Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

2005 Predigt von Johannes Paul II in Auschwitz-Birkenau - neu gelesen 25 Jahre später

Manfred Deselaers

Die Predigt von Johannes Paul II
in Auschwitz-Birkenau
– neu gelesen 25 Jahre später

Die bis heute aktuelle und wichtige Predigt von Johannes Paul II in Auschwitz hatte ihre Vorgeschichte in der Biographie des Papstes. Das gab seinen Worten ein besonderes Gewicht. Die erste Pilgerfahrt des polnischen Papstes in die Heimat im Jahre 1979, unter anderem nach Oswiecim, fand in einem politischen sowie gesellschaftlichen Kontext statt, der sich durch diesen Besuch enorm veränderte. In den folgenden Jahren entwickelte sich die päpstliche Lehre über Auschwitz unter dem Einfluss weiterer Ereignisse, hauptsächlich im Zusammenhang mit dem christlich-jüdischen Dialog.

Im Folgenden wollen wir uns diese unterschiedlichen Zusammenhänge bewusst machen, weil sie einen Einfluss darauf haben, wie wir diese Predigt heute nach mehr als 25 Jahren begreifen.

I

Wir beginnen mit der Frage nach den Quellen, nach der Vorgeschichte dieser Predigt.

Am 7. Juni 1979 hatte Johannes Paul II. in Birkenau gesagt: „Ich konnte als Papst nicht nicht hierhin kommen“. Es ist klar, dass die Worte, die er damals sprach, aus seinem Herzen gekommen waren. Er hatte hinzugefügt: „Man weiß, dass ich oft hier war – wie oft! Oft bin ich in die Todeszelle von Maximilian Kolbe hinabgestiegen, habe  vor der Todesmauer gekniet und bin zwischen den Trümmern der Krematorien von Birkenau umhergegangen“.

Aus diesen persönlichen und zugleich polnischen Erfahrungen war seine zentrale Botschaft erwachsen: „Kann sich eigentlich noch jemand wundern, dass der Papst, der in diesem Land geboren und erzogen wurde, der Papst, der auf den Sitz des hl. Petrus aus jener Diözese kam, in deren Gebiet das Lager Auschwitz liegt, seine erste Enzyklika mit den Worten ‚Redemptor hominis’ begonnen hat - und dass er sie insgesamt der Sache des Menschen widmete, der Würde des Menschen,  seinen Gefährdungen, schließlich seinen Rechten?

Die päpstliche Vision des Menschen sowie der Kirche hatte sich unter dem Einfluss der Erinnerung an Auschwitz sowie dem, was damit in Verbindung stand, gestaltet. Als Erzbischof der Krakauer Diözese, zu der damals Oswiecim gehörte, hatte Karol Wojtyla oft in Auschwitz gepredigt und sich dabei oft auf die Person von Maximilian Kolbe bezogen, der erst 1971 vom Papst Paul VI. seliggesprochen worden war. Damals, im Jahr 1971, hatte Kardinal Wojtyla zu diesem Anlass in „Tygodnik Powszechny” geschrieben: „Das Zweite Vatikanische Konzil verkündete an vielen Stellen, dass es auch die Botschaft der Kirche ist, das Leben der Menschen menschlicher zu gestalten. Hat nicht der Diener Gottes Maximilian Kolbe das Leben an diesem so furchtbar entmenschlichten Ort, wie es das Todeslager Auschwitz war, menschlicher gemacht? Wird er nicht in unseren Augen zum Fürsprecher dieser schwierigen Botschaft der Kirche? Es findet ein dramatischer Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Dunkelheit, statt – so lesen wir in der Pastoralkonstitution – und der Mensch entdeckt, dass er nicht imstande ist, aus eigener Kraft die Angriffe des Bösen wirksam zu bekämpfen. „Der Herr selbst aber ist gekommen, um den Menschen zu befreien und zu stärken” („Gaudium et spes”, Nummer 13). Diese besondere Ankunft des Herrn hat die Kirche und zusammen mit ihr die Menschheitsfamilie in Pater Maximilian Kolbe erlebt, der im Hungerbunker in Auschwitz starb. In diesem Licht „findet seine letztliche Erklärung” nicht nur „das tiefe Elend, das der Mensch erfährt”, sondern auch seine „erhabene Berufung " (ebenda)1.

