Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim

1980-04-28 (I) Deutsche Bischofskonferenz - Über das Verhältnis der Kirche zum Judentum

 
 

Über das Verhältnis der Kirche zum Judentum

Erklärung der deutschen Bischöfe vom 28. April 1980

Inhalt

(I)

I. Jesus Christus - unser Zugang zum Judentum

II. Das geistliche Erbe Israels für die Kirche

1. Die Heilige Schrift des Alten Testaments

2. Der Glaube an den einen Gott

3. Der Schöpfungsglaube

4. Der Mensch - das „Abbild“ Gottes

5. Der Bund

6. Der Dekalog und das Gewissen

7. Die messianische Hoffnung

8. Das Gebet

9. Grundhaltungen vor Gott

10. Exodus, Pascha, Leiden, Gericht, Auferstehung

 

(II)

III. Die Grundaussagen der Schrift und der Kirche über das Verhältnis von Kirche und Judentum

1. Das Zeugnis des Neuen Testaments

a) Vorbemerkung

b) Kritische Aussagen über die Juden

c) Positive Aussagen über die Juden

2. Aussagen der katholischen Kirche

a) Das II. Vatikanische Konzil

b) Die „Richtlinien und Hinweise“ vom 1. Dezember 1974

c) Aktivitäten und Aussagen der Päpste

d) Weitere kirchliche Verlautbarungen

3. Aussagen anderer Kirchen

IV. Glaubensunterschiede

1. Das Reich Gottes im Messias Jesus

2. Der Glaube an Jesus Christus

3. Das Problem des Gesetzes

V. Umdenken gegenüber dem Judentum

1. „Die Juden“

2. „Die Pharisäer“

3. Gesetzesfrömmigkeit

4. „Gottesmörder“

5. Antisemitismus

6. Gebet

7. Schuld und Sühne

VI. Gemeinsame Aufgaben

1. Verwirklichung des Willens Gottes

2. Teilnahme am prophetischen Protest

3. Friedensarbeit in aller Welt

4. Erwartung eines „neuen Himmels und einer neuen Erde“

5. „Gott alles in allem“

 

I. Jesus Christus - unser Zugang zum Judentum

Wer Jesus Christus begegnet, begegnet dem Judentum. Er ist nach dem Zeugnis des Neuen Testaments als „Sohn Davids“ (Röm 1,3) und „Sohn Abrahams“ (Mt 1,1; vgl. auch Hebr 7,14) „seinem Fleisch nach“ aus dem Volk Israel hervorgegangen (Röm 9,5). „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt“ (Gal 4,4). Seiner menschlichen Natur nach war Jesus von Nazaret ein Jude; er kam aus dem Judentum. Er steht seiner Herkunft nach in der Geschichte des Volkes Israel (vgl. den Stammbaum Jesu Mt 1,1-17 und Lk 3,23-38).

Heute entdecken auch jüdische Autoren das „Jude-Sein“ Jesu. Martin Buber sah in Jesus seinen „großen Bruder“;  Schalom Ben-Chorin bekennt: „Jesus ist für mich der ewige Bruder, nicht nur der Menschenbruder, sondern mein jüdischer Bruder. Ich spüre seine brüderliche Hand, die mich faßt, damit ich ihm nachfolge... Sein Glaube, sein bedingungsloser Glaube, das schlechthinnige Vertrauen auf Gott, den Vater, die Bereitschaft, sich ganz unter den Willen Gottes zu demütigen, das ist die Haltung, die uns in Jesus vorgelebt wird und die uns - Juden und Christen - verbinden kann“.

II. Das geistliche Erbe Israels für die Kirche

Jesus Christus hat von seiner jüdischen Herkunft her ein reiches geistliches Erbe aus den religiösen Überlieferungen seines Volkes in die christliche Völkerwelt miteingebracht, so daß der Christ „mit dem Stamme Abrahams geistlich verbunden ist”  und dauernd auch aus diesem Erbe schöpft.

