Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

2012-08-09_Joachim Kardinal Meisner – Predigt aus Anlass des 70. Todestages von Edith Stein in Auschwitz

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Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,
liebe Schwestern und Brüder in Christus, dem Herrn!

1. Edith Stein als Pilgerin der Wahrheit

In diesem Jahr 2012 begehen wir den 90. Tauftag der hl. Edith Stein, die am 1. Januar 1922 das Sakrament der Taufe empfing und den 70. Jahrestag ihres Todes, der am 9. August 1942, also vor genau 70 Jahren hier in Auschwitz erfolgte. Diese nüchternen Daten sind uns Anlass, inne zu halten und auf das gesegnete Leben der hl. Edith Stein, nach ihrem Ordensnamen Schwester Theresia Benedicta a Cruce, als Patronin Europas zu schauen, das in seiner Suche nach Wahrheit normativ für uns alle geworden ist.

Vor dem großen Edith-Stein-Denkmal in Köln ist in den Boden ihr bekanntes Wort eingelassen: „Wer die Wahrheit sucht, der sucht nach Gott, ob es ihm bewusst ist oder nicht“. Als Zeugin der Wahrheit ist Edith Stein für Europa in ihrem Patronat lebenswichtig. „Was ist Wahrheit?“ (Joh 18,38) fragte schon Pilatus. Resigniert und erleichtert über der scheinbaren Unmöglichkeit, zur Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen, übergibt er die Causa „Jesus Christus“ ganz demokratisch zur Entscheidung dem Volke, das ihn dann zum Kreuzestod verurteilt. Er, Pilatus, unfähig zu unterscheiden, was wahr und unwahr ist, erklärt sich dann für unschuldig an diesem Todesurteil. Hier soll Unwissenheit vor Strafe schützen. Seit zwei Jahrhunderten bemüht man sich in Europa, das Jenseits, den Himmel, Gott, immer weniger als Norm für das Handeln dieser Welt einzubeziehen. Seine ewigen Werte sollen nun den Menschen retten, indem man sie ins Diesseits, in die Menschheit, in die Gesellschaft hinein verlegt. Und so ist inzwischen die Wirtschaft zum Maßstab aller Werte geworden mit dem „Kapital“ als Bibel des neuen Materialismus. Nicht mehr wahr oder unwahr, sondern verkäuflich oder nicht verkäuflich bestimmen das Denken und Leben der Menschen heute. Ein religiöser Glaube, der sich darauf einließe, würde sich selbst vernichten. Das zeigt uns das Lebenszeugnis von Edith Stein eindeutig.

Schon der griechische Philosoph Sokrates sagt: „Der Wahrheit kommt unter allen Gütern die oberste Stelle zu, sowohl bei den Göttern als auch bei den Menschen“. Die eigentliche Heimat des Menschen ist die Wahrheit. „Nur die Wahrheit ist der dem Menschen gemäße Grund seines Stehens“, sagt Papst Benedikt XVI. Wer den Menschen weniger gibt als die Wahrheit, der betrügt ihn. Wahrheit ist nicht relativ. Es gibt sie auch nicht im Plural. Sie ist keine Mehrheitsfrage. Sie ist so oder sie ist nicht. Es stimmt auch nicht, dass alles gleich wahr ist, denn dann wäre auch alles gleich falsch. Edith Stein weist uns den Weg aus der Diktatur des Relativismus zu wahrer Menschenwürde, indem sie den Menschen drängt, die Frage nach der Wahrheit in ihrem Leben nicht auszuklammern.

2. Die hl. Edith Stein gibt sich mit nichts Billigerem zufrieden als mit der Wahrheit.

Sie brennt gleichsam in ihrer Sehnsucht, die Wahrheit zu erkennen. Das ist vielleicht der charakteristischste und zugleich profundeste Zug ihres Wesens. Dabei können sie ideologische Lehrsätze nicht überzeugen. Sie unterzieht jedes Phänomen der Prüfung ihres klaren analytischen Verstandes. Bei ihrer leidenschaftlichen Suche nach der Wahrheit kommt sie in Kontakt mit vielen Geistesgrößen ihrer Zeit. Dabei wird ihr bewusst, dass ein Wahrheitssuchender letztlich nicht an der Frage nach Gott vorbeikommt. Edith Stein ist auf der Suche nach philosophischer Wahrheit, und sie findet die Wahrheit in der Person Jesus Christus.

