Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

1995-01-27 Polnische Bischofskonferenz - zum 50. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau

KOMMISSION DER POLNISCHEN BISCHOFSKONFERENZ FÜR DEN DIALOG MIT DEM JUDENTUM

Erklärung zum 50. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau

27. Januar 1995

Ein halbes Jahrhundert ist seit der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 vergangen. Noch einmal ist unsere Aufmerksamkeit auf die schmerzhafte Wirklichkeit und Symbolik dieses Lagers gelenkt, wo mehr als eine Million Juden, Polen (70–75 000), Roma (21 000), Russen (15 000) und Angehörige anderer Nationalitäten (10–15 000) einen grausamen Tod gefunden haben.

Schon wenige Monate nach Ausbruch des Krieges, im Frühjahr 1940, errichteten deutsche Nazis auf dem von ihnen besetzten und dem Reich angeschlossenen polnischen Gebiet das Konzentrationslager Auschwitz. In der Anfangszeit nach der Errichtung des Lagers waren die ersten Gefangenen und Opfer Tausende von Polen, hauptsächlich Angehörige der Intelligenz, Mitglieder der Widerstandsbewegung, sowohl Geistliche als auch Vertreter fast aller gesellschaftlichen Schichten. Es gibt  wohl kaum eine polnische Familie, die nicht wenigstens einen nahen Verwandten in Auschwitz oder einem anderen Lager verloren hätte. Mit Ehrfurcht verneigen wir uns vor dem oft in tief christlicher Gesinnung angenommenen Übermaß des Leides. Ein ausdrucksvolles Beispiel dafür stellt die heldenhafte Haltung und Aufopferung des eigenen Lebens von Pater Maximilian Kolbe im August 1941 dar, der von Paul VI. selig- und von Johannes Paul II. heiliggesprochen wurde. Sein im Geiste des Evangeliums Christi motivierter Sieg zeugt eindrucksvoll von der Macht der Liebe und des Guten in einerWelt der Gewalt und Übermacht.

Fast von Anfang an wurden polnische Juden als Teil der Gesellschaft Polens in dieses Lager gebracht, um vernichtet zu werden. Ab 1942 wurden – als Folge der Wannsee-Konferenz – das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und auch andere Lager auf dem besetzten Gebiet Polens Vernichtungslager und Ort der Verwirklichung der verbrecherischen Ideologie der „Endlösung“ der Judenfrage, also des Planes, alle europäischen Juden zu ermorden. In die Vernichtungslager brachten die Nazis Juden aus allen von Hitler besetzten Ländern

Europas in den Tod. Die Orte der Vernichtung der Juden – also nicht nur Auschwitz, sondern auch Majdanek, Treblinka, Belzec und andere – wurden durch die deutsche Besatzungsmacht in das besetzte Polen gelegt, weil gerade da der Großteil der europäischen Juden lebte und weil die Verbrechen der Nazis in einem vollständig besetzten und teilweise sogar vom Dritten Reich annektierten Land leichter vor der Öffentlichkeit der ganzen Welt zu verbergen waren. Nach heutigen Berechnungen wurden allein in Auschwitz-Birkenau

über eine Million Juden ermordet. Aus diesem Grunde – wenn auch in diesem Lager Angehörige anderer Völker starben – betrachten die Juden dieses Lager als ein Symbol der totalen Vernichtung ihres Volkes.

Die Vernichtung, die der Name Schoa umfaßt, belastete schmerzhaft nicht nur die Beziehungen zwischen Deutschen und Juden, sondern auch in hohem Grade die Beziehungen zwischen Juden und Polen, die gemeinsam – jedoch nicht im gleichen Maß – Opfer der nationalsozialistischen Ideologie waren und die wegen der Nähe, in der sie vor Ort lebten, gegen ihren Willen Zeugen der Ausrottung der Juden wurden. Tatsache ist, was wir mit Bedauern feststellen müssen, daß die kommunistischen Machthaber über lange Jahre hinaus Auschwitz-Birkenau ausschließlich unter dem Gesichtspunkt des Kampfes gegen den Faschismus betrachtet haben, und dies hat die Hervorhebung des Ausmaßes der Judenvernichtung nicht begünstigt. Dabei muß man betonen, daß Polen und Juden jahrhundertelang auf dem gleichen Boden lebten, nämlich in Polen, und daß sie trotz der hin und wieder auftretenden Spannungen und Konflikte es als ihre Heimat betrachteten. Die aus den Ländern Westeuropas vertriebenen Juden fanden ihre Zuflucht in Polen. Daher galt es in ihren Augen oft als ‚paradisus Judaeorum‘, weil sie eben hier gemäß ihren Bräuchen, ihrer Religion und Kultur leben konnten. Anders als in vielen Ländern Europas wurden bis zum Zweiten Weltkrieg die Juden aus Polen niemals vertrieben. Ca. 80 Prozent der heute auf der ganzen Welt lebenden Juden haben über ihre Eltern und Großeltern Wurzeln in Polen. Der Verlust der Unabhängigkeit und die 120 Jahre dauernde Teilung Polens zwischen Rußland, Österreich und Preußen brachten – neben anderen dramatischen Folgen – eine Verschlechterung der polnisch-jüdischen Beziehungen mit sich. In der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, als Polen nach der 1918 wiedergewonnenen Unabhängigkeit auf der Suche nach der Form seiner eigenen Identität war, entstanden neue Spannungsfelder, deren Ursache psychologischer, ökonomischer, politischer und religiöser, jedoch nie rassistischer Natur war. Trotz des Antisemitismus einiger Kreise nahm Polen noch kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, als sich die Repressionen Hitlers verstärkten, Tausende von Juden aus Deutschland auf.

