Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

1990-04-26 Gesprächskreis Juden und Christen - Kloster und Kreuz in Auschwitz?

Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken

 

Kloster und Kreuz in Auschwitz?

Erklärung vom 26. April 1990

 

Zum Sachverhalt

 

Seit fünf Jahren ist der „Karmel von Auschwitz“ Gegenstand einer schmerzlichen Kontroverse zwischen Katholiken und Juden. Die Vereinigung „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ hatte anläßlich des Pastoralbesuchs von Papst Johannes Paul II. im Mai 1985 in den Beneluxländern mit einem Flugblatt unter der Überschrift „ihr Geschenk für den Papst: ein Konvent in Auschwitz“ um Spenden geworben. Der Spendenaufruf verwies auf die Existenz eines Konvents der barfüßigen Karmelitinnen im Gebäude des alten „Theaters“ von Auschwitz. Dieses Gebäude, unmittelbar am Zaun des Konzentrationslagers von Auschwitz I gelegen, diente in den Jahren der Vernichtung als Lagerort für das Giftgas Zyklon B und war Teil des Gesamtkomplexes von Auschwitz, der das 3 km entfernte Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (Auschwitz II) ebenso umfaßte wie eine Vielzahl von Außenlagern.

 

Die Information über den Karmelkonvent in diesem Gebäude führte zu spontanen Reaktionen des Protestes der jüdischen Gemeinschaft – zunächst in Westeuropa, dann in Israel und der weiteren Diaspora. Bedeutende katholische Persönlichkeiten erhoben ebenfalls Einspruch. Um den entstehenden Konflikt zu entschärfen, trafen sich autorisierte hochrangige Vertreter der katholischen und jüdischen Weit zu Beratungen. In einer gemeinsamen Erklärung vom 22. Februar 1987 in Genf kam es zu der Übereinkunft, ein Zentrum für Information, Erziehung, Begegnung und Gebet außerhalb der Grenzen der Lager von Auschwitz und Birkenau zu errichten. In diesem Zentrum sollte auch der Konvent der Karmelschwestern seinen Platz erhalten. Die Absprachen von Genf setzten eine Frist von zwei Jahren. Es wurden aber keine Anzeichen für ein Handeln im Sinne dieser Vereinbarung sichtbar.

 

Nach Ablauf der zwei Jahre wurde die Frist um ein halbes Jahr verlängert. Auch in dieser Zeit wurde kein Schritt zur Errichtung des Zentrums und zur Auslagerung des Klosters sichtbar. Hingegen wurde im Herbst 1988 ein etwa 7 Meter hohes Kreuz im Klostergelände gegenüber dem Ort der Ermordung polnischer Märtyrer errichtet.

 

Der Konflikt spitzte sich im Sommer 1989 zu. Aktionen jüdischer Gruppen vor Ort sorgten für Aufsehen und Eskalation. Erst die Intervention der vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, die am 18.Oktober 1989 die Genfer Vereinbarung bekräftigte, milderte den Konflikt. Das Eintreten der polnischen Regierung für eine rasche Lösung des Problems entschärfte ebenfalls die Lage. Daß inzwischen ein Grundstück für das Projekt erworben wurde, ist ein konkretes Hoffnungszeichen.

 

Neben der Verlegung des Klosters und dem Bau des Zentrums bedarf es auch einer Klärung der dem Konflikt zugrunde liegenden unterschiedlichen Auffassungen von Symbol und Spiritualität bei Juden und bei Christen. Hierzu will unsere Erklärung – insbesondere mit Blick auf die Diskussion in der Bundesrepublik – ein Beitrag sein.

 

Stellungnahme

 

Wie kein anderer Name erinnert Auschwitz an die Vernichtungslager der Hitler-Diktatur. Ursprünglich zur Vernichtung der polnischen Intelligenz errichtet, wurden hier Millionen Menschen ermordet: Polen, Russen, Ungarn, Deutsche, Holländer, Belgier, Franzosen, Sinti und Roma, vor allem aber Juden: nur weil sie Juden waren. Anders als die anderen Lager ist Auschwitz als der größte jüdische Friedhof Europas das Realsymbol für den Holocaust, die Schoah, d.h. den Versuch, das jüdische Volk auszurotten.

