen auf dem Weg getroffen von Splittern, Schrapnellen. Bombengetöse tagsüber und nachts, Feuerscheine, der Geruch der sich unter Schutt zersetzenden Leichen und der Brände, das Heulen der Alarmsirenen und die Durchsagen aus den Lautsprechern: „Achtung, es nähert sich   , beendet   , fängt an   , fängt an!“ ...

Am größten jüdischen Feiertag des Jüngsten Tages, Jom Kipur, bombardierten die Deutschen besonders heftig den von Juden bewohnten Stadtteil, und unsere Straße brannte. Es war die Nacht nach dem großen Fasten und inbrünstigen Gebeten. Wir liefen aus dem brennenden Haus hinaus, packten in die Hände, was sich mitnehmen ließ. Wir versteckten uns im Keller des Hauses eines Bekannten. Hier herrschte ein Gedränge, Geruch von Schimmel, menschlichen Ausatmungen und eine unbeschreibliche Niedergeschlagenheit. Manche verloren aus Entsetzen das geistige Gleichgewicht, murmelten irgendwelche unverständlichen Wörter. Ich betrachtete die Erwachsenen, las aus ihren Gesichtern, aus jeder Bewegung, und reifte in unerklärlichen Situationen der um uns herum einstürzenden Welt.

Bis endlich die Stille kam. Stille der Niederlage, der Zerstörung und Trauer. Auf den Straßen Menschen mit Bündeln auf den Rücken. Auch wir in der Welle der Unterschlupf-Suchenden. Ich erblickte zum ersten Mal Deutsche. Sie marschierten herrisch auf Warschaus zerstörten Straßen, wie eine für ewig verschließende, unbesiegte Todesmauer. Menschen drängten sich an Brotausgabestellen. Die deutsche Soldateska zog brutal Juden aus den Schlangen heraus und misshandelte sie.

Wir fanden ein Zimmer in der Wohnung einer nach dem Schock der Bombardierungen gelähmten Zahnärztin. Ihr Ehemann, ebenso Zahnarzt, verstarb vor dem Krieg. Sie, zwei Töchter und ein Sohn – Zahntechniker - bezogen jetzt ein Zimmer, die übrigen vier Zimmer und die Küche vermieteten sie. Elusia, zwei Jahre älter als ich, und eine um ein Jahr von mir jüngere Erna, die mit ihren Eltern im Nachbarzimmer wohnten, wurden meine Freundinnen. Wir wohnten zusammen bis zur „Aussiedlung“.

Die Deutschen befohlen Juden ab dem zwölften Lebensjahr eine weiße Binde mit blauem Davidstern auf dem rechten Unterarm zu tragen, um sie von anderen Menschen unterscheiden zu können. Sie führten Razzien nach Juden durch, erschossen sie unter niedrigsten Vorwänden, oder aber auch ohne Vorwand. Sie verboten den Juden die Zug- und Straßenbahnfahrt, das Lernen, das Beten in den Synagogen, das Versammeln in größeren Gruppen, verkündigten eine Polizeistunde mit rücksichtslosem Aufenthaltsverbot außerhalb des Hauses ab sieben Uhr abends. Tagsüber füllten Massen die Straßen. Die Menschen verkauften eigene Kleidung, Bettwäsche, Unterwäsche um ein von Tag zu Tag teureres und schlechteres Brot, Kartoffeln, Pellgraupen, nasses Holz kaufen zu können. Um irgendwie den Tag in der Hoffnung zu überleben, dass der Krieg bald mit der Niederlage der Deutschen zu Ende geht und alles zum normalen Ablauf zurückkehrt.

Das Grauen wuchs jedoch mit jedem Tag, Krankheiten, Hunger. Ein nach dem anderen Mal drang von der Straße ein entsetzlicher Schrei herein: Die Deutschen! – und es fuhren triumphal Lastwagen in die überfüllten Straßen ein, SS-Männer sprangen hinunter, schossen nach den Weglaufenden. Mit einem Handwink und dem Ruf „Halt!“ hielten sie Männer auf, die sie mit Schlägen auf die Lastwagen brachten. Sie stürmten die jüdischen Häuser, um Möbel und andere Gegenstände aus den Wohnungen und Läden herauszuholen, führten die Eigentümer heraus – Väter, Söhne – und erschossen sie.

