Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

1980-04-28 (II) Deutsche Bischofskonferenz - Über das Verhältnis der Kirche zum Judentum

    

Über das Verhältnis der Kirche zum Judentum

Erklärung der deutschen Bischöfe vom 28. April 1980

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III. Die Grundaussagen der Schrift und der Kirche über das Verhältnis von Kirche und Judentum

1. Das Zeugnis des Neuen Testamentes

a) Das Neue Testament macht wichtige Aussagen über das jüdische Volk. Die Urmissionare selbst stammten großenteils aus dem jüdischen Volk; Jesu Leben und Sterben hat sich im Land Israel vollzogen; Jesus weiß sich „zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“ (Mt 15,24). Das Evangelium und damit das Christusheil wird „zuerst“ den Juden verkündet (vgl. Mk 7,27; Apg 2,39; 3,26;10,42;13,46; Röm 1,16; 2,10). Die Frage nach dem Heil der Juden hat die Urkirche stark beschäftigt, besonders den Juden und ehemaligen Pharisäer Paulus.

b) Es kann freilich nicht geleugnet werden, daß sich im Neuen Testament über das Judentum z. Z. Jesu und der Urkirche auch kritische Aussagen finden. Jesus selbst sagt: „Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt. Darum wird euer Haus (von Gott) verlassen“ (Mt 23,37f. ). Jesus nennt die Pharisäer „blinde Blindenführer“ (Mt 15,14), deren Sünde „bleibt“ (vgl. Joh 9,41). „Ihr habt den Teufel zum Vater, und ihr wollt das tun, wonach es euren Vater verlangt“ (Joh 8,44). Jesus konstatiert also schuldhaftes Verhalten. Paulus stellt fest, daß „nicht alle, die aus Israel stammen“, wirklich auch „Israel“ sind (Röm 9,6); die Juden haben zwar „Eifer für Gott; aber es ist ein Eifer ohne Erkenntnis“ (Röm 10,2). Der Apostel fragt vorwurfsvoll: „Hat denn Israel. . . die Botschaft nicht verstanden?“ (Röm 10,19); er redet von einem „Versagen“, einer „Verstockung“ (Röm 11,8), einem „Zurückbleiben“ Israels (Röm 11,11f.) und von seiner „Verwerfung“ durch Gott (Röm 11,15); die Juden seien „vom Evangelium her gesehen . . . Feinde“ (Röm 11,28). Sie „haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie mißfallen Gott und sind Feinde aller Menschen; sie hindern uns daran, den Heiden das Evangelium zu verkünden und ihnen so das Heil zu bringen. Dadurch machen sie unablässig das Maß ihrer Sünden voll“ (1 Thess 2,15f.). Paulus kommt auch auf die Verfolgungen zu sprechen, denen er durch jüdische Volksgenossen ausgesetzt war (vgl. 2 Kor 11,24.26). Die Apostel-geschichte redet ebenfalls von den großen Schwierigkeiten, die Juden den christlichen Missionaren bereitet haben (vgl. Apg 13,15; 14,5.19; 17,5-8; 18, 12; 23,12).

Das sind Fakten, die ein ungünstiges Licht auf Juden werfen können. Dabei ist jedoch zu beachten, daß es sich um Tatbestände aus vergangenen Zeiten handelt, die kein Pauschalurteil über das Judentum zulassen, und daß diese negativen Aussagen über die Juden nicht isoliert betrachtet werden dürfen, sondern im Zusammenhang mit den vielen positiven Aussagen des Neuen Testaments gesehen werden müssen.

c) Zunächst sei hier an das Zeugnis des Johannesevangeliums erinnert: „Das Heil kommt von den Juden“ (Joh 4,22). Der Heilbringer Jesus Christus ist aus dem Judentum hervorgegangen.

Besonders im Römerbrief des Apostels Paulus finden sich wichtige positive Aussagen über die Juden: „Was ist nun der Vorzug der Juden, der Nutzen der Beschneidung? Er ist groß in jeder Hinsicht. Vor allem: Ihnen sind die Worte Gottes anvertraut“ (Röm 3,1f.). Damit sind die heiligen Schriften Israels gemeint, die die Christen „Altes Testament“ nennen. Desweiteren heißt es: „Sie sind Israeliten; damit haben sie die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bundesordnungen, ihnen ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen, sie haben die Väter, und dem Fleisch nach entstammt ihnen der Christus“ (Röm 9,4f.). Man nennt die hier vom Apostel aufgezählten Vorzüge Israels auch seine        Privilegien“, die ihm Gott selbst gewährt hat. Gott nimmt sie den Juden nicht weg; „sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich”.