1. Als erstes ist auf die Heilige Schrift Israels, von den Christen „Altes Testament“ genannt, hinzuweisen. Wenn das Neue Testament von der „Schrift“ oder den „Schriften“ spricht oder Bezug nimmt auf das, was „geschrieben“ steht (vgl. z. B. Mt 4,6; Mk 1,2; Lk 24,44-46; Joh 19,36f.; 1 Kor 15,3f.; 2 Kor 4,13; Gal 3,10.13), bezieht sich das auf das Alte Testament. Das 11. Vatikanische Konzil lehrt: „Der liebende Gott, der um das Heil des ganzen Menschengeschlechtes besorgt war, bereitete es vor, indem er sich in einzigartiger Planung ein Volk erwählte, um ihm Verheißungen anzuvertrauen . . . Die Geschichte des Heiles liegt, von heiligen Verfassern vorausverkündet, berichtet und gedeutet, als wahres Wort Gottes vor in den Büchern des Alten Bundes.“  Das Alte Testament ist so für Juden und Christen gemeinsame Glaubensquelle, wenn für die Christen auch das „Neue Testament“ als besondere Glaubensquelle dazugekommen ist. Im Alten Testament spricht der Gott der Offenbarung, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der auch der Gott Jesu ist. Die vatikanischen „Richtlinien und Hinweise für die Konzilserklärung ‚Nostra Aetate‛ Art. 4“ vom 1. Dezember 1974 bemerken dazu: „Man soll bemüht sein, besser zu verstehen, was im Alten Testament von eigenem und bleibendem Wert ist . . ., da dies durch die spätere Interpretation im Licht des Neuen Testaments, die ihm seinen vollen Sinn gibt, nicht entwertet wird, so daß sich vielmehr eine wechselseitige Beleuchtung und Ausdeutung ergibt.“  „Man darf das Alte Testament und die sich darauf gründende jüdische Tradition nicht in einen solchen Gegensatz zum Neuen Testament stellen, daß sie nur eine Religion der Gerechtigkeit, der Furcht und der Gesetzlichkeit zu enthalten scheint, ohne den Anruf zur Liebe zu Gott und zum Nächsten (vgl. Dtn 6,5; Lev 19,18; Mt 22,34-40).”  Die Kirche hat mit Recht stets alle Versuche abgelehnt, die darauf hinausgingen, das Alte Testament aus ihrem Schriftenkanon zu entfernen und nur das Neue Testament gelten zu lassen.

2. Die Heilige Schrift Israels bezeugt vor allem den einen Gott: „Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig!“ (Dtn 6,4). Dieser Satz ist das „Urcredo“ der jüdischen Religion, das täglich beim Morgen- und Abendgebet in der Familie wie im synagogalen Gottesdienst rezitiert wird. Auf die Frage des Schriftgelehrten: „Welches Gebot ist das erste von allen?“ antwortet Jesus: „Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr! Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft“ (Mk 12,29f.). Das Konzil lehrt: Gott „hat sich dem Volk, das er sich erworben hatte, durch Wort und Tat als einzigen, wahren und lebendigen Gott so geoffenbart, daß Israel Gottes Wege mit den Menschen an sich erfuhr, daß es sie durch Gottes Wort aus der Propheten Mund allmählich voller und klarer erkannte und sie unter den Völkern mehr und mehr sichtbar machte (vgl. Ps 21,28f.; 95,1-3; Jes 2,14; Jer 3,17)“.

3. Dieser eine Gott ist auch der Schöpfer der ganzen Welt. In klassischer Prägnanz kommt das gleich im ersten Vers der Bibel zum Ausdruck: „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“ (Gen 1,1). Dieses Wort hält programmatisch fest, daß Schöpfer und Geschöpf nicht identisch, austauschbar und verwechselbar sind; es verhindert eine Vergötterung der Welt, obwohl Israel deren faszinierende Urordnung durchaus gesehen und sie in seinen Gebeten gepriesen hat. Dieses Wort bewahrt das Denken der Menschheit vor der gnostisch-neuplatonischen Interpretation der Welt, nach der die Welt eine Emanation („Ausfluß“) Gottes ist, und schützt vor jener Philosophie, nach der die Weltgeschichte die Selbstentfaltung Gottes (des „Weltgeistes“) ist. Durch Jesus und die Kirche ist die Schöpfungsbotschaft des Alten Testaments in die Völkerwelt gekommen. Sie hilft den Menschen, das richtige Verhältnis zur Welt zu gewinnen.

