Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

Gebete

  • Kreuzwegmeditation in Birkenau

    "Mein Gott, mein Gott,

    warum hast Du mich verlassen?" 

     

    Vorwort

    Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreit. Es scheint, als begännen wir 50 Jahre später gerade erst zu ahnen, wie tief das, was hier geschehen war, das europäische Selbstbewußtsein in Frage stellt. Wenn wir überhaupt aus der Geschichte lernen wollen, wenn wir ernsthaft Verantwor­tung für die Zukunft übernehmen wollen, dann müssen wir uns der radikalen Erschütterung, für die das Wort "Auschwitz" zum Symbol geworden ist, stellen. Diese Kreuzwegmeditation will Christen, die sich darauf einzulassen bereit sind, eine Hilfe anbieten.

    Papst Johannes Paul II., ehemals für Auschwitz zuständiger Erzbischof in Krakau, sagte am 24.06.1988 im ehemaligen Konzen­trationslager Mauthausen in Österreich: "Mensch von gestern - und von heute, wenn es das System der Vernichtungslager auch heute noch irgendwo in der Welt gibt - sage uns, was kann unser Jahrhundert an die nachfolgenden vermitteln? Sage uns, haben wir nicht mit allzugroßer Eile Deine Hölle vergessen? Löschen wir nicht in unserem Gedächtnis und Bewußtsein die Spuren der alten Verbrechen aus? Sage uns, in welche Richtung sollten sich Europa und die Menschheit «nach Auschwitz» ... «nach Mauthausen» ent­wickeln? Stimmt die Richtung, in die wir uns von den furchtbaren Erfahrun­gen von damals entfernen?"

    Wie kein anderer Ort steht "Auschwitz" für die Krise der europäischen Kultur im 20. Jahrhundert. Eine Besinnung über die Rolle des Christentums in Europa hat auf die Stimme der Opfer zu hören, die mit zur europäischen Kulturgeschichte gehören. Das gilt insbesonde­re auch im Hinblick auf das Jahr 2000, zu dessen Vorbereitung notwendig eine Gewissenser­forschung gehört1. Man wird die Kultur Europas daran messen können, wie die Menschen mit diesem Ort umgehen.

    Der richtige Umgang mit "AUSCHWITZ" ist nicht leicht, wie zahlreiche schmerzhafte Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre gezeigt haben. In Bezug auf die religiöse Dimension stan­den Fragen im Vordergrund wie: Wo war Gott in Auschwitz? Kann man "nach Auschwitz" oder gar "in Auschwitz" beten? Muß man nicht viel eher schweigen? Und: Wie sollen Christen mit diesem "Fried­hof" umgehen, auf dem die weitaus meisten Toten Juden sind?

    Meine persönliche Begegnung mit Auschwitz ist die eines deutschen Katholiken; ich kann nicht anders, als meine Identität mitzubringen. Sie begleitet mich, wenn ich durch Auschwitz gehe, wenn ich Zeugnisse lese oder ehemaligen Häftlingen begegne; sie begleitet mich, wenn ich mich frage, was mir dieser Ort bedeuten soll, sie prägt mich, wenn ich hier bete. Wie anders als mit den Ausdrucksformen der eigenen religiösen Identität soll ich mit diesem Ort umgehen? Zwei wesentliche Bedingungen gibt es: die Toten und die Gefühle ihrer Angehörigen zu achten und die eigenen Überzeugungen von dem Zeugnis des Ortes anfragen zu lassen. Ich bin hier nicht allein, es geschieht Begegnung. Begegnung so radikal, daß ich in den Fundamenten meiner selbst angefragt bin. Die spirituelle Macht diese Ortes liegt, wenn man so will, gerade in dieser fundamentalen Erschütterung, die die Begegnung auslöst.

    Die Begegnung ist konkret. Auschwitz war konkret. Es geht nicht um einen dunklen Schock des absolut Schrecklichen, der keine Konturen hätte. Diese Konkretheit spricht - auch wenn das Letzte, das Eigentliche unsagbar bleibt. Fast alle Überlebenden wollen, daß "Auschwitz" nicht vergessen wird, und sie versuchen uns zu sagen, was nicht vergessen werden soll - auch wenn diese Rede ins Unsagbare mündet. So wird die Identität, die ich mit­bringe, sich in dieser konkreten Begegnung bewähren und entwik­keln müssen.

    Wer "Auschwitz" begegnet, merkt sehr schnell, daß dieser Ort verschiedenen Menschen sehr Verschiedenes bedeutet. Jonathan Webber, Sozialanthropologe am Oxford Centre for Post­graduate Hebrew Studies in Oxford, England, und Gründungsmit­glied des Internationalen Rates der Gedenkstätte in Auschwitz, beschrieb kürzlich in einem Vortrag über "Die Zukunft von Au­schwitz"2 die verschiedenen Gruppen: Für die Juden ist Auschwitz ausschließ­lich das Symbol für den Holocaust. Für die Polen ist Auschwitz zum Symbolwort nicht für den Holocaust an sich, son­dern für die polnische Tragödie während des Zweites Weltkrieges geworden: drei Millionen nichtjüdische Polen starben damals, davon wurden etwa fünfundsiebzigtausend in Auschwitz ermordet. Auschwitz ist in den Ländern der ehemaligen Sowjet­union ein Schlüsselwort für den großen Vaterländischen Krieg: mindestens fünfzehn­tausend sowjetische Kriegsgefangene wurden in Auschwitz ermordet, sowje­tische Truppen befreiten 1945 das Lager. Etwa zwanzigtausend Sinti und Roma wurden in Au­schwitz ermordet: dieser Ort ist ein zentrales Symbol für den Massenmord an diesen Völkern. Auch für die Deut­schen ist "Auschwitz" ein wesentliches Symbol in der jüng­sten Geschich­te, das zur Gewissenserforschung zwingt. Und es gibt noch mehr Bedeutungen. "Die Frage, die gestellt werden muß, ist die: wie können alle diese unter­schied­lichen, miteinander kon­kurrie­renden Sym­boliken 'in situ' neben­einander fortbeste­hen?"3

    Neunzig Prozent der in Auschwitz Ermordeten waren Juden, ungefähr eine Million. Auch wenn die Bedeutung der Opfer nicht von Zahlen abhängt und niemand Anspruch auf ein Monopol hat, gibt diese Tatsache dem Ort dennoch ein ganz eigenes Gewicht.

    Die Vielfalt der Symboliken und die Verschiedenheit des Betroffenseins können zur Chance werden. "Was können wir tun? Der Schlüssel liegt meines Erachtens in der Richtung, die ich bereits angedeutet habe ... Es ist gut vorstellbar, daß es beim zukünftigen Symbol­charakter von Auschwitz weniger um eine natio­nale oder nationalistische Darstellung von Geschichte gehen wird, als vielmehr ... um universelle Themen, wie das Wesen des Bösen, d.h. um den Einfluß moralischer, spiritueller und erzie­herischer Fragen auf den Menschen im allgemeinen. ... Ich bin keinesfalls der Meinung, daß die Vorstellung von der Einzig­artigkeit des Holocaust oder von der symbolischen Repräsentanz von Auschwitz für die Geschichte einer Nation verblassen sollte. Im Gegenteil, ich plädiere dafür, diese historischen Auffassun­gen durch einen Brückenschlag zu anderen Bedeutungen von Au­schwitz hin zu erneuern und gar zu verjüngen. Das Modell ist, wenn Sie so wollen, ein inter­konfessioneller Dialog: Jeder soll sich selbst treu bleiben, im Bewußtsein seiner eigenen Tradi­tion, aber durch die bewußte Auseinandersetzung mit dem anderen ermutigt, bereichert und erweitert."4

    So möchte dieser Kreuzweg von meiner Seite aus ein Versuch sein, sich als deutscher Katholik der Herausforderung dieses Ortes zu stellen. Er möchte eine Einladung an andere Christen sein, sich auf diesen existentiellen Dialog einzulassen. Für Nichtchristen ist er vielleicht die Verdeutlichung eines von vielen möglichen "Ansätzen".

    Ich gebe zu, daß ich mich auf das Wagnis dieses "Dialoges" nur einlasse, weil ich die Hoffnung habe, daß das Ergebnis mich nicht vernichtet, sondern gut sein wird. In dieser Hoffnung trägt mich mein christlicher Glaube, und meine bisherigen Erfah­rungen bestärken mich darin.

    Ich bin überzeugt davon, daß Oświęcim/Auschwitz eine Schule des Friedens werden muß, ein Lernort für Shalom im weitesten und tiefsten Sinne dieses hebräischen Wortes, damit "Auschwitz" sich nie wiederholt.

    Diese Kreuzwegmeditation verdankt sich vor allem zwei Anstößen. Zum einen lebe ich seit gut vier Jahren als katholi­scher Priester in einer Gemeinde in der polnischen Stadt Oświęcim (Auschwitz) mit. Oświęcim hat heute ca. 50.000 Ein­wohner. Der Tradition gemäß besuchen die katholischen Familien am 1. und 2. November jedes Jahres (Aller­heiligen- und Allersee­lentag) die Gräber ihrer Angehörigen; die Gemeinden ziehen in Prozession über den Friedhof, beten für die Verstorbenen und segnen die Gräber. Es lag nahe, daß die Menschen irgendwie auch den größten "Friedhof" Europas (allerdings nie zum Friedhof geweiht; sollte man eher "Todesacker" sagen?) ehren wollten. Es ist inzwischen schon zur Tradition geworden, am Sonntag nach dem ersten November durch das riesige Gelände von Auschwitz-Birkenau zu ziehen und den Kreuzweg zu beten (ohne Gräber zu segnen). Viele ehemalige Häftlinge und Angehörige von Ermordeten gehen mit. Dieser Auschwitzer Kreuzwegtradition verdankt der vorlie­gende Text seine Grund­struktur und viele seiner Inhalte.

    Der zweite Anstoß besteht in einer praktischen Herausforde­rung. Deutsche christliche Gruppen und Einzelbesucher, die mehrere Tage in Oświęcim/Auschwitz verbringen, um sich der Herausforderung der Erinnerungen, die dieser Ort birgt, zu stellen und nach den Kon­sequenzen für ihr Leben zu fragen, haben das Bedürfnis, hier zu beten. Mit dieser Kreuz­wegmeditation wollte ich ihnen helfen, in einer Besinnungszeit anders als im Stil einer Museumsführung dem Gelände von Auschwitz-Birkenau und seinem "Ruf" zu begegnen.

    So ist dieser Text im Laufe der Zeit gewachsen und hat sich durch viele Begegnungs­erfahrungen und eigene Reflexionen ver­ändert. Es versteht sich von selbst, daß nur einige Aspekte des ungeheueren Geschehens von Auschwitz berührt werden können. Es ist der Versuch einer Annäherung mit Hilfe des christlichen Glaubens. Ein Versuch, der offen ist für weiteres Wachstum. Diese religiöse Begegnung bleibt ein lebendiger Prozeß.

    Mit der Veröffentlichung dieser Kreuzwegmeditation möchte ich auch dazu beitragen, die notwen­di­ge christli­che Besin­nung über "Au­schwitz" in mög­lichst viele Ge­meinden und zu mög­lichst vielen Menschen zu tragen. Sie macht nicht nur in Auschwitz Sinn. Weil die Züge nach Au­schwitz über­all ange­fangen haben, sind wir überall her­ausge­fordert.

    Manfred Deselaers
    Aachen/Oświęcim, Januar 1995

     

     

    Einführung

    Glauben in Auschwitz ist immer auch ein Ringen um den Glauben. Unser Glaube an Gott wird hier zur Suche nach Gott, die unun­terbrochen auf die Frage stößt: "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" Anders ist in Auschwitz Beten gar nicht möglich. Diese Kreuzwegmeditation wollen wir als solch ein Ringen um Gott - und um den Menschen - begreifen. Dabei begeg­nen uns auch große Glaubenszeugnisse. Aber leere Phrasen werden hier zur Beleidigung der Opfer.