In Röm 11,1f. schreibt der Apostel: „Ich frage also: Hat Gott sein Volk verstoßen? Keineswegs! ... Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er einst erwählt hat.“ Er fügt hinzu: „Sind sie etwa gestrauchelt, damit sie zu Fall kommen? Keineswegs!“ (Röm 11,11). Der Apostel spricht von der „Wurzel“, die die Kirche trägt (Röm 11,18). Das bezieht sich auf das ganze Volk Israel, nicht nur auf seine „Väter“ (die Patriarchen). Es ist ja nicht bloß von der „Wurzel“ allein die Rede, sondern auch vom „edlen Ölbaum“ und seinen „Zweigen“ (vgl. Röm 11,16-21).  Daß der Apostel dabei die „Wurzel“ so stark heraushebt   viermal ist in Röm 11,16-18 von ihr die Rede  , hat seinen Grund darin, daß es die Wurzel ist, aus der dem Baum die Säfte zufließen und so ihm seine „Fettigkeit“, d. h. seine Fruchtbarkeit verleiht. Die (Heiden-)Kirche ist in den edlen Ölbaum von Gott eingepfropft worden und wurde so durch die Gnade Gottes „Mitteilhaberin an der Wurzel“ und an der Fettigkeit des Ölbaums. Wenn die Juden sich auch großenteils am „Stein des Anstoßes“, Jesus Christus, stießen (vgl. Röm 9,32) und dem Evangelium gegenüber „verstockt“ blieben (Röm 11, 7.25), so sind die Juden nach der prophetischen Ansage des Apostels doch deswegen nicht für immer vom Heil ausgeschlossen: „denn Gott hat die Macht, sie wieder einzupfropfen. Wenn du (der Heidenchrist) aus dem von Natur wilden Ölbaum herausgehauen und gegen die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft wurdest, dann werden erst recht sie (die Juden) als die von Natur zugehörigen Zweige ihrem eigenen Ölbaum wieder eingepfropft werden“ (Röm 11,23f.). Im Anschluß daran spricht Paulus von einem „Geheimnis“, das sich auf das Endheil Israels bezieht und das der Apostel bekannt gibt: „Verstockung liegt auf einem Teil Israels, bis die Heiden in voller Zahl das Heil erlangt haben; dann wird ganz Israel gerettet werden, wie es in der Schrift heißt: Der ‚Retter wird aus Zion kommen, er wird alle Gottlosigkeit von Jakob entfernen‛“ (Röm 11,25f.).

Paulus sieht die „Verstockung“ und „Feindschaft“ Israels dem Evangelium gegenüber in einem einzigartigen, dialektischen Verhältnis zur Rettung der Heiden: „Nun frage ich: Sind sie etwa gestrauchelt, damit sie zu Fall kommen? Keineswegs! Vielmehr kam durch ihr Versagen das Heil zu den Heiden, um sie selbst eifersüchtig zu machen. Wenn aber schon durch ihr Versagen die Welt und durch ihr Zurückbleiben die Heiden reich werden, um wieviel mehr (wird das geschehen durch) ihre Vollendung“ (Röm 11,11f.). Denn wenn schon ihre Verwerfung für die Welt Versöhnung gebracht hat, dann wird ihre Annahme nichts anderes sein als Leben aus dem Tod“ (Röm 11,15). Gott stellt die Juden einstweilen zurück zugunsten der Heiden, bis er sich am Ende aller erbarmt (vgl. Röm 11,32). Nur von daher ist die Aussage des Völkerapostels zu verstehen, daß die Juden im Hinblick auf das Evangelium dessen Feinde geworden seien „und das um euretwillen“ (Röm 11,28), d. h. wegen des Heils der Heiden. Von einer Schuldaufrechnung mit Strafsanktionen ist im Römerbrief nicht die Rede. Wir Christen müssen die prophetische Aussage des Apostels Paulus über das Endheil der Juden ernst nehmen, wenn wir auch den Weg, auf dem Gott „ganz Israel“ retten will, nicht näher kennen. Die Juden bleiben die „Geliebten“ Gottes „um der Väter willen“ (Röm 11,28).

In der Apostelgeschichte findet sich die prophetische Aussage von der endzeitlichen „Wiederherstellung“ Israels. So fragen die Apostel den Auferstandenen: „Stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?“ Jesus weist in seiner Antwort diese Frage der Apostel nicht als eine in sich verkehrte Frage zurück, er verweist nur darauf, daß für diese „Wiederherstellung“ des Reiches für Israel der Vater allein die Fristen und Zeiten in seiner Macht festgesetzt hat. Die Apostel selbst dagegen sollen als die Zeugen Jesu das Evangelium „bis an die Grenzen der Erde“ verkünden (Apg 1,6-8). Eine Wiederherstellung des verheißenen Reiches, wie sie schon die Propheten des Alten Bundes angekündigt haben, wird also kommen, auch wenn wir deren Art und Weise nicht näher kennen. Nach Apg 3,19-21 sollen sich die Juden zu Jesus bekehren, „damit eure Sünden getilgt werden und der Herr Zeiten des Aufatmens kommen läßt und Jesus sendet als den für euch bestimmten Messias. Ihn muß freilich der Himmel aufnehmen bis zu den Zeiten der Wiederherstellung von allem, die Gott von jeher durch den Mund seiner heiligen Propheten verkündet hat“. Nach diesem Text ist der wiederkommende Christus auch für Israel („für euch“ = die Juden) zu seinem „Aufatmen“ bestimmt. Auch die Juden werden dann zusammen mit allen Erlösten „aufatmen“ können und von ihren Leiden und Sünden befreit werden. Diese positiven Aussagen des Neuen Testaments über die Juden und ihr Heil müssen von der christlichen Verkündigung und Theologie viel stärker, als es früher geschehen ist, bedacht werden, besonders nachdem sich das II. Vatikanische Konzil dieser Aufgabe ausdrücklich angenommen hat.