Die Gerüchte vom Ghetto für Juden bestätigten sich bald, wie all die schlimmsten, unvorstellbaren Vorhersagen. Eine hohe Mauer trennte uns im Spätherbst 1940 von den Ariern. Die Deutschen befohlen allen Juden, innerhalb einer Stunde die Wohnung zu verlassen und sich auf dem beschränkten Areal der ärmsten Warschauer Gegend einzufinden. Hierher trieben sie zusätzlich Juden aus anderen Städten im Fußmarsch, töteten die Schwachen auf dem Weg, die Kranken im Bett.

Hunderttausende waren ohne Dach über dem Kopf, hatten gar nichts mehr, drängten sich in einer unmöglichen Enge in ehemaligen Schulklassen und anderen öffentlichen Gebäuden, den sogenannten „Punkten“ zusammen. Dort starben sie massenhaft an Hunger, Dreck, Epidemien. In den „Punkten“ reichte der Platz nicht für alle Vertriebenen. Sie lagen auf den Straßen, in den Innenhöfen, in Treppenhäusern; sie bettelten, schwollen an aus Hunger, Erfrierungen. Es gelang nicht, die Leichen wegzuschaffen, man bedeckte sie mit Zeitungen, bis sie von einem Wagen abgeholt wurden, um sie in Massengräbern zu verscharren.

Ich war in der Menge, wuchs in ihr auf und lernte das Leben inmitten der allgemeinen Zerstörung. Ich spielte zusammen mit anderen Kindern, die Menschen im Gedränge auf der Straße anstoßend, neben den mit Zeitungen bedeckten Leichen ... Zum späteren Zeitpunkt sammelten wir unter der Schirmherrschaft des Hauskomitees Geld für die Bettler und für hungernde Nachbarn. Wir hefteten Passanten Papierschleifen an, damit sie einige Groschen spenden. Manchmal traten wir abends in Häusern vermögender Familien auf, Gedichte rezitierend und Vorkriegs- und Ghettolieder singend. Selbstverständlich nahmen an dieser Aktion nur Kinder und Jugendliche teil, die zur Zeit noch nicht hungerten und nicht betroffen waren.

Unsere Familie hungerte damals auch noch nicht. Marek arbeitete im jüdischen Krankenhaus, verdiente etwas bei ärztlichen Eingriffen. Der polnische Fabrikbesitzer von Maggi-Konserven, dessen Vater bei der Lieferung von Rohstoffen aus Galizien vermittelte, beschaffte uns Erbsen, braunen Zucker und Konserven als Entlohnung für die Arbeit. Für Geld konnte man nur wenig kaufen, weil sich alles von Stunde zu Stunde verteuerte. Die Fabrik des Ingenieurs Strójwąs befand sich an der Ghettogrenze, was diese Kontakte bis zu einem gewissen Zeitpunkt ermöglichte. Die meisten der erhaltenen Produkte verkauften wir, um Brot, Kartoffeln, Holz für die Heizung des Zimmers beschaffen zu können.

Ich lernte sogar unter diesen Umständen. Unter Führung und striktem Befehl meines älteren Bruders arbeitete ich den Stoff ab der dritten Abteilung der Grundschule bis zur ersten Gymnasialklasse durch. Marek lehrte mich auch Französisch. Vielleicht, um mich von der schweren Realität fern zu halten – oder in der Hoffnung, wir erleben das Kriegsende und ich versäume nichts in Sachen Bildung...

Ich las besonders viel, auch Gedichte, die ich sehr schnell auswendig lernte. Ich fand darin eine Flucht von dem ringsherum herrschenden Grauen, immer schrecklicheren Meldungen von Siegen der Deutschen an den Fronten, Morden an Juden, Bau von Dampf- oder Gaskammern für eine massenhafte Vernichtung in Chełm, Biełżec, und den schrecklichsten von allen – in Auschwitz!... Ich war elf, als ich anfing darüber zu schreiben, was um uns herum geschah, ohne in mir die Unmenge der Grausamkeiten, der immer schrecklicheren Nachrichten und der hoffnungslosen Kommentare der Erwachsenen aufzunehmen.