Aus diesem Schatz sowohl der polnischen als auch der vatikanischen Erfahrung hatte Papst Johannes Paul II. geschöpft, als er 1979 in Birkenau sagte : „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat!"2 . Diese Worte aus dem Brief des Apostels Johannes kommen mir in den Sinn, und sie ergreifen mich zutiefst, wenn ich an diesem Ort weile, an dem ein besonderer menschlicher Sieg durch Glauben errungen wurde. Durch den Glauben, der die Liebe zu Gott und zum Nächsten weckt, die einzige Liebe, die „größte” Liebe – die, die bereit ist, „das Leben für die Freunde hinzugeben3” . Es war also ein Sieg durch Liebe, die den Glauben zum äußersten, letzten Zeugnis befähigt. [...] An diesem Ort schrecklicher Foltern, die vier Millionen4 Menschen verschiedener Nationen den Tod brachten , hat Pater Maximilian Kolbe einen geistigen Sieg errungen, der dem Sieg Christi gleicht, indem er freiwillig den Tod im Hungerbunker auf sich nahm – für einen Bruder”.

II

Sowohl der Aufenthalt als auch das Gebet von Johannes Paul II. in Auschwitz und Birkenau hatten eine immense geistliche Bedeutung. Ich erinnere mich, dass Pfarrer Stanisław Górny erzählte, wie sehr dieser Besuch in entscheidender Weise die Wahrnehmung des ehemaligen Lagers verändert hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt war es fast ausschließlich als ein Ort des Grauens gesehen worden, den man zwar besuchen konnte und sollte, danach aber möglichst schnell wieder verließ. Jetzt zeigte der Papst, dass es ein heiliger Ort ist, an dem man beten und höchste Werte entdecken kann. Die Bedeutung des ehemaligen Lagers hatte sich grundsätzlich verändert.

Das war noch in der kommunistischen Zeit. Auschwitz spielte dort eine wichtige Rolle in der Jugenderziehung im Geiste des Atheismus, des Materialismus, des antifaschistischen Kampfes sowie der Freundschaft mit der Sowjetunion. Religiöse Andachten auf dem Gebiet des Lagers waren verboten, deswegen hatte am Tag der Seligsprechung Pater Maximilian Kolbes am Todesblock nur eine illegale Messe abgehalten werden können.

Bis zur Ankunft des Papstes hatte die kommunistische Regierung nur ein Mal (so viel ich weiß) offiziell erlaubt, eine heilige Messe auf dem Gebiet des ehemaligen Lagers zu feiern. Das war im Mai 1972, nachdem Kardinal Karol Wojtyla ausländische Kardinäle, nach der Prozession nach Skalka in Krakau, ins Lager in Oswiecim eingeladen hatte, um eine Dankesmesse für die Seligsprechung von Maximilian Kolbe zu zelebrieren. Damals waren einige Hunderttausend Gläubige nach Birkenau gekommen. Auf dieser Erfahrung baute der Papst sieben Jahre später auf.

Ich möchte gerne eine Erinnerung an die päpstliche Messe aus dem Jahre 1979 zitieren, die Pater Łukasz Kamykowski geschrieben hat, heute Direktor des Institutes für Ökumene und Dialog an der Päpstlichen Theologischen Akademie in Krakau und Mitglied der Kommission der Polnischen Bischofskonferenz für den Dialog mit dem Judentum.