    Wenn wir in Auschwitz-Birkenau den Kreuzweg gehen, gehen wir geistig einen doppelten Weg: wir gehen mit den Menschen, die hier litten und starben, und die auf diesem Weg oft auch ihren Glauben verloren haben. Und wir gehen den Weg des Leidens und Sterbens Jesu Christi mit, glaubend, daß Christus den Weg der Menschen hier mitgegangen ist. Er führt uns den Weg zu den Opfern, in die Solidarität mit ihnen, denn alleine würden wir wahrscheinlich davonlaufen.

    [Die folgenden Kreuzwegstationen sind jeweils folgenderma­ßen aufgebaut: Auf ein Bibelzitat folgt eine Erinnerung an die Lagerwirklichkeit, dann einige Gedanken dazu und ein Gebet. Die Worte Bibel­stelle, Lager­erinnerungen, Medi­tation, Gebet werden in der Regel nicht mit vorge­lesen.]

     

    1.STATION

    Jesus wird zum Tode verurteilt

    Bibelstelle:

    In Galiläa sagte Jesus zu seinen Jüngern: "Der Men­schensohn wird den Menschen ausgeliefert werden und sie werden ihn töten; aber am dritten Tag wird er auferste­hen." Da wurden sie sehr traurig. (Mt.17,22f)


    Lagererinnerungen:
    Das Konzentrationslager Auschwitz wurde im Juni 1940 gegründet, anfangs für polnische , dann auch für russische Kriegsgefangene. Ab 1942 wurde dieses Lager zum Ort der fabrikmäßigen Menschenmassenvernichtung, vor allem der Juden. Ungefähr 1 Million Juden, 75.000 Polen, 21.000 Zigeuner, 15.000 russische Kriegsgefangene und Andere wur­den hier ermordet.

    Wer in Auschwitz ankam, wußte in der Regel nicht, was ihn erwartete. Vielfach bezeugt sind die Begrüßungsworte des Lagerführers Fritsch: "Das hier ist ein Konzentrations­lager. ... Es gibt hier keinen anderen Ausgang als durch den Schornstein des Krematoriums!"

     

    Meditation:
    Beten wir für alle, die zum Tode verurteilt sind, die ausgestoßen werden aus der Gesellschaft, die niemand mehr haben will, die ganz einfach "weg" sollen. Beten wir für alle, die damit leben müssen, daß ihnen alle Träume ihres Lebens zerstört werden, weil die politische Situation oder die gesellschaftlichen Umstände sie ihrer Lebensmög­lichkei­ten berauben, wie in den heutigen Kriegsgebieten, wie in den Hungergebieten der Welt.

    Gebet:
    Herr Jesus Christus, Du hast gesagt: "Was Ihr den geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt Ihr mir getan. Was Ihr ihnen nicht getan habt, das habt Ihr mir nicht getan." Hilf uns, diesen Satz immer tiefer zu begreifen.

     

    2.STATION

    Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern


    Bibelstelle:

    Sie übernahmen Jesus. Er trug sein Kreuz und ging hinaus zur sogenannten Schädelhöhe, die auf hebrä­isch Gol­gotha heißt. (Joh. 19,16b-17)

    Lagererinnerungen:
    Tadeusz Borowski war als Häftling in einem Kommando, das beim Ankommen der Transporte auf der Rampe Gepäck zu sortieren hatte. Er schildert:

    "Auf der Rampe wird es immer lebendiger. Vorarbeiter teilen die Leute ein. ... Mit lautem Gebrumm fahren Motor­räder vor, immer mehr SS-Unteroffiziere springen ab. ... Zuerst begrüßen sie sich mit der stolzen römischen Geste der erhobenen Rechten, aber gleich danach schütteln sie sich herzlich die Hände, lächeln sich an, erzählen sich die letzten Neuigkeiten, berichten von zuhause ...
    «Der Transport kommt!» sagte jemand, und alle Hälse reckten sich. Aus der Kurve krochen Güterwagen heran, der Zug fuhr rückwärts ein. ... Hinter den kleinen, vergitterten Fen­stern sahen wir Gesichter, blaß, zerknittert und übernäch­tigt sahen sie aus, die zerzausten, erschrockenen Frauen, die Männer ... Plötzlich fing es an, drinnen in den Wag­gons zu kochen. Hohle Schläge trommelten gegen die Wände. «Wasser! Luft!» Verzweifelte Rufe, Geschrei, das Hämmern der Fäuste. ... «Also los! An die Arbeit!» Die Riegel knarrten, die Waggons wurden geöffnet. Eine Welle frischer Luft drang hinein, schlug den Menschen entgegen und warf sie fast um. Sie waren unendlich erschlagen, beinahe zer­drückt von der schweren Last der Koffer, Päckchen, Pakete, Ranzen und Bündel, Rucksäcke und Taschen jeder Art, denn sie brachten alles mit, was ihr früheres Leben bedeutete und ein neues Leben bedeuten sollte ..."5

    Meditation:
    Wir wollen unseren Blick zu denen wenden, die das Kreuz auferlegt haben, den Tätern. Mit das Erschütterndste an Auschwitz ist, zu begreifen, wie "normal" sie oft waren. Zwar hatte jeder seine unwiederholbare Geschichte erlebt und seine ganz eigenen Entscheidungen gefällt. Aber die wenigsten waren völlig abnorm. Viel von ihnen steckt auch in uns.

    Gebet:
    Beten wir für die Täter, für die von damals und für die von heute, für alle, die andere Menschen mit dem Kreuz ihres Egoismus, ihrer Hartherzigkeit und Ungerechtigkeit beladen. Beten wir für uns selbst. Wie schnell sind wir dabei, Men­schen, die wir für schwierig halten, einfach weg haben zu wollen aus unserer Welt; wie schnell ist für uns jemand "gestorben". Wie gleichgültig sind wir den Opfern der Welt gegenüber. Schenke uns, Herr, die Gnade der Umkehr. Herr erbarme Dich!

     

    3.STATION

    Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz


    Bibelstelle:

    Aus Psalm 38
    Mein Herz pocht heftig, mich hat die Kraft verlassen,
    geschwunden ist mir das Licht der Augen.
    Freunde und Gefährten bleiben mir fern in meinem Unglück,
    und meine Nächsten meiden mich.
    Ich bin gekrümmt und tief gebeugt, den ganzen Tag geh ich traurig einher. (11-12.8)

    Lagererinnerungen:
    Aus den Erinnerungen von Tadeusz Borowski:

    Todmüde von der Arbeit und den grauenhaften Erlebnissen an der Rampe, sagt er zu seinem Freund: "Du Henri, ob wir gute Menschen sind?" - "Warum fragst Du so dumm?" - "Siehst Du, Freund, in mir kocht eine vollkommen unverständliche Wut auf diese Menschen, weil ich ihretwegen da sein muß. Es tut mir gar nicht leid, daß sie vergast werden. Möge die Erde sich öffnen und sie alle verschlingen! Ich könnte auf sie los gehen, auf alle! Wahrscheinlich ist das pathologisch, ich verstehe es nicht." -"Nein, ganz im Gegenteil! Das ist normal, vorgesehen und im voraus einkal­kuliert ..."6

    Meditation:
    Jesus fällt unter dem Kreuz. In Auschwitz sind viele unter dem Kreuz gefallen, das ihnen hier zugemutet wurde. Das Schlimmste war nicht einmal das physische Leid, sondern das menschliche Scheitern. Oft war die Rivalität unter den Häftlingen im Kampf ums Überleben so groß, daß es sehr schwer war, solidarisch zu bleiben. Eine Überlebende7 hat gesagt: um bei dem Hunger ein Stück Brot zu teilen, mußte man ein Heiliger sein. Das war schwerer, als in die Gaskam­mer zu gehen. Aber solche Menschen gab es.

    Gebet:
    Wir beten für alle, die unter den Erfahrungen dieser Hölle auch moralisch zusammengebrochen sind, die begonnen haben, auf Kosten der anderen nur noch sich selbst zu se­hen, die nicht genug Kraft und Glauben hatten, um mensch­lich zu bleiben. Vergib ihnen, Herr, und vergib auch uns, wenn wir versagen und das Vertrauen in Dich verlieren.

     

    4.STATION

    Jesus begegnet seiner Mutter

     

    Bibelstelle:
    Aus den Klageliedern 1,12 ; 2,13
    Ihr alle, die Ihr des Weges zieht, schaut doch, ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz, den man mir angetan, mit dem der Herr mich geschlagen hat am Tag seines glühenden Zornes. Wie soll ich Dir zureden, was Dir gleichsetzen, Du Tochter Jerusalem? Womit kann ich dich vergleichen, wie Dich trösten, Jungfrau, Tochter Zion?

    Lagererinnerungen:
    Links vom Haupttor in Auschwitz II er­streck­te sich ab 1942 das Lager für die Frauen verschiede­ner Natio­nalitäten. Bis Mai 1943 wurden alle im Lager gebo­renen Kinder auf grausame Weise ermordet: man ertränkte sie mei­stens in einem Faß.

    Meditation:

    Eine Polin, Elżbieta Piotrowska, hat ihr Gedicht "Das Verhör" überschrieben8:

    -Wer hat Euch Kinder ermordet?

    -Menschen!
    -Was für Menschen waren das?

    Haben sie Gesichter von Gespenstern gehabt?

    Haben sie tierische Augen gehabt?
    -Das waren gewöhnliche Menschen, Menschen wie andere,

    mit menschlichen Augen und Zähnen.
    -Vielleicht hat sie ein Vulkan geboren?

    Vielleicht haben sie keine Mütter gehabt?
    -Menschliche Mütter haben diese Menschen geboren.
    -Haben sie keine Kinder gehabt?
    -Ja, sie haben. Sie haben an sie Briefe geschrieben.

    Sie haben an sie kleine Schuhe in Paketen geschickt.
    -Wie haben die Menschen Euch getötet?
    -Sie haben mit Gas erstickt, ins Feuer gesteckt,

    an der Mauer zerschlagen, mit dem Schuh zertreten;
    und wenn sie gut waren, erschossen sie.
    -Und als sie Euch getötet hatten, was haben sie dann gemacht?
    -Sie haben sich mit weißen Tüchern den Schweiß von der Stirn gewischt und gesagt:
    "Haben wir heute viel gearbeitet! Die Arbeit war anstrengend.
    So viele kleine Kinder!"

    Gebet:
    Herr, wir beten für die Kinder auf der ganzen Welt, für die ungeborenen und die geborenen, die Kriegswaisen, für die Kinder, die durch traumatische Erlebnisse für ihr ganzes Leben gezeichnet sind. Sei ihnen nahe, laß sie nicht im Stich. Hilf uns, eine kindergerechte Welt zu bauen. Und die ermordeten Kinder nimm an Dein Herz!

     

    5.STATION

    Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen


    Bibelstelle:
    Gal. 6,2
    Einer trage des anderen Last. So werdet Ihr das Gesetz Christi erfüllen.

    Lagererinnerungen:
    Hinter dem Frauenabschnitt in Birkenau befand sich das Gebäude für Gaskammer und Krematorium Nr. II. Heute sind nur noch Ruinen erhalten, da die SS vor dem Verlassen des Lagers das Objekt in die Luft gesprengt hat. Bis zu 2000 Menschen wurden in die Gaskammern gepreßt und mit Zyklon-B erstickt. Die Toten standen aufrecht anein­anderge­preßt in den Kam­mern. Sie drückten sich, im Tode verkrampft, noch die Hände, so daß die Arbeitskommandos Mühe hatten, sie auseinanderzureißen.

    Meditation:
    Die große Mehrzahl der hier vergasten Menschen waren Juden. An dieser Stelle wollen wir besonders an das jüdi­sche Volk denken. Es ehren. Wir wollen uns zu unserer Schuldgeschichte bekennen. Die meisten Christen in Deutsch­land haben im Hinblick auf die Juden nicht einer des ande­ren Last getragen, viele haben schwere Schuld auf sich geladen. Die meisten Christen haben nicht einmal gemerkt, daß jedes Kruzifix, jede Marien­figur den Judenstern hätte tragen müssen. Nach der damaligen Rassenideologie hätten Jesus, Maria und alle Apostel hier vergast werden müssen.