4. Von besonderer aktueller Bedeutung ist die Lehre der Schrift Israels, daß der Mensch „Abbild“ Gottes ist: „Dann sprach Gott: Laßt uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1,26f.). „Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht“ (Weish 2,23). Die Lehre von der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott impliziert die unantastbare Würde des Menschen und damit auch das, was man heute „die Menschenrechte“ nennt. Nach der Lehre des Judentums vermindert der Mörder die Gottebenbildlichkeit.  Man darf den Nächsten nicht verachten, weil er nach Gottes Bild geschaffen ist.  „Der Herr schuf mit eigenen Händen einen Menschen und machte ihn seinem eigenen Antlitz ähnlich ... Wer des Menschen Antlitz verachtet, verachtet das Antlitz des Herrn!  Ganz aus diesen Überzeugungen des Judentums heraus hat der Jakobusbrief formuliert: „Mit ihr (der Zunge) preisen wir den Herrn und Vater, und mit ihr verfluchen wir die Menschen, die als Abbild Gottes erschaffen sind“ (Jak 3,9).

5. Israel weiß sich in einen Bund mit seinem Gott hineingenommen. Dieser Bund ist Gnade und zugleich Verpflichtung. Die Bundesforderung zielt ab auf die ausschließliche Verehrung Jahwes durch Israel. Die „Bundesformel“ lautet: „Du wirst mein Volk sein, ich werde dein Gott sein.“ Die Propheten warnen ihr Volk vor Bundesbruch.

Die Schrift Israels erzählt auch von bereits vorausgehenden Bundesschlüssen, so mit Abraham (vgl. Gen 15), wobei Gott dem Abraham die eidliche Zusicherung zur Erfüllung der Landverheißung gibt; ferner mit Noach (vgl. Gen 9,9-17). Der Heilshorizont, in dem der Bundesschluß mit Noach sich bewegt, ist eindeutig ein universal-kosmischer; er bezieht sich auf die ganze „Erde“ (Gen 9,13), auf „alle lebenden Wesen“ (Gen 9,10.12.15.16), auf „alles Fleisch, das auf Erden ist“ (Gen 9,16f.) einschließlich der Tierwelt (Gen 9,10). Deshalb gilt: „Der Geschichte der Natur und der Geschichte der Menschheit liegt ein unbedingtes Ja Gottes zu seiner Schöpfung, ein Ja Gottes zu allem Leben zugrunde, das weder durch irgendwelche Katastrophen im Laufe der Geschichte noch ... durch Verfehlungen, Verderbnis, Empörung der Menschheit erschüttert werden kann. Die Zusage Gottes bleibt ehern fest, solange die Erde besteht“.  Gott wird die Welt retten, auch wenn die Erde erneut „entweiht ist durch ihre Bewohner, denn sie haben dieWeisungen übertreten, die Gesetze verletzt, den ewigen Bund gebrochen“ (Jes 24,5). Gott erfüllt, was im Noachbund verheißen ist, den er mit der ganzen Erde, mit allen Menschen geschlossen hat.

Der Garant für die endgültige Erfüllung der Bundespflichten ist der „Gottesknecht“, den Gott auserwählt, in Person „der Bund für mein Volk“ und zugleich „das Licht für die Völker“ zu sein (Jes 42,6). Nach christlicher Glaubensüberzeugung ist er in Jesus Christus erschienen, der sein am Kreuz vergossenes Blut ausdrücklich als „Bundesblut für viele“ (so Mk 14,24; Mt 26,28) bzw. den von ihm dargebotenen Kelch als „den neuen Bund in meinem Blut“ (so Lk 22,20; 1 Kor 11,25) bezeichnet hat. Jesus benutzt zur Deutung seines Todes Begriffe der jüdischen Überlieferung. Das Heil zeigt sich als Bund, durch den Gott in ein dauerndes Treueverhältnis zu Israel und zur ganzen Welt eingetreten ist. „Bund“ besagt, daß Gott seine Schöpfung nicht vergessen wird. Der Schöpfer ist auch der Erlöser (vgl. schon Jes 54,5).