Auf der ersten Reise des neu gewählten Papstes Johannes Paul II. war auch eine Heilige Messe im ehemaligen Lager von Auschwitz-Birkenau vorgesehen. Den Neupriestern, zu denen ich gehörte, wurde empfohlen, selbstständig nach Oswiecim zu fahren, um während der Messe bei der Ausgabe der Heiligen Kommunion zu helfen. Trotz verschiedener Hindernisse gelang es mir rechtzeitig, an den angewiesenen Platz zu kommen, auf dem sich die Pilger, zwischen Barackenruinen des Geländes in Birkenau, zusehends dichter drängten.
Viele haben die Predigt des Papstes zu dieser Messe bereits analysiert. Ich habe von ihr damals nicht viel in Erinnerung, außer dem, dass sie in einem bestimmten Ton zelebriert wurde: In großem Respekt vor allen Opfern dieses Lagers, wer auch immer sie waren. Ich werde mich immer an das Bild der Ausgabe der Kommunion an die Tausenden Lebenden erinnern. Sie fand an einem Ort statt, der für tausendfachen Tod geschaffen wurde. Und in mir wuchs die Überzeugung: Gott gibt dem Tod nicht das letzte Wort. Es war dies die Erfahrung einer hartnäckigen Treue Gottes, in der Er unerschütterlich auf die Menschen zugeht, unabhängig davon, wo diese sich gerade befinden, wenn nur ihr Glaube Raum schafft, sein erlösendes Wort zu empfangen. In seinem Namen ging ich vorsichtig, damit ich nicht in ein Loch in den Fundamenten der Baracken oder über die Sachen eines Pilgers stolperte, durch die Reihen der sich in Hoffnung ausstreckenden Köpfe, erinnerte an die Worte der Verheißung, nahm das Glaubensbekenntnis ab und teilte das Brot des Lebens aus. Ich dachte mit einer sehr großen Dankbarkeit an die Demut und die Stille Gottes, der in einer so einfachen Art den Erniedrigten seine Treue erweist, die Schwachen in der Hoffnung stärkt und sich der Arroganz der Spötter, Mörder und Mächtigen dieser Welt entgegenstellt: er diskutiert nicht mit ihnen, streitet sich nicht, sondern schenkt um so nachdrücklicher Leben; göttliches Leben der Liebe, das mächtiger ist als der Tod.
Glaube und Hoffnung, die die auf den Friedhöfen für die Toten Betenden begleiteten, die ich aus meiner Kindheit in Erinnerung behalten habe. erfuhren hier ihre Bestätigung und Erfüllung.
Ich dachte damals, dies sei bereits das letzte Wort Gottes zu Auschwitz, und alles, was man über diesen Ort sagen konnte und musste, sei bereits vor meinen Augen geschehen. Kurze Zeit später mußte ich mich davon überzeugen, dass dem nicht so ist.
5

Die von Johannes Paul II. gefeierte Messe in Auschwitz bedeutete eine tiefe Bestätigung des katholischen Glaubens gegenüber dem Nazihorror und dem kommunistischen Terror. Sie bedeutete aber noch mehr. Der Papst hatte in seiner Botschaft deutlich die Grenzen der Kirche überschritten. Es ging ihm nicht nur um die Katholiken sowie ihre Rechte, sondern vor allem um Menschlichkeit. Man kann das vielleicht am deutlichsten in den Worten spüren, die er erst vor Ort in Birkenau hinzugefügt hatte (sie waren nicht im früher erarbeiteten offiziellen Text6). Als er sich neben Maximilian Kolbe auch an Edith Stein erinnert hatte, sagte er folgendes: „Ich möchte nicht bei diesen zwei Namen stehen bleiben, weil ich mich frage: Nur dieser eine? Nur diese eine? … Wie viele Siege wurden hier errungen? Sie wurden errungen von Menschen verschiedener Bekenntnisse, verschiedener Ideologien, und sicher nicht nur von Gläubigen. Ich möchte mich mit dem Gefühl tiefster Verehrung jedem dieser Siege zuwenden, jeder Erscheinung von Menschlichkeit, die ein Widerspruch zu dem System war, das systematisch der Menschlichkeit widersprach“. Es scheint mir, dass wir heute herausgefordert sind zu einer tiefen Reflexion über die theologische Bedeutung dieses Sieges der Menschlichkeit der Menschen, die ungläubig waren.

Der Kampf um die Achtung vor der Würde jedes Menschen ist ein Angelpunkt, um das Pontifikat von Johannes Paul II. zu begreifen. Seine Vision: „An diesem Ort, wo die Würde des Menschen auf so schreckliche Weise mit Füßen getreten wurde − der Sieg des Menschen!“, ist auch ein Schlüssel, um die Kraft des Aufrufs „das Böse mit dem Guten überwinden!“ zu verstehen. Dieser Aufruf wurde zum Herzen der Solidarnosc-Bewegung.

1979 hatte Polen erfahren, dass man sich in einem anderen Geist als dem kommunistischen vereinigen konnte.