     

    Ein polnisches Gedicht:

    Jesus war auch
    ein verachteter "Jud"
    ein Chassid aus Gallilea oder aus Gallizien.
    Die, die regiert
    im Kloster von Tschenstochau
    war auch "eine Jüdische"
    ihr ganzes arbeitssames Leben lang.
    Wären nicht beide ins Gas gegangen
    mit ihrem Volk
    in jenen schrecklichen Zeiten?

    (Stanisława Grabska9)

     

    Gebet:
    Herr, im Tod werden wir alle gleich. Laß uns tiefer begreifen, daß wir auch im Leben Schwestern und Brüder sind, daß wir alle Grenzen, die Weltanschauungen, Religio­nen und Konfessionen, Nationalitäten und politische An­schauungen zwischen uns aufbauen, überwinden müssen und berufen sind, einer des anderen Last zu tragen.


    6.STATION

    Veronika reicht Jesus das Schweißtuch


    Aus dem Hohelied (8,6)
    Leg mich wie ein Siegel auf Dein Herz, wie ein Siegel an Deinen Arm! Stark wie der Tod ist die Liebe ...

    Lagererinnerungen:
    An dem Mahnmal, das am Ende der Rampe 1967 errichtet wurde, befinden sich Gedenktafeln, die mit den Sprachen beschriftet sind, die von den Opfern in Auschwitz gesprochen wurden: englisch, weißrussisch, tschechisch, deutsch, französisch, griechisch, hebräisch, kroatisch, italienisch, jiddisch, ungarisch, niederländisch, norwegisch, polnisch, russisch, romanes, rumänisch, slowakisch, slowenisch, serbisch, judeo-spanisch (ladino).

    Frau Zofia Pohorecka war als zwanzigjährige junge Frau im Frauenlager in Birkenau eingesperrt. Sie lebte später in Oświęcim und traf sich immer wieder mit Gruppen deutscher Jugendlicher. Sie hat oft erzählt, daß sie nur deshalb überlebte, weil Freundinnen sich unter Lebensgefahr um sie gekümmert hatten, als sie schwer krank gewesen war. Sie bezeugte auch, wie sehr Freundschaft und Liebe, wie sehr Zärtlichkeit stark machen kann.

    Meditation:
    Im polnischen Kreuzwegtext heißt es: In dieser schrecklichen Umgebung von Leiden, Elend und menschlicher Erniedrigung gab es auch Gesten von Güte, die in jener Umge­bung zu heroischen Taten wurden. Laßt uns von ihnen lernen, uns mit dem Bösen, mit der Sünde nicht abzufinden. Es gibt keine Umgebung, die grund­sätzlich von dem Auftrag befreien würde, das Böse zu vermindern, der Kränkung zu wider­stehen und Leidenden zu helfen.

    Gebet:
    Heiliger Gott, Veronika hat Jesus in seinem Schmerz ihre Zuwendung geschenkt. Hilf uns, auch in gewalttätiger Umgebung die Fähigkeit zu einfühlsamer Liebe nicht zu verlieren.

     

    7.STATION

    Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz


    Aus Psalm 44:
    Das alles ist über uns gekommen,
    und doch haben wir Dich nicht vergessen,
    uns von Deinem Bund nicht treulos abgewandt.
    Unser Herz ist nicht von Dir gewichen,
    noch hat unser Schritt Deinen Pfad verlassen.
    Nein, um Deinetwillen werden wir getötet Tag für Tag,
    behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat.
    Wach auf! Warum schläfst Du, Herr?
    Erwache, verstoß uns nicht für immer!
    Warum verbirgst Du Dein Gesicht,
    vergißt unsere Not und Bedrängnis?
    Unsere Seele ist in den Staub hinabgebeugt,
    unsere Seele liegt am Boden.
    Steh auf und hilf uns!
    In Deiner Huld erlöse uns!

     

    Lagererinnerungen:
    Auch hier, in Gaskammer und Krematorium III, wurden bis zu 2000 Menschen auf einen Schlag mit Zyklon B erstickt. Zahnärzte öffneten mit Haken die Münder der Leichen und brachen mit Zangen die Goldkronen aus den Kiefern.
    Es sah wirklich so aus, als würde das menschliche Verbrechen seinen absoluten Triumph über Gott feiern. Wir wissen, daß für viele Menschen das "Schweigen Gottes" in jener Zeit nicht zu ertragen war. Vielleicht gilt das besonders für die Juden, für die es ein doppeltes Zerbre­chen des Bundes oder ein doppeltes Ende der Welt war, der irdischen und der himmlischen. Aber dieser Ort tiefster Erniedrigung war doch auch ein Ort des unbesiegten Glau­bens, des Gebetes. Aus den Gaskammern hörte man jüdische Psalmengesänge. Und auch in der Todeszelle von Maximilian Kolbe konnte man Gebete hören.

    Meditation:
    Es ist nicht gelungen, den Glauben an den Gott, der Liebe ist, endgültig zu vernichten. Ein halbes Jahrhun­dert später, im Sommer 1992, beteten hier gemeinsam ameri­kani­sche Rabbiner und polnische Bischöfe. Es erklangen die Worte des jüdischen Kaddisch-Gebetes:

    Gebet:
    "Gepriesen und gelobt, verherrlicht und erhoben, erhöht und gefeiert, hocherhoben und bejubelt werde der Name des HEILIGEN, gelobt sei er, obwohl er erhoben ist über allen Preis und Gesang, Lob und Lied, Huldigung und Trost, die in der Welt gesprochen werden ... und das Geden­ken an die Ermordeten wird ein Segen und ein Zeichen des Friedens für alle sein."10

     

    8.STATION

    Jesus tröstet die weinenden Frauen


    Lk. 23,27f
    Es folgte Jesus eine große Menschenmenge, dar­unter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten. Jesus wandte sich ihnen zu und sagte: "Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich, weint über Euch und Euere Kinder! ..."

     

    Lagererinnerungen:
    Im Wald hinter dem Lager Auschwitz II wurden zwei Häuser von ausgesiedelten Polen zu Gaskammern umge­baut. Eines von ihnen nannte man "Weißes Häuschen" oder "Bunker II". In der Nähe befanden sich zwei Baracken, in denen sich die Menschen vor dem Eintritt in die Gaskammern ausziehen mußten. Nicht weit von den Baracken entfernt wurden die Leichen in vier großen Gruben im Freien verbrannt.
    Hierhin wurden im Sommer 1942 auch die holländischen Katholiken jüdischer Abstammung gebracht, unter denen sich die Karmelitin Edith Stein, Schwester Teresia Benedicta a Cruce, und ihre Schwester befanden.

    Meditation:
    Jesus tröstet die weinenden Frauen. Jesus war trotz seines Leidens­weges mit seiner eigenen Situation im Reinen. Deshalb war er nicht mehr mit sich selber beschäftigt, sondern ganz frei, die Not der Anderen wahr­zunehmen. Wir müssen an uns arbeiten, damit wir mit uns selber ins Reine kommen, damit wir von uns selbst los­kommen und die Not der Anderen wahrneh­men.
    Auch Edith Stein, derer wir in Auschwitz gedenken, öffnet unseren Blick für die Anderen. Sie, die jüdische Karmelschwester, führt uns Christen zu den Juden, in die Solidarität mit den Opfern, die hier umgebracht worden sind.

    Gebet:
    Liebender Gott, öffne die Augen unserer Herzen für die Lebenssituation anderer Menschen.
    Besonders wollen wir Dich an dieser Station für die Frauen bitten, die bei Konflikten oft die schwerste Last zu tragen haben. Wir bitten Dich, daß ihre Würde geachtet und ihre Schönheit nicht mißbraucht wird, daß die Not ihres Lebens wahr­genommen wird in allen Gesellschaften und Ge­meinschaften. Laß uns lernen von Jesus.


    9.STATION

    Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz


    Aus Psalm 40
    Ich hoffte, ja ich hoffte auf den Herrn.
    Da neigte er sich mir zu und hörte mein Schreien.
    Er zog mich herauf aus der Grube des Grauens, aus Schlamm und Morast.
    Er stellte meine Füße auf den Fels, machte fest meine Schritte. (2-3)

     

    Lagererinnerungen:
    Die Einwohner eines Dorfes auf der anderen Seite der Weichsel konnten mehrmals in der Nacht, beim hellen Schein der brennenden Leichen, einen Zug nackter Gestalten, der aus den Auskleidebaracken in die Gaskammern zog, erkennen. Sie hörten die Schreie der Menschen, die den nahen Tod vor Augen hatten. Am Tage sahen die polnischen Arbeiter, die in einigen hundert Metern Entfernung von den Bauernhäusern neue Krematorien bauen mußten, wie die Häftlinge etwas aus den Türen dieser Häuser herauszogen, auf flache Rollwagen luden und damit zu den Gruben fuhren. Aus diesen Gruben stieg immer wieder schwarzer Rauch. Tausend und mehr Leichen wurden von den Arbeitskommandos in den Gruben aufeinandergeschichtet. Zwischen die Leichen­schichten kamen Holz­schichten, die mit Methanol in Brand gesteckt wurden.

    Meditation:
    Jesus ist zum dritten Mal unter dem Kreuz gefal­len. Das bedeutet auf diesem Kreuzweg, daß er völlig am Ende seiner Kräfte und ganz allein ist. Er tröstet nieman­den mehr, niemand hilft ihm mehr. Er kann nur noch andere mit sich machen lassen, allein darauf vertrauend, daß er von woanders her gehalten wird.
    Aus dem "Kreuzweg des Maximilian Kolbe" von Theo Mechtenberg und Mieczyslaw Koscielniak, einem ehemaligen Auschwitzhäftling, stammt der folgende Text11:


    Dem Grauen der Tage folgt kein erlösender Schlaf
    Hunger zerschneidet das Gedärm
    und der Schmerz hat sich festgefressen
    in den Gliedern
    dem Dunkel entsteigt die Qual der Gedanken
    die Seelen versinken in Einsamkeit
    Alpträume beherrschen die Enge der Lager
    und Schulter an Schulter mit den Leidensgefährten
    erkalten die Toten
    in den Nächten erlischt still das Leben
    und hinterläßt eine ärmliche Spur
    mit dem Ende der Leiden
    stirbt auch die Hoffnung
    Neben dem Menschen in seinem tiefsten Fall
    kniet der Erwählte und bezeugt betend
    im Ende neuen Beginn
    - Erhebung aus dem Dunkel ins Licht -
    und heiligt den Tod

     

    10.STATION

    Jesus wird seiner Kleider beraubt

     

    Aus Psalm 22
    Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf.
    Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand. (8.19)


    Lagererinnerungen:
    Philomena Franz, eine Sinti, erinnert sich:

    "Bei meiner Ankunft in Auschwitz am 21. April ... Wir stehen an der Rampe ... Plötzlich ein fürchterliches Geschrei: «Ausrichten! Ent­kleiden!» schreit es. Alle entkleiden sich langsam. Es ist bitterkalt. Ich bekomme eine Gänse­haut. ... Abschätzige, neugierige, auch fachmännische Blicke treffen meinen Kör­per. Das Kleid, das ich noch vor kurzem trug, wird durch ein grobes gestreiftes ersetzt. Meine Füße stecken in großen Holzschuhen. ... In zwei Minuten wandelt sich ein Zivilist in einen KZ-Häftling. ... Paarweise im Gleich­schritt ins Frauenkonzentra­tionslager, in Steinbaracken. ... Zwei SS-Männer mit Ochsenziemer erwarten uns. Eine Aufseherin will mich auf einen Stuhl zerren, aber da ruft schon einer: «Die nicht, die Haare bleiben!» - «Stell Du Dich mal hier an die Seite», befiehlt er, «mach Deine Haare auf.» Ich habe Haare, die bis zu meinen Knien fallen. Und der sagt: «Die sieht aus wie eine Dschungelprinzessin.» ... Und die deutsche Frau, die neben mir steht, sagt: «Mensch, nun hast Du es gut, Du kommst nun rüber in das Bordell, da hast Du es besser als im Lager.» Da gehen mir die Augen auf. Mir ist so, als würde ich von einem Mühlstein zer­malmt, als müßte ich langsam sterben. Ich schließe die Augen, muß mich an eine Wand lehnen, um nicht umzufallen, denke an meine Angehörigen, die hier gestorben sind und vergast wurden. Mein Gott, was tust Du mir hier an! Das kann ich doch nicht, das halte ich doch nicht aus. Diese Qualen. Dann merke ich, daß mein Kreislauf rotiert. Ärger und Verzweiflung kommen in mir hoch. Ich reiße mein Lager­kleid auf und schreie verzweifelt: «Nein, in den Puff gehe ich nicht, dann erschießt mich doch schon! Erschießt mich auf der Stelle!» ... Da packt mich schon die Aufseherin, zerrt mich auf einen Stuhl, reißt mir meinen Kopf nach hinten und schneidet mir brutal und ruckartig die Haare ab. ... [Ich werde] die Nummer 10550."12

    Meditation:
    In Auschwitz wurden Menschen zu Nummern, ohne jede Individualität. Verwertbare Arbeitskräfte, Material zum Vergnügen der SS-Leute, Rohstoff­lieferanten selbst noch nach dem Tod: die Haare, das Zahngold, ja sogar die Asche der Leichen wurde weiterverwertet. Für den einzelnen Häft­ling kam alles darauf an, sich innerlich das Bewußtsein seiner Würde zu bewahren und sie sich gegenseitig immer wieder neu zuzusagen.
    Der französische Philosoph Emmanuel Lévinas hat Recht, wenn er sagt, daß das Wichtigste, was wir nach Auschwitz ganz neu zu lernen haben, ist, in jedem Menschen das Ant­litz mit seinem einmaligen, absoluten Anspruch wahrzuneh­men.