Angesichts der nationalsozialistischen Vernichtung der Juden reagierten viele Polen mit heroischem Mut und Opferbereitschaft, ihr Leben und das ihrer Familien aufs Spiel setzend. Die durch die Prinzipien des Evangeliums motivierte Solidarität mit den Leidenden und Verfolgten hat bewirkt, daß in fast jedem Frauenkloster im Generalgouvernement jüdische Kinder Zuflucht fanden. Viele Polen verloren ihr Leben, weil sie, obwohl ihnen und ihren Angehörigen die Todesstrafe dafür drohte, Juden zu verstecken wagten. Es ist zu erwähnen, daß auch gegenüber Polen, die Juden versteckten, Sippenhaft angewendet wurde. In vielen Fällen wurden ganze Familien, vom Kind bis zu den Großeltern, für das Verstecken von Juden ermordet. In Anerkennung dessen wurden Tausende mit der Medaille „Gerechte unter den Völker“ ausgezeichnet. Viele halfen anonym.

Leider gab es auch solche, die sich zu Taten herabließen, die eines Christen unwürdig sind, welche Juden, die sich versteckten, erpreßten oder den Deutschen auslieferten. Deshalb erinnern wir noch einmal an die Worte des Hirtenbriefes der polnischen Bischöfe, der den Gläubigen in katholischen Gotteshäusern und Kapellen am 20. Januar 1991 verlesen wurde: „Trotz so zahlreicher heroischer Beispiele der Hilfe seitens christlicher Polen gab es auch solche Polen, die dieser unfaßbaren Tragödie gegenüber gleichgültig blieben. Besonders

beklagen wir diejenigen unter den Katholiken, die auf irgendeine Weise zum Tod von Juden beigetragen haben. Sie bilden für immer einen Vorwurf des Gewissens auch in gesellschaftlicher Dimension“.

Die Schöpfer von Auschwitz waren deutsche Nazis und nicht Polen. Alles, was dieses Todeslager symbolisiert, ist ein Ergebnis der nationalsozialistischen Ideologie, die nicht auf polnischem Boden entstanden ist. Ein anderes totalitäres System, dem Nationalsozialismus ähnlich, das der Kommunismus war, hielt eine viele Millionen erfassende Todesernte. Auch der Nationalsozialismus bedeutete das Treten auf die Würde des Menschen als Gottes Ebenbild. Es gab eine dramatische Schicksalsgemeinschaft von Polen und Juden, die in Vergewaltigung und rücksichtsloser Vernichtung bestand, wobei jedoch die Juden Opfer des nationalsozialistischen Plans systematischer und vollständiger Liquidierung wurden. „Die wahnsinnige Ideologie hat im Namen der Grundsätze des zeitgenössischen Rassismus diesen Plan gefaßt und ihn mit äußerst rücksichtsloser Konsequenz durchgeführt“, sagte Papst Johannes Paul II. anläßlich seiner Pilgerreise nach Deutschland (Köln, 1. Mai 1987).

Das halbe Jahrhundert, das seit der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau verging, verpflichtet uns zu einer klaren Absage gegenüber jeglicher Form von Mißachtung der Menschenwürde, von Rassismus, von Fremdenfeindlichkeit, von Antisemitismus und Antipolonismus. „Wir, die wir in einem durch die Bürde eines schrecklichen Ereignisses mit dem Namen Schoa gezeichneten Lande leben, möchten zusammen mit Edith Stein, die im Lager von Auschwitz starb, weil sie Jüdin war, mit Glauben und voll Vertrauen zu Gott dem Vater des gesamten Menschengeschlechts mit Nachdruck wiederholen: ‚Der Haß wird niemals das letzte Wort in dieser Welt haben‘“ (aus dem Sendschreiben des Papstes an das deutsche Volk vor der Pilgerreise in die Bundesrepublik Deutschland, Vatikan, 25. April 1987). Die einzige Garantie dafür ist die Erziehung der künftigen Generationen im Geiste der gegenseitigen Achtung, Toleranz und Liebe gemäß den Empfehlungen, die in den Hinweisen für eine richtige Darstellung von Juden und Judentum in der Predigt und Katechese der katholischen Kirche enthalten sind (24. Juni 1985).

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