1980 entstand die Solidarność.

1981 wurde in Polen der Kriegszustand verhängt.

1982 sprach der Papst den seligen Maximilian Kolbe heilig. Er unterstrich damals, dass der erlittene Tod aus Liebe zum Bruder [...]  eine besondere Bedeutung in unserer Epoche habe.

1983 folgte die zweite Pilgerfahrt des Heiligen Vaters nach Polen. In Niepokalanów sagte er unter anderem : „Indem wir in Niepokalanów in einer großen nationalen Danksagung für die Seligsprechung von Pater Maximilian Kolbe versammelt sind, [...] wollen wir das christliche Erbe Polens mit der das Herz ergreifenden Aussage seiner Auschwitzer Tat bereichern: „Lass Dich nivht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!”. Liebe Brüder und Schwestern! Das ist ein evangelisches Programm. Ein schweres — aber ein durchführbares Programm. Ein notwendiges Programm!

Diese Auschwitzer Kraft der Güte verhalf dazu, den Weg zur der Überzeugung vorzubereiten, dass man den Feind − statt ihn zu vernichten − an einen runden Tisch einladen kann. Diese Kraft hat nicht nur Polen, sondern auch die Welt verändert. 1979 hatte das noch niemand vorausgesehen, und heute ist sogar die Solidarność schon Geschichte geworden.

III

Wenn man diesen Kontext kennt, erscheint es um so unbegreiflicher, dass zugleich mit dem werden des neuen, freien Polens zwischen Polen und Juden eine schmerzhafte Auseinandersetzung um Auschwitz begann. Warum?

Als der Papst Oswiecim 1979 besucht hatte, war er sich bewusst, dass die Erinnerung an das Schicksal des jüdischen Volkes an diesem Ort eine besondere Bedeutung hat. Er hatte dem Ausdruck verliehen, indem er vor der Tafel in hebräischer Sprache an dem Denkmal in Birkenau sagte: „Ich verweile am Ende gemeinsam mit euch, liebe Teilnehmer dieser Begegnung, vor der Tafel mit hebräischer Inschrift. Sie weckt das Andenken an das Volk, dessen Söhne und Töchter zur totalen  Ausrottung bestimmt waren. Dieses Volk führt seinen Ursprung auf Abraham zurück, der der „Vater unseres Glaubens”7 ist, wie Paulus von Tarsus sich ausdrückte. Gerade dieses Volk, das von Gott das Gebot empfing „Du sollst nicht töten", hat an sich selbst in besonderem Ausmaß Mord erfahren. An diesem Gedenkstein darf niemand gleichgültig vorbeigehen.“ Deswegen erinnerte er auch an Edith Stein: „Mit Sicherheit wurden hier viele ähnliche Siege errungen, so etwa der Tod im Krematorium des Lagers, den die Karmelitin Schwester Benedikta vom hl. Kreuze, in der Welt Edith Stein, erlitten hat, die berühmte Schülerin Husserls, die zu einer Zierde der heutigen Philosophie in Deutschland geworden ist und einer jüdischen Familie aus Wrocław (Breslau) entstammt.“