    Gebet:
    Hilf uns, Herr, nie nach äußeren Kriterien zu bewer­ten, sondern in tiefer Achtung vor dem göttlichen Geheimnis eines jeden Menschen miteinander umzugehen. Und wenn wir selbst einmal nackt dastehen, wenn wir nichts mehr haben, wohinter wir uns verbergen können, dann laß uns mit uns selbst, mit Gott und mit den Menschen im Klaren sein, laß uns ein gutes Gewissen haben, damit wir aufrecht dastehen können, ohne Angst um unsere Würde. Schenke uns einen Glauben, der nach dem Vorbild Jesu den Halt des eigenen Lebens ganz in Gott verankert hat.


    11.STATION

    Jesus wird ans Kreuz genagelt

     

    Aus Psalm 22
    Sie durchbohrten mir Hände und Füße.
    Man kann all meine Knochen zählen;
    sie gaffen und weiden sich an mir.

    Lagererinnerungen:
    Am Karfreitag 1942 hörte der Priester Pjotr Da kowski aus Zakopane von einem Kapo in Auschwitz: "Heute wirst Du wie Dein Meister gekreuzigt werden." Pjotr Da kowski bekam einen schweren Holzbalken auf seine Schultern, unter dem er ein paar mal fiel, bis er unter dem Schuh des Mörders starb. - In der Strafkompanie wurde einem jüdischen Häftling ein Kranz aus Stacheldraht auf den Kopf gedrückt.13

     

    Meditation:
    Nicht der starke arische Übermensch offenbart uns die Wahrheit über den Menschen, sondern der Gekreuzigte, der in seiner Ohnmacht stark ist, weil er wahr ist. "Fürchtet Euch nicht vor denen, die den Leib töten können. Fürchtet Euch vor dem Tod des Geistes, vor dem Tod der Wahrheit, vor dem Tod der Liebe!"
    Nicht selten sind die wirklichen Sieger von Auschwitz die Opfer gewesen. Beim polnischen Prozeß gegen den Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, sagte der Vorsitzende Richter Eimer in seiner Eröffnungsrede: "Im Wissen um unsere große Verantwortung gegenüber den Toten und Lebenden wollen wir nicht aus dem Auge verlieren, worum es bei dem Kampf derer, die die Freiheit der Völker lieben, ging. Das große Ziel war die Achtung vor der Würde des Menschen. Sie soll auch dem Angeklagten zukommen, denn vor dem Gericht steht vor allem ein Mensch."14

     

    Gebet:
    Lehre uns, Herr, den aufrechten Gang. Lehre uns, Herr, für Wahrheit und Gerechtigkeit, für Barmherzigkeit und Solidarität einzutreten, auch wenn es Nachteile bringt, auch, wenn es uns ans Kreuz nagelt. Schenke uns den Glauben, der die Kraft dazu schenkt.
    Schenke uns die Gnade, so wie Dietrich Bonhoeffer, der evangelische Theologe, angesichts seiner bevorstehenden Hinrichtung durch die Nazis, beten zu können:

    Noch will das Alte unsre Herzen quälen,
    noch drückt uns böser Tage schwere Last,
    ach Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen
    das Heil, für das Du uns bereitet hast.

    Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern,
    des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
    so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
    aus Deiner guten und geliebten Hand.

    Von guten Mächten wunderbar geborgen
    erwarten wir getrost, was kommen mag.
    Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
    und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

     

    12.STATION

    Jesus stirbt am Kreuz


    Jesus, wir hören Deinen Schrei: "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?",
    wir hören aber auch den Satz: "In Deine Hände lege ich meinen Geist."

     

    Lagererinnerungen:
    Die vielleicht bekannteste Erinnerung an Gottesverlassenheit in Auschwitz stammt von Elie Wiesel:

    "Nie werde ich diese Nacht vergessen, die erste Nacht im Lager, die aus meinem Leben eine siebenmal verriegelte lange Nacht gemacht hat. Nie werde ich diesen Rauch vergessen. Nie werde ich die kleinen Gesichter der Kinder vergessen, deren Körper vor meinen Augen als Spiralen zum blauen Himmel aufstiegen. Nie werde ich die Flammen vergessen, die meinen Glauben für immer aufzehrten. Nie werde ich das nächtliche Schweigen vergessen, das mich in alle Ewigkeit um die Lust am Leben gebracht hat. Nie werde ich die Augenblicke vergessen, die meinen Gott und meine Seele mordeten, und meine Träume, die das Antlitz der Wüste annahmen. Nie werde ich das vergessen, und wenn ich dazu verurteilt wäre, so lange wie Gott zu leben. Nie."15

     

    Meditation:
    Wir wollen an dieser Stelle für alle beten, die in oder nach Auschwitz nicht mehr beten können. Der Himmel über Auschwitz war damals schrecklich leer: Ohne Schmetterlinge, ohne Vögel und ohne Grün. Für viele ist er seitdem auch im religiösen Sinne leer geworden, Gott nicht mehr zu finden. Wir wollen diese Erfahrungen ganz ernst nehmen und es uns mit unserem Glauben nicht zu leicht machen.

     

    Gebet:
    Wir wollen eine Weile in Stille beten.
    ...
    Das letzte, unvollendete Werk der Karmelitin Edith Stein heißt "Kreuzeswissenschaft". Darin schreibt sie:

    "Wir wissen ..., daß ein Zeitpunkt kommt, in dem die Seele ... völlig in Dunkelheit und Leere versetzt wird. Es bleibt ihr gar nichts anderes mehr, woran sie sich halten könnte, als der Glaube. Der Glaube stellt ihr Christus vor Augen: den Armen, Erniedrigten, Gekreuzigten, am Kreuz selbst vom göttlichen Vater Verlassenen. In seiner Armut und Verlassenheit findet sie die ihre wieder."16

     

    13.STATION

    Jesus wird in den Schoß seiner Mutter gelegt

     

    Joh. 19,25
    Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Kleopas, und Maria von Magdala.


    Lagererinnerungen:
    Pater Maximilian Kolbe, ein großer Verehrer Mariens, sagte vor seiner Verhaftung in einer seiner letzten Ansprachen an die Brüder seines Klosters:

    "Den König der Liebe kann man nur durch Liebe ehren, man kann ihm als Gabe nur Liebe geben. ... Liebe läßt sich nicht tiefer beschreiben. Man muß sie erfahren. Der Himmel ist nichts anderes als die immer tiefere Vereinigung mit Gott durch die Liebe."17
    Ein Jahr später war Kolbe schon tot. Er war für einen anderen Häftling freiwillig in den Hungerbunker gegangen. Nicht nur für Polen ist er ein Symbol des Sieges über die Macht des Hasses und des Todes in der Kraft des Glaubens und der Liebe.

     

    Meditation:
    An dieser Station wollen wir besonders an das polnische Volk denken. Es findet sich auf dem Hintergrund seiner Geschichte in der Situation der "Pieta" wieder, in der die Mutter ihren toten Sohn in den Armen hält. Auch die Ikone in Tschenstochau ist geprägt von einem traurigen Blick, der um Leid und Tod weiß und der dennoch nicht aufhört, auch in der "dunklen Nacht" an Gottes Verheißung zu glauben. Wir wollen uns dem Gebet anschließen, das die polnische Gemeinde auf ihrem Kreuzweg an dieser Station betet:

    Gebet:
    Laßt uns beten für das polnische Vaterland, das so oft gekreuzigt wurde, damit seine Töchter und Söhne Gott treu bleiben, jeden Haß überwinden und den Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit gehen.
    Gegrüßet seist Du Maria ...

     

    14.STATION

    Jesus wird ins Grab gelegt


    Aus dem Buch Ezechiel (37,1-14)
    "Die Hand des Herrn legte sich auf mich und führte mich im Geist hinaus
    und versetzte mich in eine Ebene.
    Sie war voll mit Gebeinen. ... sie waren ganz ausgetrocknet.
    Er fragte mich: Menschensohn, können diese Gebeine wieder lebendig werden?
    Ich antwortete: Herr und Gott, das weißt nur Du.
    Da sagte er zu mir: Sprich als Prophet über diese Knochen ...
    Da sprach ich als Prophet, wie mir befohlen war;
    und noch während ich redete, hörte ich auf einmal ein Geräusch:
    die Gebeine rückten zusammen...
    Da sagte er zu mir: Rede als Prophet zum Geist...
    Da sprach ich als Prophet, wie er mir befohlen hatte, und es kam Geist in sie.
    Sie wurden lebendig und standen auf - ein großes, gewaltiges Heer.
    Er sagte zu mir: ... So spricht Gott, der Herr:
    Ich öffne Euere Gräber und hole Euch, mein Volk, aus Eueren Gräbern herauf.
    Ich bringe Euch zurück in das Land Israel.
    Wenn ich Euere Gräber öffne und Euch, mein Volk aus Eueren Gräbern heraufhole,
    dann werdet Ihr erkennen, daß ich der Herr bin."

     

    Meditation:
    Das Grab hat nicht das letzte Wort. Wir glauben daran, daß Gott die Opfer nach ihrem Tod nicht im Stich läßt. Aber auch sozusagen hier auf Erden darf der Tod von Auschwitz nicht das letzte Wort haben. Aus den Knochenresten, die aussehen wie Samenkörner, muß neues Leben erstehen. Auschwitz muß ein Ort werden, der der Welt die Würde jedes einzelnen Menschen bewußt macht und uns in unsere große Verantwortung für den Frieden ruft. So wie einmal aus ganz Europa Menschen nach Auschwitz in den Tod fuhren, so muß die Botschaft von der unverletzbaren Würde aller Menschen in die Welt hinausgetragen werden. Wie es einmal viele Soldaten des Todes gab, so sind wir heute gerufen, unser ganzes Leben einzusetzen für Frieden, Versöhnung und Solidarität. Wenn wir dafür unser Leben geben, geben wir nicht mehr, als alle Opfer gegeben haben.

    Gebet:
    Herr, mach mich zu einem Werkzeug Deines Friedens,
    daß ich liebe, wo man haßt,
    daß ich verzeihe, wo man beleidigt,
    daß ich verbinde, wo Streit ist,
    daß ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist,
    daß ich Glauben bringe, wo Zweifel droht,
    daß ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,
    daß ich Licht entzünde, wo Finsternis herrscht,
    daß ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
    Herr, laß mich trachten,
    nicht, daß ich getröstet werde,
    sondern daß ich tröste,
    nicht, daß ich verstanden werde,
    sondern, daß ich verstehe,
    nicht, daß ich geliebt werde,
    sondern daß ich liebe.
    Denn wer sich hingibt, der empfängt,
    wer sich selbst vergißt, der findet,
    wer verzeiht, dem wird verziehen,
    und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.