6. Was dem frommen Juden bis heute besonders am Herzen liegt, ist ein Leben nach der „Weisung“ Gottes, hebräisch „tora“ genannt. Die „Weisung“ ordnet das Leben des Juden vor Gott im Alltag. Im Zentrum der „Weisung“ stehen der Dekalog, die Zehn Gebote. Auch Jesus bekannte sich eindeutig zum Dekalog (vgl. Mk 10,19 Parr. ). Die „Zehn Worte“, wie sie im Alten Testament genannt werden, markieren Normen für das Gewissen aller Menschen, nicht bloß der Juden. Sie wurden zum Inbegriff des sittlichen Bewußtseins der Menschheit. Durch sie ist das, was nach dem Apostel Paulus „von Natur aus“ „ins Herz (aller Menschen) geschrieben ist“   „ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab, ihre Gedanken klagen sich gegenseitig an und verteidigen sich“   (Röm 2,14f.), in festen Sätzen formuliert worden, ohne deren Beobachtung es kein wahres Gemeinschaftsleben und auch keine wahre Beziehung zu Gott gibt. Die Erfahrung der Geschichte lehrt, daß ohne ein am Gottesgebot normiertes Gewissen „der Mensch dem Menschen zum Wolf“ wird. Der Raum für freiheits- und personfeindliche Despotie und Diktatur wird frei. Der Dekalog beschreibt die innere Ordnung des menschlichen Verhaltens; er ist daher für alle Zeiten unentbehrlich.

7. Aus der jüdischen Religion stammt auch die messianische Hoffnung. Ihre Ursprünge wurden schon früh mit der Davidsdynastie verbunden. Hinzuweisen ist vor allem auf 2 Sam 7,12-16: „Wenn deine Tage erfüllt sind und du dich zu deinen Vätern legst, werde ich deinen leiblichen Sohn als deinen Nachfolger einsetzen und seinem Königtum Bestand verleihen. Er wird für meinen Namen ein Haus bauen, und ich werde seinem Königsthron ewigen Bestand verleihen. Ich will für ihn Vater sein und er wird für mich Sohn sein ... Dein Haus und dein Königtum sollen durch mich auf ewig bestehen bleiben; dein Thron soll auf ewig Bestand haben.“ Die Propheten Israels nahmen die messianische Hoffnung immer wieder auf und bezeugten sie in unterschiedlicher Gestalt. Wenn wir fragen: Was brachte die messianische Botschaft an Impulsen in die Völkerwelt?, stellen sich drei Antworten ein:

1. Die messianische Idee sprengt das zyklische Denken in der Menschheit auf; die Geschichte der Welt bewegt sich nicht im Kreis, ist nicht die ewige Wiederkehr des Gleichen; die messianische Verheißung läßt die Geschichte als zielgerichtet erkennen.

2. Diese Bewegung der Geschichte auf ein gottgesetztes Ziel hin versteht sich als eine Bewegung aus dem Unheil in das Heil.

3. Die Wende zum Heil wird durch einen endgültigen Heilbringer herbeigeführt, der „Messias“ genannt wird.

Durch Jesus von Nazaret, den die Kirche als den verheißenen Messias bekennt und verkündet, kam die messianische Hoffnung, wenn auch in veränderter Form, in das Denken und Hoffen der Völker. Mag zunächst auch der christliche Messianismus eine starke Verinnerlichung des Gottesverhältnisses mit sich gebracht haben, so kündigte doch Jesus selbst seine Wiederkunft am Ende der Zeiten als ein Ereignis an, das die ganze Welt angehen wird: „Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen“ (Mk 13,26). Besonders die Apokalypse versteht die Wiederkunft des Herrn als ein Weltereignis, bei dem der „Antichrist“ vom wiederkommenden Messias Jesus vernichtet und ein neuer Himmel und eine neue Erde heraufgeführt werden.