Nach dem Papstbesuch 1979 wollte das Krakauer Erzbistum so schnell wie möglich neben dem ehemaligen Lager Auschwitz I ein Kloster von Karmelitenschwestern einrichten, um auf diese Weise mit Gebet die Ermordeten zu ehren sowie zum Frieden aufzurufen. Kardinal Franciszek Macharski hegte die Hoffnung, dass, ebenso wie der heilige Maximilian Kolbe zur Versöhnung zwischen Polen und Deutschen beitrug (unter anderem durch das Maximilian-Kolbe-Werk), auch Edith Stein zur Patronin der Beziehungen zwischen Polen und Juden werden könnte. In seinem Hirtenbrief aus dem Jahre 1984 schrieb er: "Der heilige Vater predigte auf dem Gelände des ehemaligen Lagers in Birkenau, dass es viele namenlose Helden der Güte, des Wohlwollens, der Menschlichkeit und der Liebe gab. Als einen Vertreter erwähnte er Pater Kolbe. Er nannte auch eine Ordensschwester, eine unbeschuhte Karmelitin. Sie starb hier als Jüdin und als katholische Klosterfrau aus Köln. Sie trug den Namen Schwester Theresa Benedicta a Cruce. Vor dem Klostereintritt war sie als Edith Stein bekannt. Sie war eine namhafte Philosophin. Der Prozess ihrer Seligsprechung ist in Gang. Ich möchte euch mitteilen, dass in Auschwitz ein Kloster der Karmelitinnen gegründet wurde. Die Schwestern sind aus Posen hierher gekommen. Sie haben von der Behörde das so genannte Theater erhalten und nun sind sie dabei, es zum Kloster umzugestalten. Neben dem Todesblock werden sie in ihrer Klausur in Gebet und Sühneopfer für alle Verbrechen, die in Auschwitz verübt wurden, vor Gott verweilen. Sie werden auch Gottes Barmherzigkeit für die Welt erflehen, besonders um Frieden und Einheit aufrechtzuerhalten. Ich vertraue die Karmelitinnen eurer Fürsorge und eurem Beistand an. Es wird ein weiterer Wegweiser sein, der zeigt, dass Gottes Liebe in der Welt möglich und stärker als das Böse ist."

Je stärker die Proteste gegen das Kloster wurden, desto größer wurden Verwunderung und Schock bei der Mehrheit der Katholiken in Polen. Viele empfanden es als Fortsetzung des nazistischen sowie kommunistischen Kampfes gegen Christentum und polnische Unabhängigkeitsbestrebungen. Es schien klar, dass polnische Katholiken weder darin einwilligen konnten noch nachgeben sollten.

Es war aber auch klar, dass man den Weg des Dialogs suchen sollte. 1979 hatte der Papst in Auschwitz gesagt: „Es geht hier nicht nur um Recht, sondern auch und vor allem um Liebe [...]. Dieses Gebot konkretisiert sich in der Achtung vor dem Anderen, in der Achtung seiner Persönlichkeit, seines Gewissens; es konkretisiert sich im Dialog mit dem Anderen, in der Fähigkeit, das zu suchen und anzuerkennen, was gut und positiv auch in demjenigen ist, der Ideen bekennt, die sich von unseren unterscheiden, ja sogar in demjenigen, der in gutem Glauben − irrt...

Ein schwieriger Dialog begann, dessen Grundlage die erneuerte Beziehung zwischen der Kirche und dem jüdischen Volke war, die durch das Zweite Vatikanische Konzil (Deklaration Nostra aetate aus dem Jahre 1965) eingeleitet worden war. In der kommunistischen Zeit hatte sich die Kirche in Polen nicht an diesem Dialog beteiligt.

Es zeigte sich jetzt, wie unterschiedlich die geistigen Perspektiven im Blick auf Auschwitz sind. Als Beispiel kann die Kritik der päpstlichen Vision von Auschwitz als Golgota unserer Zeit dienen. Auf Golgota hatte Christus freiwillig sein Leben für die Erlösung der Welt gegeben. Aber die Juden in Auschwitz haben ihr Leben nicht aus freiem Willen gegeben und dieser Massentod hat niemanden erlöst. Es war ein Verbrechen, das nicht hätte stattfinden dürfen, eine sinnlose Vernichtung. Das bedeutet das jüdische Wort Shoah. Dieser Tod war sinnlos, betonen Juden, und man darf diesem Tod nicht nachträglich einen Sinn zuschreiben.

An diesem Unterschied knüpften die polnischen Bischöfe 10 Jahre später an, als sie 1998 eine Erklärung „In der Angelegenheit der Kreuze in Oświęcim“ veröffentlichten: „Bei Christen und Juden zeigt sich eine unterschiedliche Auslegung des Sinnes von Leid. Mit demselben Vernichtungslager verbinden wir verschiedene Inhalte. Für die einen ist es das "Golgota unserer Zeit", für die anderen Symbol völliger Vernichtung, die mit dem Wort "Shoah" ausgedrückt wird. Das verlangt von uns gegenseitige Achtung unserer Verschiedenheit und verpflichtet uns gleichzeitig dazu, Lösungen zu suchen, die nicht verletzen und für beide Seiten anzunehmen sind."