 

Gerade im deutschen Sprachraum wurde Auschwitz auch zum Inbegriff für die Katastrophe der christlich-jüdischen Geschichte und zum Mahnwort für eine christliche Umkehr. Was der Theologe Johann Baptist Metz beim Freiburger Katholikentag 1978 gesagt hat, bleibt für uns Christen eine immer noch einzulösende Aufgabe: „Wir Christen kommen niemals mehr hinter Auschwitz zurück; über Auschwitz hinaus aber kommen wir, genau besehen, nicht mehr allein, sondern nur noch mit den Opfern von Auschwitz.“

 

Deshalb schmerzt der Konflikt, der durch die Errichtung eines Karmelitinnenklosters im Vernichtungslager Auschwitz ausgelöst wurde, gerade uns, die wir als Katholiken und Juden seit 20 Jahren miteinander im Gespräch stehen. In diesem Konflikt hat – weil die zugesagten Verpflichtungen nicht eingelöst wurden – die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche Schaden erlitten. Er hat auch das Band der Einheit innerhalb der katholischen Kirche belastet. Zugleich wurde offenbar, wie schwer die Last der Geschichte auf uns allen liegt: gewiß, für Christen und Juden auf ganz unterschiedliche Weise. Es wurde aber auch erfahrbar, wie unterschiedlich die Wahrnehmung der jeweils anderen Glaubensund Lebensweise ist und wie schwer es deshalb fällt, diese zu respektieren und ernst zu nehmen.

 

Für die Juden unter uns ist Auschwitz Ort und Name für die Schoah überhaupt, für die Manifestation des Bösen schlechthin, für das unbegreifliche Schweigen sowohl Gottes als auch der Menschen. Es ist kein Ort für nachträgliche Symbole oder schnelle Deutungsversuche. Denn im Auschwitz von heute ist die Wirklichkeit von damals gegenwärtig. Auschwitz ist ein Real-Symbol. „Es genügt, sich zur Erde zu beugen, um dort die Asche zu finden, die seinerzeit vom Himmel fiel und die armen Reste von Tausenden und Tausenden jüdischer Kinder, schweigend und weise, in die vier Winde zerstreute“; auf dem Boden von Auschwitz läßt sich die Stimme einer Erinnerung vernehmen, welche „brennt, aber sich niemals verzehrt“ (Elie Wiesel). Auschwitz kann an Aussagekraft verlieren, wenn ihm eine symbolisch gemeinte Einrichtung beigegeben wird. Die Symbolik von Auschwitz bleibt am eindrücklichsten erhalten, wenn es von nachfolgenden Zeichen freigehalten wird. In solcher Zeichenlosigkeit und in diesem Verzicht auf Symbolisierungen drückt sich auch eine Solidarität mit allen Opfern aus, wie Théo Klein, Leiter der jüdischen Delegation bei den offiziellen Gesprächen über den „Karmel“, sie verdeutlichte: „Was uns (Juden) anlangt, so haben wir niemals geleugnet, daß Polen, Russen, Zigeuner und andere dort gestorben sind. Wir verlangen nicht, daß Auschwitz eine Synagoge wird.. (Die Toten) waren Katholiken und Protestanten, Juden, Muslime und Freidenker; niemand von ihnen hat das Recht, ihr Gedenken an sich zu reißen.“

 

Auschwitz muß vor jeglichem Versuch geschützt werden, es für Interessen von Gruppen oder von Wahrheitsansprüchen von Institutionen welcher Art auch immer zu mißbrauchen.

 

Die Ehrfurcht vor den Leidenden und Toten von Auschwitz, aber auch unser Respekt vor dem jüdischen Volk als dem Bundesvolk Gottes verwehren es uns Christen, an diesem Ort allein auf unsere christlichen Formen von Liturgie und Spiritualität zurückzugreifen. Unter dieser Rücksicht kann der Verzicht auf ein Symbol eine positive Zeichenfunktion gewinnen. Es gibt Dimensionen und Abgründe des Leidens – auch des Leidens an Gott –, angesichts derer verstummendes Erschrecken und nachdenkendes Schweigen der gemäße Ausdruck sind.

 

Wir Christen müssen den Ernst der Anfrage begreifen, die Nichtchristen an unsere Theologie des Kreuzes richten, das für uns vom Schandpfahl zum Heilszeichen geworden ist. Viele Nichtchristen, vor allem Juden, haben in der Geschichte das Kreuz als Verfolgungssymbol erfahren: bei den Kreuzzügen, durch Inquisition und Zwangstaufen, bei Pogromen und Verfolgungen. Wir müssen also lernen, daß das Kreuz für viele Menschen ganz anderes bedeutet, als wir damit aussagen möchten; unsere Symbole, Absichten und Kriterien können nicht für alle anderen als Maßstab gelten.

 

Auch wir Christen können das zeichenlose Auschwitz als Symbol begreifen. Die Leere dieses Ortes kann uns zur beredten Mahnung an die Verlassenheit, die Ungetröstetheit und den Schrecken der vielen werden, die dort leben und sterben mußten. Ein Kloster könnte diese Leere überlagern. Ein heute gesetztes Kreuz könnte christliche Präsenz in einem Maße beschwören, in dem sie damals nicht da war. Wer hier fragt, was Juden störe, wenn dort christliche Nonnen beten und sühnen, muß verstehen lernen, daß es nicht angeht, Auschwitz im Nachhinein christlich anzueignen oder auch nur diesen Anschein zu erwecken.