    Wir wollen unseren Weg durch Auschwitz mit dem "Vater Unser" beenden. Es ist ein Gebet, das Juden und Christen beten können. Und jemand hat einmal gesagt, es sei ein Gebet, als ob es im Konzentrationslager entstanden sei:

    Vater Unser ...

     

    _____________

    Orte, an denen der Stationen gedacht werden kann:
    1: gleich hinter dem Todestor
    2: am Beginn der Rampe
    3: in der Mitte der Rampe
    4: im Frauenlager BIb
    5: an Gaskammer und Krematorium II
    6: am Mahnmal
    7: an Gaskammer und Krematorium III
    8: am sog. "weißen Haus", der 2. provisorischen Gaskammer
    9: auf der Wiese hinter der "Sauna"
    10: vor der "Sauna"
    11: vor Gaskammer und Krematorium V
    12: am Teich
    13: am Hauptweg zwischen den Lagern BIId und BIIc
    14: am Quarantänelager BIIa, vor dem Kommandanturgebäude, heute Kapelle der Gemeinde Birkenau.

    ________________

    Anmerkungen
    1. Vgl. das Apostolische Schreiben "Tertio Millennio Adveniente" vom 10. November 1994, 32-36.
    2. Jonathan Webber, Die Zukunft von Auschwitz. Arbeitsstelle zur Vorbereitung des Frankfurter Lern- und Dokumentationszentrum des Holocaust, Materialien Nr.6. Übs. J.Raab, A.Winkelmann. Herausgeber: Stadt Frankfurt am Main, Dezernat für Kultur und Freizeit, und Förderverein "Fritz-Bauer-Institut" e.V., 2. Auflage, hrsg. in Zusammenarbeit mit dem staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau, Oświęcim, 1993 (Erstveröffentl. Oxford 1992).
    3. a.a.O. S.8
    4. a.a.O. S.16
    5. Tadeusz Borowski, Bei uns in Auschwitz. Oświęcim 1992, 114f.
    6. Borowski, a.a.O., 120f.
    7. Zofia Pohorecka. Von Mai 1943 bis Januar '45 Häftling im Frauenlager, lebte in Oświęcim, wo sie am 5. Januar 2005 starb.
    8. Elżbieta Piotrowska, Przesłuchanie. In: Wszystkie barwy czasu. Z cyklem: Wizja lokalna w Oświęcimiu. Warszawa: Czytelnik 1967. Auch in: Na mojej ziemi by OŚWIĘCIM ... Część II. Oświęcim w poezji współczesnej. Oświęcim 1993.
    9. Stanisława Grabska, in: Więż 4/1992, S. 42.
    10. nach Tygodnik Powszechny, 2.8.1992.
    11. Theo Mechtenberg, Mieczysław Kościelniak, Kreuzweg des Maximilian Kolbe. Kevelaer: Butzon&Bercker 1982, IX.
    12. Philomena Franz, Zwischen Liebe und Haß. Ein Zigeunerleben. Freiburg i.Br.: Herder 1985, 51ff.
    13. Vorfälle sind belegt in: Wiesław J. Wysocki, Bóg na nieludzkiej ziemi. Życie religijne w hitlerowskich obozach koncentracyjnych (Oświęcim-Majdanek-Stutthof). Warszawa: PAX 1982, 105.
    14. Warschau, 11.03.1947. Akten zum Höß-Prozeß im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau, Bd. 23, Bl.4.
    15. Elie Wiesel, Die Nacht zu begraben, Elischa. Frankfurt/M; Berlin: Ullstein 41992, 56.
    16. Edith Stein, Kreuzeswissenschaft. Studie über Joannes a Cruce. Edith Steins Werke Bd.I. Freiburg/Basel/ Wien: Herder 1983, S. 107.
    17. am 27.10.1940. In: Ten, który rozdał życie. Wstęp, biografia w. Maksymiliana i wybór tekstów: Leon Dyczewski OFMConv. Niepokalanów 1989, S. 195.

    Übersetzungen aus dem Polnischen von M. Deselaers.

     

    _________________

    In Buchform veröffentlicht:
    DESELAERS, Manfred, "Mein Gott, warum hast Du mich verlassen...?"
    Kreuzwegmeditation in Auschwitz.
    5. Auflage. Einhard-Verlag: Aachen 2001.

     


  • Meßformular Hl. Edith Stein - Teresia Benedicta vom Kreuz

    Tagesgebet

     

     

    Lebendiger Gott, du Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs,

     

    du hast die heilige Märtyrerin Edith Stein - Teresia Benedicta vom Kreuz -

     

    zur Erkenntnis deines gekreuzigten Sohnes geführt

     

    und in seine Nachfolge bis zum Tod gerufen.

     

    Auf ihre Fürsprache laß alle Menschen

     

    im Gekreuzigten den Erlöser erkennen

     

    und durch ihn zur Schau deiner Herrlichkeit gelangen.

     

    Darum bitten wir durch ihn, Jesus Christus.

     

     

    Lesung aus dem Buch Ester (Est 4,17n.)

     

     

    In jenen Tagen wurde Königin Ester von Todesangst ergriffen und suchte Zuflucht beim Herrn, und sie betete zum Herrn, dem Gott Israels:

     

    Herr, unser König, du bist der Einzige. Hilf mir! Denn ich bin allein und habe keinen Helfer außer dir; die Gefahr steht greifbar vor mir.

     

    Von Kindheit an habe ich in meiner Familie und meinem Stamm gehört, dass du, Herr, Israel aus allen Völkern erwählt hast; du hast dir unsere Väter aus allen ihren Vorfahren als deinen ewigen Erbbesitz ausgesucht und hast an ihnen gehandelt, wie du es versprochen hattest.

     

    Denk an uns, Herr! Offenbare dich in der Zeit unserer Not und gib mir Mut, König der Götter und Herrscher über alle Mächte!

     

    Leg mir in Gegenwart des Löwen die passenden Worte in den Mund und stimm sein Herz um, damit er unseren Feind hasst und ihn und seine Gesinnungsgenossen vernichtet.

     

    Uns aber rette mit deiner Hand! Hilf mir, denn ich bin allein und habe niemand außer dir, o Herr!

     

     

    Evangelium nach Johannes (Joh 4,19-24)

     

     

    In jener Zeit sagte die samaritanische Frau zu Jesus:

     

    Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet; ihr aber sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muss.

     

    Jesus sprach zu ihr: Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden.

     

    Aber die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden. Gott ist Geist und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten.

     

     

    Gabengebet

     

     

    Herr, unser Gott,

     

    du hast die vielen Opfer des Alten Bundes

     

    in dem einen Opfer Jesu Christi vollendet.

     

    Bei der Gedenkfeier der heiligen Edith Stein - Teresia Benedicta vom Kreuz -

     

    nimm an die Gaben deines Volkes

     

    für die Feier des Neuen und Ewigen Bundes,

     

    den dein Sohn in seinem Blut gestiftet hat,

     

    der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.

     

     

    Schlussgebet

     

     

    Barmherziger Gott,

     

    bei der Gedenkfeier der heiligen Edith Stein - Teresia Benedicta vom Kreuz –

     

    haben wir die Frucht vom Baum des Kreuzes empfangen.

     

    Hilf uns durch die Kraft dieser Speise,

     

    daß wir uns als Christen in Treue bewähren,

     

    bis wir essen dürfen vom Baum des Lebens inmitten des Paradieses.

     

    Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

  • Gebet des Papstes JP II für die Juden

    Vater Abrahams,
    Vater der Propheten,
    Vater Jesu Christi


    von dir ist alles umfangen,
    zu dir strebt alles hin,
    du bist das Ziel von allem.


    Erhöre unsere Gebete, die wir vor dich bringen für das jüdische Volk,
    das dir um seiner Vorfahren willen weiterhin teuer ist.
    Erwecke stets in ihm eine immer lebendigere Sehnsucht
    nach deiner Liebe und Wahrheit.


    Steh ihm bei in seinen Bemühungen um Frieden und Gerechtigkeit,
    damit dieses Volk die Allmacht deines Segens bezeugen kann.


    Steh ihm bei, damit es Achtung und Liebe von denen erfährt,
    die noch nicht das Ausmaß seiner Leiden verstehen,
    und von denen, die solidarisch, im Bewußtsein gegenseitiger Sorge,
    den Schmerz und die Wunden des jüdischen Volkes mitfühlen.


    Gedenke der nächsten Generation, der Jugendlichen und der Kinder,
    auf daß sie stets treu an dich glauben
    und an das, was das besondere Geheimnis ihrer Berufung ausmacht.


    Stärke alle Generationen, damit dank ihres Zeugnisses die Menschheit begreife,
    daß dein Heilsplan sich auf die ganze Menschheit erstreckt
    und daß du, Vater, Anfang und Ziel aller Völker bist.


    Amen


    Johannes Paul II





  • KADDISH - Jüdisches Totengebet

    KADDISH - Jüdisches Totengebet


    Möge der große Name, dessen Begehren das Universum gebar,

    in der Schöpfung widerhallen. Jetzt.

    Möge diese große Gegenwart

    euer Leben und euren Tag lenken und alles Leben unserer Welt.

    Und sagt: Ja. Amen

    Segen, Segen diesem großen Namen.

    Jetzt und immer.

    So segnen und loben wir Deinen Namen,

    preisen und erheben ihn.

    Dein Name: Heiliger, Gesegneter,

    Du gehst weit über unser Lob,

    unser Lied hinaus,

    lässt alle Worte, mit denen wir uns helfen,

    weit hinter Dir.

    Und sagt: Ja. Amen.

    Lasst Gottes Namen großen Frieden und großes Leben gebären.

    Fuer uns und alle.

    Und sagt: Ja. Amen.

    Der, der ein Universum des Friedens geschenkt hat,

    schenke uns Frieden, uns allen, das heißt: Israel.

    Und sagt: Ja. Amen.

  • O Herr, mach mich zu einem Werkzeug Deines Friedens

    O Herr, mach mich zu einem Werkzeug Deines Friedens

    daß ich liebe, wo man haßt,

    daß ich verzeihe, wo man beleidigt,

    daß ich verbinde, wo Streit ist,

    daß ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist,

    daß ich Glauben bringe, wo Zweifel droht,

    daß ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,

    daß ich Licht entzünde, wo Finsternis herrscht,

    daß ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.

    Herr, laß mich trachten,

    nicht, daß ich getröstet werde,

    sondern daß ich tröste,

    nicht, daß ich verstanden werde,

    sondern, daß ich verstehe,

    nicht, daß ich geliebt werde,

    sondern daß ich liebe.

    Denn wer sich hingibt, der empfängt,

    wer sich selbst vergißt, der findet,

    wer verzeiht, dem wird verziehen,

    und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.

    Amen

  • Wortgottesdienst in Birkenau

    GEBET FÜR ALLE ERMORETEN IN AUSCHWITZ-BIRKENAU UND UM FRIEDEN IN DER WELT

     

     

    Einstimmung

     

    Psalm 22

     

     

    Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du mich verlassen, bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?

     

    Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch Du gibst keine Antwort; ich rufe bei Nacht und finde doch keine Ruhe.

     

    Aber Du bist heilig, Du thronst über dem Lobpreis Israels.

     

    Dir haben unsere Väter vertraut, sie haben vertraut, und du hast sie gerettet.

     

    Zu Dir riefen sie und wurden befreit, Dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.

     

    Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet.

     

    Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf:

     

    „Er wälze die Last auf den Herrn, der soll ihn befreien! Der reiße ihn heraus, wenn er ihn liebt.“

     

    Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog, mich barg an der Brust der Mutter.

     

    Von Geburt an bin ich geworfen auf Dich, vom Mutterleib an bist Du mein Gott.

     

    Sei mir nicht fern, denn die Not ist nahe, und niemand ist da, der mir hilft.

     

    … [kurze Stille]

     

    Ich will Deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Gemeinde Dich preisen.