Es ging nicht nur um verschiedene Perspektiven, sondern vor allem auch darum, womit in Zukunft im Bewusstsein der Völker die Erinnerung an Auschwitz verbunden wird. Viele Juden (und nicht nur) schauten auf die Entstehung des Klosters neben dem Lager mit der Befürchtung, dass das ehemalige Lager in Auschwitz zum Ziel katholischer Pilgerfahrten zu den Heiligen Maximilian Kolbe sowie Edith Stein als den Vertretern der Opfer werde. Würde das Museum nach dem Kommunismus, als von der jüdischen Bedeutung von Auschwitz keine Rede war, nun einen katholischen Charakter erhalten? Sollte die Erinnerung an die ungetauften Juden, die über 90% der Ermordeten ausmachten, erneut untergehen? Würde das im kulturellen Berreich − so fragten nicht wenige − nicht eine gewisse Art der Fortsetzung des Holocaust bedeuten, indem man erlaubte, die Erinnerung an Juden in der Geschichte des christlichen Europas sogar im Kontext von Auschwitz zu verwischen?

Aus jüdischer Perspektive ist das wichtigste Thema für Christen angesichts von Auschwitz die Mitverantwortung der christlichen antijüdischen Tradition für die Tragödie des jüdischen Volkes. Die einzige angemessene Haltung scheint daher zu sein: Gewissenserforschung, Schuldbekenntnis, Bekehrung, Sühne und Schweigen. So sollten sie Respekt für die jüdischen Opfer auf dem größten Friedhof der Welt zum Ausdruck bringen.

Die von Auschwitz hinzugefügte Wunde erwies sich als immer noch offen und tief, und sie berührte die Identität beider Seiten sowie das Wesen der christlich –jüdischen Beziehungen.

In den Jahren 1986 und 1987 fanden Begegnungen von Vertretern der katholischen Kirche mit Vertretern jüdischer Organisationen statt, um nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen. In Folge baute die katholische Kirche zwei neue Gebäude, das Kloster der Karmelitinen und das Zentrum für Dialog und Gebet in Oswiecim.

Bei der Lösung dieses Problems spielte Papst Johannes Paul II. eine wesentliche Rolle. Seine Beziehung zum jüdischen Volke und dessen Tragödie, die sich auf polnischer Erde zugetragen hatte, prägte tief seine Identität als Katholik und Pole. Er gab dem während einer der Mittwochsaudienzen in Rom Ausdruck. Am 26. Oktober 1990 sagte er:

Es gibt noch ein Volk, ein besonderes Volk: das Volk der Patriarchen, von Mose und den Propheten, das Erbe von Abrahams Glauben. Die Kirche hat das Wort des Apostels Paulus über seine Nachkommen vor Augen: „Sie sind Israeliten; sie haben damit die Sohnschaft ,die Herrlichkeit, die Bundesschlüsse, ihnen ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen, sie haben die Väter, und dem Fleisch nach entstammt ihnen Christus8. Christus und die Apostel. Auch du selbst, jungfräuliche Mutter, Tochter Zions. Dieses Volk lebte seit Generationen mit uns, Arm in Arm, auf der selben Erde, die sozusagen zu seinem neuen Vaterland in der Zerstreuung wurde. Diesem Volk hat man einen schrecklichen Tod an Millionen seiner Söhne und Töchter zugefügt. [...] Die Mörder haben es auf unserer Erde getan −  vielleicht um sie zu schänden. Man kann aber die Erde durch den Tod von schuldlosen Opfern nicht schänden. Durch solch einen Tod wird die Erde zu einer heiligen Reliquie. Das Volk, das mit uns seit vielen Generationen gelebt hat, ist nach dem grauenhaften Tode von Millionen seiner Söhne und Töchter bei uns geblieben. Gemeinsam erwarten wir den Tag des Gerichtes sowie der Auferstehung.9

Niemand vor Johannes Paul II. hatte so stark unterstrichen, dass die Liebe zum jüdischen Volk sowie der tiefe Respekt gegenüber der Wunde, die Auschwitz bedeutet, in einem wesentlichen Sinne zur inneren Identität eines modernen Christen sowie der katholischen Kirche (nicht nur der polnischen) gehören.