2. Aussagen der katholischen Kirche

a) Das II. Vatikanische Konzil hat in seiner Erklärung „Nostra Aetate“ Grundlegendes über das Verhältnis der Kirche zum Judentum gesagt: „Bei ihrer Besinnung auf das Geheimnis der Kirche gedenkt die Heilige Synode des Bandes, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamme Abrahams geistlich verbunden ist.

So anerkennt die Kirche Christi, daß nach dem Heilsgeheimnis Gottes die Anfänge ihres Glaubens und ihrer Erwählung sich schon bei den Patriarchen, bei Mose und den Propheten finden. Sie bekennt, daß alle Christgläubigen als Söhne Abrahams dem Glauben nach in der Berufung dieses Patriarchen eingeschlossen sind und daß in dem Auszug des erwählten Volkes aus dem Lande der Knechtschaft das Heil der Kirche geheimnisvoll vorgebildet ist. Deshalb kann die Kirche auch nicht vergessen, daß sie durch jenes Volk, mit dem Gott aus unsagbarem Erbarmen den Alten Bund geschlossen hat, die Offenbarung des Alten Testamentes empfing und genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schößlinge eingepfropft sind. Denn die Kirche glaubt, daß Christus, unser Friede, Juden und Heiden durch das Kreuz versöhnt und beide in sich vereinigt hat.

Die Kirche hat auch stets die Worte des Apostels Paulus vor Augen, der von seinen Stammverwandten sagt, daß ‚ihnen die Annahme an Sohnes Statt und die Herrlichkeit, der Bund und das Gesetz, der Gottesdienst und die Verheißungen gehören wie auch die Väter und daß aus ihnen Christus dem Fleische nach stammt‛ (Röm 9,4-5), der Sohn der Jungfrau Maria. Auch hält sie sich gegenwärtig, daß aus dem jüdischen Volk die Apostel stammen, die Grundfesten und Säulen der Kirche, sowie die meisten jener ersten Jünger, die das Evangelium Christi der Welt verkündet haben.

Wie die Schrift bezeugt, hat Jerusalem die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkannt, und ein großer Teil der Juden hat das Evangelium nicht angenommen, ja nicht wenige haben sich seiner Ausbreitung widersetzt.

Nichtsdestoweniger sind die Juden nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich. Mit den Propheten und mit demselben Apostel erwartet die Kirche den Tag, der nur Gott bekannt ist, an dem alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm ‚Schulter an Schulter dienen‛ (Zef 3,9).

Da also das Christen und Juden gemeinsame geistliche Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gespräches ist.

Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen. Gewiß ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern. Darum sollen alle dafür Sorge tragen, daß niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht.

Im Bewußtsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben.

Auch hat ja Christus, wie die Kirche immer gelehrt hat und lehrt, in Freiheit, um der Sünden aller Menschen willen, sein Leiden und seinen Tod aus unendlicher Liebe auf sich genommen, damit alle das Heil erlangen. So ist es die Aufgabe der Predigt der Kirche, das Kreuz Christi als Zeichen der universalen Liebe Gottes und als Quelle aller Gnaden zu verkünden.”

b) Am 1. Dezember 1974 wurden die römischen „Richtlinien und Hinweise für die Konzilserklärung ,Nostra Aetate‛, Art. 4“ verabschiedet. Sie bezeichnen die Konzilserklärung als „einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Beziehungen zwischen Juden und den Katholiken“.  Es wird von der „Kluft“ gesprochen, die zwischen Juden und Christen „immer tiefer und breiter geworden“ ist, „bis hin zum völligen Verkennen des anderen auf beiden Seiten“  Es wird gesagt, „daß die geistlichen Bande und die historischen Beziehungen, die die Kirche mit dem Judentum verknüpfen, jede Form des Antisemitismus und der Diskriminierung als dem Geist des Christentums widerstreitend verurteilen“; ferner wird auf die „Verpflichtung zu einem besseren gegenseitigen Verstehen und einer neuen gegenseitigen Hochschätzung“ hingewiesen.  Aus dem Monolog, den Juden und Christen für sich allein über den anderen führten, soll ein „Dialog“ werden, der vom „Respekt gegenüber der Eigenart des anderen“ getragen ist und jede „Aggression“ meidet.  „Eine Öffnung und Weitung des Geistes, eine Haltung des Mißtrauens gegenüber den eigenen Vorurteilen, Takt und Behutsamkeit sind dabei unentbehrlich, wenn man seinen Partner nicht, und sei es auch ungewollt, verletzen will.”  Es wird dann auf die Liturgie hingewiesen mit ihren gemeinsamen Elementen, auf den bleibenden Wert des Alten Testaments und seine „gerechte Auslegung“ in der christlichen Theologie.  Das durch das Konzil eingeleitete Umdenken muß sich in Lehre und Erziehung auswirken.  Der Gott Israels und der Christen ist „derselbe Gott“. „Die Geschichte des Judentums geht nicht mit der Zerstörung Jerusalems zu Ende. Und in ihrem weiteren Verlauf hat sich eine religiöse Tradition entwickelt, deren Ausgestaltung jedenfalls reich an religiösen Werten ist, wenn sie auch, wie wir glauben, nach Christus eine zutiefst verschiedene Bedeutung hat.”

c) Papst Paul VI. hat am 22. Oktober 1974 eine „Kommission für die religiösen Beziehungen zu dem Judentum“ errichtet, die mit dem Sekretariat für die Einheit der Christen verbunden ist und zu deren Mitgliedern auch Juden gehören.