Der Messianismus ist heute in der Welt wirkmächtiger denn je, wenn auch häufig in säkularisierter Gestalt. Die Welt will sich nicht mehr im Kreise drehen, sie schaut in die Zukunft und auf ein Ziel. Der messianische Glaube weist von sich aus auf Zukunft hin, da er einen kommenden Heilbringer für Israel und die Völker verkündet. Dabei verbindet sich die messianische Hoffnung mit der Sehnsucht nach einer gerechten Welt und nach einem umfassenden Frieden für die ganze Menschheit, welche die Propheten Israels für die Heilszukunft ansagen, wobei sie diese Ansage oft mit einer Kritik an den sozialen Mißständen ihrer Zeit verbinden. Das Neue Testament verfolgt diese Linie. Christus wird in ihm als jener verkündigt, der den Erdkreis in Gerechtigkeit richten wird (Apg 17,31) und der dazu kam, Frieden den Fernen und Frieden den Nahen, d. h. allen Menschen, zu verkünden (Eph 2,17). Die Kirche wartet mit Israel auf „einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt“ (2 Petr 3,13). Jesus hat freilich auch vor falschen Messiassen gewarnt, die mit ihren Ideologien die Völker verführen (vgl. Mk 13,22 Parr.). Der Messianismus kann pervertiert werden. Das muß die Kirche wissen: „Ihr aber, seht euch vor! Ich habe euch alles vorausgesagt“ (Mk 13,23).

8. Das fromme Judentum ist ein betendes und Gott preisendes Volk. Aus dem großen Gebetsschatz Israels hat die Kirche vor allem die Psalmen übernommen, die im Gottesdienst und im Stundengebet der Kirche eine große Rolle spielen. Auch das „Gebet des Herrn“, das Vaterunser, ist, so sehr es den Stempel des Geistes Jesu an sich trägt, besonders was die „Vater“-Anrede betrifft, aus den Gebetsanliegen des Judentums heraus geformt. Auch der fromme Jude ruft nach dem Kommen des Gottesreiches, wünscht die Heiligung des „Namens“ und bemüht sich um die Erfüllung des Willens Gottes; er betet um das tägliche Brot, die Vergebung der Sünden und die Bewahrung vor Anfechtungen. Die beiden großen Lobpreisgebete aus der Kindheitsgeschichte Jesu, die in der Liturgie Verwendung finden, das „Benediktus“ (Lk 1,68-79) und das „Magnifikat“ (Lk 1,46-55), sind ganz durchsetzt mit Worten und Sätzen aus dem Alten Testament.

9. Israels Grundhaltungen vor Gott, wie sie sich in Gottesfurcht, Gehorsam, Gotteserkenntnis, Umkehr, „Gedenken“, Liebe, Vertrauen, Heiligkeit, Lobpreis auf Gott und seine Heilstaten manifestieren,  sind auch Grundhaltungen der christlichen Gemeinde; sie sind keine „Entdeckungen“ der Kirche, sondern gehören zu der geistlichen Mitgift Israels an die Kirche, die sie in ihrer Mission wiederum in die Völkerwelt weitergibt, freilich in Christus neu und endgültig begründet.

10. Aus dem geistlichen Erbe Israels sind noch jene Ereignisse zu nennen, in denen das Heilshandeln Gottes am Menschen konkrete geschichtliche Tat und so erfahrbar wird. Insbesondere sei auf folgende verwiesen, die miteinander zusammenhängen: Exodus, Pascha (Pesach), Leiden, Gericht, Auferstehung.