     

    Die Ihr den Herrn fürchtet, preist ihn,

     

    denn er hat nicht verachtet, nicht verabscheut das Elend des Armen. Er verbirgt sein Gesicht nicht vor ihm; er hat auf sein Schreien gehört.

     

     

    Einführung

     

    ...

     

     

     

    I. GEBET FÜR DIE VERSTORBENEN

     

     

    (Wenn in besonderer Weise Edith Steins gedacht wird:

     

    Gott, unser Herr, Gott Israels, auf die Fürbitte von Edith Stein wir bitten Dich um das ewige Leben für Rosa, unsere Schwester im Glauben, die zusammen mit Edith Stein in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde, und für alle Mitglieder der Familie von Edith Stein, Kinder Deines Volkes, die im Lager Theresienstadt ermordet wurden: Nimm ihr schweres Leben voller Leiden und einem schreckliche Tod an. Mögen Sie ruhen in Frieden.)

     

     

    Du Gott der Patriarchen und Profeten, Gott unseres Herrn jesus Christus, wir rufen zu Dir von diesem Ort der Vernichtung der Juden: Gedenke der Verheißung, die Du Abraham und seinen Nachkommen gegeben hast, nimm die unschuldig ermordeten in Deine Herrlichkeit auf und schenke Deinem Haus Israel Frieden.

     

     

    Gott der Lebenden und der Toten, Du hast Jesus von den Toten auferweckt. Erwecke in Deiner Barmherzigkeit die Polen, die Sinti und Roma, die sowjetischen Kriegsgefangenen, alle, die im Lager Auschwitz-Birkenau und an anderen Orten des Grauens des II. Weltkrieges ermordet wurden, und besonders die, an die niemand mehr denkt, zum Frieden des ewigen Lebens.

     

     

    Lehre uns, Gott, die nötigen Lehren aus dieser Tragödie zu ziehen und erneuere auf die Fürsprache der hl. Edith Stein, der Patronin Europas, unseren Kontinent. Lass alle Völker Europas den Weg zu Dir und zueinander finden und gehen. Schenke unserem Kontinent und der ganzen Menschheitsfamilie Versöhnung, Frieden und Gerechtigkeit.

     

     

     

    II. ZEIT DER STILLE

     

    (KERZEN ANZÜNDEN / BLUMEN NIEDERLEGEN)

     

    in Stille zünden die Teilnehmenden Kerzen an und bringen sie (oder die Blumen) an einen beliebigen Ort

     

     

    Psalm 34

     

     

    Ich will den Herrn allezeit preisen;

     

    Immer sei sein Lob in meinem Mund.

     

    Meine Seele rühme sich des Herrn;

     

    Die Armen sollen es hören und sich freuen.

     


    Verherrlicht mit mir den Herrn,

     

    laßt uns gemeinsam seinen Namen rühmen.

     

    Ich sucht den Herrn, und er hat mich erhört,

     

    er hat mich all meinen Ängsten entrissen.

     


    Blickt auf zu ihm, so wird Euer Gesicht leuchten,

     

    und ihr braucht nich zu erröten.

     

    Da ist ein Armer; er rief, und der Herr erhörte ihn.

     

    Er half ihm herau aus all seinen Nöten.

     


    Der Engel des Herrn umschirmt alle, die ihn fürchten und ehren,

     

    und er befreit sie.

     

    Kostet und seht, wie gütig der Herr ist;

     

    Wohl dem, der zu ihm sich flüchtet!

     

     

     

    III. GEBET FÜR FRIEDEN IN DER WELT

     

     

    Gebet des Papstes für das jüdische Volk

     

    Vater Abrahams, Vater der Propheten, Vater Jesu Christi, von dir ist alles umfangen, zu dir strebt alles hin, du bist das Ziel von allem. Erhöre unsere Gebete, die wir vor dich bringen für das jüdische Volk, das dir um seiner Vorfahren willen weiterhin teuer ist.

     

    Erwecke stets in ihm eine immer lebendigere Sehnsucht nach deiner Liebe und Wahrheit. Steh ihm bei in seinen Bemühungen um Frieden und Gerechtigkeit, damit dieses Volk die Allmacht deines Segens bezeugen kann.

     

    Steh ihm bei, damit es Achtung und Liebe von denen erfährt, die noch nicht das Ausmaß seiner Leiden verstehen, und von denen, die solidarisch, im Bewußtsein gegenseitiger Sorge, den Schmerz und die Wunden des jüdischen Volkes mitfühlen.

     

    Gedenke der nächsten Generation, der Jugendlichen und der Kinder, auf daß sie stets treu an dich glauben und an das, was das besondere Geheimnis ihrer Berufung ausmacht. Stärke alle Generationen, damit dank ihres Zeugnisses die Menschheit begreife, daß dein Heilsplan sich auf die ganze Menschheit erstreckt und daß du, Vater, Anfang und Ziel aller Völker bist.

     

    Amen.

     

     

    Gebet eines deportierten Juden mit unbekannten Namen

     

    Frieden sei allen Menschen schlechten Willens! Moege die Rache aufhoeren... Verbrechen haben alle Masse ueberschritten. Es gibt zu viele Maertyrer... Herr, wiege ihre Leiden nicht mit Gewichten Deiner Gerechtigkeit, belaste die Henker nicht mit diesen Leiden und zwinge sie nicht diese furchtbare Rechnung zu zahlen. Sie sollte auf eine andere Weise bezahlt werden.

     

    Schreib auf das Konto der Verbrecher, Zutraeger, Verraeter und aller Menschen schlechten Willens den Mut der anderen, ihre geistige Kraft, Demut, Wuerde, ihren beharrlichen inneren Kampf und unerschuetterliche Hoffnung, das Traenen trocknende Laecheln, die Liebe, ihre zerbrochenen Herzen, die stark und vertrauensvoll, sogar dem Tod gegenueber, sogar in Momenten der groessten Schwaeche nicht aufgeben ...Moege das alles vor Dich gebracht werden, Herr, für die Vergebung der Suehnder, als Loesegeld fuer den Sieg der Gerechtigkeit; moege das Gute zaehlen, nicht das Boese!

     

    Moegen wir in der Erinnerung unserer Feinde bleiben, aber nicht als Opfer, nicht als Alptraeume, Gespenster, die sie verfolgen, sondern als diejenigen, die ihnen helfen, ihre verbrecherischen Leidenschaften zu besiegen. Wir wollen nichts mehr von ihnen. Und wenn das Ganze zu Ende geht, lass uns leben, als Menschen unter Menschen und moege der Frieden auf unsere arme Erde zurueckkehren - Frieden fuer Menschen des guten Willens und fuer alle anderen.........

     

    (Ein in Archiven eines der deutschen Lager gefundener Text, geschrieben von einem gefangenen Juden, publiziert in "La Croix" 10.10.1989, s.11.)

     

     

    Um Frieden im Heiligen Land

     

    Wir bitten Dich, Herr, um den ersehten Frieden im Heiligen Land, der staendig durch Kampf, Hass und Teilungen verletzt wird. Wir glauben daran, dass Du dieses Land, das Du Deinem Volk verheissen hast, zu einem Zeichen des Segens fuer alle Voelker machen willst.

     

    Lass es nicht dazu kommen, dass das Toeten von Unschuldigen im Namen Gottes Deinen Heiligen Namen beleidigt. Moegen Palestinaenser und Israelis die vom Schoepfer geoffenbarten Absichten achten. Dank Seiner Gnade leben sie in diesem, heilig genannten, Land.

     

    Wir bitten Dich darum heute, versammelt in Auschwitz, an dem Ort, der zeigt, zu welchen boesen Taten der Mensch faehig ist; an dem Ort, der schreit: erlauben wir dem Hass nicht zu wachsen!

     

    Gib, dass die Verantwortlichen der religoesen Gemeinschaften gemeinsam die Suche nach einem gerechten Frieden fortsetzen, der zur Versoehnung in Jerusalem und im Heiligen Land fuehrt, fuer das gemeinsame Wohl aller Voelker.

     

    Beseele die Herzen aller Menschen gutes Willens, dass sie sich gegen Aufhetzung zum Hass und falsche Darstellung der anderen Seite wehren koennen.

     

    Hilf uns allen, zu verstehen, wie wir Werkzeuge Deines Friedens werden koennen.

     

    (Der Text des Gebetes orientiert sich am Aufruf für Mitverantwortung für das Heilige Land des Polnischen Rates der Christen und Juden sowie des Gemeinsamen Rates von Katholiken und Moslems vom April 2002)

     

     

    Für Europa

     

    „Auschwitz“ – das bedeutete den Versuch der sogenannten „Endlösung der Judenfrage in Europa“, das bedeutete den Versuch der Vernichtung aller Roma und Sinti, aller Geisteskranken und Behinderten, der Versklavung der slawischen Völker, der Ausschaltung Andersdenkender und so weiter.

     

    Herr, wir bitten um Deinen Geist für Europa, damit es gelingt, eine europäische Gemeinschaft zu schaffen, die in Frieden, gegenseitiger Achtung und Solidarität miteinander lebt.

     

    Jeder Mensch hat eine Würde, die Gott ihm geschenkt hat und die kein Mensch verletzen darf. Laß dieses Bewußtsein zum Fundament unserer gemeinsamen Verfassung werden. Geld und Wirtschaftsstrukturen sind ebenso wie Politik nichts anderes, als ein Werkzeug, um eine Zivilisation der Liebe zu bauen. Hilf, diese Perspektive nie zu vergessen.

     

    Hilf, Auschwitz nie zu vergessen, damit wir begreifen, wie groß unsere Verantwortung ist.

     

     

    Für die Welt

     

    O Herr der Welt, König des Friedens!

     

    Wir wollen die Menschen auf der ganzen Welt nicht vergessen, die um unsere Solidarität flehen.

     

    (Aktualisieren: Krieg im Sudan, Spannungen zwischen Pakistan und Indien, Kriegsgefahr im Irak, Krieg der Terroristen und Krieg gegen den Terrorismus, Hunger und Aids in Afrika, wachsende Kluft zwischen Reichen und Armen im globalen Dorf.)

     

    O Gott, wir flehen um Frieden, um internationale Solidarität und um einen tiefen Wandel der Menschheit „in eine große Familie, wo die gesellschaftlchen, politischen und wirtschaftlichen Beziehungen menschenwürdig sind und wo die Würde der menschlichen Person mit ihren unveräußerlichen Rechetn wirksam anerkannt wird“ (Johannes Paul II im August 2002 in Mexiko).

     

     

    Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,

     

    dass ich liebe, wo man hasst;

     

    dass ich verzeihe, wo man beleidigt;

     

    dass ich verbinde, wo Streit ist;

     

    dass ich Wahrheit sage, wo Irrtum ist;

     

    dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;

     

    dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quaelt;

     

    dass ich Licht entzuende, wo Finsternis regiert;

     

    dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.

     

    Herr, lass mich trachten,

     

    nicht, dass ich getroestet werde, sondern dass ich troeste;

     

    nicht, dass verstanden werde, sondern dass ich verstehe;

     

    nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.

     

    Denn wer sich hingibt, der empfaengt;

     

    wer sich selbst vergisst, der findet;

     

    wer verzeiht, dem wird verziehen;

     

    und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben

     

     

    Schlußwort, Vaterunser, Segen

  • SCHWEIGEN


    Das wichtigste Gebet an der Schwelle von Auschwitz ist – Schweigen

     

    Schweigen
    Hören
    Suchen

     

    die Stimme von Auschwitz
    die Stimme des eigenen Herzens
    die Stimme des Anderen
    die Stimme Gottes

  • 1988 Manfred Deselaers - Ostern

    OSTERN



    bedeutet für mich:

    an die Gegenwart der Liebe Gottes glauben zu dürfen,

    an seine rettende Nähe

    selbst in der Gaskammer,

    an seine Anwesenheit im "Reich des Todes".



    Ostern bedeutet für mich,

    daß ich in Auschwitz beten kann.



    Deshalb habe ich keine Angst mehr vor denen,

    die das Leben kaputt machen.