Papst Johannes Paul II. erinnerte in seiner Ansprache an die Repräsentanten jüdischer Organisationen am 12. März 1979 an die Aussage in Nostra Aetate, Nr. 4, daß das Konzil „bei seiner Besinnung auf das Geheimnis der Kirche des Bundes gedenkt, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamm Abrahams geistlich verbunden ist“, er unterstrich die Richtlinien vom 1. Dezember 1974 und forderte die Kirche zum „brüderlichen Dialog“ und zur „fruchtbaren Zusammenarbeit“ und zur „Überwindung von jeder Art von Vorurteil und Diskriminierung“ des jüdischen Volkes auf.

Bei seinem Besuch in Auschwitz während seiner Polenreise bemerkte der Heilige Vater: „Ich verweile am Ende gemeinsam mit euch, liebe Teilnehmer dieser Begegnung, vor der Tafel mit der hebräischen Inschrift. Sie weckt das Andenken an das Volk, dessen Söhne und Töchter zur totalen Ausrottung bestimmt waren. Dieses Volk führt seinen Ursprung auf Abraham zurück, der der ‚Vater unseres Glaubens‛ ist (vgl. Röm 4,12), wie Paulus von Tarsus sich ausdrückte. Gerade dieses Volk, das von Gott das Gebot empfing: ‚Du sollst nicht töten!‛, hat an sich selbst in besonderem Ausmaß erfahren müssen, was töten bedeutet. An diesem Gedenkstein darf niemand gleichgültig vorübergehen.”

d) Die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland hat sich in ihrem Beschluß über „Unsere Hoffnung“ (IV, 2) nachdrücklich „für ein neues Verhältnis zur Glaubensgeschichte des jüdischen Volkes“ ausgesprochen. Wichtige Impulse vermittelt die Erklärung der französischen bischöflichen Kommission für die Beziehung zum Judentum vom 16. April 1973.  Hilfreich ist auch das Arbeitspapier des Gesprächskreises „Juden und Christen“ des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken: „Theologische Schwerpunkte des jüdisch-christlichen Gesprächs“ vom 8. Mai 1979.

3. Aussagen anderer Kirchen

Dankbar sei auf die Verlautbarungen hingewiesen, die evangelischerseits zum Thema Kirche und Judentum herausgebracht wurden: „Volk, Land und Staat. Eine Handreichung für eine theologische Besinnung der Niederländischen Reformierten Kirche;“  „Christen und Juden. Studie des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland“ (Gütersloh 1975), mit dem dazugehörigen Arbeitsbuch „Christen und Juden. Zur Studie des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland?“

„Überlegungen zum Problem Kirche/Israel.“ Hrsg. vom Vorstand des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes vom Mai 1977.  „Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“, Handreichung für die Mitglieder der Landessynode, der Kreissynoden und der Presbyterien in der Evangelischen Kirche im Rheinland.

So sind Christen dabei, sich in intensiver Weise wieder stärker als früher auf ihre „Wurzel“, den „Stamm Abrahams“ zu besinnen. Sie gewinnen ein neues Verhältnis zu ihrem älteren Bruder, dem jüdischen Volk, sicher zurn Segen für beide. An die Stelle der Verachtung und Geringschätzung des andern werden Respekt voreinander und Liebe zueinander treten. Für „Antisemitismus“ darf kein Platz mehr bleiben.

 

IV. Glaubensunterschiede

Im Dialog zwischen Juden und Christen müssen die Glaubensunterschiede, als das Unterscheidende und gegebenenfalls Trennende, offen genannt werden; nur dann erfolgt der Dialog in Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Folgendes ist dabei besonders ins Auge zu fassen:

1. Zunächst sei hier die christliche Überzeugung genannt, daß mit Jesus von Nazaret die Zeit schon erfüllt und das Reich Gottes unmittelbar nahegekommen ist (vgl. Mk 1,15). Jesus ist für die Christen der verheißene Messias, mit ihm bricht die letzte Zeit der Geschichte schon an, das Reich Gottes ragt in „diesen Äon“ herein, die Wunder Jesu sind „vorausweisende Zeichen“ für die kommende Erfüllung, die Kräfte der Heilszukunft Gottes sind bereits wirksam, besonders in den Sakramenten der Kirche, die Endentscheidungen fallen schon. Christus ist unser Friede, unsere Versöhnung und unser Leben. Freilich weiß auch der Christ, daß durch Jesus von Nazaret noch nicht alle Verheißungen der altbundlichen Propheten erfüllt worden sind: Die umfassende Gerechtigkeit ist in der Welt noch keineswegs hergestellt, der völkerumspannende Friede steht noch aus, der Tod übt seine vernichtende Herrschaft noch aus. Der Christ muß Verständnis haben, wenn Juden gerade auf diesen noch ausstehenden „Verheißungsüberschuß“ hinweisen und wegen dieses noch Ausstehenden in Jesus von Nazaret nicht den Verheißenen zu sehen vermögen.