Edith Stein konvertiert nicht aus einem gelebten Judentum zu einem gelebten Christentum, sondern sie tritt aus dem Milieu akademischer Indifferenz in das Haus des Glaubens ein. Diese Realität des Glaubens wird zur Wahrheit ihres Lebens. Sie begegnet Jesus Christus, der von sich sagt: „Ich bin die Wahrheit“ (Joh 14,6). Und sie erkennt sehr schnell, dass die Wahrheit ein Gesicht hat, das die Liebe ist. Und damit fand sie das Ziel ihres Lebens: „die Liebe Gottes, die sich im Kreuz Christi konzentriert hat“. Darauf weist ihr geistlicher Adelstitel hin. Sie fügt ihrem Ordensnamen Theresia hinzu: „Benedicta a Cruce“ – „die vom Kreuz Gesegnete“. Sie hat sich auf die Seite des Gekreuzigten gestellt. Schon bei ihrem Eintritt in den Karmel von Köln ahnt sie, was den Juden im Nazideutschland und im übrigen besetzten Europa droht. Hier hat für sie noch einmal die Stunde der Wahrheit geschlagen. Als sie am 2. August 1942 von der Gestapo verhaftet wurde, sollte ihr Name für immer ausgelöscht werden. Aber: „Komm! Wir gehen für unser Volk!“, sagt sie ihrer Schwester Rosa beim Abtransport und bewahrheitete so, was Bekehrung zur Wahrheit für sie hieß, „die große Tochter Israels und des Karmels“, wie Johannes Paul II. sie bei ihrer Seligsprechung in Köln genannt hat. Sie war und blieb eine Jüdin. Sie hat sich auf die Seite des Gekreuzigten gestellt, um von ihm gesegnet zu werden, nicht nur für sich allein, sondern mit allen, für die Jesus gestorben und auferstanden ist. Das ist ernst, todernst, aber es ist die dunkle Seite eines hellen Lichtes, das noch niemand sehen kann. Und es ist das, was Bekehrung zur Wahrheit im äußersten Fall meint.

3. Das Geheimnis des Kreuzes und Leidens ist im Christentum das Geheimnis der Liebe.

Gott ist die Liebe in Person. Das heißt, er ist absolute Vertikalität, ganz Aufschwung vom Ich zum Du. Und dieser Gott wird in Jesus Christus Mensch. Und der Mensch ist ganz Horizontalität. Der hl. Augustinus definiert das menschliche Herz als „Cor incurvatum in se“. Wahrer Gott und wahrer Mensch in Person bedeutet: gekreuzigt sein. Wahrer Gott - reine Vertikalität und wahrer Mensch - reine Horizontalität ergibt geometrisch das Kreuz. Und darum ist das Kreuz das Plus gewordene Minus der Welt durch den Einsatz Gottes. Die Liebe Gottes im Kreuz macht aus dem Minus das Plus. Es qualifiziert Negatives in Positives hinein: Tod in Leben; Lüge in Wahrheit; Verlust in Gewinn; Sinnlosigkeit in Sinn; Verzweiflung in Hoffnung; Traurigkeit in Freude.

An dieser Stelle möchte ich auf meine eigene Biographie hinweisen: Ich bin wie Edith Stein in Breslau geboren, wenn auch viel später als sie. Nun lebe ich seit über 20 Jahren in Köln wie Edith Stein, wenn auch ebenfalls viel später. Aber es lässt mich heute noch vor Scham erröten, dass damals niemand von uns Christen in Deutschland mit Edith Stein und ihrem Volk unter das Kreuz gegangen ist. Wir haben sie allein gelassen mit dem Kreuz. Das darf sich niemals, niemals mehr wiederholen!