Zwei Fenster unseres Zimmers verschlug man mit Sperrholz, als Beleuchtung diente die Flamme aus einem Gasrohr, und später eine stinkende Karbidlampe. Wir schliefen auf dem Fußboden, die Eltern und Brüder auf zwei Matratzen, und ich, als Jüngste (meine Mutter lehrte mich stets, Älteren nachzugeben, wogegen ich mich auflehnte) auf einer Schlafstätte aus einer Steppdecke. Als alle Juden ins Ghetto getrieben wurden, bekamen wir von Bekannten eine Liege, einen Tisch und vier Stühle. Wiederum musste ich nachgeben ... es gab keinen fünften Stuhl. Es fand sich jedoch eine Matratze für mich, weil meine Brüder es vorzogen, auf der Liege zu schlafen.

Zum Glück blieb unsere Straße im Ghetto und wir brauchten nicht, wie die Mehrheit der Juden, eine andere Bleibe zu suchen. Die Deutschen verkleinerten mehrmals das Ghetto und die Menschen blieben einfach auf der Straße, starben massenhaft. Die Familie der Zahnärztin nagte am Hungertuch beinahe von Anfang an. Keiner zahlte später die Miete, beziehungsweise ließ seine Zähne behandeln ...

Es vergingen zwei Ghettojahre. Ich träumte, ich wache eines Morgens auf, und es wird keine Deutschen in Warschau mehr geben, sie verschwinden einfach aus unserem Leben, so, wie sie in dieses eindrangen ...

Ende Juli 1942 beklebte man die Mauern mit Plakaten in polnischer und deutscher Sprache, wonach alle Juden zur Arbeit in den Osten ausgesiedelt werden. Im Ghetto sollen nur wenige bleiben, die für die Deutschen zur Arbeit in sogenannten Schuppen benötigt werden, wo man Uniformen und Stiefel fürs deutsche Militär herstellte, und in Fabriken auf der arischen Seite. Die Beschäftigten sollen Ausweise erhalten, die sich bald als Berechtigungsschein zum Leben erweisen sollten, und man zahlte dafür hohe Schmiergelder.

Panik und Verzweiflung beherrschten das ganze Ghetto, verschlimmert durch die Nachricht über Czerniakows Selbstmord, des Präses der jüdischen Gemeinde. Der Präses, sonst immer gehorsam, wollte den Aussiedlungsbefehl nicht unterschreiben, was die schlimmsten Befürchtungen auslöste. Zeitgleich gab es keine Nahrungsmittel mehr. Die Worte: Aktion, Blockade, Aussiedlung, Waggons, Umschlagplatz wurden seitdem ausschließlich zu unserer Realität, als einziger Lebensinhalt. Über Treblinka wussten wir anfangs nichts ... Unser Umschlagplatz ist ein großer, verschanzter Platz Stawki vor der Schule, die Chilek bis zum Kriegsanfang besuchte. Hier warteten täglich Viehwaggons, in denen die Deutschen ergriffene Juden wegtransportierten. Zuerst waren Vertriebene aus den „Punkten“, Straßenbettler, Kranke und Behinderte, die vor Hunger und Erfrierungen anschwollen, an der Reihe.

Ich stellte keine Fragen, beschwerte mich nicht, staunte nicht – man roch alles in der Luft, las in den menschlichen Gesichtern, im Angesicht des Todes und in der Angst vor ihm. Sogar Kleinkinder begriffen, dass man schweigen muss, das verbotene Dasein in dichter Finsternis eingraben, den Atem, Herzschlag – um nicht gefunden und in den rätselhaften, schrecklichen Osten herausgefahren zu werden ... Wir zogen das Beste von Kleidung, Schuhen, einige paar Unterwäsche, Kleider, Pullis an – für den Fall, dass wir gefasst und in ein schreckliches Lager gebracht werden, damit wir uns dort umziehen, oder es gegen Nahrung umtauschen könnten. Die Mutter steckte in ihr Körbchen etwas Mehl, Pellgraupen, etwas Würfelzucker, eine Flasche Öl herein. Wir verabschiedeten uns von den Nachbarn. Damals wussten wir noch nicht, dass es für immer sein wird.