 

Das Gebet für die Opfer von Auschwitz ist unabhängig vom Ort Auschwitz, das Eintreten der Sühne für die Untaten ist nicht an den Ort des Geschehens gebunden.

 

Gewiß, die christliche Frömmigkeit kennt seit der frühen Kirchengeschichte die Tradition, an den Stätten des Martyriums oder über Märtyrergräbern das Kreuz oder eine Kirche zu errichten. Diese Tradition kann aber in Auschwitz nicht fortgesetzt werden. Sie hätte den Charakter einer Anmaßung; denn die Toten von Auschwitz sind nicht „unsere“ Märtyrer, auch wenn unter ihnen Frauen und Männer waren, die als Christen gestorben sind. Zudem würde die Tatsache verstellt, daß es Getaufte waren, die zu Täterinnen und Tätern wurden. So verständlich die Sehnsucht von Christen ist, das abgründige Leiden von Auschwitz unter das Kreuz Christi zu stellen, um über diesen Ort unbegreiflicher Gottesverlassenheit und Menschenverachtung zugleich das Hoffnungslicht der Auferstehung aufscheinen zu lassen, und so groß der Ernst ist, mit dem das polnische Volk diesen Ort nun als Symbol seines Martyriums und seiner Erneuerung erinnern will – zuallererst und unaufgebbar muß Auschwitz als der Ort ausgehalten werden, an dem Millionen von Juden gestorben sind, verlassen von einer gleichgültigen Welt und im Stich gelassen auch von den Kirchen, die doch mit dem jüdischen Volk in dem einen und gemeinsamen Gottesbund leben.

 

Wir Christen müssen die Last der Geschichte wirklich annehmen. „Denn die Geschichte ist nicht etwas Äußerliches, sie ist Teil der eigenen Identität der Kirche und kann uns daran erinnern, daß die Kirche, die wir als heilig bekennen und als Geheimnis verstehen, auch eine sündige und der Umkehr bedürftige Kirche ist“ (Deutschsprachige Bischofskonferenzen zum 50. Jahrestag des Novemberpogroms 1938). Im Eingedenken von Auschwitz müssen wir Christen uns bewußt machen,

- daß der millionenfache Mord am jüdischen Volk so mit dem Namen Auschwitz verbunden ist, daß gerade die Stimmen der Angehörigen dieses Volkes bei der „Verfügung“ über Auschwitz nicht übergangen werden dürfen,

- daß wir viel von unserer Glaubwürdigkeit eingebüßt haben, weil wir damals als kirchliche Gemeinschaften – trotz des beispielhaften Verhaltens Einzelner – mit dem Rücken zum Leiden des jüdischen Volkes gelebt haben,

daß wir bemüht sein sollten, Umkehr zu tun und unser Verhältnis zum jüdischen Volk zu erneuern,

daß Auschwitz auch zwischen dem polnischen und deutschen Volk steht und als Ort des polnischen Leidens erinnert sein will,

daß wir – und dies mag das Schwierigste sein – begreifen, warum unsere Maßstäbe nicht die einzigen und auch nicht die allein gemäßen sind, wiewohl sie von uns redlichen Herzens als wahr angesehen werden.

 

Als Juden und Christen sind wir davon überzeugt, daß Auschwitz davor geschützt werden muß, zu einem Ort oberflächlicher Besichtigung oder ideologischer Belehrung zu verkommen. Es wird nicht einfach sein, diesen Ort so zu erhalten, daß er die Erinnerung an die Opfer wachhält und den Besuchern jenes Gedenken ermöglicht, das ihrer unterschiedlichen Beziehung zu den Opfern gerecht wird. Das außerhalb des Lagerbereichs geplante Begegnungs- und Studienzentrum kann dazu beitragen. Seine in Angriff genommene Errichtung und die damit verbundene Verlegung des Klosters und des Kreuzes sind notwendige Schritte, an denen sich die Ernsthaftigkeit der katholischen Erneuerung hinsichtlich der bleibenden kirchlichen Verbundenheit mit dem jüdischen Volk zeigen kann.

 

Die entscheidende Wende im Verhältnis der katholischen Kirche zum jüdischen Volk (und zu einzelnen Juden), die nach den Worten von Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch der Großen Synagoge Roms mit dem Zweiten Vatikanum eingetreten ist, hat ihre Bewährungsprobe: Ob wir Christen als „Kirche nach Auschwitz“ zur Umkehr bereit und fähig sind, muß sich gerade in Auschwitz erweisen.

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