In diesem Geiste hat der Papst die Kirche auf das Jubiläumsjahr 2000 vorbereitet. Die Jahre der Vorbereitung dienten der Reinigung der christlich–jüdischen Beziehungen. Ich möchte einige Etappen davon erwähnen:

1997 fand im Vatikan ein Symposium zu dem Thema „Die Wurzeln des Antijudaismus im christlichen Milieu” statt. Der Papst sagte unter anderem damals: „Manche Menschen betrachten die Tatsache, dass Jesus Jude war und dass sein Milieu die jüdische Welt war, als einfachen kulturellen Zufall, der auch durch eine andere religiöse Inkulturation ersetzt und von der die Person des Herrn losgelöst werden könnte, ohne ihre Identität zu verlieren. Aber diese Leute verkennen nicht nur die Heilsgeschichte, sondern noch radikaler: Sie greifen die Wahrheit der Menschwerdung selbst an. [...] Im Falle der Shoah kommt zu dem moralisch Bösen, was jeder Völkermord ist, noch das Übel des Hasses, der gegen den Heilsplan Gottes in der Geschichte gerichtet ist, hinzu. Die Kirche fühlt sich von diesem Hass direkt betroffen.

1998 veröffentlichte man im Vatikan das Dokument „Wir gedenken: Reflexionen über die Shoah”, in der sich die Kirche zur Erinnerung an sowie zur Reflexion über die Shoah verpflichtet: „Niemand kann gleichgültig bleiben angesichts dieses schrecklichen Völkermordes […] Am wenigsten von allen kann die Kirche, wegen ihrer sehr engen geistlichen Verwandtschaft mit dem jüdischen Volk und wegen der nicht vergessenen Ungerechtigkeiten der Vergangenheit, gleichgültig bleiben.

1999 sprach Johannes Paul II in Warschau auf dem Umschlagplatz ein Gebet für das jüdische Volk: „Erhöre unsere Gebete, die wir vor dich bringen für das jüdische Volk […] Steh ihm bei in seinen Bemühungen um Frieden und Gerechtigkeit, damit dieses Volk die Allmacht deines Segens bezeugen kann. Steh ihm bei, damit es Achtung und Liebe von denen erfährt, die noch nicht das Ausmaß seiner Leiden verstehen, und von denen, die solidarisch, im Bewußtsein gegenseitiger Sorge, den Schmerz und die Wunden des jüdischen Volkes mitfühlen. Gedenke der nächsten Generation, der Jugendlichen und der Kinder, auf daß sie stets treu an dich glauben  und an das, was das besondere Geheimnis ihrer Berufung ausmacht.“

Im März des Jubiläumsjahres 2000 fand im Vatikan eine Bußliturgie für die Fehler der Kirche statt, bei der unter anderem folgendes Gebet vorgelesen wurde: „Gott unserer Väter, du hast Abraham und seine Nachkommen auserwählt, deinen Namen zu den Völkern zu tragen. Wir sind zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden ließen. Wir bitten um Verzeihung und wollen uns dafür einsetzen, daß echte Geschwisterlichkeit herrsche mit dem Volk des Bundes.“ Im selben Monat pilgerte der Papst ins Heilige Land, wo er die Gedenkstätte Yad Vashem besuchte und vor der Klagemauer betete.

Heute, 40 Jahre nach der Konzilserklärung Nostra aetate, ist die Beziehung zwischen der katholischen Kirche und dem jüdischen Volk so gut, wie es vielleicht noch nie in der Geschichte war. Es gibt keinen Streit mehr um den Karmel oder um das päpstliche Kreuz. Und es gibt das Zentrum für Dialog und Gebet in Oswiecim.

***

Da sind noch andere Früchte der päpstlichen Predigt in Auschwitz.

Auf Initiative von Professor Andrzej Zoll soll demnächst ein  Zentrum für Menschenrechte in Oswiecim entstehen. Im Oktober des vergangenen Jahres hat Papst Benedikt XVI., in Anwesenheit von Kardinal Franciszkek Macharski und Prof. Zoll, an Stefan Wilkanowicz aus Krakau sowie Vaclav Maly, Weihbischof von Prag, den „Auschwitzer-Johannes-Paul-II-Menschenrechts-Preis“ überreicht.