    Deshalb finde ich meinen Platz

    an der Seite der Opfer,

    um für ihr Leben zu kämpfen

    mit den mächtigen Waffen

    liebender Ohnmacht.



    Ich wollte, ich würde so leben.
  • Gebetsweg mit Edith Stein entlang der Rampe in Birkenau

    Gebetsweg entlang der Rampe in Birkenau

    Symbolische Teilnahme am letzten Weg von Edith Stein

     

    vorbereitet gemeinsam mit dem Polnischen Rat der Christen und Juden

    für die Gedenkfeier aus Anlass

    des 70. Jahrestages des Todes von Edith Stein

    Hl. Theresa Benedicta vom Kreuz OCD

    Oświęcim-Brzezinka, 9. August 2012

     

     

    Einleitung

     

     

    Uns versammelt hier heute das Andenken an Edith Stein, Philosophin, Pädagogin, Karmelschwester, Tochter des jüdischen Volkes und Tochter der Kirche.

     

    Das Leben von Edith Stein war geprägt von mutiger Suche nach Wahrheit, engagierter Teilnahme am intellektuellen und kulturellen Ringen um das wahre Menschenbild, tiefem Glauben an die christliche Botschaft vom Kreuz als Quelle der Hoffnung und ungebrochener Liebe zu den Menschen, zur Kirche und zum jüdischen Volk, mit dessen Schicksal sie sich ganz vereint bis zum Tod in Auschwitz.

     

    Vor 70 Jahren wurde sie hier, auf der Erde von Oświęcim, im deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet, zusammen mit vielen anderen, nur deshalb, dass sie eine jüdische Abstammung hatte.

     

    Am 70. Todestag der heiligen Edith Stein wollen wir diese große Frau ehren. Die Erinnerung an ihr Leben und Sterben fordert uns gleichzeitig auf, tief über die Aufgabe des Christentums in unserer Welt nachzudenken. Das verlangt von uns eine ehrliche Gewissenserforschung und ein klares Glaubenszeugnis. Weil wir fest glauben, dass Edith Stein, Teresa Benedikta vom Kreuz, schon in die Herrlichkeit des Herrn eingegangen ist, wollen wir sie um ihren Beistand anrufen, damit sie uns helfe, unsere Berufung als Christen im dritten Jahrtausend besser zu erkennen.

     

    Lasst uns beten.

     

    Gott unserer Väter, erfülle uns mit der Gnade des Glaubens, mit der Du auf besondere Weise die heilige Theresa Benedikta begabt hast, und gewähre auf ihre Fürsprache dass wir immerfort Dich suchen, die höchste Wahrheit, und treu Deinem Bund der Liebe auf dem alten Kontinent für Achtung und Toleranz eintreten. Durch unseren Herrn Jesus Christus, Deinen Sohn, der mit Dir lebt und herrscht in der Einheit des Heiligen Geistes, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.

     

     

    Station 1

    Edith und die Schoah

     

     

    Während der Heiligsprechung von Edith Stein, Schwester Theresa Benedikta vom Kreuz, sagte Papst Johannes Paul II:

    Wenn wir von nun an jedes Jahr das Gedächtnis der neuen Heiligen begehen, müssen wir uns auch an die Shoah erinnern, an den schrecklichen Plan, ein ganzes Volk zu vernichten, dem Millionen unserer jüdischen Brüder und Schwester zum Opfer fielen. Möge der Herr sein Antlitz über sie leuchten lassen und ihnen Frieden gewähren (Num 6,25f).

     

    Unser Weg entlang der Rampe im Lager Birkenau, vom Einfahrtstor zu den Ruinen der Gaskammern und Krematorien folgt dem letzten Weg der meisten Opfer von Auschwitz. Symbolisch bedeutet das, dem letzten Weg von Edith und Rosa Stein zu folgen. Sie wurden mit einem Transport von Juden hierhin gebracht, um getötet zu werden.

     

    Edith war sich bewusst, dass sie in der Zeit des nationalsozialistischen Regimes trotz ihrer Zugehörigkeit zur Kirche das Schicksal des jüdischen Volkes teilt.

    1933, im Jahr als das „Dritte Reich“ errichtet wurde, erzählte ein Bekannter Edith, was amerikanische Zeitungen von Gräueltaten berichteten, die an Juden verübt worden seien.

    Ich hatte ja schon vorher von scharfen Maßnahmen gegen Die Juden gehört. Aber jetzt ging mir auf einmal ein Licht auf, dass Gott wieder einmal schwer seine Hand auf sein Volk gelegt habe, und das das Schicksal dieses Volkes auch das meine war.1

     

    Im selben Jahr entschließt sie sich in den Karmel einzutreten. Auch hier fühlt sie sich mit ihrem Volk tief verbunden. Als Ordensnamen wählt sie „Theresa gesegnet vom Kreuz“. Ihrer Oberin schreibt sie später:

    Unter dem Kreuz verstand ich das Schicksal des Volkes Gottes, das sich damals anzukündigen begann.2

     

    Beten wir das Gebet, das Johannes Paul II für das jüdische Volk 1999 am Umschlagplatz in Warschau gesprochen hat:

     

    Vater Abrahams, Vater der Propheten, Vater Jesu Christi, von dir ist alles umfangen, zu dir strebt alles hin, du bist das Ziel von allem. Erhöre unsere Gebete, die wir vor dich bringen für das jüdische Volk, das dir um seiner Vorfahren willen weiterhin teuer ist.

    Erwecke stets in ihm eine immer lebendigere Sehnsucht nach deiner Liebe und Wahrheit. Steh ihm bei in seinen Bemühungen um Frieden und Gerechtigkeit, damit dieses Volk die Allmacht deines Segens bezeugen kann.

    Steh ihm bei, damit es Achtung und Liebe von denen erfährt, die noch nicht das Ausmaß seiner Leiden verstehen, und von denen, die solidarisch, im Bewusstsein gegenseitiger Sorge, den Schmerz und die Wunden des jüdischen Volkes mitfühlen.

    Gedenke der nächsten Generation, der Jugendlichen und der Kinder, auf dass sie stets treu an dich glauben und an das, was das besondere Geheimnis ihrer Berufung ausmacht. Stärke alle Generationen, damit dank ihres Zeugnisses die Menschheit begreife, dass dein Heilsplan sich auf die ganze Menschheit erstreckt und dass du, Vater, Anfang und Ziel aller Völker bist.

    Amen.

     

    Station 2

    Gewissenserforschung

     

    Am Rande von Auschwitz brauchen wir alle eine Gewissenserforschung. Aus Anlass der Veröffentlichung des vatikanischen Dokumentes "Wir erinnern: Eine Reflexion über die Schoa" schrieb Papst Johannes Paul II:

    Die Kirche [...] ermutigt ihre Söhne und Töchter, ihre Herzen durch Reue über die Irrtümer und Treulosigkeiten der Vergangenheit zu läutern. Sie ruft sie dazu auf, in Demut vor den Herrn zu treten und sich selbst im Blick auf die Verantwortung zu prüfen, welche auch sie für die Übel unserer Zeit haben.3

     

    Lassen wir den Brief, den Edith Stein im Jahr 1933 an Papst Pius XI geschrieben hat, zu uns sprechen.

     

    Edith:

    In den letzten Wochen hatte ich immerfort überlegt, ob ich nicht in der Judenfrage etwas tun könnte. Schließlich hatte ich den Plan gefasst, nach Rom zu fahren und den Heiligen Vater in Privataudienz um eine Enzyklika zu bitten. […] Meine Erkundigungen In Rom ergaben, dass ich wegen des großen Andrangs keine Aussicht auf eine Privataudienz hätte. […] So verzichtete ich auf die Reise und trug mein Anliegen schriftlich vor.4

     

    Heiliger Vater!

     

    Als ein Kind des jüdischen Volkes, das durch Gottes Gnade seit elf Jahren ein Kind der katholischen Kirche ist, wage ich es, vor dem Vater der Christenheit auszusprechen, was Millionen von Deutschen bedrückt.

     

    Seit Wochen sehen wir in Deutschland Taten geschehen, die jeder Gerechtigkeit und Menschlichkeit – von Nächstenliebe gar nicht zu reden – Hohn sprechen. Jahre hindurch haben die nationalsozialistischen Führer den Judenhass gepredigt. Nachdem sie jetzt die Regierungsgewalt in ihre Hände gebracht und ihre Anhängerschaft – darunter nachweislich verbrecherische Elemente – bewaffnet hatten, ist diese Saat des Hasses aufgegangen. Dass Ausschreitungen vorgekommen sind, wurde noch vor kurzem von der Regierung zugegeben. In welchem Umfang, davon können wir uns kein Bild machen, weil die öffentliche Meinung geknebelt ist. Aber nach dem zu urteilen, was mir durch persönliche Beziehungen bekannt geworden ist, handelt es sich keineswegs um vereinzelte Ausnahmefälle. Unter dem Druck der Auslandsstimmen ist die Regierung zu „milderen“ Methoden übergegangen. Sie hat die Parole ausgegeben, es solle „keinem Juden ein Haar gekrümmt werden“. Aber sie treibt durch ihre Boykotterklärung – dadurch, dass sie den Menschen wirtschaftliche Existenz, bürgerliche Ehre und ihr Vaterland nimmt – viele zur Verzweiflung: es sind mir in der letzten Woche durch private Nachrichten 5 Fälle von Selbstmord infolge dieser Anfeindungen bekannt geworden. Ich bin überzeugt, dass es sich um eine allgemeine Erscheinung handelt, die noch viele Opfer fordern wird. Man mag bedauern, dass die Unglücklichen nicht mehr inneren Halt haben, im ihr Schicksal zu tragen. Aber die Verantwortung fällt doch zum großen Teil auf die, die sie so weit brachten. Und sie fällt auch auf die, die dazu schweigen.

     

    Alles, was geschehen ist und noch täglich geschieht, geht von einer Regierung aus, die sich „christlich“ nennt. Seit Wochen warten und hoffen nicht nur die Juden, sondern Tausende treuer Katholiken in Deutschland – und ich denke, in der ganzen Welt – darauf, dass die Kirche Christi ihre Stimme erhebe, um diesem Missbrauch des Namens Christi Einhalt zu tun. Ist nicht diese Vergötzung der Rasse und der Staatsgewalt, die täglich durch Rundfunk den Massen eingehämmert wird, eine offene Häresie? Ist nicht der Vernichtungskampf gegen das jüdische Blut eine Schmähung der allerheiligsten Menschheit unseres Erlösers, der allerseligsten Jungfrau und der Apostel? Steht nicht dies alles im äußersten Gegensatz zum Verhalten unseres Herrn und Heilands, der noch am Kreuz für seine Verfolger betete? Und ist es nicht ein schwarzer Flecken in der Chronik dieses Heiligen Jahres, das ein Jahr des Friedens und der Versöhnung werden sollte?

     

    Wir alle, die wir treue Kinder der Kirche sind und die Verhältnisse in Deutschland mit offenen Augen betrachten, fürchten das Schlimmste für das Ansehen der Kirche, wenn das Schweigen noch länger anhält. Wir sind der Überzeugung, dass dieses Schweigen nicht imstande sein wird, auf die Dauer den Frieden mit der gegenwärtigen deutschen Regierung zu erkaufen. Der Kampf gegen den Katholizismus wird vorläufig noch in der Stille und in weniger brutalen Formen geführt wie gegen das Judentum, aber nicht weniger systematisch. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird in Deutschland kein Katholik mehr ein Amt haben, wenn er sich nicht dem neuen Kurs bedingungslos verschreibt.

     

    Zu Füssen Eurer Heiligkeit, um den Apostolischen Segen bittend

    Dr. Edith Stein

     

     

    Wir wissen, dass viele Christen, darunter die Päpste, sich den Nazis widersetzt und Verfolgten geholfen haben. Es ist auch schwer, das Gewissen einzelner Personen zu beurteilen. Jedoch war "der geistige Widerstand und das konkrete Handeln anderer Christen nicht so, wie man es von Nachfolgern Christi hätte erwarten können."5 Wir wissen und bekennen, dass viele Christen, auch kirchliche Würdenträger, versagt haben und schuldig geworden sind. Die Wunden, die von Christen dem jüdischen Volk im Laufe der Jahrhunderte und besonders während des Zweiten Weltkrieges zugefügt wurden, tun uns sehr leid.