2. Der tiefste Glaubensunterschied tritt angesichts des stärksten Bindegliedes zwischen Christen und Juden zutage. Der christliche Glaube an Jesus Christus, dem gemäß der gekreuzigte und auferstandene Jesus Christus nicht nur als der verheißene Messias, sondern darüber hinaus als der wesensgleiche Sohn Gottes bejaht und verkündigt wird, erscheint vielen Juden als etwas radikal Unjüdisches; sie empfinden ihn als etwas dem strengen Monotheismus, wie er besonders im „Sch’ma Israel“ für den frommen Juden täglich zur Sprache kommt, absolut Widersprechendes, wenn nicht gar als Blasphemie. Dafür muß der Christ Verständnis haben, auch wenn er selbst in der Lehre von der Gottessohnwürde Jesu keinen Widerspruch zum Monotheismus sieht. Für ihn bedeutet das Bekenntnis zum dreifaltigen Gott eine Steigerung der Einheit Gottes, ein Geheimnis, an das er glaubt und vor dem er anbetend in die Knie sinkt.

3. Jesus hat das Gesetz nicht „aufgelöst“, sondern „erfüllt“ (vgl. Mt 5,17), er hat aber z. T. heftige Kritik an der konkreten Praxis des gesetzlichen Lebens seines Volkes geübt. Er hat das Doppelgebot der Liebe in den Vordergrund gerückt (vgl. Mk 12,30f. Parr.) und die vielen Gebote und Verbote der Tora und der sogenannten „Väterüberlieferung“, womit die pharisäisch-rabbinische Auslegung gemeint ist (von den Juden „Halacha“ genannt), auf das Liebesgebot konzentriert. Im Blick auf das Kreuz und die Auferstehung Jesu war der Apostel Paulus mit der Urkirche überzeugt, daß der Weg des Menschen zum Heil jetzt ausschließlich über den Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Christus führt und nicht mehr über die „Werke des Gesetzes“ (Röm 2,15; 3,20; Gal 2,16; 3,2.5.10). Der Christ ist nach der Lehre des Apostels und auch des Apostelkonzils (Apg 15,1-35) nicht mehr wie der Jude zu einem Leben nach den Weisungen der Tora verpflichtet, was freilich nicht heißt, daß der Christ ein „gesetzloses“ Leben führen dürfte. Er ist um so mehr an „das Gesetz Christi“ (Gal 6,2) gebunden, das im Liebesgebot kulminiert, in dem das Gesetz seine „Erfüllung“ findet (vgl. Gal 5,14; Röm 13,8-10).

Über diese Glaubensunterschiede muß im christlich-jüdischen Gespräch offen geredet werden.

 

V. Umdenken gegenüber dem Judentum

Allzu oft ist in der Kirche, besonders in Predigt und Katechese, in falscher und entstellender Weise über das Judentum gesprochen worden. Falsche Einstellungen waren die Folge. Wo immer Fehlurteile und Fehlhaltungen vorliegen, sind unverzüglich Umdenken und Umkehr geboten: Dabei ist folgendes besonders zu beachten:

1.Der Ausdruck „die Juden“, der häufig im Johannesevangelium erscheint, verleitete nicht selten zum theologischen Antijudaismus, insofern er in unkritischer Weise auf das ganze jüdische Volk der Zeit Jesu bezogen wurde, während in Wirklichkeit mit dem Ausdruck „die Juden“ in der Regel die Gegner Jesu aus der führenden Schicht des zeitgenössischen Judentums, besonders die Hohenpriester, gemeint sind.  Zudem ist folgendes zu bedenken: Der Evangelist reflektiert am Ende des 1. Jahrhunderts die Vorgänge, die sich mit Jesus und seiner Kreuzigung ereignet haben. Er stellt das Ganze in einen kosmisch-universellen Horizont. Dabei werden „die Juden“, soweit ein negativer Akzent auf dem Begriff liegt, zu Repräsentanten des gottfeindlichen „Kosmos“. Der Evangelist meint damit jene „Welt“, die von Gott und Christus nichts wissen will. So sieht das Johannesevangelium den Prozeß gegen Jesus als einen „Weltprozeß“, nämlich der Weltfinsternis gegen das göttliche Licht überhaupt. Dies hat mit „Antijudaismus“ nichts zu tun.

2. Ähnliches gilt für den oft in den Evangelien erscheinenden Ausdruck „die Pharisäer“. Eine Untersuchung der Aussagen über die Pharisäer in den Evangelien und über die in ihnen verarbeiteten Traditionsschichten läßt eindeutig erkennen, daß die Pharisäer zunehmend als die speziellen Gegner Jesu herausgestellt wurden, und zwar im Zusammenhang des zum Teil harten und schwierigen Ablösungsprozesses, der nach Ostern die Kirche und Israel voneinander trennte. Die Pharisäer waren zur Zeit Jesu und auch später eine straff organisierte und einflußreiche Gruppe im damaligen Judentum, mit der Jesus vor allem wegen der Gesetzesauslegung in Konflikt geraten war. Sie waren Männer, denen es mit großem Ernst um die Sache Gottes ging. Es gehört zu den Aufgaben der heutigen Exegese, Katechese und Homiletik, über die Pharisäer in gerechter Weise zu sprechen.

