Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

Frauke Buenning und Mirjam Laux, Hadamar

Deutschland, 13.12.2004

 

 

 

Liebe Unbekannte, die Sie in Auschwitz waren und überlebt haben,

 


 

wir schreiben Ihnen diesen Brief, da wir Ihnen unsere Eindrücke, Gedenken und Bitten mitteilen wollen. Wir waren selbst im Juni dieses Jahres mit einer Gruppe in Auschwitz. Unsere Gruppe setzte sich aus 15 deutschen Jugendlichen aus dem Raum Limburg in Hessen sowie 11 deutschen Erwachsenen zusammen. Das Besondere an unserer Gruppe war nicht nur, dass Jugendliche und Erwachsene zusammen reisten, sondern dass auch neben den deutschen Erwachsenen eine Israelin, Naomi Rozen, unsere Gruppe komplettierte, so dass Gruppe einen ganz besonderen Charakter entwickelte. Naomi verlor in Auschwitz sowohl ihre Groß- als auch ihre Schwiegereltern – Menschen, die wie so viele andere unschuldige Menschen ihr Leben dort lassen mussten, aber das wissen Sie ja leider nur allzu gut.

 

Wir sind noch immer zutiefst bewegt von den Eindrücken, die wir dort gewonnen haben, wenngleich wir uns bewusst sind, dass man diese nicht annähernd mit dem vergleichen kann, was Sie in Ihrer Jugend durchleben mussten. Dieses Leid wurde Ihnen von Deutschland zugefügt- dessen sind wir uns bewusst. Wir hoffen aber dennoch, dass Sie unserer Generation, die diese Verbrechen nicht leugnet und sie aufs Schärfste verurteilt, eine Chance geben, da wir für die Taten unsere Vorfahren nicht verantwortlich gemacht werden sollten.

 

Auf unserer Reise in die schreckliche Vergangenheit, die man wahrscheinlich nie als abgeschlossenen bezeichnen kann, lernten wir mit Henryk Mandelbaum, einen jüdischen Überlebenden kennen, der in seiner Jugend an den Krematorien in Birkenau arbeiten musste und der uns zutiefst mit seinen Erzählungen berührte. Erst so konnten wir uns ein wenig besser vorstellen, was die Menschen in dieser schrecklichen Zeit durchleben mussten. Besonders schwer fiel uns dies, da uns der Ort, so unglaublich es sich für Sie auch anhören mag, zunächst außerordentlich friedlich und ruhig erschien. Die Sonne schien und das Gras leuchtete uns in einem saftigen Grün entgegen. Kaum vorstellbar, dass dort so viele Menschen ermordet wurden und dieser Ort für immer ein Ort des Grauens ist. Natürlich wissen auch wir, dass man diesen Ort nicht als friedliche Idylle in Erinnerung behält, sondern gerade das Gegenteil der Fall ist. Dieser Realität sind wir uns bewusst und möchten nicht die Augen davor verschließen. Es muss für Sie damals alles so unglaublich entwürdigend und schrecklich gewesen sein. Wir wissen auch, dass wir eine der letzten Generationen sind, die noch über die Möglichkeiten verfügt, den Dialog mit Menschen wie Ihnen suchen zu können.

 

Gerade deshalb sind wir Henryk Mandelbaum und Orna Birnach, die uns hier in Limburg ihre ganz persönliche Geschichte des Grauens erzählten, sehr dankbar, dass Sie sich bemühen als Warnung für die folgenden Generationen von Ihren Erlebnissen zu berichten, damit sich dieses Grauen nicht wiederholt. Vermutlich suchen auch Sie in Ihrer Heimat den Dialog mit anderen Personen. Dies ist aus unserer Sicht besonders wichtig, da dieser Schrecken nicht an Opferzahlen dargestellt werden kann, sondern nur die Chance, ein Gespräch zu führen, hilft, sich ein realistisches Bild der Vergangenheit machen zu können.