     

    Wir wollen uns dem Gebet anschließen, das Papst Johannes Paul II im März 2000 an der Klagemauer in Jerusalem gebetet hat:

     

    Gott unserer Väter,

    du hast Abraham und seine Nachkommen auserwählt,

    deinen Namen zu den Völkern zu tragen.

    Wir sind zutiefst betrübt

    über das Verhalten aller,

    die im Laufe der Geschichte

    deine Söhne und Töchter leiden ließen.

    Wir bitten um Verzeihung

    und wollen uns dafür einsetzen,

    dass echte Geschwisterlichkeit herrsche

    mit dem Volk des Bundes.

     

     

     

    Station 3

    Häftlinge in Auschwitz

    Bei der Selektion auf der Rampe wurden einige Gefangene aus den jüdischen Transporten genommen und zum Arbeiten ins Lager geschickt.

    Wir wollen hier an alle Häftlinge des Lagers Auschwitz und seiner Nebenlager denken. Seit 1940 wurden ungefähr 400.000 registrierte Häftlinge in die Lager des KL Auschwitz gesperrt.

    Von Anfang an wurden Polen hierhin geschickt: Soldaten, Widerständler und nationale Führungspersonen, darunter 400 Priester und geistliche Personen. Von den 150.000 Polen kam die Hälfte in den Lagern ums Leben.

    Seit 1941 kamen etwa 15.000 sowjetische Kriegsgefangene, die fast alle starben.

    Seit 1943 kamen etwa 23.000 sogenannte Zigeuner, Sinti und Roma; 21.000 starben.

    Viele andere wurden nach Auschwitz deportiert, nicht jüdische Gruppen aus verschiedenen Ländern, meistens aus dem Widerstand, aber auch Zeugen Jehovas und Homosexuelle.

    Seit 1942 kamen Transport emit Juden aus ganz Europa. Während die meisten direkt in die Gaskammern geschickt wurden, wurden junge und starke zum Arbeiten herausgesucht. Ungefähr 200.000 Juden wurden in die Lager geschickt, wo die Hälfte ums Leben kam.

    Primo Levi, ein Überlebender, erinnert sich:

    Es gibt nichts, worin wir uns spiegeln könnten, und doch haben wir unser Ebenbild vor Augen, es bietet sich uns in hundert leichenblassen Gesichtern dar, in hundert elenden und schmierigen Gliederpuppen. So sind wir nun in ebensolche Gespenster verwandelt, wie wir sie gestern Abend gesehen haben.

    Da merken wir zum ersten Mal, dass unsere Sprach keine Worte hat, diese Schmach zu äußern, dieses Vernichten eines Menschen. In einem einzigen Augenblick und mit prophetischer Schau enthüllt sich uns die Wahrheit: Wir sind in der Tiefe angekommen. Noch tiefer geht es nicht; ein noch erbärmlicheres Menschendasein gibt es nicht, ist nicht mehr denkbar. Und nichts ist mehr unser: Man hat uns die Kleidung, die Schuhe und selbst die Haare genommen; werden wir reden, so wird man uns nicht anhören, und wird man uns auch anhören, so wird man uns nicht verstehen. Auch den Namen wird man uns nehmen; wollen wir ihn bewahren, so müssen wir in uns selber die Kraft dazu finden, müssen dafür Sorge tragen, dass über den Namen hinaus etwas verbleibe, von dem, wie wir einmal gewesen.6

    Glaube bleibt im Angesicht von Auschwitz immer Glaube in der dunklen Nacht, in Frage gestellter Glaube.

    In der 'Kreuzeswissenschaft' von Edith Stein stehen die Sätze:

     

    Wir wissen ..., daß ein Zeitpunkt kommt, in dem die Seele ... völlig in Dunkelheit und Leere versetzt wird. Es bleibt ihr gar nichts anderes mehr, woran sie sich halten könnte, als der Glaube. Der Glaube stellt ihr Christus vor Augen: den Armen, Erniedrigten, Gekreuzigten, am Kreuz selbst vom göttlichen Vater Verlassenen. In seiner Armut und Verlassenheit findet sie die ihre wieder.7

     

     

    Psalm 22

     

    Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du mich verlassen,

    bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?

    Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch Du gibst keine Antwort;

    ich rufe bei Nacht und finde doch keine Ruhe.

    Aber Du bist heilig, Du thronst über dem Lobpreis Israels.

    Dir haben unsere Väter vertraut,

    sie haben vertraut, und du hast sie gerettet.

    Zu Dir riefen sie und wurden befreit,

    Dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.

    Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch,

    der Leute Spott, vom Volk verachtet.

    Alle, die mich sehen, verlachen mich,

    verziehen die Lippen, schütteln den Kopf:

    Er wälze die Last auf den Herrn, der soll ihn befreien!

    Der reiße ihn heraus, wenn er ihn liebt.“

     

    [Pause]

     

    Ich will Deinen Namen meinen Brüdern verkünden,

    inmitten der Gemeinde Dich preisen.

    Die Ihr den Herrn fürchtet, preist ihn,

    denn er hat nicht verachtet,

    nicht verabscheut das Elend des Armen.

    Er verbirgt sein Gesicht nicht vor ihm;

    er hat auf sein Schreien gehört.

     

     

    Edith Stein wurde nicht zur Arbeit selektiert. Sie ging den Weg der meisten Opfer von Auschwitz, die nicht einmal Häftlinge wurden, sondern direkt von den Eisenbahnwaggons zu den Gaskammern gingen.

     

    Wir gehen in Stille.

     

    Station 4

    Szoa
    Jüdisches Gebet für die Ermordeten

     

    Die meisten Opfer von Auschwitz wurden nie Häftlinge im Lager. Ungefähr 900.000 Juden wurden direkt zu den Gaskammern gebracht und dort ermordet, unter ihnen Edith und Rosa Stein. Dann wurden ihre Körper, wie die Körper aller anderen Gefangenen, verbrannt und ihre Asche weggeworfen. Das wurde das Symbol für die Schoah; das war die Schoah.

    Aus den nach dem Krieg gefundenen Aufzeichnungen von Salmen Levental, einem Mitglied des Sonderkommandos, das an den Krematorien arbeiten musste:

    Unglück. Solche Gefühle nagten an jedem von uns. Sol­che Gedanken kamen jedem von uns in den Sinn. Wir schämten uns einer vor dem Andern und wagten nicht, uns in die Augen zu schauen. Mit vor Schmerz, vor Scham, vor Weinen und Jammern geschwolle­nen Augen drückte sich jeder in eine Ecke, um die Begegnung mit einem anderen zu vermeiden8.

    Einmal, als mehrere hundert nack­te, ausgemergelte Frauen bei Frost vor dem Krematorium von Last­wagen geschüttet wur­den:

    Ei­ner von uns, der auf der Seite stand und auf das unge­heu­re Unglück dieser wehrlosen, zu Tode ge­quälten Seelen schaute, konnte sich nicht beherr­schen und fing an zu weinen. Ein junges Mädchen rief da aus: «schaut, was ich noch vor meinem Tod erlebe: einen Ausdruck von Mitleid und Tränen, ver­gos­sen über unser schreckliches Schicksal. Hier im Lager der Mör­der, wo man plagt und schlägt und wo man zu Tode quält, wo man Morde sieht und fallende Opfer, hier, wo die Menschen das Gefühl für größtes Unglück verloren haben, hier, wo jegliche menschlichen Gefühle ab­stumpften, hier, wo du, wenn dein Bruder oder deine Schwester vor deinen Augen fällt, du ihnen nicht ein­mal einen Abschieds­seufzer gewähren kannst, hat sich noch ein Mensch gefunden, der sich unser furchtbares Unglück zu Herzen nimmt und sein Mitleid durch Weinen ausdrückt. Ach, etwas Wun­derbares, etwas Übernatürli­ches. Tränen und Seufzer eines lebendigen [Menschen] begleiten uns zum Tod, es gibt noch jeman­den, der uns beweinen wird9.

    EL MALE RACHAMIM

    אֵל מָלֵא רַחֲמִים שׁוֹכֵן בַּמְּרוֹמִים, הַמְצֵא מְנוּחָה נְכוֹנָה תַּחַת כַּנְפֵי הַשְּׁכִינָה, בְּמַעֲלוֹת קְדוֹשִׁים

    וּטְהוֹרִים כְּזוֹהַר הָרָקִיע מַזְהִירִים, לְנִשְׁמוֹת שֵׁשֶׁת מִילְיוֹנֵי הַיְּהוּדִים, חַלְלֵי הַשּׁוֹאָה בְּאֵירוֹפָּה, אֲנָשִׁים נָשִׁים וָטַף, שֶׁנִּטְבְּחוּ, וְשֶׁנֶחְנְקוּ, וְשֶׁנִּשְׂרְפוּ וְשֶׁנֶּהֶרְגוּ עַל קִידוּש הַשֶם בְּאוֹשְוִיץ... בִּידֵי הַמְרַצְּחִים הַגֶּרְמָנִים וְעוֹזְרֵיהֶם מִשְּׁאָר הָעַמִּים. בַּעַבוּר שֶׁאַנוּ מִתְּפַּלְלִים לְעִילוּי נִשְׁמוֹתֵיהֶם. לָכֵן בַּעַל הָרַחֲמִים יַסְתִּירֵם בְּסֵתֶר כְּנָפָיו לְעוֹלָמִים, וְיִצְרוֹר בִּצְרוֹר הַחַיִּים אֶת נִשְׁמוֹתֵיהֶם, ה' הוּא נַחֲלָתָם, בְּגַן עֵדֶן תְּהֵא מְנוּחָתָם, וְיָנוּחוּ בְשָׁלוֹם עַל פְּזוּרֵי מִשְׁכּבָם, וְיַעֶמְדוּ לְגוֹרָלָם לְקֵץ הַיָּמִין ,וְנֹאמַר אָמֵ

     

    G'tt voller Erbarmen, in den Himmelshöhen thronend, es sollen finden die verdiente Ruhestätte unter den Flügeln Deiner Gegenwart, in den Höhen der Gerechten und Heiligen, strahlend wie der Glanz des Himmels, all die Seelen der Sechs-Millionen Juden, Opfer der Shoah in Europa, ermordet, geschlachtet, verbrannt, umgekommen in Heiligung Deines Namens; in Auschwitz und anderen Orten durch die Hände der deutschen Mörder und ihrer Helfer.

    Sieh wir beten für das Aufsteigen ihrer Seelen, so berge sie doch Du, Herr des Erbarmens, im Schutze deiner Fittiche in Ewigkeit und schließe ihre Seelen mit ein in das Band des ewigen Lebens. G'tt sei ihr Erbbesitz, und im Garten Eden ihre Ruhestätte, und sie mögen ruhen an ihrer Lagerstätte in Frieden. Und sie mögen wieder erstehen zu ihrer Bestimmung am Ende der Tage. Und wir sagen: Amen.

     

     

     

    1 In Wie ich in den Kölner Karmel kam. ESGA 1, 346.

    2 Brief vom 9. Dezember 1938. ESGA 3, 323.

    3 Brief an Kardinal Cassidy. Im Dokument der Kommission für die religiösen Kontakte mit dem Judentum Wir erinnern: Eine Reflexion über die Schoa. Vatikan, 16, März 1998.

    4 In Wie ich in den Kölner Karmel kam. ESGA 1, 347.348.

    5 Dokument der Kommission für die religiösen Kontakte mit dem Judentum Wir erinnern: Eine Reflexion über die Schoa. Vatikan, 16, März 1998.

    6 Primo Levi, Ist das ein Mensch? Deutsch von Heinz Riedt. dtv München 1992, S. 27f.

    7 Kreuzeswissenschaft. ESGA 18, 100.

    8  Handschriften von Mitgliedern des Sonderkommandos. Hefte von Au­schwitz, Sonderheft I, Oświęcim 1972, S. 145.

    9  Ebd., S. 153.

    .

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