Der Exodus ist für Israel die entscheidende Befreiungstat Gottes, an die es sich nach dem Zeugnis seiner Schriften immer wieder erinnert.  „Exodus“ bedeutet die Befreiung aus dem „Sklavenhaus“ Ägypten. „Knechte waren wir dem Pharao in Ägypten gewesen, und herausgeführt hat uns von dort Er der ist, unser Gott, mit starker Hand und ausgestrecktem Arm. Hätte nicht der Heilige, gelobt sei Er, unsere Väter herausgeführt, dann wären wir und unsere Kinder und unsere Kindeskinder dem Pharao in Ägypten verknechtet geblieben“: So beginnt die Antwort der jüdischen Paschamahlgemeinschaft auf die Frage des jüngsten Teilnehmers: „Warum ist diese Nacht so ganz anders als die übrigen Nächte?”  Exodus bedeutet Wanderung durch die Wüste in intensivster Begegnung Israels mit seinem Gott und mit der Erfahrung seiner Hilfe. Exodus ist schließlich und endlich der Zug in die Freiheit, vorabgebildet im Einzug in das Land, das Gott Abraham und seinen Nachkommen verheißen hat. Der Exodus brachte Israel auch die Erfahrungen der Bitternisse des Lebens, die Erfahrung des (oft selbst verschuldeten) Leids und des Gerichts, und insofern die Erfahrung des Leidens verbunden mit der Erfahrung der Rettung durch Gott. Deshalb empfindet die jüdische Tradition den Exodus als Zeichen der Hoffnung auf die endgültige Rettung durch Gott in der Auferweckung der Toten am Ende der Tage.

In Jesu Wegzug aus seinem Heimatdorf Nazaret und aus seiner Verwandtschaft, in seinen mit Leiden verbundenen Wanderungen durch das Land Israel, in seinem Weg nach Golgota zum Kreuz, aber auch in seiner Auferweckung von den Toten und in seiner Verherrlichung spiegelt sich einzigartig die Exoduserfahrung seines Volkes.

„Im Gegensatz zu anderen Völkern erinnert sich das jüdische Volk nicht an die goldene Zeit der Macht, pocht nicht auf eine Abstammung von Göttern, sondern findet sich als das Sklavenvolk, das von Gott Rettung erfährt. Und es bringt die vergangene Zeit in die Gegenwart des Dankes und der Gabe.“  Die jüdische Religion ist eine „Gedächtnisreligion“; die Begriffe „gedenken“, „Gedächtnis“ spielen in der Heiligen Schrift Israels eine zentrale Rolle. Die jüdischen Feste sind Gedächtnisfeste: Israel gedenkt bei seinen Festen der Heilstaten Gottes an seinem Volk und vergegenwärtigt in seinen Festen diese Heilstaten für jede Generation. In keinem Fest wird das deutlicher als am Paschafest, das die Juden an die Nacht erinnert, in der sie befreit wurden, und das in ihnen zugleich die Hoffnung weckt auf die Nacht, in der sie endgültig befreit werden. In den jüdischen Festen herrscht so die Dreidimensionalität Heilsvergangenheit, Heilsgegenwart und Heilszukunft.

Ohne die Beachtung dieser Zusammenhänge versteht man auch die großen Feste des christlichen Kirchenjahres und speziell die Eucharistiefeier nicht. Auch in ihnen gehören Heilsvergangenheit, Heilsgegenwart und Heilszukunft wesenhaft zusammen; auch sie sind Gedächtnis seiner Wundertaten. Sie treten dabei nicht neben die Feste Israels, sie stehen in einem beziehungsreichen Zusammenhang mit ihnen.

Auch wenn die Kirche überzeugt ist, daß mit der Auferweckung Jesu von den Toten „der kommende Äon“   ein Ausdruck des frühen Judentums   schon mächtig in diese Zeit hereinragt, so gibt es doch eine bleibende gemeinsame Thematik der christlichen und der jüdischen Eschatologie, etwa im Hinblick auf die letzten Artikel des Credo. „Mit den Propheten und dem Apostel Paulus erwartet die Kirche den Tag, der nur Gott bekannt ist, an dem alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm Schulter an ‚Schulter dienen‛ (Zef 3,9).“  „Der Tag“ Gottes spielt sowohl in der Heiligen Schrift Israels als auch im Neuen Testament eine wichtige Rolle. Dieser „Tag“ umspannt nach den Propheten und nach dem Neuen Testament die ganze Welt; er richtet den Blick auf das „Ende“ schlechthin. Dieser „Tag“ ist kein berechenbarer Kalendertag; nur Gott kennt ihn und führt ihn herbei. Dieser „Tag“ dynamisiert die Geschichte und treibt sie auf ihr Ende hin. Aber dieser „Tag“ ist auch ein Tag des Übergangs in das endgültige Heil und darum ein Tag der Hoffnung für Israel und die Kirche.

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Teil II

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