3. Der fromme Jude hat Freude an der Tora. Er feiert am Ende des Laubhüttenfestes ein eigenes Fest „Freude an der Tora“. „Nach deinen Vorschriften zu leben, freut mich mehr als großer Besitz“ (Ps 119,14). „Ich habe meine Freude an deinen Gesetzen, dein Wort will ich nicht vergessen“ (Ps 119,16). „Deine Vorschriften machen mich froh; sie sind meine Berater“ (Ps 119,24). „Wie ist mir dein Gesetz so lieb, den ganzen Tag sinn ich ihm nach“ (Ps 119,97). Der Jude empfindet die Tora als Gnade, nicht als Last.  Er versteht das Leben nach den Weisungen der Tora nicht als „Verdienstesammeln“ oder als zum Ruhm vor Gott führende „Leistung“, wie viele Christen meinen. Das für den Juden bis heute gültige Verständnis des Lebens nach der Tora muß von drei Grundelementen her verstanden werden, die das jüdische Gesetzesverständnis bestimmen: Vertrauen, Verwirklichung in Werken, Heiligung des Alltags.  Der fromme Jude kann sich den Glauben an den einen Gott nicht ohne die gehorsame Verwirklichung der Weisungen Gottes nach der Tora vorstellen. Das Leben gemäß der Tora heiligt den Alltag; denn dies ist der eigentliche Sinn der Weisungen der Tora im jüdischen Verständnis: Wer sich täglich und in allem dem Joch des Gesetzes unterwirft, entprofaniert dadurch den Alltag und heiligt das ganze Leben in allen seinen Bezügen und Äußerungen. Der Jude Ernst Simon hat den Sachverhalt so formuliert: „Das jüdische Gesetz formt einen Lebensweg partieller Askese. Kein Gebiet des Daseins, kein Stück Welt ist ausgeschlossen, keines unumschränkt freigegeben.“  Der bedeutende Lehrer des Frühjudentums, Rabban Jochanan ben Zakkai (1. Jh. n. Chr.), hat gesagt: „Wenn du die Tora in reichem Maße gehalten hast, so tue dir nichts darauf zugute; denn dazu bist du geschaffen.“  Dies muß der Christ sehen, wenn er das Leben des frommen Juden richtig beurteilen will.

4. Die Juden dürfen nicht als das Volk der „Gottesmörder“ bezeichnet werden. Das Konzil lehrt: „Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Jesu gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen.“

Wir sollten, statt anderen die Schuld am Kreuzestod Jesu aufzurechnen, an unsere eigenen Sünden denken, durch die wir alle am Kreuz Jesu mitschuldig geworden sind. Schuldig am Kreuz Jesu, so lehrt der Catechismus Romanus, sind nicht einzelne, sondern alle Menschen: „Dieses Verbrechen muß bei uns schwerer erachtet werden als bei den Juden, weil diese, wie der Apostel (Paulus) bezeugt, den ‚Herrn der Herrlichkeit nie gekreuzigt hätten, wenn sie (die Weisheit Gottes) erkannt hätten‘ (1 Kor 2,8); wir aber legen das Bekenntnis ab, daß wir ihn kennen, und indem wir ihn durch die Tat verleugnen, legen wir gleichsam gewaltsam Hand an ihn. “

Gerade der gewaltsame Tod Jesu am Kreuz ist zu etwas geworden, was die Beziehung zwischen Kirche und Judentum außerordentlich belastet hat. Diese „Last der Geschichte“ durch gerechte Rede über das Judentum aufzuarbeiten, gehört zu den Aufgaben gründlicher historischer Forschung durch die christliche Theologie und des jüdisch-christlichen Dialogs, zu dem uns die Kirche auffordert.

Wenn auch die Kirche sich schon im 1. Jahrhundert nach Christus von Israel getrennt hat, so bleibt doch die Heilsbedeutung Israels und die Heilszusage Gottes an Israel bestehen. Es ist uns verwehrt, in diesem Zusammenhang zeitliche Angaben zu machen, weil das Heil Israels ebenso wie das Heil der Vollzahl der Heiden im Geheimnis Gottes verborgen bleibt (Röm 11,25f.).

5. An die Stelle des unter Christen noch immer mehr oder weniger weiterlebenden „Antisemitismus“ muß der von gegenseitiger Liebe und Verstehen getragene Dialog treten. Die „geistlichen Bande und die historischen Beziehungen, die die Kirche mit dem Judentum verknüpfen, verurteilen jede Form des Antisemitismus und der Diskriminierung als dem Geist des Christentums widersprechend“.  Der Antisemitismus richtet sich nicht nur gegen die Botschaft Jesu Christi, sondern letztlich gegen ihn selbst.

Auch wenn betont werden muß, daß Auschwitz ein Produkt des dezidierten Abfalls vom jüdischen wie vom christlichen Glauben war, so müssen die schrecklichen Ereignisse, die mit Auschwitz und den anderen Konzentrationslagern verbunden sind, uns Christen aufschrecken und zum Umdenken und zur Umkehr bewegen.