Tante Felas Moszkowicz Wohnung, der jüngeren Schwester meiner Mutter, befand sich in einer anderen Straße in der fünften Etage. Wir dachten, so hoch kommen sie nicht, um uns zu holen und zum Umschlagplatz zu verschleppen ... Die Mutter wollte in so einer Zeit zusammen mit ihrer geliebtesten Schwester sein. Den Onkel zogen die Deutschen zusammen mit anderen Juden aus dem Zug heraus und erschossen trotz der Passierscheine. Deren Sohn Kuba, gleichaltrig mit Chilek, fuhren die Nazis nach Starachowice zur Arbeit aus, wo er ohne Lebenszeichen verschollen ist. Dies geschah noch vor der Aussiedlung nach Treblinka ... Es blieb nur die Tante mit Halina, meiner um zwei Jahre älteren Cousine, am Leben. Seitdem hielten wir zusammen.

Die Razzien fingen um 8 Uhr morgens an und wüteten bis in den Abend. Täglich wurden die Ghettostraßen blockiert und Tausende von Juden in Kolonnen zum Umschlagplatz gezerrt.

Die Deutschen und ihre Helfer drangen in alle Häuser und Wohnungen ein, auf jede Etage, gelangten in alle noch so präzise maskierten Verstecke, Keller, Dachböden. Sie schlugen mit Brechstangen die Türen, jedes Hindernis ein und einprügelnd, schießend, jagten sie die Menschen in die Kolonnen, die auf der Fahrbahn formiert wurden, von wo aus sie von Eskorten bewaffneter SS-Männer zu den Waggons geführt wurden. Täglich waren es 15 bis 17 Tausend Juden, soviel, wie viel nur die Waggons fassen konnten!

Die Aktionen verstärkten sich. Es wurde immer leerer auf den Straßen, Blutlachen auf den Bürgersteigen und Straßen, verlassene Häuser, Wohnungen – Geisterstraßen. Zerstreute Sachen, Briefe, Fotos, überall herumfliegende Federn aus während der Durchsuchungen aufgetrennten Kopfkissen. Ein Lokomotivpfiff drang tief in mein Herz, wie ein Messer hinein – hierher wirst du mal gehen, das erwartet dich, eine schreckliche Station, das Ende von allem! ...

Der Vater fand eine Arbeit im Schuppen Dank eines Verwandten; uns fehlte das Geld, um Schmiergelder zu bezahlen. Er bekam einen Ausweis, der auch „Deckung“ für die Ehefrau und das Kind eines „produktiven“ Juden bedeutete, also für Mutter und mich. Der Direktor war der Besitzer der Schuhfabrik. Es zeigte sich jedoch, dass die vielversprechende und gut bezahlte Funktion ihn, seine Ehefrau und deren drei Kinder nicht vor dem Tod in Treblinka bewahrte. Keiner konnte sich dem allmächtigen Urteil der deutschen Vernichtung entziehen.

Marek blieb im Krankenhaus tätig, das zur Zeit in Betrieb war – zum Vorwand, dass nicht alle ausgesiedelt werden, dass es Bessere gibt, Auserwählte, zum Leben Bestimmte ... Er hatte also einen Ausweis. Chilek nahmen sie in die Gruppe der am Umschlagplatz Beschäftigten auf, hefteten ihm eine Blechnummer als Zeichen an, dass er produktiv ist und von der Ausfuhr verschont wird. Zu seiner Aufgabe gehörte, die beim Treiben in die Waggons erschossenen, beziehungsweise zum Tode geprügelten Juden, herauszutragen. Das Grauen, das aus seinen Augen hinausblickte, als er zum ersten Mal von der Arbeit zurückkehrte, versetzte mich in weitere Etappen meiner Reife.

Ich vergas den mich ständig plagenden Hunger, die Sehnsucht nach einem zusätzlichen Löffel wässriger Klöße, die meine Mutter am Abend bei einer unscheinbaren Kerze in einer nach Aussiedlung leergebliebenen Wohnung kochte, die heimliche Entnahme eines extra Würfelzuckers, den sie je ein paar Stunden in den Verstecken wie Medizin verteilte, aus ihrem Korb. Bis heute weiß ich nicht, woher die kleine, physisch schwache Frau Mut und Kraft schöpfte, diese Klöße zu kochen.