Papst Johannes Paul II. nennt Auschwitz „das Golgotha des 20. Jahrhunderts“. Der Kreuzpunkt, in dem die vertikale Gotteslinie die horizontale Menschenlinie durchkreuzt, macht den Überstieg, den Aufstieg möglich. An diesem Kreuzpunkt ist die hl. Schwester Theresia Benedicta a Cruce angesiedelt. Von hier aus erfüllt sie ihre Mission, den Menschen die Augen zu öffnen für die Wahrheit, die uns nach den Worten Christi frei macht: „Nur wer Gott kennt, der kennt auch den Menschen!“ (R. Guardini).

Um Gott vergessen zu machen, wollten die Nazis die ersten Zeugen Jahwes von der Erde vertilgen, wie Papst Benedikt XVI. hier in Auschwitz sagte. Sie setzten sich dabei selbst an die Stelle Gottes und zertraten damit die Menschen als Ebenbilder des lebendigen Gottes. Dafür steht Auschwitz als die schauerliche Erinnerung an dieses furchtbare Geschehen. Wenn die so genannte jüdische Endlösung erfolgt sei, käme dann das neutestamentliche Gottesvolk an die Reihe, so die Strategie der Nazis.

Das letzte schriftliche Zeugnis, das wir von Edith Stein besitzen, ist ein Zettel, den sie auf dem Transport nach Auschwitz auf einem Bahnhof durch die Ritze des Eisenbahnwaggons hinausschickte. Darauf stand: „Ex oriente lux“ – „Aus dem Osten kommt das Licht“. Und sie meinte damit: Wir gehen dem auferstandenen Christus entgegen. Sie wusste aus ihrer intensiven Nachfolge des gekreuzigten Christus, dass die scheinbare Ohnmacht des Gekreuzigten gerade in der wehrlosen Auslieferung an den Hass der Sünder stärker ist als die Sünde. Sie hat sich rufen und einschließen lassen in die Stellvertretung des gekreuzigten Christus.

Der französische Literat Léon Bloy drückt seine Lebenserfahrung in dem bekannten Wort aus: „Herr, du betest für die, die dich kreuzigen, aber du kreuzigst die, die dich lieben“. Das ist vielleicht die treffendste und tiefste Beschreibung der Berufung von Schwester Theresia Benedicta a Cruce: „Herr, du betest für die, die dich kreuzigen, aber du kreuzigst die, die dich lieben“.

Es gibt in der Kirche keine Berufung, nur Zuschauer bei seiner Passion zu sein, dafür aber Mitwirkende an seiner Passion. Das war die große Lebensberufung von Schwester Benedicta a Cruce. Sie hat sie sich nicht ausgesucht. Sie wurde ihr auferlegt, und sie hat sie angenommen. Sie wurde gesegnet mit dem Kreuz, und sie wurde zum großen Segen für uns und für ganz Europa, ja für die ganze Welt. Wenn uns selbst eine solche Berufung heute treffen sollte, nämlich Mitwirkende seiner Passion zu sein, wie bei der hl. Theresia Benedicta a Cruce, oder Retter der Verfolgten, wie bei den „Gerechten unter den Völkern“, dann sollten wir uns nicht verweigern oder versagen, sondern tapfer neben dem gekreuzigten Christus stehen, damit das Kreuz nicht horizontalisiert werde. Denn dann würde aus dem Plus das Minus. Das Kreuz entleeren, hieße, ihm seine äußere Gestalt und damit seinen Inhalt zu nehmen, die Liebe Gottes aus unserer Welt zu verbannen. Was dabei herauskommt, zeigt uns der Blick über „das Golgotha des 20. Jahrhunderts“.

Hier steht die hl. Theresia Benedicta a Cruce als die Person gewordene apostolische Mahnung und Verheißung: „Entleert das Kreuz nicht!“. Es ist die Wahrheit von der Liebe Gottes: „Im Kreuz ist Heil“. Lassen wir uns vom Kreuz segnen, d.h. seien wir „Benedicti“ und „Benedictae a Cruce“ – „vom Kreuz gesegnete Menschen“, die anderen zum Segen werden.   Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

2012.08.09 - 70 ter Jahrestag des Todes von Edith Stein

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