6. Immer wieder müssen wir der Aufforderung der Karfreitagsliturgie Folge leisten: „Lasset uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluß sie führen will.“ Zur Liebespflicht der Christen gegenüber den Juden gehören auch das immerwährende Gebet für die Millionen im Laufe der Geschichte ermordeten Juden und die ständige Bitte an Gott um Vergebung des vielfachen Versagens und der zahlreichen Versäumnisse, deren sich Christen in ihrem Verhalten den Juden gegenüber schuldig gemacht haben.

7. In Deutschland haben wir besonderen Anlaß, Gott und unsere jüdischen Brüder um Verzeihung zu bitten. Auch wenn wir uns dankbar daran erinnern, daß viele Christen sich teils unter großen Opfern für die Juden eingesetzt haben, dürfen und wollen wir weder vergessen noch verdrängen, was gerade in unserem Volk Juden angetan wurde. Wir rufen ins Gedächtnis, was die Fuldaer Bischofskonferenz 1945 bei ihrer ersten Zusammenkunft nach dem Krieg erklärt hat: „Viele Deutsche, auch aus unseren Reihen, haben sich von den falschen Lehren des Nationalsozialismus betören lassen, sind bei den Verbrechen gegen menschliche Freiheit und menschliche Würde gleichgültig geblieben; viele leisteten durch ihre Haltung den Verbrechen Vorschub, viele sind selber Verbrecher geworden. Schwere Verantwortung trifft jene, die auf Grund ihrer Stellung wissen konnten, was bei uns vorging, die durch ihren Einfluß solche Verbrechen hätten hindern können, und es nicht getan haben, ja diese Verbrechen ermöglicht und sich dadurch mit den Verbrechern solidarisch erklärt haben.

Erneut bekennen wir: „Mitten unter uns sind unzählige Menschen gemordet worden, weil sie dem Volk angehörten, aus dem der Messias dem Fleisch nach stammt.“ Wir bitten den Herrn: „Führe alle zur Einsicht und Umkehr, die auch unter uns mitschuldig geworden sind durch Tun, Unterlassen und Schweigen. Führe sie zur Einsicht und Umkehr, damit sie sühnen, was immer sie gefehlt. Vergib um deines Sohnes willen in deinem grenzenlosen Erbarmen die unermeßliche Schuld, die menschliche Sühne nicht tilgen kann.“

 

VI. Gemeinsame Aufgaben

1. Dem frommen Juden geht es um die Verwirklichung der Weisungen Gottes, wie sie in der Tora festgelegt sind, im Alltag. Es geht ihm um das „Tun“. Auch in der Predigt Jesu spielt das Wort „tun“ ein zentrale Rolle, wie die Evangelien zeigen. Die Weisungen der Tora und die Weisungen Jesu betreffen den Willen Gottes. Der Psalmist betet: „Deinen Willen zu tun, mein Gott, ist mir Freude“ (Ps 40,9); Jesus lehrt: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt“ (Mt 7,21). Von sich selbst bekennt er: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat und sein Werk zu Ende zu führen“ (Joh 4,34). Verwirklichung des Willens Gottes in der Welt sollte darum die gemeinsame Maxime von Juden und Christen sein.

2. Was beim Studium der Propheten Israels auffällt, ist der Protest, den diese gegen bestehendes Unrecht im wirtschaftlichen und sozialen Bereich und gegen alle ideologische Unterdrückung erhoben haben. Solcher Protest ist eine bleibende Aufgabe für beide, Kirche und Judentum. Es ist ein Protest gegen die vielfältige Bedrohung der Freiheit, ein Protest zugunsten der wahren Menschlichkeit und der Menschenrechte, der Liebe und der Gemeinschaft; ein Protest gegen die sich immer mehr ausbreitenden Welt- und Geschichtslügen; ein Protest gegen Faschismus, Rassismus, Kommunismus und Kapitalismus. Die jüdisch-christliche Religion ist darum das Anti-„Opium“ für das Volk.

3. Christen und Juden sollen und können gemeinsam eintreten für das, was in der hebräischen Sprache „schalom“ heißt. Dies ist ein umfassender Begriff, der Frieden, Freude, Freiheit, Versöhnung, Gemeinschaft, Harmonie, Gerechtigkeit, Wahrheit, Kommunikation, Menschlichkeit bedeutet. „Schalom“ ist dann in der Welt Wirklichkeit, wenn alle Beziehungen untereinander endlich in Ordnung sind, die Beziehungen zwischen Gott und Mensch und von Mensch zu Mensch. Es darf kein völkisch beschränktes Friedensideal mehr geben. Gott will keine „eisernen Vorhänge“! Was in der Heiligen Schrift Israels in der Lehre von der Gottebenbildlichkeit eines jeden Menschen angelegt ist, will durch das Evangelium Wirklichkeit in der ganzen Welt werden: daß alle Menschen sich als Brüder erkennen. Deshalb können sich Religionen nicht mehr mit bestimmten politischen Systemen identifizieren. Judentum und Christentum sollen gemeinsam und unentwegt am uneingeschränkten Frieden in aller Welt intensiv mitarbeiten.

4. Der Mensch ist von sich aus nicht in der Lage, die Welt ins endgültige Heil zu führen. Das vermag Gott allein; so ist es die Überzeugung der gläubigen Juden und Christen. Die Erfahrung der Geschichte steht ihnen dabei zur Seite. Die Welt kommt weder durch Evolution noch durch Revolution ins endgültige Heil. Die Evolution schafft „Natur“, aber nicht „Heil“. Nur Gott führt die Welt ins endgültige Heil. Er schafft und schenkt den „neuen Himmel und die neue Erde“, auf die Juden und Christen gemeinsam warten (Jes 65,17; 66,22; Offb 21,1).