Chileks Gesichtsausdruck zeigte mir die Tiefen der Verzweiflung, in der nichts mehr davon, was bisher als Maßstab galt, was man lehrte und seit Generationen weitergab, eine Bedeutung hatte, alles blieb weit entfernt von uns ... Plötzlich wuchs ich in mir, als ob ich den Inhalt der größten Bücher der Welt, der nicht von Menschenhand geschriebenen, durchdrang. Ich verstand das Unbegreifliche und das Geheimnis der Beharrung darin, alles andere wurde nichtig und elend bis zum Absurden. Mein Bruder hielt den Kopf in den Händen und murmelte nur: Fragt mich nicht, wie die dort mit Menschen umgehen!!!

Ich umarmte meine Mutter in engen, stinkenden Verstecken, drückte stark ihre Hand, hielt den Atem an in höchster Anspannung, wenn sich das Stampfen der Stiefel der SS-Männer näherte, und der das Blut in den Adern zum Frieren bringende Aufruf: Halt, Jude! Schmerzensjammer, Nachhall der Schüsse, hier nebenan, als ob schon in mir!

Mutters Ruhe, ihre Beherrschung, der aus ihr strahlende Glaube und der sture Wille zu leben, waren für mich Wegweiser und Fundament, an dem ich reifen, blitzschnell Empfindlichkeit und Intuitionsschärfe entwickeln konnte. Ich ging mit ihnen meinen langen, unmöglichen Weg durch den allgemeinen Tod – ins Leben. Es vergingen die immer schwerer werdenden Wochen in Kellern und auf Dachböden in ständiger Angst, Unsicherheit des Augenblicks, ohne Nahrung, ohne Waschmöglichkeit, ohne Wäschewechsel, stets voll angezogen, mit Schuhen an den Füßen, in ständiger Bereitschaft auf das Schlimmste – die Ausfuhr gen Osten. Sie jagten dorthin schon hunderttausende Juden, unter ihnen alle uns Nahestehenden. Es wuchs die Zahl der Waisen, Ratlosigkeit.

Abends in der Dämmerung stiegen wir vom Dachboden hinunter, um draußen ein bisschen frische Luft zu atmen. Um die späte Tageszeit führten sie keine Razzien durch. Der Vater kam gerade aus dem Schuppen, Chilek nach seinem „Dienst“ am Umschlagplatz zurück, und so standen wir zusammen erschöpft nach einem wie die Ewigkeit langen Tag. Plötzlich fuhren aus vier Seiten der Straße Rikschas an, aus denen bewaffnete Deutsche, Litauer und Letten heraussprangen. Das Versteck auf dem erhitzten Dachboden wurde ein unerreichbares Paradies aus der vergangenen Epoche ... Das Wort „Halt!“ trug uns sofort in eine neue, einzig aktuelle Realität. Und schon sind wir die erste Viererreihe der Kolonne, die sich durch die Zurückkehrenden aus den Betrieben auf der arischen Seite vergrößerte. Eine Lauer auf die mit den besten Passierscheinen.

Auf der Straße lagen die ins Ghetto hereingeschmuggelten Kartoffeln, Zwiebeln, Zucker. Auf beiden Seiten der Kolonne unsere Herrscher und Henker. Schläge, Schüsse bei jeder Bewegung. Es versetzte mich in meiner Entwicklung um eine Ewigkeit voran. Die Mutter beruhigte, dass wir zur Feldarbeit fahren werden, dass wir jung und gesund sind, dass uns nichts Schlimmes droht. Ich solle nur überall erzählen, ich sei 17 Jahre alt! Sie zwackte meine Wangen, um sie zu erröten – ein Gesundheitsmerkmal, knüpfte mir schnell aus den Zöpfen eine Krone, damit ich größer aussah. In irgend einer Weise imponierte es mir und weckte Neugier.

Ich fühlte mich als ein Teil der großen Kolonnen von Menschen, mit äußerst gespannten, konzentrierten Gedanken und Nerven. Die Mutter schenkte mir bisher niemals so große Aufmerksamkeit. Sie schaute mich jetzt an, als wenn sie mein Schicksal durchdringen, vor ihm bewahren wollte. Wir wurden zum Umschlagplatz geführt. Massen von in ganztägiger Aktion gefangenen Juden, ein Geschiebe, Schreie, Gedränge! Verzweifelte Suche nach einem Versteck, nach Wasser, nach verloren gegangenen Kindern, Nächsten, um zumindest zusammen mit dem Zug wegfahren zu dürfen.