Johannes Paul II hatte in Birkenau nicht nur über die Menschlichkeit und das jüdische Volk gesprochen, sondern auch über Polen, und er hatte das russische Volk erwähnt. Über die Täter hatte er nicht direkt geredet, sondern nur gesagt.: „Erlaubt mir, daß ich sie nicht nenne... Wir stehen an einem Ort, an dem wir von jedem Volk und von jedem Menschen als Geschwister denken wollen.“ Als Vertreter des deutschen Episkopates nahm an dem Gottesdienst in Auschwitz Kardinal Joseph Ratzinger teil.

Es gibt auch weiterhin Spannungen, wir werden sie nie ganz überwinden. Es wird nie einfach sein an der Schwelle von Auschwitz. Aber zeigt nicht die Geschichte der letzten 25 Jahre, dass Liebe stärker als der Tod sein kann, sogar an der Schwelle von Auschwitz? Und braucht Europa, braucht die Welt nicht solch ein Zeugnis? Die Wegweiser von Johannes Paul II. vor 25 Jahren haben sich bewährt und bleiben immer noch aktuell.

Oswiecim ist dazu berufen, ein Ort des Nachdenkens und der Besinnung für Christen, für Europa sowie für die Welt zu sein. 1979 hatte der Papst festgestellt: Auschwitz sei „ein schmerzhafter Vorwurf an das Gewissen der Menschheit.“

Für mich hat die Bezeichnung von Auschwitz als „Golgota unserer Zeit” auch einen tiefen Sinn. Wo hat Europa eine tiefere Wunde? Wenn Gott in das Reich des Todes hinabgestiegen ist und niemanden allein gelassen hat, wie wir Christen glauben, wo kann diese Glaubenswahrheit stärker sprechen als an diesem Ort? Wenn wir nach Gott suchen, sollten wir Ihn nicht hier suchen, an dem Ort, der die größte Herausforderung für unser Gebet und für Verantwortung, für unsere Liebe ist?

1979 hat Johannes Paul II. seine Predigt mit den folgenden Worten abgeschlossen, mit denen auch ich meine Betrachtungen schliessen will: „Und daher bitte ich alle, die mich hören, dass sie alle ihre Kräfte auf diese Sorge um den Menschen konzentrieren. Die aber, die mich im Glauben an Jesus Christus hören, bitte ich, dass sie sich vereinen im Gebet um Frieden und Versöhnung. Meine lieben Brüder und Schwestern, mehr habe ich nicht zu sagen. Mir kommen nur noch die Worte des Gebetes in den Sinn: „Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher!... Von Pest, Hunger, Feuer und Krieg... auch von Krieg, erlöse uns, Herr!” Amen.

Anmerkungen:
1 Artikel von Kardinal Karol Wojtyla in der Krakauer Zeitschrift „Tygodnik Powszechny" (nr 42, 17 X 1971) aus Anlass der Seligsprechung von Pater Maximilian Kolbe.
2 vgl. 1 J 5, 4.
3 vgl. J 15, 13; 10, 11.
4 Die Zahl von vier Millionen Opfern im Lager Auschwitz-Birkenau funktionierte offiziell in Polen noch im Jahr 1979. Heute spricht man aufgrund verschiedener Forschungen von etwa 1,5 Millionen Opfern.
5 Aus dem Buch „Dialog an der Schwelle von Auschwitz”,. UNUM, Kraków 2004, S. 95f..
6 Dieser Satz fehlt in der deutschen Übersetzung der Predigt, veröffentlicht in: Die Kirchen und das Judentum. Dokumente von 1945-1985, Paderborn-München 1988, s. 68 (K.I.19).
7 Vgl. Röm 4, 12.
8 Röm 9, 4-5; - nach Nostrae aetate 4.
9 Quelle: „Znak”, Krakau, Nr. 490, S. 61.

Alle zitierten Dokumente (oft nur im polnischen Original) sind zu finden auf den Internetseiten des Zentrums für Dialog und Gebet:
www.cdim.pl

Vortrag zur Konferenz „Hermeneutik der Lehre von Johannes Paul II“ im Jan Kant Theologischen Institut in Bielsko-Bialej am 17. Nov. 2005.

Aus dem Polnischen ins Deutsche übersetzt mit Hilfe von Zbigniew Naumowicz und Ruth Wagner.

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