 

Vor nun 60 Jahren wurden sie offiziell aus der Gefangenschaft befreit; doch richtig frei sind Sie sicherlich noch heute nicht, da Sie ihr ganzes Leben lang von Ihrer Geschichte verfolgt werden. Wir hoffen sehr, dass Sie noch lange die Kraft haben werden, um Ihre ganz persönliche Geschichte erzählen zu können, da niemals die Möglichkeit aufkommen sollte, über solch ein Verbrechen zu schweigen, bis es gar in Vergessenheit geraten könnte und unter Umständen eventuell geleugnet erden könnte. Daher bemühen auch wir uns im Rahmen unserer Möglichkeiten, dies zu vermeiden, indem wir unserer Umwelt von unseren Eindrücken, Erlebnissen und Gefühlen berichten und andere motivieren, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen.

 

Diese Erzählungen begannen bei uns zunächst im kleinen Rahmen. Als wir unseren Familien und Freunden, denen wir nach unserer Rückkehr so viel zu erzählen hatten, von unserer Fahrt berichteten, spürten wir, dass wir über so etwas Schlimmes nicht schweigen können. Natürlich mussten auch wir erst einmal versuchen zu verarbeiten und ansatzweise nachzuvollziehen, wie es zu so etwas kommen konnte, wenngleich wir uns diese Frage vermutlich nie beantworten können, da es alles so unwirklich wirkt. Nachdem wir also im kleinen Kreis der Familie und Freunde bereits eindrücklich berichtet hatten, merkten wir, dass wir noch mehr Leute erreichen konnten. So folgte diesen Erzählungen eine Präsentation in der Schule vor ca. 200 Schülern und zuletzt eine Gedenkfeier an die Pogrome von 1938 in Deutschland.

 

Bei all diesen Gelegenheiten, bei denen Menschen, die bereit waren uns zuzuhören, anwesend waren, gaben wir ihnen neben Fakten viele persönliche Erinnerungen mit auf den Weg. Diese Erinnerungen waren individuell ganz verschieden; so war es zum Beispiel ein Foto eines unglaublich lebensfroh und glücklich dreinschauenden Kindes, das den einen bewegte, beim anderen war es ein Paar Babyschühchen; der Nächste verbindet Auschwitz mit einem bestimmten Gedicht. Wir waren und sind noch heute zutiefst bewegt. So gaben wir also bei unseren kleinen Veranstaltungen neben Fakten und Zahlenmaterial besonders unsere Erinnerungen und die damit verbundenen Gefühle an die Zuhörer weiter. Dies ist natürlich nicht annähernd so eindrücklich, als wenn Überlebende wie Sie von Ihrem Erlebten berichten. So schrecklich diese Erinnerungen für uns auch scheinen, sind wir uns doch dessen bewusst, dass es die Wahrheit ist und wir versuchen wollen, diese Wahrheit über das Grauen von Auschwitz weiterzugeben.

 

Wir hoffen sehr, dass wir Sie bei dieser Aufgabe unterstützen können und wollen dies auch im Rahmen der uns gegebenen Möglichkeiten tun. Wir fühlen uns Ihnen und dem, was Sie erleben mussten, auf eine ganz besondere Art verbunden, gerade weil wir Deutsche sind, und hoffen sehr, dass dies für Sie kein Problem darstellt.

 

Wir wünschen uns, dass Sie noch möglichst lange Kraft haben, sofern es möglich ist, immer wieder von dem Erlebten zu berichten, damit ihre Erzählungen sowohl als Erinnerungen an eine grausame Vergangenheit, als auch als Mahnung an die Gegenwart erhalten bleiben und sie uns hoffentlich wegweisend für eine bessere und für uns alle friedlichere Zukunft sein können.

 

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen alles erdenklich Gute und viel Erfolg, auf dass Sie bei Ihnen Zuhörern, welche die Bereitschaft mitbringen, sich mit diesem Thema auseinander zusetzen, auf offene Ohren treffen. Auch wir werden weiterhin versuchen unsere Erlebnisse weiterzugeben und besonders Jugendliche zur Auseinandersetzung mit Auschwitz und allem was dazu gehört zu motivieren.

 

Frauke Bünning und Mirjam Laux

 

Im Namen der Jugendlichen, die an der Auschwitzfahrt 2004 des Jugendbildungswerkes Limburg-Weilburg in Kooperation mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Limburg teilnehmen.

 

Beide 1988 geboren und Schülerinnen des Fürst-Johann-Ludwig-Gymnasiums in Hadamar.

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