Plötzlich bringen die Deutschen ein Maschinengewehr und stellen es in der Mitte des Platzes auf, in die Menge zielend. Es wurde mucksmäuschenstill. Der vorletzte Augenblick ... Wir umarmen uns stark alle vier, schauen uns tief in die Augen, wie man es vor dem Für-Immer-Weggehen macht. Nach einer Weile wird es uns nicht mehr geben. Chilek darf weggehen – man wird ja die Leichen wegschaffen müssen – doch er bleibt mit uns. Der Vater drückt uns krampfhaft an sich, die Mutter rückt ein bisschen ab, schaut mich konzentriert und liebevoll an: Jeder muss irgendwann sterben, sagt sie – wir sterben jetzt zusammen. Hab keine Angst, es wird nicht schlimm sein ... Ich hatte keine Angst mehr, sogar der Tod kam mir harmlos und unbedeutend vor angesichts der Macht der Gefühle in der letzten Umarmung, in voller Empfindung unserer Menschlichkeit, die alles andere in den Schatten stellt.

Pfiff des heranfahrenden Zuges. Das Maschinengewehr wurde entbehrlich. Sie werfen sich gegen uns mit Gewehrkolben, Schlagstöcken, Ruten, schießen in die irre Menge, sie in die Waggons treibend: Deutsche Gendarmen, SS-Männer, polnische und jüdische Polizei! Laute Schreie, Beschimpfungen, Weinen. Der Vater sagt, er zeigt vor dem Waggon seinen Ausweis, und wir werden entlassen, Chilek hat die Nummer eines Beschäftigten des Umschlagplatzes und ist von der Ausfuhr nicht bedroht. Die Mutter schenkt den Papieren keinen Glauben, nimmt mich und Chilek an die Hand und entfernt sich mit uns vom Zug. Der Vater versucht die Mutter zu überzeugen, geht jedoch hinter uns, damit wir nicht verloren gehen. Das Wichtigste jetzt – Zusammenbleiben!

Wie aus dem Boden wächst eine Gruppe jüdischer Polizisten auf, umkreist den Vater. Deren Schlagstöcke fallen auf ihn von allen Seiten. Der Vater versucht sich mit den Händen zu schützen, dann bückt er sich, Schläge fallen auf seinen Rücken, und er verschwindet in der Menschenmenge. Für immer. Ich habe sogar kein Foto meines Vaters. Dies ist sein letztes Bild vor meinen Augen. Es blieb in mir fürs ganze Leben.

Chilek fing an zu schreien die Mutter anflehend: Komm in den Zug. Was mit allen Juden passieren wird, soll eben auch uns passieren! Sie kennen hier jedes Versteck, ermorden euch und befehlen mir, eure Leichen zu beseitigen, ich will diesen Moment nicht erleben! Ich war des ständigen Sich Versteckens und der Anspannung auch schon satt, fühlte eine Kraft und Stütze in dieser Menschenmenge. Die Mutter hörte jedoch nicht zu: dumme Kinder, sagt sie ruhig, der Zug bedeutet den Tod, dorthin gelangen wir immer noch ... Endlich beruhigte sich alles, wir blieben zu dritt in einer Ecke des Platzes. Auf der Erde Bündel, zerstreute Sachen, verlorene Schuhe. Entsetzliche Friedhofsstille.

Chilek versteckte uns im Kanal, wo wir beinahe erstickten. Öfters zog er von hier aus Leichen heraus. Zum Glück zeigte sich bald, dass die Waggons nicht alle fassen konnten, eine Gruppe gefangener Juden wurde ins Polizeigebäude gebracht. Wir konnten zusammen mit ihnen den nächsten Morgen abwarten, bis zur Ankunft eines neuen Zuges. Der Mutter gelang es inzwischen, einen jüdischen Polizisten zu bestechen. Er zeigte sich bereit, für einen Hochzeitsring, zwei Kilogramm Reis und Vaters Anzug – all das hielten wir auf einem Dachboden versteckt – uns in die „Freiheit“ zu bringen! Als gewöhnlicher Bestechungspreis fürs Wegbringen vom Umschlagplatz galten 10.000 „pro Kopf“.
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