5. Der Apostel Paulus hat das letzte Ziel aller Geschichte und Heilsgeschichte in 1 Kor 15,28 in klassischer Kürze auf die Formel gebracht: „Gott alles in allem“. Dieser Formel können Juden und Christen zustimmen. „Gott alles in allem“: Das besagt: Am Ende kommen Gott und das Gott-Sein Gottes und die Universalität des Heils allenthalben voll zur Geltung. „Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod“ (1 Kor 15,26). Darin wird sich jener Gott offenbaren, den Israel, Jesus und die Kirche verkünden: Er wird die Toten erwecken und so seine unüberwindliche Macht zeigen. „Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.“ Das in der Öffentlichkeit aller Welt zu bezeugen, ist gemeinsame Aufgabe von Christen und Juden.

 

Anmerkungen

1 M. Buber, Werke I, München/Heidelberg 1962, 657.

2 Sch. Ben-Chorin, Bruder Jesus, der Nazarener in jüdischer Sicht, München 1967, 12.

3 Vat. II., Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra aetate“ (zit. NA) n. 4.

4 Vat. II., Offenbarungskonstitution „Dei Verbum“ (zit. DV) n. 14.

5 Päpstliche Kommission für die religiösen Beziehungen zu dem Judentum, Richtlinien und Hinweise für die Konzilserklärung „Nostra Aetate“, Art. 4 (zit. Richtlinien), Nachkonziliare Dokumentation Bd. 49, Trier 1976, 35.

6 A.a.0. 37.

7 Vat. II., DV n. 14.

8 Mekilta Bachodesch 8,72f.

9 A.a.O. 20,26.

10 Slav. Hen. 44,1.

11 C. Westermann, Genesis I, Neukirchen 1974, 633f.

12 Näheres dazu bei F. Mußner, Traktat über die Juden, München 1979,103­120.

13 Vgl. dazu A. H. Friedlander, Die Exodus-Tradition. Geschichte und Heilsgeschichte aus jüdischer Sicht, in: H. H. Henrix/M. Stöhr (Hrsg.), Exodus und Kreuz im ökumenischen Dialog zwischen Juden und Christen, Aachen 1978, 30-44.

14 A. H. Friedlander, a.a.0. 35.

15 A.a.O. 40.

16 Der Alttestamentler N. Füglister hat dies exemplarisch am Osterfest gezeigt; vgl. sein Buch: Die Heilsbedeutung des Pascha, München 1963.

17 Richtlinien 38 unter Bezug auf NA n. 4.

18 Vat. II., NA n. 4 unter Berufung auf Röm 11,28f.; vgl. auch die Kirchenkon­stitution Lumen gentium (zit. LG) n. 16.

19 Vgl. dazu Mußner, a.a.0. 68-70.

20 Vat. II“ NA n. 4.

21 Richtlinien 32.

22 A.a.O. 32.

23 A.a.O. 33.

24 A.a.O. 33f.

25 A.a.O. 34.

26 A.a.O. 35f.

27 A.a.O. 36-38.

28 A.a.O. 38.

29 L’Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Schrift, 30.0.1979, S. 4.

30 Sekretariat der DBK (Hrsg.), Predigten und Ansprachen von Papst Johannes Paul II bei seiner Pilgerfahrt durch Polen, 2. Bis 10.6.1979, Bonn 1979, 82.

31 In deutscher Übersetzung : Freiburger Rundbrief 25 (1973) 15-18.

32 In deutscher Übersetzung in: Freiburger Rundbrief 23 (1971) 19-27.

33 Hrsg. V. R. Rendtorff, Gütersloh 1979.

34 In: Freiburger Rundbrief 29 (1977) 108-111.

35 Düsseldorf 1980.

36 Vgl. dazu Mußner, a.a.O. 281-291.

37 Vgl. H. Groß, Tora und Gnade im Alten Testament, in: Kairos, NF 14 (1972) 220-231; R.J.Z. Werblowsky, Tora als Gnade: ebd. 15 (1973) 156-163; E.L. Ehrlich, Tora im Judentum, in: Evang. Theol. 37 (1977) 536-549.

38 Vgl. dazu N. Oswald, Grundgedanken zu einer pharisäisch-rabbinischen Theologie, in: Kairos (1963) 40-58.

39 E. Simon, Brücken, Gesammelte Aufsätze, Heidelberg 1965, 468.

40 Abot II. 8 b.

41 Vat. II, NA n. 4.

42 Catechismus Romanus ex Decreto Concilii Tridentini I, cap. V, qu. 11.

43 Vat. II, NA n. 4.

44 Richtlinien 33.

45 Hirtenwort der Deutschen Bischöfe vom 23. August 1945.

46 Aus dem Gebet für die ermordeten Juden und ihre Verfolger, das nach Weisung der Deutschen Bischofskonferenz am 11. Juni 1961 in allen katholischen Kirchen Deutschlands gebetet werden sollte; in: Freiburger Rundbrief 13 (1960/61) 3.

 


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